Briefe aus Prag – 14

Sonntag, 16. November 2014

„Das einzige, was ich wirklich schreiben kann, sind Liebesbriefe, und letzten Endes sind alle meine Artikel nichts anderes.“ Milena Jesenská

Liebe Milena,

verzeihen Sie, dass ich Sie einfach bei Ihrem Vornamen nenne, liebe Milena Jesenská, aber das ist zurückzuführen auf den Umstand, dass Sie mit Ihrem Vornamen eine weltbekannte Persönlichkeit geworden sind. Davon wissen Sie vielleicht nichts – oder aber ich bin so naiv, mir einzubilden, dass die Toten nicht wissen, wie es nach ihrem Ableben weitergegangen ist, mit der Erinnerung an sie und mit der Welt.

Seit Ihr ehemaliger guter Freund aus der Café Arco-Zeit in Prag, Willy Haas, dem Sie die Briefe, die Franz Kafka Ihnen geschrieben hat, zur Aufbewahrung aushändigten, erinnern Sie sich? – seit also Willy Haas diese Briefe im Jahre 1952 herausgab, kennt die Welt Ihren Namen – zumindest die literarisch interessierte Welt.

Willy Haas hatte sich erst auf umständlichen Wegen wieder in den Besitz der Briefe bringen müssen, die bei seiner Schwester in Prag geblieben waren, als er die Stadt verließ. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945, das Sie leider nicht mehr erleben durften, begann Willy Haas, ebenso wie Ihr erster Ehemann Ernst Polak, von England aus, Anstrengungen zu unternehmen, an die Briefe Kafkas heranzukommen. Denn, was Sie vielleicht nicht sehr überraschen wird, der Name Franz Kafka war als Autor inzwischen sehr bekannt. Man bewunderte seine Texte und er wurde weltweit gelesen. Da gehörten seine Briefe an Sie, Milena, schon zum Kulturgut, das allgemeine Bedeutung hatte und womit man selbstverständlich auch Geld verdienen konnte. Kafkas „Briefe an Milena“, wie Ihr Freund Haas die Ausgabe nannte, waren bei ihrem Erscheinen eine literarische Sensation und sind seither in sehr vielen Sprachen auf dem Buchmarkt erhältlich. Und wie Sie ja sehen, schreiben wir inzwischen das Jahr 2014.

Sie als Person, als Frau, als Journalistin, als selbstständig Denkende und Handelnde, als Liebende, gingen durch diese Briefe als Figur in die Weltliteratur ein, als habe Kafka sie nicht besser erfinden können. So habe auch ich vor vielen Jahren zum ersten Mal von Ihnen gehört.

Augenblicklich halte ich mich in Prag auf, Ihrer Heimatstadt, und das, für Sie sicherlich unglaublich, zum ersten Mal in meinem Leben. Prag ist heute die Hauptstadt des demokratischen Tschechien mit Tschechisch als Landessprache. Das dürfte Ihnen beides gefallen. In Prag ansässige deutschsprachige Autoren gibt es nicht mehr, die letzte war Lenka Reinerova und sie starb im Jahr 2008 im Alter von 92 Jahren.

Franz Kafka ist zum Inbegriff des deutschen jüdischen Prager Autors geworden, doch man kennt, zumindest in kulturinteressierten Kreisen auch noch alle anderen, Max Brod, Egon Erwin Kisch, Gustav Meyrink und wie sie alle heißen.

Dass Sie zu Zeiten eine bekannte und beliebte Journalistin in Prag waren, wüsste niemand mehr, gäbe es Kafkas Briefe an Sie nicht. Doch so hat man nach und nach begonnen, sich auch mit Ihrem Leben und Ihren Texten zu beschäftigen und heute gibt es wissenschaftliche Arbeiten und einige Biografien über Sie, unter anderem von Ihrer Tochter Jana, Ihrer Freundin Margarete aus dem KZ Ravensbrück und der Wissenschaftlerin Alena Wagnerova. Mit Frau Wagnerovas sehr gut recherchierter Biografie bin ich auf Ihren Spuren durch Prag gewandert.

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(c) Foto Jutta Schubert, unter Verwendung des Titelbildes der Biografie von Alena Wagnerová, Fischer Taschenbuch Verlag, Ffm

Das Haus, in dem Sie aufgewachsen sind und in dem Ihr Vater seine Zahnarztpraxis hatte, gibt es noch und es sieht repräsentativ aus wie damals, auch wenn sich heute eine Reihe von Geschäften darin befinden und ich gar nicht weiß, ob in dem Haus an dieser sehr belebten Stelle, am unteren Ende des Wenzelsplatzes, überhaupt noch jemand wohnt. Er könnte dort unruhige Nächte haben, denn bis spät flanieren Pragbesucher dort vorbei, aber auch Prager, die vom Kino oder vom Abendessen oder von der Arbeit kommen. Sie würden sich wundern, was da los ist. Aber ich denke, es würde Ihnen gefallen, dieses prall daherkommende, glanzvoll wirkende und unbeschwert scheinende Leben. So hätten Sie es sich vermutlich gewünscht, wenn Sie es sich hätten aussuchen können. Doch Sie waren leider verurteilt, in verstörenden Jahrzehnten, einer von großem ideologischem und wirtschaftlichem Durcheinander geprägten Epoche und später lebensgefährlichen und katastrophalen Zeiten zu leben. Und Ihr unruhiges privates Leben stand dem wohl in Nichts nach. Soweit ich Sie durch die Literatur kennenlernen konnte, sind Sie eine große Liebende gewesen. Und eine treue Freundin. Sie haben das Leben geliebt und es in dem, was es für Sie bereit hielt, zu erleben versucht. Zwei Stunden Leben, haben Sie Kafka wohl einmal gesagt, seien Ihnen wichtiger als zwei Seiten Text. Bei ihm war es umgekehrt. Sie waren immer neugierig, konnten sich auf Neues einlassen und sind nicht stehengeblieben. Sie konnten sehr stark für andere da sein. Und Sie waren eine intelligente und wache Zeitzeugin, kritisch, menschlich, mitfühlend.

