Briefe aus Prag – 5

Freitag, 7. November 2014

Auf der Suche nach dem geschlossenen Café

Liebster,

der Tag begann mit der Suche nach einer neuen Glühbirne für meine Schreibtischlampe. Auf einem Sonderpostentisch beim Norma-Markt um die Ecke wurde ich nach einiger Zeit fündig. Es werde also wieder Licht.

Heute war Fototermin für die Stipendiatin des Prager Literaturhauses. Ich traf mich mit dem deutschen Fotografen Björn Steinz vor dem Hotel Century Old Town – in meiner Lesart die alte Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt, Kafkas Arbeitsplatz. Herr Steinz kannte zwar das Hotel und er wusste auch, dass Kafka dereinst in der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt seinen Dienst tat, doch dass es sich dabei um dieses Gebäude handelte, war ihm neu. So konnte ich einem seit zwanzig Jahren in Prag Lebenden unverhofft noch etwas Neues erzählen. Das hat mich sehr gefreut, zumal er ein hessischer Landsmann ist, ganz in meiner Nähe im Rhein-Main-Gebiet aufgewachsen.

Das Treppenhaus, das ich für den Fototermin vorgeschlagen hatte, begeisterte ihn. Ich hatte eigentlich nichts anderes erwartet. Danach spazierten wir zur Kafka-Buchhandlung am Altstädter Ring, wo Kafkas Vater sein Geschäft geführt hatte. Auch das wusste Herr Steinz noch nicht. Ich hatte extra für den Anlass mein neu erworbenes Kafka-T-Shirt angezogen. Er meinte, dieses T-Shirt sei bei einem Fototermin noch nicht vorgekommen, seit er die Stipendiaten fotografiert.

Beim Kafka-Denkmal an der Spanischen Synagoge endete unser Fotospaziergang. Herr Steinz kam hier auf die Idee, man könnte eine Sammlung von Schnappschüssen der Touristen machen, die sich vor der Kafka-Statue in den unterschiedlichsten Posen fotografieren. Ein Reiseleiter erklärte einer recht befremdlich dreinblickenden Gruppe junger Leute: „His name is Franz Kafka.“ Aha. Vielleicht würde hier ein Besuch des Kafka-Museums Abhilfe schaffen….

Denkmal2

(c) Schubert

Der Fotograf und ich trennten uns vor Kafkas Denkmal nach einer inspirierten Fototour mitten am trüben Nachmittag. Er hastete zu seinem nächsten Termin und ich spazierte los, ins Blaue. Ach, wie wunderbar kann das Leben doch sein. Gestern sagte ein Besucher der Ausstellung im Literaturhaus den denkwürdigen Satz: „Das berühmte Carpe diem kann manchmal einfach darin bestehen, einen Tag lustvoll zu vertrödeln.“ Das hatte ich im Prinzip mit diesem Nachmittag vor. Nichts Neues sehen, die bisherigen Eindrücke auf mich wirken lassen – das war doch einiges in den vergangenen Tagen! Doch ich blieb auf Kafkas und Milenas Spuren. Zunächst stand ich noch einmal vor dem Eckhaus „Zum goldenen Hecht“ und sah endlich das Hauswappen, den goldenen Fisch an der Fassade. Er ziert noch immer Kafkas ehemaligen Balkon, wie Klaus Wagenbach mich in seinem Büchlein belehrt hat. Fassungslos sehe ich nach oben. Ja, an dieser lauten Kreuzung ist das Schreiben sicherlich undenkbar – damals wie heute. Immer noch nicht verwunderlich für mich, dass in dieser Wohnung wohl so gut wie kein Werk entstanden ist. Und von dem Balkon konnte Kafka, wie Wagenbach erläutert, auch in die Fenster der Wohnung schräg gegenüber sehen, die er seinerzeit für die Ehe mit Felice vorgesehen hatte…. Da kamen ihm wohl mindestens doppelte Fluchtgedanken!

Ich mache mich auf zum Café Arco, das damals bekannte Literatencafé in der Hyberner Gasse. In den Kaffeehäusern spielte sich ja, wie man weiß, zum Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum 1. Weltkrieg ein Großteil des gesellschaftlichen Lebens ab und einen besonderen Stellenwert hatten die Künstler- und Literaturcafés, die zu Treffpunkten der Autoren, Journalisten, Musiker und Schauspieler der Stadt wurden. Das Prager Café Arco war ein solcher Ort, der sozusagen in die Kulturgeschichte Europas einging. Oftmals, wie in diesem Fall, schloss sich ein Billardsaal an.

