Briefe aus Prag – 11

Donnerstag, 13. November 2014

Der Absinthtrinker

Liebster,

dem Absinthtrinker an der Rückwand des Café Slavia erscheint eine junge, schöne, nackte, durchsichtige, grüne Frau. Er meint, zu träumen. Er ist fassungslos.

Sie sitzt mit ihrem schönen Hintern auf der Tischkante, hat eine Hand auf die Tischplatte gestützt. Ein Kellner eilt herbei, doch der scheint sie nicht zu sehen.

Ein Glas hat ausgereicht und der Trinker will kein zweites. Das Schlimmste, findet er, ist, wenn Wünsche sich erfüllen. Ein Fluch, vor dem der Himmel einen bewahren möge.

Komm, wir gehn nach Haus, sagt die Grüne.

Der Trinker schüttelt den Kopf.

Er denkt an zu Haus, die niedrige Decke, den ewigen Geruch nach Zwiebeln und Kohl im Hausflur, und dass Emma ihn verlassen hat.

Nein, das ist kein guter Tag.

Komm, sagt die Grüne, Schöne. Doch sie reicht ihm nicht die Hand. Lässig liegt die Hand in ihrem Schoß.

Absinthtrinker2

(c) Schubert

Ich wollte nicht hier sein, denkt er. Ich wollte die Zeitung lesen, die Moldau fließt, wohin? Und Emma hat mich verlassen. Emma mit ihrem scharfen Lachen, das spitz durch die Küche hallte. Immer schämte er sich dafür, dass sie so laut, zu laut gelacht hat.

Komm, sagt die Grüne.

Wohin?

Wohin du willst.

Aber ich will nirgendwohin.

Du lügst. Jeder will irgendwohin.

Ich nicht.

Aus den Augenwinkeln sieht er den Kellner auf sich zueilen. Emma, ach ja, sie ist tot. Ein Messer durchfährt ihn, so scharf wie ihr Lachen.

Tot gewesen ist sie eines Sonntagmorgens im achtundzwanzigsten Jahr ihres gemeinsamen Lebens. Es ist nicht angenehm, neben einem Leichnam zu erwachen. Den kann man nicht mehr lieben, nur die Erinnerung.

Die Welt, die Welt, was ist sie über diese Tischkante, dieses Glas, diese geöffnete Zeitung hinaus?

Ich muss gehen, denkt er, hat es wohl laut gesagt.

Dann gehen wir, sagt die Grüne.

Nein. Nein, ruft er aus. Er will aufspringen, sie verscheuchen, aber er schafft es nicht aus dem Stuhl. Sein Körper ist zu schwer. Er zieht ihn in die Tiefe.

Du nicht. Nur ich. Ich allein, in meine Einsamkeit.

Komm, sagt die Grüne. Das Einsamsein ist nicht so schlimm. Du lebst. Darum beneide ich dich.

Du tust – was?

Er versucht, ihr ins Gesicht zu sehen. Ihr Körper beginnt zu verschwimmen, schlierenartig scheint er sich aufzulösen, sie schwebt von der Tischkante hinauf. Zur Decke?

Er sieht sie nicht mehr, nur den Nebel. Einen weichen Dunst über allem. Um ihn die Kaffeehausgeräusche, sie branden an sein Ohr wie die See an eine ferne Küste.

Emma! ruft er. Emma, bist du das? Emma? Bist du da? Komm zurück.

Der Kellner läuft schneller und erreicht seinen Tisch.

Sie wünschen? fragt er.

Haben Sie das gesehen?

Was meinen Sie, mein Herr?

Das – die Grüne. Das Gespenst. Diese – ach, nichts, ich…

Möchten Sie noch ein Glas?

Er denkt an seine leere Wohnung, das Treppenhaus, Zwiebeln und Kohl.

Er nickt. Der Kellner entfernt sich.

Ja. Ja, sagt er schnell.

 

In Liebe,
Deine

 

PS. Heute war selbstverständlich ein anderer Pianist da.