Café Tomaselli

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Gestern wäre der 1989 verstorbene Autor Thomas Bernhard 85 Jahre als geworden. Aus Anlass dieses Geburtstages veröffentliche ich hier nochmals meinen Erinnerungstext „Café Tomaselli – Mir schien, Thomas Bernhard war gut gelaunt“, den ich kurz nach seinem Tod schrieb.

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Café Tomaselli
Mir schien, Thomas Bernhard war gut gelaunt

Nachdem er gestorben war, erinnerte ich mich daran, ihn gekannt zu haben. Vorher war mir das nicht aufgefallen. Es ist nicht, dass ich ihn gut gekannt habe, dass ich gar mit ihm befreundet gewesen wäre. Es ist sogar viel eher möglich, dass er, hätte man ihn nach mir gefragt, sich nicht, oder nur mit allergrößter Mühe, an mich hätte erinnern können.

Unter allen Nachrufen, die ich begierig las, fiel mir der Satz einer Schauspielerin auf, den ich, obwohl spätabends in der Badewanne gelesen, nicht mehr vergessen habe und der mich noch jetzt mit einem eigenartigen Triumphgefühl erfüllt. Sie sagte, sie, die ihm außerhalb der Arbeit nur zweimal in ihrem Leben kurz begegnet sei, hätte gern einmal zusammen mit ihm einen „großen Braunen“ getrunken und das sei nun versäumt.

Vielleicht erkennen wir nur an der Begierde anderer, an ihren vergeblichen Wünschen, ihren kleinen Unerfülltheiten, die uns so belanglos erscheinenden Erlebnisse als plötzlich wertvoll, als unersetzbar an, die uns niemals als so wichtig erschienen wären, gäbe es nicht jemanden, dem sie endgültig schmerzlich unerfahrbar wären. Als belanglos war mir der schweigsame Nachmittag allerdings auch bis zu dieser Zeitungsnotiz nicht erschienen. Ich habe für einige Stunden seinem Schweigen zugehört, während der „große Braune“ in der Tasse auskühlte.

Wir können nicht die ganze Zeit über geschwiegen haben. Aber wie sehr ich auch versuche, mir die Einzelheiten dieses Nachmittags wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, wie sehr ich ihn eingemeißelt wissen möchte in meine Erinnerung, unverfälscht und unvergänglich – ich erinnere mich nur daran, dass wir da saßen. Es mochten zwei Stunden gewesen sein, vielleicht mehr. Die Stelle würde ich wiederfinden, ich bin sicher, auf Anhieb könnte ich auf den Tisch deuten, die Stühle, vorausgesetzt, das Mobiliar wird immer noch an der gleichen Stelle aufgestellt, wenn der Garten wiedereröffnet wird, alljährlich zu Beginn der warmen Jahreszeit. Alle Tische waren besetzt, einige Kellner trugen Tabletts mit Kaffee und Schokolade oder fuhren Servierwagen mit verschiedenen Sorten von Kuchen und Torten an uns vorbei. Wir saßen am Nadelöhr des Gartens, wo alle Kellner entlang mussten, denn das Café befand sich gegenüber, auf der anderen Seite des Platzes, befindet sich dort noch immer.

Ich hatte meine Jacke nicht ausgezogen, obwohl ich mich daran erinnere, dass es warm war, vielleicht sogar heiß. Wir saßen im Schatten, den die die Äste der Bäume über die Tische warfen  und Sonnenschirme gab es auch. Es ist unwahrscheinlich, dass wir nicht im Schatten gesessen haben, denn wir saßen zu lange dort, um die ganze Zeit in der Sonne zu sitzen. Aber es ist ebenso möglich, dass wir in der Sonne gesessen haben.

Wahrscheinlich haben wir Kaffee getrunken, oder Mineralwasser. In der Zeit, die wir dort sitzend verbrachten, an jenem Tisch mit Blick auf den Alten Markt, haben wir sicher den Kellner mehrmals etwas bringen lassen, wir haben bestimmt nicht vor leeren Tassen oder Gläsern gesessen. Ich weiß nicht mehr, ob wir etwas gegessen haben, glaube aber, wir haben nichts gegessen, oder wir waren zu dem Zeitpunkt, als wir allein am Tisch zurückblieben, bereits mit dem Essen fertig.

Genau genommen kann ich mich an praktisch überhaupt nichts erinnern, was ich sagte oder was er sagte, aber es kann natürlich nicht sein, dass wir die ganze Zeit geschwiegen haben.

Ich erinnere mich daran, dass ich ein bisschen aufgeregt war. Auf keinen Fall wollte ich, dass er sich mit mir langweilte; ich wusste nicht, was ich sagen sollte, um ihm nicht lästig zu werden, aber ich fand, stumm herumsitzen ging auch nicht. Später, als er schon tot war, habe ich gelesen, dass er in Gesellschaft häufig schweigsam war.

Es kann sein, dass ich eine ganze Weile in meinem Kaffee gerührt habe, um etwas zu tun, sofern ich Kaffee getrunken habe. Aber daran erinnere ich mich, wie gesagt nicht. Das Gedächtnis spielt uns seltsame Streiche. Es lässt uns hilflos, wie Neugeborene. Nichts ist schwieriger, als zu versuchen, bei der Wahrheit zu bleiben und was ist schon wahr, noch dazu in einem Falle, in dem man keinen Zeugen hat, außer der eigenen, unzulänglichen Erinnerung. Aber hätte man ihn jemals danach gefragt, ich bin mir ziemlich sicher, er hätte sich ebenfalls an nichts erinnert, außer an die Tatsache, dass wir da saßen.

Ich habe ihn selten angeschaut. Leider saß ich neben ihm, nicht gegenüber. Ich saß an dem eisernen Geländer, das den Garten vom Platz trennt, er saß am Gang, wo die Kellner vorbeikamen. Ich habe mich öfter mit dem Arm auf das Geländer gestützt, das kühl und unbequem war, wahrscheinlich hatten die Stühle keine Armlehnen. Er hat, glaube ich, in seinem Kaffee gerührt. Ich wagte kaum, ihn anzusehen, denn vermutlich wurde er fast immer angestarrt, wohin er auch kam und er war sicher daran gewöhnt, auch an diesem Nachmittag sahen ihn viele Leute an, man kannte ihn hier natürlich, vielleicht genoss er das, aber ich stellte mir vor, dass es ihm lästig war und dass er sich dabei unbehaglich fühlte. Ich spürte mich deutlich neben ihm sitzen und wagte keine ausladendere Bewegung.

Er sah auf den Platz und beobachtete die Menschen. Da die Stadt, wie immer zu den Festspielen, von Touristen überfüllt war, waren sehr viele Leute unterwegs. Nebenan auf dem Domplatz fand eine Hauptprobe von Jedermann statt, zu der eine Zuschauermenge strömte. Die Schauspieler waren in Autos vom Festspielhaus gekommen und in Kostüm und Maske über den Platz an uns vorbeigefahren. Je kleiner die Rolle, desto billiger wurden die Autos und desto voller besetzt waren sie. Die Hauptdarsteller saßen jeweils allein in einem Auto, nur mit dem Fahrer. Wir fanden es lächerlich, den Teufel in einer Limousine vorbeifahren und den Touristen winken zu sehen. Zuletzt kam die Statisterie im Bus. Aber ich glaube, als wir allein am Tisch zurückblieben, waren alle schon vorbeigekommen. Vom Domplatz hatten wir die Fanfaren gehört und die Hauptprobe hatte begonnen. Meinen Entschluss, die Probe zu besuchen, hatte ich aufgegeben, sehr früh an diesem Nachmittag. Was war eine Hauptprobe von Jedermann gegen die Tatsache, mit ihm im Garten des Cafés Tomaselli zu sitzen und auf den Alten Markt zu sehen.

Wir saßen und schwiegen in einen langen, mir unendlich langsam vergehenden Festspielnachmittag. Eine ältere Dame kam an den Tisch und begrüßte ihn, vielleicht setzte sie sich sogar für einen Moment, ich meine mich aber daran zu erinnern, dass sie stehen blieb, zu ihm heruntergebeugt. Ich weiß nicht mehr, ob sie ihn um ein Autogramm bat. Manchmal grüßten ihn andere Leute von anderen Tischen. Ich überlegte, ob sich die Leute wohl fragten, wer ich sei und zu welchen Ergebnissen sie kamen. Aber es ist möglich, dass ich das erst jetzt überlege, während ich mich daran erinnere.

Mir schien, er war gutgelaunt. Jedenfalls erinnere ich mich daran, dass er lächelte. Nie bisher bin ich einem Menschen wieder begegnet, der so gelassen nichts anderes tat, als zu beobachten. Das Beobachten schien seine Hauptbeschäftigung und ihn ganz in Anspruch zu nehmen und zu amüsieren. Ich versuchte, den Betrieb auf dem Platz mit seinen Augen zu sehen. Es fiel mir schwer, mich darauf zu konzentrieren, weil ich auf ihn konzentriert war. Einmal machte er eine Bemerkung über die Männer, die mit Schubkarren quer über den Platz den Fiakern folgten, von Zeit zu Zeit stehen blieben und die Pferdeäpfel auf ihre Schaufeln kehrten, die sie dann in die Schubkarren leerten. Dann nahmen sie die Karren wieder auf und gingen weiter, die Blicke gesenkt. Sie kamen wieder und wieder vorbei, immer die gleichen Männer hinter den gleichen Pferden, nur die Gesichter und Kleider der Touristen wechselten auf den Fiakern. Es ist fraglich, wohin sie den vielen Kot gefahren haben, in dieser sauberen Stadt. Es musste eine Sammelstelle dafür geben, irgendwo in einem Innenhof oder hinter einer der zahlreichen Kirchen.

Ich wagte nicht, ihn nach dem Schreiben zu fragen. Ich war davon überzeugt, dass er nicht danach gefragt werden wollte und schon gar nicht von mir. Ich glaubte, sicher zu sein, dass er damit in Ruhe gelassen werden wollte.

Ich fragte aber doch. Sei es, weil ich nicht wusste, was ich sonst hätte sagen sollen oder weil es mich wirklich interessierte – ich glaube, es interessierte mich brennend – fasste ich mir ein Herz und fragte ihn, woran er gerade schreibe, an Prosa oder einem neuen Stück und ich hoffte, mit meiner Frage ein bisschen intelligenter auszusehen als irgendein Laie, aber ich denke nicht, dass es mir gelungen ist, den Eindruck zu erwecken, ich hätte auch nur die geringste Ahnung, was es mit dem Schreiben auf sich hat.

Er wich mit der Antwort aus, sagte dann, ein Stück, aber er sprach nur kurz davon, zögernd und, wie ich zu bemerken glaubte, nicht gern. Über eine Frau, sagte er und wieder war er amüsiert, denn es war ungewöhnlich, dass er über eine Frau schrieb und ich staunte. Jahre später, als ich das Stück las, stellte sich heraus, dass es natürlich nicht von einer Frau handelte sondern von einem gelähmten Großindustriellen. Das Stück war einzig und allein nach einer Frau benannt, die jedoch nicht auftrat. So konnte ich mir seine Amüsiertheit nach Jahren erklären.

Es wurde kühler und schon dämmrig, da war der Nachmittag auf einmal zu Ende. Die Hauptprobe war vorüber und die Zuschauer strömten vom Domplatz zurück in die Stadt. Er wurde zum Abendessen abgeholt und ich wollte nicht den Eindruck erwecken, mich etwa anzuschließen. So brach ich im gleichen Moment auf. Es gab keinen Grund mehr, am Alten Markt im Garten des Cafés Tomaselli sitzenzubleiben und auf die Männer mit den Schubkarren zu warten. Ich verabschiedete mich schnell, erinnere mich nicht daran, ihm die Hand gegeben zu haben, verschwand über den Marktplatz schnellen Schrittes, ohne mich noch einmal umzusehen.