Es tut mir leid, dass Ihr Leben so erschüttert von vielerlei Katastrophen war. Dass Sie Ihre Mutter früh durch schwere Krankheit verloren haben. Dass Sie zeitlebens starke Probleme mit Ihrem sehr autoritären Vater hatten. Dass Ihre Beziehungen zu den Männern, die Sie geliebt haben, niemals von längerer Dauer waren und unter keinem guten Stern standen. Dass Sie krank wurden, weil Ihr zweiter Ehemann Sie mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt hatte. Und natürlich bedauere ich auch sehr die Umstände Ihres Todes im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück 1943, weit weg von Prag, krank und aufgebraucht. Sie waren ja keine Jüdin. Sie haben gegen die nationalsozialistischen Besatzer Prags an der Verbreitung von illegalen Zeitungen und Zeitschriften mitgearbeitet, haben auch für diese Blätter geschrieben. Sie waren als Fluchthelferin aktiv, haben vielen Menschen geholfen, außer Landes und in Sicherheit zu kommen. Sie hatten Mut, standen engagiert für die Menschlichkeit ein. Sie empfanden zeitweise den Kommunismus als eine Lösung, erkannten dann aber, dass dies ein Irrtum war. Ihr Leben nötigt mir Bewunderung ab und hinterlässt auch eine große Traurigkeit. Dass so vieles schief gegangen ist. Dass Sie so viele Niederlagen einstecken, Misserfolge verbuchen mussten, trotz aller Kraftanstrengungen. Dass Sie sich fremd fühlten unter den Menschen und nur von sehr wenigen verstanden. Einer, von dem Sie sich verstanden fühlten und bei dem Sie nicht fremd waren, war Franz Kafka. Sie hatten ihm geschrieben – zu der Zeit lebten Sie mit Ihrem ersten Ehemann in Wien – weil Sie Kafkas Texte ins Tschechische übersetzen wollten. Sie gehörten zu den ersten, die Kafkas literarische Qualität erkannten. Daraus entspann sich der Briefwechsel, der in einigen wenigen persönlichen Begegnungen gipfelte, die wohl für Sie beide sehr glücklich und schön waren. Wurde aus dieser Beziehung eine tiefe Freundschaft? Eine Liebe? Wie sah diese Liebe aus? Zu leben war sie jedenfalls nicht, sie schreckten anscheinend beide davor zurück. Doch Sie blieben Kafka trotzdem verbunden bis zu seinem frühen Tod. Sie haben ihn vermutlich kurz bevor er starb noch einmal besucht. Sie standen ihm nahe und verloren in ihm einen wichtigen Menschen.

Es gäbe so vieles, was ich Sie gerne fragen würde. Zum Beispiel, ob Sie sich vorstellen können, dass Franz Kafka Ihre Briefe an ihn – die es ja leider nicht mehr gibt – selbst vernichtet hat? Nachdem die Beziehung zu Ihnen, die ihm eine Zeitlang Hoffnung gab, gescheitert war? Hat er dann in seinem Zimmer ein kleines Feuer in einem großen Topf gemacht und Ihre Briefe hineingeworfen? Oder hat er sie in sein Bureau mitgenommen und sie zusammen mit Akten, die nicht mehr gebraucht wurden, vernichtet? War das dann eine Erleichterung für ihn? Hatte er das Gefühl, Sie damit losgeworden zu sein? Oder können Sie sich das nicht vorstellen? Wo aber wären Ihre Briefe dann? Hätte er sie aufbewahrt, so wie Sie die seinen, wir könnten sie möglicherweise heute als die fehlenden Gegenstücke lesen.

Diese und viele andere Fragen werden Sie mir leider nicht beantworten können. Da das nicht möglich ist, werde ich mir wohl selbst Antworten erfinden müssen, die mir plausibel erscheinen, wenn ich versuche, mich in Sie und ihn hineinzuversetzen. Das ist ein langer Weg.

Das Café Arco übrigens, in dem Sie zu Ihrer Prager Zeit gemeinsam mit den Literaten der Stadt ein- und aus gegangen sind, gibt es nicht mehr. Ich hatte versucht, Ihre Spur dort zu finden, doch vergeblich. Überhaupt ist das heutige, moderne, weltoffene, westeuropäische Prag wohl nicht mehr vergleichbar mit der Stadt, die Sie gekannt haben. Dennoch, ich bleibe dabei, Sie würden es mögen. Sie würden Ihren Platz hier finden. Für Ihren Freund Franz Kafka, der damals vielleicht kurzzeitig Ihre Ehe gefährdete, sieht das wahrscheinlich anders aus. Aber ich, als Nachgeborene, kann selbstverständlich gar nichts wissen. Ich hoffe, dass Sie, wo es ging, glücklich waren. Wenn ich auch befürchten muss, dass das Leid, die Enttäuschung und die Niederlagen in Ihrem Leben überwogen. Sie haben niemals aufgegeben. Noch im Lager Ravensbrück waren Sie für alle, die Sie dort gekannt haben, ein menschlicher Lichtblick. So sind Sie durch Kafka zu Recht unvergessen. Auch wenn letztlich fast niemand weiß, wer Sie wirklich waren.

Mit herzlichem Gruß,
Ihre