Zum Tod von Gert Voss

Heute, am Tag, da Deutschland jubeln darf, weil wir gestern Nacht in Brasilien Fußball-Weltmeister geworden sind, erreicht uns die traurige Nachricht, dass einer der ganz großen Theaterschauspieler des 20. Jahrhunderts gestorben ist: Gert Voss. So nah liegen Freude und Trauer beieinander. Das passt zu ihm, auf diesem schmalen Grat interpretierte er zahllose Rollen. Ein unersetzlicher Verlust, die Theaterwelt trauert. Mich trifft sein Tod nicht allein deshalb, weil ich seine Schauspielkunst sehr bewundert habe und sie mir unvergesslich bleiben wird. Sie hatte etwas Flirrendes, dabei so Waches, Intelligentes und Scharfes, setzte genaue Konturen, zeichnete starke Menschenbilder – sondern auch, weil ich ihn persönlich gekannt habe. Als Regieassistentin im Bochumer Schauspielhaus in den 1980er Jahren hatte ich das Glück, ihn in der Probenarbeit erleben zu dürfen.

VossAußerdem verlieren wir in ihm einen der maßgeblichen Protagonisten großer Tabori-Inszenierungen. Vor Jahren habe ich das Gedicht „Othello“ als Hommage an Gert Voss in einer Literaturzeitschrift veröffentlicht. Als ich vorhin die Nachricht von seinem Tod erhielt, habe ich es sofort herausgesucht, noch etwas bearbeitet und unter dem frischen Eindruck seines Todes noch ein zweites Gedicht für Gert Voss geschrieben. Leb wohl, Gert – oder, wie George Tabori treffender formuliert hätte: „Sterb wohl“ und danke für Deine herrliche Schauspielkunst! Ich hätte Dich gerne noch einmal auf der Bühne gesehen.

OTHELLO                                       für Gert Voss

Schwarz geschminkt
nicht echt
bloß Maskerade

und doch mit Haut und Haar
unter die Haut gekrochen
so schmiert er alle an

auf dass sie erfahren
was Schwarz sein bedeutet
er stellt sich einen Panther dabei vor

die Eifersucht des Raubtiers
von gefährlicher Eleganz
wer ihn sieht

begegnet dem Tier
erkennt sich
und vergisst es nicht wieder

© Jutta Schubert, 2004

LEAR GEHT

Wir werden ihn nie wieder sehen
wie er in seiner Blindheit wütet
verletzend verletzt
mit dieser klaren harten Stimme
wie eines Messers Schneide
in der Dunkelheit

Immer war er mehr
als nur ein Spieler
mehr als Hofnarr Komödiant und Herrscher
mehr als die Rolle
einer von uns
mit einem Stein im Schuh

Lear geht
in aller Zartheit
groß im Leid
komisch verzweifelt
wir bleiben auf der Heide
wüst und leer zurück

Er wird im Himmel seine Pirouetten drehen
damit die Götter sich in ihm entdecken

(c) Jutta Schubert, 14. Juli 2014