Im Laufe der folgenden Wochen sah ich ihn noch einige Male beim Essen in einem Café oder im Hotel Bristol, wo er in der Gesellschaft Anekdoten und Geschichten erzählte, oder stumm in der letzten Reihe des Parketts, eine schwarze, stille, hochgewachsene Gestalt, bei deren Eintritt sich die Stimmung auf der Probe rücksichtsvoll aufmerksam und scheu veränderte.

Vorher und nachher, oft während jenes Sommers, habe ich im Garten des Cafés gesessen. Längere Zeit bewahrte ich einen Würfelzucker auf, dessen Einwickelpapier die Aufschrift „Café Tomaselli“ trug und den ich heute nicht mehr finden kann, obwohl ich zuweilen immer noch danach suche. Es ist unwahrscheinlich, dass ich den Zucker gerade an jenem Nachmittag mitnahm, an dem sich nach und nach alle verabschiedet hatten und er mit mir zuletzt allein an diesem Tisch zurückgeblieben war. Der Zucker würde beweisen, dass ich Kaffee getrunken habe. Aber was wäre damit schon bewiesen. Nichts.

Naturgemäß, würde er sagen.

Alle Rechte am Text bei der Autorin

 

Jetzt das Hörbuch

„Hier stand er also. Vor sich das Karwendelgebirge,
die österreichische Grenze. Hinter sich sein Leben.
In Nikolais Jacke, in Lilos Pullover, mit Nikolais
Pass. Ich nehme an, er fror. In jenem Februar 1943,
am fünften Tag seiner Flucht.“

Zu blau 24_klInzwischen ist mein Roman „Zu blau der Himmel im Februar“, der die letzten Tage der Widerstandsgruppe Die Weiße Rose erzählt, auch als Hörbuch erschienen. Eingesprochen hat es die Schauspielerin und Sprecherin Bettina Römer. Erschienen beim thono-audio-verlag kann man sich das Hörbuch auf allen Hörbuchplattformen herunterladen.

Vorankündigung zu „Casanovas Nacht“

Meine Komödie „Casanovas Nacht“ hat am kommenden Samstag, dem 14. März PREMIERE.

Hier gibt es eine ausführliche Vorankündigung in der „Mitteldeutschen Zeitung“ zu lesen:

casanovHolger Vandrich spielt Giacomo Casanova
Regie und Ausstattung: Jutta Schubert
Fechtchoreografie u. -training: Mona Syhre

weitere Vorstellungen: Freitag, 20. März; Samstag, 21. März; Samstag, 4. April; Sonntag, 5. April; Freitag, 15. Mai und Samstag, 23. Mai, jeweils um 19.30 Uhr

Kartentelefon: 03445-273480
Weitere Informationen unter: www.theater-naumburg.de

Briefe aus Prag – 27

Samstag, 29. November 2014

Postscriptum

Liebe Pragerinnen und Prager,

nun bin ich zurück am heimatlichen Schreibtisch und mein intensiver, fast vierwöchiger Aufenthalt in der Goldenen Stadt ist schon Vergangenheit.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Zwei Dinge möchte ich zum Abschluss dieser herrlichen, geschenkten Auszeit noch anmerken. Zum einen meine „Top 10“, beziehungsweise „Top 11“ – die Orte, die mich am meisten bewegt haben. Nicht in einer Rangfolge, sondern in der Reihenfolge, in der ich sie gesehen habe:

  • Das übergroße Konterfei von Vaclav Havel an der Fassade des Nationalmuseums und wie er mit seinem Lächeln den Wenzelsplatz überstrahlt, 25 Jahre nach der Samtenen Revolution
  • Die Altneusynagoge als ältester erhaltener und noch genutzter Synagogenraum Europas
  • Die Bibliothek des Prager Literaturhauses deutschsprachiger Autoren in dessen Räumlichkeiten in der Jecna-Straße
  • Das Café Slavia mit seiner für mich wunderbar anregenden und poetisch aufgeladenen Atmosphäre
  • Der Wladislav-Saal im alten Königspalast der Prager Burg, wo die Geschichte atmet
  • Der Ballsaal des Colloredo-Mansfeld Palais, in dem das achtzehnte Jahrhundert aufersteht
  • Der Balkon des Kuppelsaals in der Deutschen Botschaft zum Garten hinaus, von dem aus der ehemalige Außenminister Genscher den wartenden DDR-Bürgern ihre Ausreise verkündete
  • Der Zuschauerraum und die Bühne des ehemaligen Ständetheaters, Aufführungsort der Uraufführung von Mozarts Oper „Don Giovanni“
  • Beethovens Handschrift seiner 4. und 5. Sinfonie im Museum des Lobkowicz-Palais auf dem Hradschin
  • Die historischen Bibliothekssäle im Kloster Strahov
  • und „last but not least“: Kafkas Welt, real und fiktiv, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen wird.
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(c) Foto: Jutta Schubert

Zum anderen möchte ich mich noch sehr herzlich bedanken. Beim Hessischen Literaturrat für das Autorenstipendium; bei dessen Vorsitzendem Herrn Hartmut Holzapfel für seinen rückhaltlosen Einsatz für die Literatur, sein persönliches Engagement für die Stipendiaten, das ich auch erfahren durfte sowie die anregenden Gespräche mit ihm und die vielen Tipps, die er mir gab; bei der gesamten Mann- (und Frau-) schaft des Prager Literaturhauses, insbesondere bei Programmleiterin Barbara Sramkova und bei Anna Koutska für ihre inhaltliche und organisatorische Begleitung, Beratung und Hilfe sowie bei Herrn Direktor David Stecher, auch für sein unbürokratisches Engagement in Bezug auf meine Unterkunft. Für die anregenden Begegnungen und Gespräche und das Interesse an meiner Arbeit bedanke ich mich außerdem sehr bei Herrn Dr. Füllenbach von der „Prager Zeitung“, beim deutschen Botschafter in Prag, Herrn Dr. von Loringhoven, bei Herrn Frantisek Cerny sowie bei Gerald Schubert von Radio Prag und dem Fotografen Björn Steinz. Mein Dank gilt außerdem meinem Mann, Peter H. Gogolin für seinen selbstlosen Einsatz, alle meine „Briefe aus Prag“ und die Fotos täglich auf meiner Webseite und im Internet zu veröffentlichen. Und ich danke allen interessierten Leserinnen und Lesern meines Blogs für ihre Neugierde und Aufmerksamkeit, ihre schönen Kommentare und ihre Empfehlung und Weiterverbreitung meiner „Briefe“ im Internet.

Auf Wiedersehen, Prag.
Hochachtungsvoll

Briefe aus Prag – 26

Freitag, 28. November 2014

Blick auf die Stadt oder Der Geist von Prag

Liebster,

heute, als die Nachmittagsdämmerung langsam über die Stadt hereinbrach, hat mich der Geist von Prag auf meinem Abschiedsspaziergang begleitet. Lenka Reinerovà beschreibt in ihrem Buch „Närrisches Prag“ den Geist als ein hauchdünnes und dennoch unübersehbares Wesen, das beispielsweise gleichzeitig an drei Tischen im Café sitzt, ihr manchmal einen Tipp oder ein Zeichen gibt, öfters auch etwas auf seine wesenhafte Art kommentiert, ein Luftikus, ein Scharlatan, ein Narr, ein Weiser, ein Kobold.

Eigentlich blitzte der Geist schon gestern einmal auf, als ich das Antonin Dvorak-Museum aufsuchte, das in einer wunderschönen Barockvilla in einer Seitenstraße unweit des Prager Literaturhauses untergebracht ist. Dvorak lebte hier nie, sondern in wechselnden Wohnungen in der Nähe. Obwohl diese feine Villa mit ihrem selbst zu dieser Jahreszeit noch anmutigem Garten voller Statuen dem Komponisten sicherlich gefallen hätte.

Dvoraks Witwe vermachte dem Museum nach seinem Tod seinen Bösendorfer Flügel und seinen Schreibtisch. Dieses Mobiliar bildete den Grundstock für die Ausstellung, die recht hübsch, doch irgendwie auch kurios ist. Vor allem erfährt man, dass Dvorak Eisenbahnen und Dampfloks liebte. Und dass er später, in Amerika, weil die Central Station in New York nur Reisenden vorbehalten war und er deshalb nicht mehr genügend Züge sehen konnte, außerdem begann, eine Leidenschaft für Schiffe zu entwickeln. Er soll immer zum New Yorker Hafen spaziert sein, oder zum Battery-Park an der Südspitze Manhattans, um die ankommenden und abfahrenden Ozeandampfer zu beobachten. Vielleicht gibt mir das eine Idee für eine kuriose Geschichte.

Jedenfalls stand der Geist von Prag neben mir in den Räumlichkeiten der Villa herum, turnte ein wenig auf Dvoraks Flügel, probierte seinen durchgesessenen Schreibtischstuhl aus, indem er vor und zurückkippelte wie ein Erstklässler, und schien eine diebische Freude daran zu haben, das Dvorak niemals hier gelebt, ja, dieses Haus zu seinen Lebzeiten nicht einmal betreten hatte, doch dass es einem heute so vorkommt, als sei er genau hier zu Hause gewesen. Im ersten Stock vollführte der Geist dann weitere Pirouetten. Die ältere Dame von der Aufsicht empfing mich händeringend und sichtlich betrübt mit vielfachen Entschuldigungen, denn gerade sei der Klavierstimmer eingetroffen, „sorry, we have a concert tonight. He will need about half an hour“.

Ich versicherte, dass mir das nichts ausmache, doch sie glaubte mir nicht und war irgendwie untröstlich. Ich könne jetzt wegen des Klavierstimmers die Musik nicht hören. Sie führte mich daher durch den Salon, in dem bereits Stuhlreihen für den Abend aufgestellt worden waren und wo sich in der Tat der Klavierstimmer mit nervtötenden Geräuschen am Konzertflügel zu schaffen machte. Er betrachtete mich erstaunt. Denn abgesehen vom Geist, den er nicht sehen konnte, obwohl dieser längst auf den schwarzen Tasten herumsprang, war ich natürlich die einzige Besucherin.

In dem kleinen Nebenraum, in den mich die Aufsicht betrübt geleitete, deutete sie auf zwei Kopfhörer und eine Zahlentastatur, wo ich mir verschiedene von Dvoraks Werken auswählen und anhören könnte. Ich machte den Versuch, das Largo aus der 9. Sinfonie zu hören, doch das war wegen des Geists, der entschieden anarchisch am Flügel auf und nieder hüpfte, absolut unmöglich.

Auch in diesem Raum zeigten die Dokumente in den Vitrinen, dass Dvorak Eisenbahnen und Schiffe liebte. Ich sah mir das etwas ungläubig an, während sich die Aufsicht gemeinsam mit einer anderen Dame an der Elektrik im Raum zu schaffen machte, indem sie beide hinter der Tür am Boden knieten, was ich mir ebenfalls mit der bevorstehenden Abendveranstaltung erklärte. Mehrfach schalteten sie mir dabei versehentlich das Licht aus und sie entschuldigten sich wieder. Ich beschloss, dem Geist lange genug seinen Schabernack zugestanden zu haben und wandte mich zum Gehen. Die Aufsicht verabschiedete mich mit unglücklichem Gesicht und weiteren Entschuldigungen. „Come tomorrow“, sagte sie.