Beim Café Louvre, einem der wenigen noch in Betrieb befindlichen Jahrhundertwende-Kaffeehäuser der Stadt ist das bis heute so. Wagenbach schreibt, dass das Café Arco samt Billardsaal erhalten ist. Das freute mich ungemein, zumal die allermeisten Cafés aus der Zeit nicht mehr existieren und so beschloss ich, dort zu essen. Es liegt etwas abgelegen, abseits von Graben und Wenzelsplatz, wie auch die Milena-Biografin Alena Wagnerová schreibt, denn Milena Jesenskà ging ebenfalls im Arco ein und aus. Sie traf hier auch auf ihren Geliebten Ernst Polak. Ja, dieser Ort würde mich inspirieren.

Etwas abgelegen ist er tatsächlich, man läuft bis zum Ende des Grabens, die Na prikope ganz hinunter, von Schaufenster zu Schaufenster, H&M bis Mc Donalds, eine einzige Einheitsmontur auf Gesichtshöhe. Nur, wenn man höher hinaufschaut, sieht man die herrlichen Fassaden der alten Häuser aufblitzen. Doch dazu war es schon beinahe zu dunkel geworden. Hinter dem mittelalterlichen Pulverturm geht es noch ein ganzes Stück die heutige Hybernská hinauf und ich sehe schon von weitem, dass dort auf der rechten Seite, wo ich die Nummer 16 vermute, kein Licht brennt. Ruhetag? Unwahrscheinlich.

Nein! Die Fenster sind verschlossen, das Licht ist ausgegangen. Es sieht aus wie für immer. Ein für mich trauriger Anblick. Es bleibt mir nichts übrig, als an der sehr belebten Kreuzung zu stehen, zwischen Auto- Straßenbahn- und Fußgängerverkehr und ein paar ungläubige Fotos von den dunklen Fenstern und dem Schriftzug Kaverna Arco an der Hauswand zu machen. Damit falle ich ein wenig auf, denn das Gebäude, an dem praktisch ständig die Straßenbahnen entlangrumpeln, macht alles andere als einen fotogenen Eindruck. Die Arkaden sind voller Graffiti und die ganze Straßenecke wirkt schäbig. Hier gibt es gar nichts zu sehen, könnte man meinen. So ist es nun mal mit der historischen Recherche – immer ist man auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Und wieder hatte Herr Wagenbach leider inzwischen Unrecht. Wie verhält es sich also mit der Kaffeehauskultur?

Gestern in der Bibliothek des Literaturhauses war mir ein Buch von Lenka Reinerovà aufgefallen, mit dem schönen Titel: „Das Traumcafé einer Pragerin“. Die Titelgeschichte bezog sich auf das Verschwinden der alten Kaffeehäuser und sie erfand sich im Traum und in ihrer Literatur deshalb ein Café und bevölkerte es nach ihren Wünschen. Ja, der tiefere Sinn dessen wird mir nun klar, liebe Frau Reinerová und ich bedauere zweierlei. Zum einen, dass ich mir das Buch nicht ausgeliehen habe, um die ganze Geschichte zu lesen und zum anderen, dass Sie diese Idee schon hatten! Andernfalls hätte ich sie gerne gehabt und hier gerade auch gut gebrauchen können.

Ich trat in der hereinbrechenden Dämmerung, die mir sehr spürbar jeden Tag ein wenig früher kommt, den langen Rückweg bis in die Národni an, um mich demütig ins Café Louvre zu begeben. Mag es dort auch sehr laut und voll sein, ich musste hin und freies WIFI gibt es dort außerdem. Auf dem Weg kam ich am Wohnhaus der Familie Jesenská in der 28. Rijna Nr. 13 vorbei. Die repräsentative Jugendstilfassade wirkt pompös und ungeheuer reich. Es sieht noch heute aus, als wäre es Milena dort gut gegangen. Im ersten Stock, wo ihr Vater seine Zahnarztpraxis hatte, leuchten sehr hell die Auslagen eines Bekleidungsgeschäfts. Und die Indianer mit ihren Panflöten sind auch wieder da, heute noch bereichert von einem übergroßen tanzenden Pandabären. Deshalb schnell ins Louvre und dann zurück, um an den Schreibtisch zu gehen.

In Liebe,
Deine