Briefe aus Prag – 15

Montag, 17. November 2014

Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie (1989)

Lieber Vaclav Havel,

ich fasse mich kurz, denn falls Sie im Himmel ein Postfach haben, wird es heute ohnehin übervoll sein. Denn heute ist es genau 25 Jahre her, dass Sie gemeinsam mit dem tschechischen Volk den Kampf für Freiheit und Demokratie gewonnen haben. Ich beglückwünsche Sie noch immer dazu. Und wie ich bereits in anderen Briefen aus Prag geschrieben habe, kann man überall in dieser Stadt sehen, wie viel Sie erreicht und was Sie daraus gemacht haben.

Sie haben als Präsident dieses Landes glaubwürdig umgesetzt, was Sie nicht nur selbst eingefordert haben, sondern was die Welt nötig hatte und auch heute ebenso bitter nötig hätte: „Lehren wir uns und andere, dass Politik nicht nur die Kunst des Möglichen sein muss, besonders wenn man darunter die Kunst der Spekulation, des Kalküls, der Intrigen, geheimer Verträge und pragmatischen Manövrierens versteht, sondern dass sie auch die Kunst des Unmöglichen sein kann, nämlich die Kunst, sich selbst und die Welt besser zu machen.“

Eine Lichtgestalt, wie Sie es für Ihr Land waren, fehlt heute allenthalben und falls Sie vom Himmel aus die Tagespresse verfolgen und die Weltpolitik, werden Sie mir mehr als nur Recht geben. Allerdings hoffe ich für Sie, dass Sie sich nicht mehr mit Politik beschäftigen, sondern irgendeine stille Wolke gefunden haben, auf der Sie nun sitzen und wieder schreiben können, vielleicht in der Nachbarschaft Franz Kafkas, der eine solche stille Wolke auch bereits zu Lebzeiten gesucht und im Himmel, oder dem, was wir dafür halten, hoffentlich gefunden hat.

Was mich mit Ihnen verbindet und auch die vertrauliche Briefanrede „Lieber“ wählen lässt, ist, dass Sie Autor waren, Theatermann und als solcher ein Kollege von mir. Es gab einmal eine Umfrage einer großen deutschen Zeitschrift, in der man gefragt wurde, wen man denn wählen würde, wenn man die Möglichkeit hätte, eine Person aus der Weltgeschichte zu treffen. Seit ich nach Prag gekommen bin, würde ich Sie wählen und mir wünschen, im wieder eröffneten Café Montmartre, um die Ecke beim „Theater am Geländer“, mit Ihnen einen Kaffee trinken zu dürfen.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Heute stand ich vor dem Gebäude der Deutschen Botschaft, dem Palais Lobkowicz auf der Kleinseite, und dachte an die Ereignisse im Sommer und Herbst 1989, als Tausende von DDR-Bürgern, die in den Westen ausreisen wollten, auf dem Gelände der Botschaft Zuflucht gesucht hatten. Das Haus und der große dazugehörige Garten waren bald überfüllt und am 30. September 1989 erschien der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der Botschaft in der ersten Etage und verkündete den Satz, der im Jubel der Menge unterging: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“. Auch ich habe diesen denkwürdigen Moment im Fernsehen gesehen, er hat niemanden damals unberührt gelassen und eine unaufhaltsame Lawine losgetreten, an deren Ende für Deutschland der Fall der Berliner Mauer stand und damit das Ende des DDR-Regimes. Im gleichen Herbst stellten Sie sich an die Spitze der Bewegung, die das kommunistische Regime in Ihrem Land ebenfalls hinwegfegte. Ein langer Kampf, auch Ihr eigener, war damit zu Ende. Und wenig später fanden Sie sich, wohl auch zu Ihrem eigenen Erstaunen, als Staatspräsident auf dem Hradschin, dem Prager Regierungssitz, wieder. Ein Dramatiker als Hausherr auf der Prager Burg. Sehr bewegend finde ich nach wie vor die Schilderung Ihres Amtsantritts. „Überall lungerten Geheimpolizisten herum. Ich sah Mauern und Gitter, Sperren, Kameras, Drähte, Mikrofone. Das alles haben wir rausgeworfen. Die Innenhöfe und Gärten durch Spazierwege miteinander verbunden… Die Kommunisten hatten ja immer nur die Fassaden schön angepinselt. Dahinter zerfiel alles. Die Burg sollte kein kafkaesk verwunschenes Schloss bleiben. Wir mussten Repräsentation mit Staatlichkeit, aber auch mit prallem Menschenleben verbinden.“

Von dieser Weltoffenheit lebt und profitiert die Stadt heute, und wer das Damals nicht erlebt hat, dem kommt das Heute nur allzu selbstverständlich vor. So selbstverständlich, wie es in einem freien Land sein sollte. Dabei sind 25 Jahre nur eine kurze Zeit.

Ihr beispielloser Aufstieg vom Taxifahrer, der keine weiterführende Schule in seinem Land besuchen und auch nicht studieren durfte, über den Bühnentechniker und renommierten Autor, Ihre Zeit als Dissident nach der Niederschlagung des Prager Frühlings mit jahrelanger Gefängnishaft bis hin zum führenden Vertreter der Samtenen Revolution, den das Volk dann zum Staatspräsidenten wählte, hat Sie vor gewaltige Aufgaben gestellt, um dieses Land in die tatsächliche Freiheit zu führen, die es sich erkämpft hatte. In Ihren großartigen Präsidentenreden aus dem Jahr 1990 sagten Sie einmal: „Die Menschen in den Ländern Mittel- und Osteuropas haben sich die ersehnte Freiheit erkämpft. Doch in dem Augenblick, in dem sie sie gewonnen haben, sind sie auf einmal völlig überrascht. Sie waren ihr in einem Maße entwöhnt, dass sie plötzlich nicht mehr wissen, was sie mit ihr anfangen sollen. Sie fürchten sich.“

Auch Sie haben sich zunächst gefürchtet, diese riesige Verantwortung zu übernehmen: den Staat zu erhalten und umzubauen und dabei das freie Denken aufrechtzuerhalten, sich als Gegner von Fanatismus, Fundamentalismus und Dogmatismus zu beweisen. Wie wunderbar und mit, von außen betrachtet scheinbar leichter Hand, ist Ihnen das gelungen.

Sie fehlen. Nicht nur Ihrem Land. Vor allem fehlen Sie und solche wie Sie in der Welt.

Ich grüße Sie an Ihrem endgültigen Fluchtort, Ihrem Arbeitszimmer über den Wolken, in tiefer Hochachtung,

Ihre