„No problem“, meinte ich über den Geist hinweg, der gerade seine Freude daran hatte, auf den besonders hohen Tönen herumzuhüpfen. „A few days ago I wanted to see the Mozart-Museum, Villa Bertramka.“ Die Aufsicht nickte wissend. „It’s closed“, sagte sie einfach. Jetzt nickte ich. „But here the house is full of live. No problem. Thank you!“

Lachend ging ich fort, der Geist tanzte hinter mir her und war sehr zufrieden mit mir.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Heute nun begleitete er mich zum Abschluss am späten Nachmittag auf der geführten Tour durch die Räume des ehemaligen Jesuitenklosters Klementinum, einem Gebäudekomplex mitten in der Altstadt, in dem jetzt die Nationalbibliothek mit Lesesälen und Büros untergebracht ist. Mozart spielte bereits auf der Orgel in der Spiegelkapelle, doch der Geist gab mir hier keine Kostprobe. Er bewahrte sich seinen Coup für den barocken Bibliothekssaal auf. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, noch eine weitere beeindruckende Bibliothek in Prag sehen zu dürfen. Doch als der Führer den Schalter anknipste und der dunkel ruhende, verschwiegene Saal langsam und vorsichtig illuminiert wurde, traute ich in der Tat meinen Augen nicht. Die Regale der Bibliothek waren leergefegt! Und dabei hatte ich doch eindeutig in der Tickethalle ein Poster gesehen, auf dem der Saal voller Bücher abgebildet war.

„Falls Sie sich wundern sollten“, erklärte der Führer auf englisch, französisch und portugiesisch – denn außer mir bestand die kleine Gruppe nur aus einem älteren portugiesischen Ehepaar und zwei Herren aus Frankreich – „warum hier so gut wie keine Bücher sind: Bis vor drei Monaten waren die Regale noch voll. Die Bücher wurden abtransportiert nach Deutschland (!), wo sie alle in mühevoller Arbeit eingescannt und archiviert werden. Danach kommen sie wieder zu uns zurück. In zehn Jahren.“

„In zehn Jahren?“ Ich musste nachfragen, ich konnte das nicht glauben. Ja, sagte er, in zehn Jahren wären die Bücher dann wieder da.

Der Geist neben mir kicherte. Er kletterte über die hölzerne Balustrade und turnte auf einem der Sternengloben herum. 20 000 Bücher wären eigentlich hier, erfuhr ich auf Nachfrage. Vielleicht tausend seien noch da. Warum die denn da geblieben wären, fragte einer der Franzosen. Sie würden noch nachgeschickt, versicherte der Führer. Der Geist hangelte sich inzwischen wie ein Affe an den leeren Regalen hinauf. Ich hatte gute Lust, ihn zurück zu pfeifen.

Eine leere Bibliothek ist eine merkwürdige Sache. Eigentümlich mulmig fühlt sich das an, gespenstisch. Vielleicht sollte ich eine Geschichte schreiben, die in diesem leeren Bibliothekssaal spielt, der sich nach seinen Büchern sehnt? Der Touristenführer lieferte dafür noch eine Anregung. Als die Jesuitenmönche ihr Kloster verlassen mussten, sollen sie angeblich Schätze irgendwo in den Wänden eingemauert haben, da sie damit rechneten, irgendwann zurückzukommen. Sie benötigten einen Helfer bei dieser Arbeit und blendeten ihn, damit er das Geheimnis des Verstecks nicht preisgeben konnte. Doch er hörte die Kirchenglocken und wusste, wo im Gebäude er sich befand. Deshalb töteten sie ihn und beerdigten ihn zusammen mit dem Schatz. Der Schatz, sofern er existiert, wurde bis heute nicht gefunden. Das Skelett ebenso wenig. Der Geist grinste. Er zupfte der Portugiesin im Haar herum.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Über den Meridiansaal im Turm des Klosters, wo Mönche und Astronomen die Sterne mit Hilfe von Fernrohren und Quadranten studierten – auch Johannes Kepler betrieb hier seine Himmelsforschungen – wurden wir viele alte Holztreppen hinauf zum Aussichtspunkt auf dem Turm geführt. Der Führer öffnete die schweren Holztüren und es bot sich uns ein atemberaubender Anblick. Einmal rundum gegangen, sieht man buchstäblich die gesamte Stadt, auf einer Seite die Türme der Altstadt mit dem Altstädter Ring, wo gerade der große Weihnachtsbaum aufgestellt wurde, auf der anderen Seite der Hradschin, das Strahov-Kloster, der Hausberg Petrin, die Kleinseite. Links am Moldauufer das beleuchtete Nationaltheater. Rechts das ebenfalls beleuchtete Rudolfinum, die Philharmonie. „Siehst du“, sagte der Geist dicht neben mir, „zu deinem Abschied lege ich dir die ganze Stadt zu Füßen.“

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(c) Foto: Jutta Schubert

Dann schwang er sich auch hier über die Brüstung und flog mir voraus zu meinem Abschiedsrundgang. Der vom Aufbau des Weihnachtsmarktes eingenommene Altstädter Ring, die Lichter im Kafka-Buchladen kurz vor Ladenschluss, das untere Ende des Wenzelsplatzes ebenfalls schon weihnachtlich geschmückt. Ich grüßte mit einer leichten Handbewegung zu Vaclav Havel an der Fassade des Nationaltheaters hinauf. Dann traf ich den Geist auf ein letztes Glas im Café Slavia. Er saß an mindestens drei Tischen.

Mein Pianist, noch ganz von seiner Schiffsreise über den Atlantik beseelt, spielte „Bridge over troubled water“ und „As time goes by“. Mit glänzenden Augen prostete der Geist mir zu, der schon wieder auf dem Flügel saß.

Morgen, Liebster, komme ich nach Hause.

„I habe seen a nice part of the world here“, so wurde ein Brief von Dvorak übersetzt, den er im Herbst 1893 von New York aus in die Heimat schrieb, „but the nicest will be when I see you again in that world of ours.“

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 25

Donnerstag, 27. November 2014

Kafkas Körper

Liebster,

Kafkas Körper erwies sich zunächst als sehr widerstandsfähig. Es ist überliefert, dass er ein unermüdlicher Spaziergänger war, der viele Stunden lang, ohne die kleinste Anstrengung zu verspüren, durch die Straßen der Stadt, ihre Parks und Gärten, ihre Hügel hinauf und das Moldauufer entlang gehen konnte, in Gesellschaft, doch sehr häufig wohl auch allein. Das schien ihn zu konzentrieren, ihm den Kopf frei zu machen.

Er war zudem ein leidenschaftlicher Schwimmer und Ruderer. Er schlief wenig, da er nachts schrieb oder wach lag, um an das Schreiben zu denken. Er arbeitete viel, sowohl in der Versicherungsanstalt als auch nachts an seinem eigenen privaten Schreibtisch zu Hause. Daher bekam er zu wenig Schlaf, zumal er früh aufstehen musste, um rechtzeitig an seinem Arbeitsplatz im Büro zu erscheinen. Er schlief daher gern, wenn möglich, nachmittags nach dem Büro noch einige Stunden, um für den Abend und das eventuelle Schreiben, wieder frisch zu sein. Zu wenig Schlaf laugt einen Körper aus.

Ohnehin schien er seinem Körper trotz aller Ertüchtigung nicht zu trauen. Möglicherweise empfand er ihn auch als fremd. Die Phantasie zu haben, morgens als Käfer im eigenen Bett zu erwachen – ein Bild, das heute weltweit mit seiner Literatur verbunden wird, beinahe, als wäre das ein Zustand, der sich traumatisch im kollektiven Gedächtnis der Menschen verankert hat, ähnlich den weichen Uhren in Salvador Dalìs Malerei, nur eben sehr viel drastischer – also diese Phantasie zu haben, lässt auf Erfahrungen mit dem eigenen Körper schließen, bei denen ein Gefühl grundsätzlicher Fremdheit oder Andersartigkeit kaum von der Hand zu weisen ist.

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Als er schließlich von seiner Todeskrankheit, der Tuberkulose, heimgesucht wurde, wunderte er sich darüber nicht. Es war, als wenn er auf eine Krankheit gewartet hätte, die ihm unumgänglich schien, bei all der Anstrengung, die er unternommen hatte, sein Schreiben und sein Leben zu meistern.

Das Schreiben ist ein körperlicher Vorgang. Wer es sich als rein geistige Tätigkeit vorstellt, unterliegt einem schweren Irrtum. Der Körper schreibt ebenso mit wie das, was wir Seele oder Geist nennen. Der Körper reagiert seismographisch und er ist immer der Stärkere. Man kommt nicht gegen ihn an. Mit gewaltigen geistigen Anstrengungen lässt er sich zeitweise überlisten, hinhalten, ausblenden oder vertrösten, doch unweigerlich fordert er irgendwann sein Recht und dann ist man ihm ausgeliefert. Darin ist er von Natur aus dem Tod ähnlich.

Kafka muss das sehr genau gewusst haben. Vermutlich wusste er auch, dass er nicht sehr viel Lebenszeit hatte, um die Dinge, die er schreiben wollte, tatsächlich zu Papier zu bringen und zu vollenden. Soviel Verhinderung an allen Ecken und Enden. Soviel verlorene, fürs Schreiben vertane Zeit. Das wird ihn zeitweilig hilflos gemacht haben, sprachlos oder wütend. Doch er hat niemals aufgegeben, er war ein Kämpfer. Bis sein Körper ihn endgültig in die Knie zwang.

Er war geräuschempfindlich, hasste Lärm. Und davon gab es auch zu seiner Zeit schon mehr als genug. Man mag sich das Hufgetrappel und Rädergerappel der Pferdefuhrwerke auf dem Kopfsteinpflaster, das Geratter der elektrischen Straßenbahnen, von denen zudem das ganze Haus erzittert, wenn sie vorbeifahren, das Geschrei und Gerede der Menschen und ihre unendlichen Verrichtungen, die kaum jemals geräuschlos sind, am liebsten gar nicht vorstellen. Dazu kommt – davon gab Kafkas jüngster Biograf Reiner Stach vor einigen Wochen während einer Veranstaltung im Goethe-Institut zum Erscheinen seiner vollendeten Kafka-Biografie ein sehr genaues und anschauliches Bild – dass die Stadt, in der Kafka lebte, zu seiner Zeit eine einzige Großbaustelle war. Die alte Judenstadt wurde abgerissen, komplett assaniert, wie man hier sagt. An ihre Stelle traten die vielgeschossigen Wohnhäuser der Jahrhundertwende, die noch heute größtenteils stehen. Es wurden neue Brücken über die Moldau gebaut. Dauernd wurden neue Straßenzüge durch die Stadt gepflügt. Kafka konnte dabei keine Ruhe finden, nie und nirgends, abgesehen von den späten Abend- oder Nachtstunden in dem gemieteten kleinen Häuschen in der Alchimistengasse auf dem Hradschin. Das war keine romantische Stadt mit einsamen Gassen und schauerlichen Schatten werfenden Gaslaternen.

Dazu die Enge. Kafka muss sich ungeheuer beengt gefühlt haben. Der Radius, in dem sein Leben verlief, war nicht groß. Er lässt sich noch heute von einem Ende zum anderen in weniger als einer halben Stunde abschreiten. Die Deutsch sprechenden Juden waren in ihrer Lebensweise isoliert. Sie blieben unter sich. Insofern musste Kafka fast alle Menschen, die ihm täglich auf seinen Wegen durch die Stadt begegneten, gekannt haben. Rainer Stach beschrieb auch das sehr anschaulich: Kafka musste wohl alle paar Meter seinen Hut lüften, um jemanden zu grüßen.

Wie sehr wir heute auch oft unter der Anonymität der Großstadt leiden, Kafka machte die gegenteilige Erfahrung. Er traf in seinem Prager Umfeld vermutlich fast niemals auf einen Fremden. Diese Enge, das kann man sich vorstellen, wirkt sich in der Regel auf den geistigen Horizont aus, der ebenfalls begrenzt bleibt. Doch das war bei Kafka nicht der Fall. Bei seinem Umfeld wohl aber schon.

Kafkas Horizont war weit, tief, und scheint, von heute aus betrachtet, nahezu unbegrenzt in seinen Möglichkeiten. Es ist wohl davon auszugehen, dass er sich nur selten seinem Horizont und seinen geistigen Bedürfnissen entsprechend unterhalten konnte. Die Gesprächspartner fehlten schlicht. Man nehme seine eigene Familie zum Beispiel. Der Vater ein Knöpfezähler. Die Schwestern gradlinig in ihren konventionellen Lebensbahnen.

Die Kollegen im Büro – Gott bewahre. Vielleicht manchmal der eine oder andere Vorgesetzte, wie Kafka ab und an lobend in seinen Tagebüchern und Briefen erwähnt. Und sicher: die Caféhaus- und Literatenfreunde, von denen jedoch auch ein jeder seine ganz persönlichen Meinungen und Vorlieben vertrat und in deren Gesellschaft Kafka häufig schweigsam gewesen sein soll. Selbst Max Brod, sein engster Freund, konnte ihm hier wohl auch nicht alles bieten. Ohnehin kann dies ja kein einzelner Mensch für einen anderen leisten.

Man stelle sich also Kafkas Körper in allen diesen Zusammenhängen vor. Man begreift, dass er sich nach den Metropolen gesehnt hat, nach Paris, nach Berlin…

Die Einsamkeit fürchtete er keinesfalls, er war ja sowieso allein. Allein sein bedeutet vor allem Unverstandensein. Aus dem Gefühl des Unverstandenseins in der Welt erwächst nicht zuletzt Literatur. Und dieses Gefühl beginnt früh, meist schon in der frühen Kindheit. Und ist später durch nichts mehr wettzumachen.

Neben der geistigen Ernährung des Körpers bleibt dann noch die ungeistige. Kafka ernährte sich vegetarisch. Diese Tatsache trug ihm auch nicht gerade Bewunderung ein. Seine Sexualität bleibt ein Rätsel. Sicher, in gewisser Weise bleibt sie das bei jedem Menschen. Sein eigentümliches Verhältnis zu Frauen wurde, wie alles, was Kafka betrifft, bereits hinlänglich „untersucht“. Untersucht ist ein gutes, ein körperliches Wort. Ärzte untersuchen ihre Patienten. Fühlt jemand sich körperlich unwohl, steht ihm eine Untersuchung bevor.

Im Falle Kafkas meint man herausgefunden zu haben, dass sein Verhältnis zu Frauen vielfältig gestört oder zumindest verstörend für beide Seiten war. Vor engen Bindungen schreckte er zurück, auch wenn er sich wohl danach sehnte. Vielleicht, weil er sie idealisierte, oder einfach, weil er sie als gesellschaftlich schicklich empfand. Er kannte ja in seinem Umfeld so gut wie nichts anderes als Ehen, Familien. Daraus bestand die Welt und das schien ihr Sinn zu sein. Eine Ehe ging er niemals ein, löste Verlobungen. Häufig auch mit der Hintertür, sich für das Schreiben bewahren zu wollen, zu müssen. Sexuelle Erfahrungen? Er soll Bordelle besucht haben. Den Frauen, mit denen er engere Bindungen versuchte, pflegte er meistens einfach zu schreiben. Die Liebe. Ist sie eine geistige oder ein körperliche Sache? Beides? Trennbar? Untrennbar? Rätselhaft.

Zum Körper gehört naturgemäß auch der Tod. Kafkas Körper machte ihm recht früh einen Strich durch sämtliche Rechnungen, die er vielleicht noch zu begleichen hoffte. Das war 1924, in seinem 41. Lebensjahr. Wäre er nicht gestorben, so hätten seinen Körper möglicherweise noch ganz andere Katastrophen heimgesucht. Solche, von denen er nichts wissen konnte und die er doch, wenn man seine Texte liest, teilweise vorauszuahnen schien. Er hätte, so darf man spekulieren, Jahre später von den Nationalsozialisten in ein Konzentrationslager verschleppt und dort ermordet werden oder sowieso sterben können. Seine drei Schwestern erlitten dieses Schicksal und ebenso seine tschechische Übersetzerin und zeitweilige Freundin Milena Jesenska. Vielleicht ist ihm das erspart geblieben. Doch das gehört bereits weit ins Reich der Spekulation.Zeichnungen2Ob Kafka seinen Körper liebte? Darüber lässt sich nichts sagen, nur, dass überliefert ist, dass er mit seinem Äußeren oft sehr unzufrieden war, nicht wusste, wie er sich kleiden sollte, um möglicherweise vorteilhafter auszusehen, als es ihm selbst schien. Vielleicht empfand er sich als schwach. Doch das war er nicht. Er bewies Mut und Stärke, sich dem Leben, das er führte, zu stellen. Er stand zu sich. Um noch einmal Rainer Stach zu zitieren, der auch das wunderbar auf den Punkt brachte: Kafka wurde aus der Schwäche heraus stark. Er hat getan, was er absolut tun wollte, unter den für ihn schwierigen Bedingungen. Das ist und bleibt bewunderungswürdig.

Die Kenntnis der inneren Topographie seiner Stadt Prag ermöglicht einen etwas leichteren, konkreteren Zugang zu Kafkas Werk. So offensichtlich hatte ich mir das nicht vorgestellt, doch so erlebe ich es hier. Die Stadt Prag war notgedrungen auch ein Teil seines Körpers. Heute ist der Körper dieser Stadt, rund um sein ehemaliges Lebensgebiet am Altstädter Ring, ein Teil Kafkas. Er fand für diese Stadt, die ihn nicht losließ, das Bild: „Dieses Mütterchen hat Krallen.“ Krallen sind von Natur aus etwas, das dazu benutzt wird, in einen fremden Körper geschlagen zu werden.

Ich bin sehr froh über diese Prag-Erfahrung.

In Liebe,
Deine

 

PS.: Die beiden Fotos stammen aus der sehr schönen, kleinen Ausstellung rechts im Gang neben der Eingangshalle des Century Old Town-Hotels (ehemalige Versicherungsanstalt). Diese liebevolle Ausstellung, ganz unscheinbar und scheinbar unaufwendig, ist die beste, die ich über Kafka in Prag gesehen habe.

Briefe aus Prag – 24

Mittwoch, 26. November 2014

Natürlich, eine alte Handschrift (2)

Liebster,

von Tag zu Tag wird es spürbar kälter in Prag. Mittlerweile ist das Thermometer an der Nullgradgrenze und mein Iphone vermeldet, dass es ab Montag schneien soll! Es sieht fast so aus, als hielte der Winter nach meiner Abreise Einzug in die Stadt. Wie schön für mich, dass er noch wartet.

Prag ist in dieser Woche schlagartig leer von Touristen geworden. In den Kirchen und Museen bin ich nahezu die Einzige. Heute stand ich vollkommen allein auf dem Altstädter Brückenturm. Der junge Mann, der in luftiger Höhe die Tickets kontrolliert, hatte dicht neben dem Radiator seinen Laptop aufgestellt. „I am completly alone, I can’t believe it“, sagte ich zu ihm, nachdem ich die fantastische Aussicht von oben auf die Karlsbrücke und die Kleinseite ausgiebig genossen hatte, ohne dass auch nur ein weiterer Mensch auf den Turm hinauf gekommen wäre. „Oh, that’s fine“, sagte der Mann, blickte kurz von seinem Laptop auf und sah mich unter seiner Wollmütze, die er tief ins Gesicht gezogen hatte, an, „so I can relax.“

Im ehemaligen Gebäude des Wasserwerks, direkt an der Moldau neben der Karlsbrücke, hat man ein Museum für Smetana eingerichtet, dessen sinfonisches Werk „Die Moldau“ als eine Art von heimlicher Nationalhymne für die Tschechen gilt. Auch in diesen Ausstellungsräumen mit Bilderbuchblick auf den Fluss, die Brücke und die Kleinseite, gab es keine Besucher außer mir. Die junge Frau, die dort die Aufsicht führt, sah die ganze Zeit aus dem Fenster auf das Wasser der Moldau, das sich an dieser Stelle reißend über Stromschnellen ergießt.

Smetanas erste Frau gebar in den fünf Jahren nach der Eheschließung vier Töchter. Danach reiste ihr Mann nach Göteborg ab, wo er sich mehr Chancen für seine Musik ausrechnete. Dort, im hohen Norden, hatte er bald eine Schülerin und „enge Freundin“. Seine Frau, die zu Hause geblieben war, starb indes. Seit ich – wohl aufgrund meines Kafka-Frauenprojekts – den Lebensläufen von Frauen „großer Männer“ mehr Aufmerksamkeit widme, finde ich „nebenbei“ im Verborgenen haarsträubende Schicksale.

Von den vielen Musiken, die in Prag komponiert und aufgeführt wurden und werden – von den heutigen beliebten und sehr guten Jazzkneipen hier gar nicht zu reden – gibt es einige, die es ohne diese Stadt, ihre Inspiration und nicht zuletzt ihre Gönner, gar nicht geben würde. Vielleicht hätte Mozart „Don Giovanni“ in Wien niemals geschrieben. Vermutlich hätten wir Smetanas „Moldau“ auch nicht. Was Antonin Dvoraks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ betrifft, so scheiden sich noch immer die Geister, ob er mit dem Titel wirklich seinen Amerikaaufenthalt meinte, oder aber eine kleine Straße auf der Kleinseite hinter dem Hradschin, die „Novi svet“ heißt.

Einige der größten Kompositionen von Ludwig van Beethoven gäbe es zudem mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht, darunter seine berühmte vierte und die fünfte Sinfonie, sowie die „Eroica“.

Die sehr reiche und jahrhundertealte Adelsfamilie Lobkowicz besaß unter anderem zwei spektakuläre Palais in Prag, wovon in einem heute, wie ich an anderer Stelle bereits erwähnt habe, die Deutsche Botschaft residiert. Das Gebäude wurde in der jüngeren Geschichte vor allem auch dadurch bedeutsam, weil der ehemalige bundesrepublikanische Außenminister Genscher hier vor fünfundzwanzig Jahren auf den Balkon des Kuppelsaals zum Garten hinaus trat und Tausenden von wartenden DDR-Bürgern ihre Ausreise in den Westen zusicherte.

Es ist ein sonderbar anrührender Moment, auf diesem Balkon zu stehen und in den heute stillen, friedlichen Garten hinabzuschauen, wie es mir nach einer Veranstaltung in der Botschaft vergönnt war. Ich erkannte den Ort tatsächlich noch aus meiner Erinnerung an die Fernsehaufnahmen von damals wieder, als das ganze Gelände überfüllt von Menschen war. Heute befindet sich eine große Erinnerungstafel an der Stelle, wo Genscher stand, auf der sein berühmter Satz zu lesen steht. Hier spürt man tatsächlich etwas, das man den „Atem der Geschichte“ nennen könnte.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Die noch lebenden Mitglieder der Familie Lobkowicz sahen diesen historischen Augenblick ebenfalls im Fernsehen, von ihrem Exil im Ausland aus. Sie waren davon ebenfalls bewegt und auch von der Tatsache, dass dies in einem ihrer ehemaligen Anwesen geschah. Man hatte die Familie Lobkovicz zweimal ihres gesamten Besitzes beraubt, und auf wundersame Weise haben sie ihn zweimal zurück erhalten. Das erste Mal wurden sie durch die Nationalsozialisten nach deren Einmarsch in Prag enteignet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bekam die Adelsfamilie ihre Besitzungen zurück, doch einige Jahre später wurden sie ihnen von den Kommunisten wiederum genommen und es gelang ihnen gerade noch, das Land zu verlassen, um ins Exil zu gehen. Nach der Samtenen Revolution kehrten sie zurück – wie sie hoffen, für immer. Heute Abend, während einer Veranstaltung zum Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und einen fast vergessenen deutschsprachigen Prager Autor aus dem Prager Kreis der zwanziger und dreißiger Jahre, Ludwig Winder, leitete der Historiker Prof. Ivan Schedivy seinen Vortrag mit dem denkwürdigen Satz ein: „Die Geschichte lehrt uns, dass wir nichts planen können.“ Der Satz hallt noch in mir nach und er betrifft auch das Schicksal der Familie Lobkowicz.

Das zweite Palais Lobkowicz in Prag am unteren Ende des Hradschin-Geländes, vor der alten Schlossstiege, ist heute ein Museum, in dem Teile der Familienschätze auf zwei Stockwerken der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden sind. Durch die Sammlung führen die lebenden Familienmitglieder höchstpersönlich per Audioguide.

Ich schlenderte durch beide Stockwerke mit ihren wertvollen Porträt- Waffen- Porzellan- Bilder- und Musikinstrumentensammlungen und lauschte den Stimmen der Familie, die ihre Geschichte erzählen. Niemand war außer mir dort, nur eine Aufsicht nahm mich in Empfang. Es war, als gehöre der Palast kurzzeitig mir. Die fantastische Aussicht auf die Stadt durch die Fenster der Salons war zudem mehr als grandios. Doch was hat das alles mit Beethoven zu tun?

Josef Frantisek Maximilian, der 7. Prinz von Lobkowicz war nicht nur ein Musikfreund und Kenner, sondern der maßgebliche Förderer Beethovens. Diese großzügige Unterstützung ermöglichte es Beethoven tatsächlich, einige Werke zu schaffen, die er, jenseits von Auftragsarbeiten, frei nach seinem eigenem Willen komponieren durfte. So entstand eine Anzahl seiner wichtigsten Werke, unter anderem die „Eroica“ und die vierte und fünfte Sinfonie.

Ich hatte zwar gelesen, dass im Lobkowicz-Palais Handschriften von Beethoven und auch von Mozart zu sehen wären, doch als ich leibhaftig vor den Autographen der Sinfonien stand, war ich ergriffen. Zwei einfache Manuskriptstapel, jeder etwa zehn Zentimeter hoch, versehen mit Beethovens Anmerkungen und Korrekturen.

Leider wurde ich gerade hier misstrauisch von der einzigen Aufsichtsperson beäugt, vermutlich, damit ich auch ja kein Foto machte. Anfassen konnte man die Blätter selbstverständlich sowieso nicht, sie ruhen erhaben in ihrer Glasvitrine. Doch wäre die Aufsicht nicht gewesen, ich hätte wahrscheinlich einen lauten Seufzer ausgestoßen. Vor Erstaunen. Oder besser aus dem Gefühl heraus, plötzlich etwas ganz Unglaublichem gegenüber zu stehen.

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 23

Dienstag, 25. November 2014

„Natürlich, eine alte Handschrift“ (Umberto Eco)

Liebster,

bis heute geht eine seltsame Faszination von Bibliotheken aus. Nicht nur für mich, wie ich immer wieder feststellen kann, sondern wohl für jeden, der eines solchen Anblicks gewahr wird. Eine alte Bibliothek zu sehen, mit Bänden, die Jahrhunderte überstanden haben, ist wie aufs Meer hinaus zu blicken. Ein Gefühl von Endlosigkeit stellt sich ein, als erfahre man plötzlich etwas über die Zeit und ihren für immer unbegreiflichen Pulsschlag. Klein und unbedeutend kommt man sich vor und erahnt eine gewaltige Fülle hinter einem unbekannten Horizont. Die Erhabenheit gesammelten Wissens ist etwas, das größer ist als wir selbst. Es flößt uns etwas wie Hochachtung ein, wir möchten uns verneigen vor dieser Macht.

Nicht von ungefähr umgibt alte Bibliotheken daher die Aura des Mythischen. Unschätzbare Werte gehen und gingen zu allen Zeiten bei der Zerstörung von abendländischen Bibliotheken verloren, durch Plünderungen und Kriege, Vandalismus und Brände.

Klöster sind von jeher ein Ort des Bewahrens. Und da, wer das Wissen hat, auch die Macht besitzt, wurden zu allen Zeiten gerade eben auch bestimmte Bücher für gefährlich gehalten. Die Klöster mit ihren Reichtümern an Bücherschätzen, oftmals meisterlichen Handschriften, Buchillustrationen und Buchbindearbeiten, waren gleichermaßen auch die Hüter von Geheimnissen, die nach Meinung des Klerus nicht an die Öffentlichkeit dringen sollten. In „Giftschränken“ und geheimen Zimmern, zu denen der Abt den Schlüssel am Gürtel trug, bewahrten sie auch das Wissen auf, das ihrer Ansicht nach nicht unters Volk kommen sollte. Der Vatikan hat bis heute seinen Index.

Umberto Eco hat einen Roman zu diesem Thema geschrieben. Seine groß angelegte Historiengeschichte „Der Name der Rose“, in der am Ende eine fiktive, ungeheuerlich wertvolle Klosterbibliothek aufgrund des Fanatismus eines Geistlichen, der Werke unter Verschluss halten wollte, in Flammen aufgeht, wurde weltberühmt und selbst eine Art Mythos. Eco stellt seinem Roman, so wahr wie augenzwinkernd, das Motto voran: „Natürlich, eine alte Handschrift“.

Daran musste ich heute denken, als ich vor den Räumen der Bibliothek des Klosters Strahov hinter dem Hradschin stand. 250 000 Werke umfasst der Bestand, darunter 3000 Handschriften, die bis ins Jahr 860 zurückreichen. Zwei ungeheuerliche historische Bibliothekssäle darf der Besucher sehen, gottlob aber nicht betreten. Der ältere, niedrige Saal, die theologische Bibliothek, stammt aus dem 17. Jahrhundert. Ausgeschmückt mit einer Freskendecke vom Beginn des 18. Jahrhunderts stehen hier etwa 20 000 in Leinen und Schweinsleder gebundene Bände zur Theologie, dazu astronomische und geographische Globen aus der Zeit. Eine Schatzkammer.

Verbunden durch einen Gang gelangt man zum jüngeren und größeren Bibliothekssaal aus dem 18. Jahrhundert. Der damalige Abt ließ den Saal erbauen, da er mehr Platz für die Klosterbibliothek brauchte. Er kaufte Bücherschränke aus einem anderen Kloster auf und ließ den Saal nach den Möbeln erbauen. Ein ungeheurer Anblick, fast 50 000 Bände entlang der Wände und auf der umlaufenden Galerie, in mit reichen Schnitzereien verzierten Bücherschränken. Dieser philosophische Saal umfasst die verschiedensten Wissensgebiete, Naturwissenschaften, Philosophie und Philologie, überstrahlt von einem Deckengemälde zur geistigen Entwicklung der Menschheit. Man gewinnt bei diesem Anblick den Eindruck, dass die Bibliothek von Babel lebt und auch die große Bibliothek von Alexandria vielleicht doch nicht ganz abgebrannt ist.

Das Bibliotheksgebäude steht allein auf dem Gelände des Klosters, abgetrennt von den Wohn- Ess- und Schlafräumen der damaligen Mönche, in Korrespondenz zur Klosterkirche, jedoch eine sehr eigenständige, stolze Trutzburg des Wissens.

Im Gang zwischen den beiden Bibliotheksräumen ist in einem Intarsienschrank die sogenannte dendrologische Bibliothek untergebracht, in der in 68 Bänden zu Beginn des 19. Jahrhunderts sämtliche Baumsorten der in Böhmen wachsenden Hölzer dokumentiert sind. Jeder Band ist einer Baumart gewidmet, der Buchrücken ist von der jeweiligen Baumrinde bedeckt, im Innern der Bücher wird das Wissen über die Baumart aufbewahrt mit Blättern, Blüten, Früchten, Astschnitten und sogar Schädlingen. Eine Bibliothek für Elfen. Tolkien hätte seine helle Freude daran haben müssen. Gerne hätte ich ein solches Buch in die Hand genommen.

Heute lebt wieder eine kleine Mönchsgemeinschaft im Kloster Strahov. Auf einem Foto sehe ich einen Mönch im heutigen Skriptorium sitzen – vor einem Computerbildschirm.

Sehr beeindruckt gehe ich fort, in einen trüben, leicht nebeligen, kalten Prager Nachmittag. Auf dem Hradschinplatz nur eine Handvoll Menschen, ein verhangener Blick auf die Stadt hinunter, sie ruht wie mit einem Weichzeichner hinter Dunstschleiern. Es dringen kaum Geräusche herauf, ein einheitliches helles Grau ist die beherrschende Farbe.

Bevor, wie täglich, beinahe alle Museen und Institutionen um 16 Uhr schließen, bekomme ich noch Zugang zum Loreto-Heiligtum, zwischen Hradschinplatz und Strahov-Kloster gelegen. Ein Wallfahrtsort mit dem ranghöchsten Heiligtum Tschechiens, einer sehr anmutigen schwarzen Madonna mit großer Ausstrahlung, getreue Nachbildung einer Marienstatue aus dem italienischen Loreto von 1626. In der Mitte des Kreuzgangs des Kapuzinerklosters mit Kirche hat man eine Art steinernen Schrein für diese Madonna geschaffen, wo die Wallfahrenden vor ihrem Anblick beten können. Angeblich gibt es immer lange Wartezeiten. Doch heute bin ich vollkommen allein da, nur die Madonna und ich, sogar ohne Wachpersonal.

Das Wachpersonal tut mir übrigens leid. Überall müssen sie stehen und sitzen. In der Gemäldegalerie des Klosters Strahov allein drei von ihnen, jeder auf einem Stuhl in einer Ecke, mit Überblick über einen weiteren Gang. Sie putzen sich die Nasen, sie starren vor sich hin auf den Boden, sie blicken stumm auf das Display ihres Mobiltelefons, sie stehen kurz auf und gehen zu einem der Bilder hin, als ob sie es noch niemals gesehen hätten, dann zurück, und sie setzen sich wieder. Oder in der Kirche des Loreto-Klosters, ganz hinten rechts stehend in der Ecke, geräusch- und bewegungslos, eingepackt in eine Winterjacke mit Kapuze. Ich begrüße alle diese Wachleute und verabschiede mich wieder, wenn ich gehe, was jeweils mit einem erstauntem Kopfnicken, manchmal mit einem Lächeln quittiert wird. Sie sind wohl angewiesen, auszustrahlen: Ich bin eigentlich gar nicht da, kümmern Sie sich nicht um mich! Was für ein Job! Dass sie nicht vor Langeweile anfrieren oder einschlafen, ist mehr als verwunderlich. Und was machen sie mit ihren Gehirnen während ihrer Dienstzeiten? Lesen ist ihnen wahrscheinlich verboten. Sie müssen ja aufpassen…

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(c) Foto: Jutta Schubert

Man sollte meinen, dass es in Prag keine neuen Kunstschätze mehr zu entdecken gibt. Doch weit gefehlt. Vor einigen Jahren erst hat man in der Loreto-Kirche eine Krypta mit spektakulären schwarz-weiß Fresken gefunden, die von der Vergänglichkeit allen Lebens erzählen. Der Engel mit dem Flammenschwert etwa oder der allgegenwärtige Tod mit seiner Sense, Darstellungen aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Die Krypta selbst ist nicht zugänglich, es gibt aber einen Nachbau auf der Galerie des Kreuzgangs.

Leider hatte der kleine Museumsshop bereits geschlossen. Ich habe mir daher erlaubt, einen Schnappschuss von dem ausgestellten Poster der alles beherrschenden Todesfigur zu machen.

Danach, leicht durchgefroren und hungrig, zum Café Slavia. Mein Pianist ist aus Amerika zurück und spielt wunderschön „As time goes by“. Ja, meine Zeit hier läuft auch langsam ab. Es beschleicht mich ein leichtes Gefühl von Abschied, das sich wie ein seidenes Tuch über die Stadt legt und gut zum grauen Nebel passt. Hie und da ist mir, als sähe ich blaue, länger werdende Schatten.

Schnell zahlen und in die Straßenbahn, bevor er wieder anfängt zu spielen. Gegen Sentimentalität hilft ungemein, eine Dreiviertelstunde in den oftmals überfüllten Straßenbahnen und Metrozügen hinaus in die Vorstadt zu fahren, um in meine warme Wohnung und an den Schreibtisch zu kommen.

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 22

Montag, 24. November 2014

Der Geist von Mozarts Katze

Liebster,

eine Enttäuschung hielt Prag allerdings nun doch für mich bereit und dabei eine gänzlich unerwartete. Heute machte ich mich endlich auf in den Ortsteil Smichov auf der anderen Moldauseite, um die Villa Bertramka zu sehen. In diesem Haus, das ehedem dem Ehepaar Dusek gehörte, wohnte Mozart während seiner Besuche in Prag 1787 zur Uraufführung seines „Don Giovanni“ und 1791 zu „La clemenza di Tito“. Josepha Dusek war eine Bewunderin und Gönnerin des Komponisten und stellte ihm das weitläufige Anwesen der Villa Bertramka mit großem, parkartigem Garten als Rückzugsort zur Verfügung, damit er seine Oper „Don Giovanni“ zu Ende komponieren konnte, was ihm in der Hektik der Stadt zwischen dem Hotel und den bereits laufenden Proben wohl nur schwer möglich war.

Mozart nahm das Angebot von Josepha Dusek an und verbrachte fernab des lärmenden Stadt- und Theaterbetriebs eine Zeit auf dem ehemaligen Weingut, das damals wirklich weit außerhalb lag.

Um die Villa Bertramka ranken sich seither einige hartnäckige Legenden, deren Wahrheitsgehalt nicht mehr zu überprüfen ist. Mozart soll dort gut gearbeitet und in der Nacht vor der Premiere des „Don Giovanni“ schnell noch die Ouvertüre komponiert haben. Man sagt ihm eine Liebschaft mit seiner Gönnerin nach, ebenso, dass sich Giacomo Casanova einige Male zu Besuch in der Villa aufgehalten habe, da er zeitgleich in Prag war, und dass Casanova und Mozart sich in der Bertramka begegnet seien.

Der deutsche Autor Hanns-Josef Ortheil hat über diese Zusammenhänge einen Roman geschrieben, „Die Nacht des Don Juan“. Er war auf die Idee dazu gekommen, nachdem er die Räume und die Ausstellung in der Villa Bertramka besucht hatte. Denn heute befindet sich dort selbstredend ein Mozart-Museum. Die damals genutzten Wohnräume sind museal zugänglich, auch Mozarts Arbeitszimmer mit dem Cembalo, an dem er komponiert haben soll. Ja, das wollte ich natürlich unbedingt sehen und es sollte für mich im Stillen einer der Höhepunkte meiner Prager Besichtigungstouren werden.

Mein Reiseführer warnte zwar vor dem etwas miefigen „Dornröschenschlaf“, in den der liebliche Ort gefallen sei, seit die Prager Mozart-Gemeinde das Anwesen übernommen habe. Doch dieser Führer hat inzwischen etwa gleichviel Recht und Unrecht behalten, und da er außerdem die tägliche Öffnungszeit des Museums zwischen 10 und 17 Uhr vermerkt, machte ich mich ganz sorglos und voller Vorfreude auf den Weg.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Harald Salfellner schreibt in seinem schön detailreichen, gut recherchierten und reichlich bebilderten Buch „Mozart und Prag“ zwar, dass die Landschaft in der Umgebung der Villa sich im Laufe des 19. Jahrhunderts grundlegend wandelte und die Vorstadt Smichov sich zu einem rasch aufstrebenden Industrieviertel entwickelte, das bald schon einen Kranz von Fabriken und Schloten rund um den Landsitz legte, „der wie eine Insel der Ruhe aus dem Lärm des Gewerbegebiets ragte. Heute sind diese Fabriken, so sie noch bestehen, längst selbst zu Anachronismen geworden, die im Vergleich zur gesichtslosen Industriearchitektur der Gegenwart oder dem aufdringlichen Glaspalast einer Hotelkette in unmittelbarer Nähe der Bertramka fast anmutig wirken.“

Soweit Harald Salfellner, dessen eindeutige Warnung, die man aus diesen Worten herauslesen konnte, ich ebenfalls in den Wind schlug. Ich bin halt ein Kind vom romantischen Mittelrheintal und in den letzten Jahren habe ich zudem so viele inspirierende Dichter- und Musikerstätten im Osten Deutschlands, auf dem Gebiet der ehemaligen DDR besucht, die alle nach der Wende wunderbar restauriert wurden und sehr gepflegt werden, so dass ich dachte, ein Ort, wo Mozart seinen „Don Giovanni“ beendet hat, könnte all das mit Leichtigkeit überflügeln.

Die Metro spuckte mich an der Station Andel in eine turbulente Geschäftsstraße und zudem mitten hinein in einen verfrühten Weihnachtsmarkt vor der Station. Smichov ist heute ein Viertel irgendeiner modernen, gesichtslosen Großstadt und ich sehnte mich sofort in die Prager Altstadt zurück. Hier in Smichov war ich plötzlich atmosphärisch irgendwo zwischen Köln und Stuttgart gelandet. Doch links in der Ferne machte ich einen grünen Hügel aus, vielleicht sogar einen Weinberg. Also ließ ich die vielfältigen Gerüche der Glühwein- , Kerzen- und Seifenstände hinter mir und machte mich auf den Weg.

Buchstäblich auf Schritt und Tritt wurde es schlimmer. Autobahnzubringer kreuzten die Hauptverkehrsstraße, bald wusste ich gar nicht mehr, wo man denn als Fußgänger entlanglaufen sollte. Zwischen abbruchreifen ehemaligen Fabrikgebäuden, stark befahrenen Verkehrsadern, Dönerläden, Baustellen und abbruchreichen Häusern mit leeren Fensterhöhlen gelangte ich endlich die kopfsteingepflasterte Auffahrt zur Bertramka hinauf. Schon von weitem sah ich, dass das große Eingangstor des Anwesens geschlossen war. Doch es gab eine kleine Tür daneben. Zu. Ich rüttelte am Tor. Ich klopfte. Ich las das schmuddelige Schild an der Mauer, das auf das Museum hinwies. Immerhin, ich war also richtig. Die darauf gedruckten Öffnungszeiten waren mit einem Zettel überklebt worden, darauf stand: Täglich 10-16 Uhr. Ich schaute ungläubig auf meine Armbanduhr. 13.30 Uhr. Dann stieg ich den Treppenweg links neben dem Tor hinauf, an der Außenmauer des Anwesens entlang, in der Hoffnung, eventuell von hinten irgendwo Einlass zu finden. Die mit Graffiti besprühte hohe Wand ließ keinen Blick in den Park dahinter zu. Im Haus hinter der Mauer war, soviel ich erkennen konnte, alles dunkel, es rührte sich nichts. Eine kleine, seitlich in die Mauer eingelassene Tür nahe des Hauses war von Spinnweben überzogen und sicherlich seit Jahren nicht mehr geöffnet worden sein. Kurz darauf konnte ich ein Schild hinter der Mauer erkennen: „Souvenirs“. Aha, da hatte es also mal was gegeben. Lange vorbei, wie mir schien.

Der Weg bergauf erwies sich als ergebnislos. Man gelangte in eine dahinter liegende Siedlung, die Geräusche eines belebten Schulhofs waren zu hören. Die Mauer knickte ab hier und zog sich rechts herum weiter. Die Größe des dazugehörigen Parks war daher jedenfalls ungefähr zu ermessen. Irgendwo in diesem Park soll eine Mozart-Büste stehen, habe ich gelesen.

Ich ging zurück, hinunter zum Tor. Wie ich jetzt erst sah, war das Anwesen auf der rechten Seite nur von einem sehr morschen, teils abgebrochenen Jägerzaun auf einer kleinen Betonmauer begrenzt, so dass man mir wenigstens einen Blick auf das Gelände erlaubte. Das große Tor, an dem ich gerüttelt hatte, war von hinten mit einem Holzstock gesichert. Der Weg zum Haus lag voll mit Laub und machte einen recht verwahrlosten Eindruck. Oberhalb konnte ich die Villa liegen sehen. Auf dem Weg hinauf saß eine schwarzbraune Katze und putzte sich ausgiebig. Sie schien das einzige lebende Wesen hier zu sein. Der Geist von Mozarts Katze, musste ich automatisch denken. Ich schoss einige Fotos über den Jägerzaun hinweg, vom Haus und vom Garten. Die Katze blieb unbeeindruckt. Dann machte ich mich auf den Rückweg zur Metrostation.

An einer roten Ampel mitten im Verkehrsgewirr, stand ich länger, bis ein Passant mich auf Tschechisch ansprach. Er drückte auf den Knopf für die Ampelanlage, den ich vorher gar nicht bemerkt hatte. Die Ampel sprang auf grün. „Ah“, murrte ich schlecht gelaunt. „English?“ fragte er. „Yes.“ „You must do that, otherwise the light will do nothing.“ Ich nickte. „Where do you come from?“ „Germany.“ „Hamburg?“ „No. Frankfurt.“ Er konnte meine Antwort nicht verstehen, der Autolärm war zu laut. „Aha“, sagte er deshalb. Wir gingen gemeinsam bis zur nächsten Kreuzung. Eigentlich bestand die Straße, soweit man sehen konnte, nur aus Kreuzungen. „I wanted to see the Mozart-Museum“, sagte ich. „But it’s closed.“ Er lachte und nickte. „Yes, there are not many tourists in Prag at the moment.“ Ich gab ein Knurren von mir. Dann hatten wir die nächste Kreuzung erreicht. Er bog nach links ab, ich ging nach rechts.

„Nur hinter der Mauer des ehemaligen Weingutes kommt noch eine Ahnung von der Stille und Poesie auf, die Wolfgang Amadeus Mozart hier gefunden haben mochte“, schreibt Salfellner. Möglich. Ich kann Mozart nur wünschen, dass er für sich und seine Musik hier ein Refugium gefunden hatte. Eine Inspiration, wie sie Hanns-Josef Ortheil vor Jahren an diesem Ort zuteil wurde, war mir heute jedenfalls nicht annähernd vergönnt. Ob nun gerade viel oder wenig Touristen in der Stadt sind, Mozart bleibt doch immerhin Mozart. Hat die Bertramka vielleicht nur montags geschlossen? Oder nur sonntags geöffnet? Oder zwischen November und März gar nicht? Ich werde es nicht erfahren. Bleibt nur, mir vorzustellen, wie es vielleicht einmal gewesen ist. Doch das war ohne den realen Anblick dieses traurigen Anwesens ehrlich gesagt leichter. Es gibt Momente, in denen beflügelt die Wirklichkeit die Phantasie überhaupt nicht. Vielleicht ist etwas von der Kraft dieses Ortes tatsächlich noch hinter den Mauern zu spüren. Vor den Mauern ist jedenfalls alles ausgelaugt, so leer und hässlich wie das, was Menschen aus Orten und Landschaften eben machen, wenn man sie gedankenlos immer weiter wurschteln lässt.

Heute findet man Mozart in Prag nur noch als Silhouette eines Schattenrisses. Einbeinig dirigierend, wie ein Eiskunstläufer, fliegt er über T-Shirts, Tassen und Postkarten hinweg, maßgeblich in Pink. Zu seinen Lebzeiten haben die Prager Mozart jedenfalls geliebt. Bei allem, was er in Salzburg und Wien erleben musste, war Prag für ihn ein Segen. Das ist doch ein Trost. Und neben den beiden Opern für Prag hat er uns außerdem noch die „Prager Sinfonie“ hinterlassen. Von alledem weiß die Katze im Vorgarten der Bertramka nichts. Oder am Ende doch?

Der Weihnachtsmarkt vor der Metrostation hatte mich wieder. Nun war der Moment gekommen, endlich die süße böhmische Spezialität zu probieren, die in Prag an fast jeder Straßenecke angeboten wird. Trdelnik. Diese für mich unaussprechliche Süßigkeit sehe ich seit Wochen überall, ein rundes Gebäck aus Hefeteig mit gemahlenen Mandeln und Vanille, getaucht in Zimt und Zucker. Es wird an langen Spießen auf dem offenen Holzfeuer gebacken. Der oder das Trdelnik schmeckte warm, süß, hefig und ein bisschen zu trocken. Adieu Smichov.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Als ich wieder am Wenzelsplatz stand, war der Nachmittag schon weit fortgeschritten und es hatte zu nieseln begonnen. Ich ging ziellos und fand dabei Dinge, die ich bislang übersehen hatte. Das Geburtshaus von Egon Erwin Kisch beispielsweise oder das Glockenspiel der astronomischen Uhr, bei dem der Tod das Glöckchen läutet und seine Sanduhr dreht, während über ihm in zwei kleinen Fensteröffnungen zu jeder vollen Stunde die zwölf Apostel vorbei defilieren, jeweils mit einem kurzen Blick hinunter zu ihrem staunenden Publikum, das heute nur aus wenigen Touristen bestand. Was für ein Segen. Schnell sind alle Apostel durch, die Fenster schließen sich, durch die Menge geht ein enttäuschtes „oh“.

„And now we will change money“, hörte ich prompt jemanden mit großer Befriedigung neben mir sagen und erinnerte mich an den jungen Mann, den ich vor Tagen im Vorbeigehen zu seiner Partnerin sagen hörte: „Jetzt haken wir erst mal die Karlsbrücke ab und dann gehen wir was essen.“

Bei meinem neugierigen, etwas gedankenlosen Umherschweifen habe ich heute auch begriffen, wie viele verschiedene Sorten von Absinth es gibt und dass man die dazu angebotenen löchrigen Silberlöffel dazu benutzt, absinthgetränkte Zuckerwürfel zu erhitzen, bis sie karamellisiert sind, um sie dann mit einer Mischung aus kaltem Wasser und Absinth zusammen aufzurühren. Eine Art Ritual, das ein Japaner, den ich beim Einkauf beobachtete, gut zu kennen schien. Er suchte sehr wählerisch eine ganz bestimmte Sorte farblosen Absinths aus und bestellte dazu: „And the sugar please.“ Nach dem zweiten oder spätestens dritten Gläschen kommt, wie ich mir sagen ließ, unweigerlich und sofort der Black Out, verbunden mit einem Filmriss. Darauf steuert der Absinthtrinker in meiner Geschichte aus dem Café Slavia zielstrebig zu.

Um noch mehr Englisch zu hören, suchte ich das amerikanische Literaturcafé „Globe“ in einer der Seitenstraßen hinter der Nationalstraße auf. Dort hängen sehr schöne Autorenfotos an den Wänden, in einer seltsamerweise völlig unbeleuchteten Fotogalerie. Ich sah sie mir trotzdem an und erkannte unter anderem Susan Sontag, Umberto Eco und Gore Vidal, eine Originalaufnahme aus dem Café. Der dazugehörige amerikanische Buchladen ist mit nahezu der gesamten einschlägigen englischsprachigen Weltliteratur bestückt, eine Freude für mich, das zu sehen. Hier blieb ich dementsprechend länger, um zu stöbern, den Regen abzuwarten und einen echten, amerikanischen Cheeseburger zu essen. Bei so viel Englisch um mich herum fühlte ich mich nahezu heimisch. Denn ausnahmsweise konnte ich zum ersten Mal seit Wochen alles lesen!

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 21

Sonntag, 23. November 2014

Havel na Hrad

Liebster,

heute war Kinotag. Zuerst habe ich in der wunderbaren Jugendstil-Ausstellung im Gemeindehaus nicht nur meinen Eindruck der Art Nouveau-Epoche, nach dem Besuch im Mucha-Museum vor einigen Tagen, vervollständigen und erweitern können: Großartig beispielsweise die ausgestellten Kleider aus der Zeit. Die „femme fatale“, eine Erfindung des Jugendstils sozusagen, musste eine reichhaltige Garderobe vorweisen, um gesellschaftlich bestehen zu können. Dazu war einerseits Geld notwendig und andererseits viel Zeit. Sie musste sich mindestens fünf Mal am Tag umziehen, um vom Frühstück über das Mittagessen, den nachmittäglichen Teeempfang und den Parkspaziergang bis hin zum abendlichen Theaterbesuch oder dem Ballsaal jeweils à la mode gekleidet zu sein. Ich dachte dabei die ganze Zeit an Wedekinds „Lulu“ und hätte ihr gerne alle diese Kleider angezogen. Am aussagekräftigsten in ihrem Fall natürlich die Unterwäsche, die Mieder mit Strumpfhaltern und die Korsagen!

Ach, wie gut, dass ich in meiner bequemen Jeans hier entlang schlendern kann, ohne dass jemand mir eine Kleiderordnung abverlangt, einfach mit Pulli und Jacke und gutem Schuhwerk für die kopfsteingepflasterten Prager Straßen.

Doch ein Herzstück der Ausstellung war für mich der kleine Schwarzweiß-Dokumentarfilm über das Prag von 1908 – somit auch das Prag, das Kafka gesehen hat. Eine wackelige Kamerafahrt in der offenen Straßenbahn und viele authentische Stadtbilder. Das meiste, was damals dem Kameramann vor die Linse kam, gibt es ja wunderbarerweise noch, nur manches nicht mehr, wie die Ausgehroben der Damen oder die Kettenbrücke über die Moldau, wo Kafka so gerne spazieren ging. Hätte ich diesen Film in meinen ersten Tagen hier gesehen, wäre es mir nicht möglich gewesen, mich zu orientieren. Doch jetzt erkenne ich alle Ecken, Plätze und Straßenzüge auf Anhieb. Der Wenzelsplatz, das Nationaltheater, das obere Ende der Nerudova, wo es rechts zum Hradschinplatz hinaufgeht, die alte Schlossstiege, der Kleinseitener Brückenkopf der Karlsbrücke. Denkt man sich die Garderobe der Passanten anders und sehr viel mehr Geschäfte und Schaufenster dazu, so könnten es Aufnahmen von heute sein, nur in schwarzweiß.

Am späten Nachmittag gehe ich ins Lucerna-Kino. Im kleinen Saal, ganz oben unter dem Dach, wo jeder Kinositz mit dem Konterfei eines Leinwandstars ausgestattet ist, sehe ich den brandneuen Dokumentarfilm über Vàclav Havel.

„Oh, James Bond!“ sagt die Dame in der Reihe vor mir. Sie meint das Bild auf dem Sessel, auf den sie sich setzt. Ich habe Marilyn Monroe nur knapp verfehlt.

Hier gibt es noch einen hölzernen Garderobenständer, kein Popcorn, und die beschirmten Lämpchen rechts und links an den Wänden wirken beschaulich. Doch es ist keinesfalls muffig oder altbacken, es strahlt ruhige Konzentration und stolze Tradition aus. Viele der Kinobesucher sind sehr alt, sie kommen nur mit Mühe die vielen Treppen zum Kinosaal hinauf. Einen Aufzug gibt es wohl nicht. Mir wird bewusst, dass es sich dabei wohl um Zeitgenossen Havels handeln muss. Sie mögen ihn vielleicht sogar persönlich gekannt haben. Das rührt mich. Und es gibt mir einen ersten Hinweis auf das schnelle Vergehen der Zeit.

Der Film tut dann ein Übriges. Zwar verstehe ich fast kein Wort, abgesehen von den wenigen Sätzen, die Havel auf Englisch spricht, vor einem ausländischen Parlament etwa oder zu einem internationalen Reporter. Der Film wird nicht englisch untertitelt, man rechnet hier wohl nicht mit ausländischen Besuchern. Doch die Bilder sprechen für sich und nehmen mich gefangen. Der Wenzelsplatz, ein einziges wogendes Meer aus Menschen und Flaggen, als Havel ans Mikrophon tritt. – Die sowjetischen Panzer direkt hinter der Reiterstatue Wenzels, die eine Menschenmenge vor sich hertreiben. – Der junge Havel am Schlagzeug. – Der Präsident Havel am Kontrabass. – Ein flüchtig in die Kamera blickender Dissident Havel, der bei seiner Verhaftung kurz und schnell das Victory-Zeichen macht, bevor er in ein Fahrzeug geschubst wird. – Die Gesichter der Trauernden beim Begräbnis von Jan Palach.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Havels Leben in fünfundsiebzig Minuten in sprechenden Bildern, von der Geburt bis zum Staatsbegräbnis: Havel als junger Dichter mit Zigarette. Havel im Büro des Präsidenten, die Haare kürzer und ordentlicher jetzt und mit Krawatte, doch ebenfalls mit der unentbehrlichen Zigarette. Im Garten seines Landhauses, gegenüber einer Baracke, aus der heraus die Geheimpolizei jeden seiner Schritte überwacht. Eine gar nicht geheime Überwachung. Er nennt sie einem ausländischen Journalisten gegenüber „my new neighbours“.

Die Kinobesucher lachen oft, vermutlich äußert er sich zu vielen Sachverhalten mit Humor, das kann man oftmals auch an seinem schelmischen, leicht amüsierten Blick ablesen, selbst, wenn es um die wirklich ernsten Dinge geht.

Sein Leben in knapp fünfundsiebzig Minuten vorbeiziehen zu sehen, ist eine gewaltige Zeitreise. Ich möchte manchmal gerne verharren, dem, was ich sehe, nachhängen können. Doch unaufhörlich treiben die Bilder weiter bis zum Ende, die schwarze Flagge auf der Prager Burg. In der letzten Einstellung ist er wieder jung, geht mit seinem Hund durchs Gartentor hinaus in den Schnee, wirft einen Ast, den der Hund apportiert. Dann ist es aus und ich stehe wieder draußen auf dem Wenzelsplatz. Wie durch eine Folie sehe ich noch die Menschenmasse, die ihm zujubelte, auf dem überfüllten Platz und an allen Fenstern und Balkonen. Mühsam reiße ich mich in die Wirklichkeit des Novembers 2014 zurück. „Bohemian glass“, original tschechische Küche, Mc Donalds-Restaurants, Schuhgeschäfte, Bettler.

Wie kurz ein Menschenleben ist, das, obwohl so ereignisreich, in fünfundsiebzig dichten Minuten zusammengefasst werden kann. Gestern lief er hier entlang, heute ich, morgen… Was machen wir mit dieser kleinen Zeit, in der unser Leben vergeht. Bevor meine Gedanken mich allzu traurig und düster werden lassen, betrete ich schnell einen Buchladen, der gerade noch eine Viertelstunde geöffnet hat.

„Havel zählte in der Generation der Dissidenten zu den Wenigen, die den Übergang zur demokratischen Ära schafften, ohne ihren Idealismus oder ihre Bedeutung zu verlieren. Seine dreizehnjährige Präsidentschaft, zunächst der Tschechoslowakei, dann der Tschechischen Republik, gehört zum besseren Teil der Zeit nach 1989… Noch vor seinem Tod im Dezember 2011 bekundete Havel seine Abneigung gegen die Richtung, in die sich nach seiner Meinung die tschechische Gesellschaft entwickelte. Die Dinge waren nicht so gelaufen, wie von ihm erhofft; Cowboy-Kapitalismus, Korruption und Ellenbogenpolitik hatten seine Vision der Zukunft des Landes beschädigt. Wie in weiten Teilen des postkommunistischen Europas war die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft noch unsicher, während die demokratische Revolution erfolgreich war.“

Mit diesen Worten zitiert die „Prager Zeitung“, Prags deutsche Wochenzeitung, in ihrer Presseschau das Londoner Magazin „The Economist“.

Die Tschechen haben Probleme mit ihrem Staatsoberhaupt Milos Zeman. Am Staatsfeiertag zum 25. Jubiläum der Samtenen Revolution war ich auf dem Hradschinplatz dabei, als ihm Demonstranten die rote Karte für sein Verhalten und seine Politik zeigten. Es scheint, Václav Havel hatte mit seinen Bedenken leider Recht. Zeman verharmlost Russlands Ukraine-Politik und leistet sich wohl immer wieder unglaubliche öffentliche Fauxpas, die den Eindruck erwecken, er habe die Kontrolle über sich verloren. Immer mehr drängt sich der Vergleich mit Boris Jelzin auf, der ebenfalls oftmals und gerne über die Stränge schlug. Quer durch die Parteienlandschaft wendet sich das Volk von seinem Präsidenten ab.

Die „Prager Zeitung“ zitiert auch die FAZ: „In der Tschechischen Republik ist die Erinnerung an die Wende aufs Engste mit Václav Havel verbunden. Als der im Dezember 2011 starb, ahnte keiner, wie rasch eine neue Führungsgarnitur in der Tschechischen Republik sein politisches Erbe verspielen würde.“ Die wahre Gefahr gehe nicht mehr vom Kommunismus aus, sondern von denen, die auf autoritäre Methoden setzten und die Demokratie missbrauchten, um sich Wirtschaft, Medien und politische Macht unterzuordnen.

Mit heute sehr nachdenklichen Grüßen,
Deine

Briefe aus Prag – 20

Samstag, 22. November 2014

Casanova tanzt (2)

Liebster,

Erster Balkon, Loge 18, dort hat Giacomo Casanova sich mit der schönen Dame im blauen Kleid verabredet. Endlich, er kann es kaum erwarten, anzukommen, die Pferde scheinen ihm heute so langsam, die Straßen sind voller hastender Menschen und im allgemeinen Trubel steckengebliebener Fuhrwerke, alle scheinen dem Theater zuzustreben. Kein Wunder, Mozart aus Wien feiert seine Premiere, jeder, der eine Karte ergattern konnte, ist dahin unterwegs. Seit Tagen ist er Stadtgespräch, der kleine Wiener, ach was, seit Wochen schon, hier und da pfeifen sie immer noch die Melodien seines „Figaro“ und nun erwarten sie die neue, große Oper des Wunderkomponisten, „Don Giovanni“. Casanova weiß nicht recht, was er davon halten soll. Gelassenheit, Neugier und kleine Anflüge von Panik, die ihm den Schweiß aus den Poren treiben, wechseln sich in ihm ab. Er sitzt in die Polster seiner Kutsche gedrückt und fächelt sich mit einem Taschentuch Luft zu. Man ist immer geneigt, zu glauben, dass man selbst gemeint ist, in der Literatur, dabei sind es doch nur Hirngespinste, die gar nichts mit einem zu tun haben. Parallelen, sicher, die mag es geben, aber das kann auch Zufall sein, woher sollte schließlich dieser etwas theoretische und ungelenke Librettist Lorenzo da Ponte Kenntnis irgendwelcher Interna haben. Andererseits, er ist Venezianer, ein Landsmann, und Venedig ist klein und voller Gerüchte, da sollte man schon ein wenig auf der Hut sein.

Casanova seufzt. Er ist schon so lange aus seiner Heimatstadt vertrieben, selbst eine Stadt wie Prag reicht nicht an Venedig heran. Sie kann sich in vielem messen, sicherlich, und es lebt sich gut hier, vor allem in den Palais auf der Kleinseite, wo die Adeligen sich in weitläufigen Gärten ergehen und ihre Töchter zur Schau stellen, oder gelangweilt Karten spielen und sich immerzu Tee servieren lassen. Dagegen mischt ein Mann wie Mozart alles auf, setzt sich an jedes verfügbare Cembalo, macht sogar die Orgeln in den diversen Kirchen unsicher, dieser Mann scheint Musik im Blut zu haben, dass es einem schon fast zuviel wird. Und wie in aller Welt ist er auf „Don Giovanni“ gekommen? Oder war es am Ende doch eher da Ponte, der darauf kam? Als er im vergangenen Jahr in Dresden mit ihm zusammentraf, bei jenem ausgesprochen herrlichen Fasan. Zugegeben, Sie hatten beide ein wenig zu viel getrunken, als sie über die Elbterrassen zu ihrem Hotel wankten. Es war eben ein Wein aus dem Veneto. Hat er ihm dabei möglicherweise einen Anlass geboten, die Idee zu gebären, sein Leben für einen Opernstoff zu verwenden? Gott bewahre. Doch Casanova erinnert sich leider nicht mehr an Details aus jener denkwürdigen Nacht.

Endlich ist er vor dem Theater angekommen, er quält sich aus der Kutsche, jemand grüßt ihn, er sieht nicht hin, macht nur einige müde Handbewegungen nach rechts und links, winkt mit dem Taschentuch. Ach, wäre man in Venedig und könnte jederzeit, auch auf der Straße, eine Maske tragen! Nichts wie hinein in den Musentempel und sofort die Treppe hinauf. Jemand scheint ihm seinen Namen hinterher zu rufen, er täuscht einen Hustenanfall vor und macht, dass er wegkommt, drängt sich die Treppe hoch, zwischen den Kleidern der Frauen, den Ellenbogen der Herren hindurch. Sie murren und lassen ihn doch vorbei. Diese Gerüche im Theater! Da drüben muss die Loge sein, 10, 11, ah, dort entlang, 15, 16 – da ist sie ja! Die 18 auf der Tür ist wie eine Verheißung, sie soll ihm heute Nacht Glück bringen, die acht steht für Unendlichkeit. Er lässt sich vom Logenschließer die Tür öffnen, schlüpft hinein, atmet auf, allein zu sein.

Die Schöne ist noch nicht da, er hatte die Einladung mit dem Billett ins Mansfeld-Palais bringen lassen, schon vorgestern, und keine Antwort erhalten. Aber das will nichts besagen, im Gegenteil, es ist ein gutes Zeichen, sie hat nicht abgesagt! Also wird sie kommen und wenn sie sich davonstehlen muss. Sie wird heimlich das Haus verlassen und erst in letzter Minute eintreffen. Selbstverständlich will sie nicht gesehen werden, vor allem nicht mit ihm. Er wird warten, geduldig, das Spektakel fängt noch nicht an, im Augenblick strömt das Volk durch die Türen ins Parkett und in den Logen rücken die Damen ihre feinen Hintern zurecht.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Der in Kerzen erstrahlende Theatersaal, fünf Ränge hoch, das geheimnisvolle Rascheln der Kleider, erwartungsvolles Flüstern und Wispern, es ist, als knistere es vor Spannung in der Luft. Der taubenblau geraffte schwere Vorhang, die kleinen Logen über drei Ränge hinauf, jede ein intimes Séparée. Das Paradies könnte nicht verheißungsvoller sein. Dieser Mozart hat Glück, einfach unverschämtes Glück. Sie lieben ihn hier, in Wien bekommt er keinen Fuß auf den Boden, aber hier in Prag liegt man ihm zu Füßen und die Atmosphäre produziert ihm schon von ganz allein den Erfolg. Dazu der Stoff – vielleicht ist doch ein klein wenig von seinem, Casanovas Mythos, in die Oper eingeflossen? Er hat eine Probe gesehen, die vielversprechend war, Don Giovanni verführt eine junge Unschuldige in einer Gartenlaube… und dieser verrückte Mozart schien auf der Probe mit Händen und Füßen zugleich zu reden. Ein engagierter Mann, ohne Zweifel. Ein wenig hässlich, aber seine Frau nicht minder, wo mag sie sitzen, die kleine Constanze, ganz vorne in einer der Proszeniumslogen oder unten im Parkett? Sie lässt ihn ja kaum aus den Augen, ihren Wolferl.

Casanova kann sie nirgends entdecken, will sich jedoch nicht zu weit über die Brüstung lehnen, um nicht aufzufallen oder gar erkannt zu werden. Das wäre zu unangenehm, wenn man wüsste, der berühmte Casanova befindet sich in Loge 18! Mal sehen, wie er auf die Oper reagiert. Vielleicht gibt es Anspielungen, vielleicht produziert er einen Skandal! Und wer zum Teufel ist die Schöne neben ihm?

Wo sie auch bleibt. Nein, auf einen Skandal seinerseits darf man hier heute Abend getrost vergeblich warten. Er ist gekommen, um sich zu amüsieren und, nun ja, zugegeben, ein wenig neugierig ist er schon. Wo sitzt dieser da Ponte? Vorsichtig späht Casanova hinunter ins Parkett, seine Augen tasten die Logen gegenüber ab. Er hat den Mantel ausgezogen und hängt ihn zur Feier des Tages selbst an den Haken neben der Tür. Er hat seinem Diener heute frei gegeben, er wollte keinen Diener dabei haben, das fehlte noch, ein Augenzeuge bei diesem verschwiegenen Tete-à-tete in aller Öffentlichkeit. Ein genialer Einfall, sich allein unter den Augen der Masse zu treffen. Doch wo bleibt sie nur?

Die Musiker haben Platz genommen und jetzt geht ein Raunen durch den Saal. Der Maestro erscheint, mit einem etwas hüpfenden Gang, wirklich ungeschickt, kein bisschen elegant. Wie kann ein solcher Tölpel diese grandiose Musik machen? Ja, richtig, er dirigiert ja heute selbst. Das hat er sich nicht nehmen lassen, sagt man. Er verteilt Notenblätter im Orchester, man kann nur staunen. Nun fällt es Casanova wieder ein, die Ouvertüre soll gestern noch nicht fertig gewesen sein. Der hat wirklich Nerven, dieser Salzburger Junge. Er stellt sich ans Pult, die Kerzen flackern, er dreht sich zum Zuschauerraum und verbeugt sich leicht. Applaus brandet auf, er dreht sich zurück zu den Musikern, hebt die Arme, als wollte er das Orchester umarmen, seine Perücke ist jetzt bereits verrutscht, da, der erste Ton. Es hat begonnen.

Das Gemurmel versiegt augenblicklich, ist einem gebannten Schweigen gewichen. Casanova blickt verstohlen zur Tür. Seine Schöne, sie ist nicht gekommen.

Während die ersten Takte erklingen – sie nehmen einen gefangen, das muss man sagen, wann hat er das komponiert, doch nicht etwa letzte Nacht? – blickt Casanova in den Spiegel, der rechts an der Logenwand hängt. Einen alten, schlaffen, in sich zusammengesunkenen Körper sieht er da, er erscheint ihm fremd, ganz unbekannt. Diese müden Augen unter einer verschwitzten Stirn schauen im flackernden Halbdunkel zurück. Ist das wirklich er?

Die Musik bringt etwas in ihm zum Vibrieren, als müsse er sich seiner selbst erinnern. Damals, als er…

Ach, was ist eine einzige Frau, die eine Verabredung mit ihm in den Wind schlägt, gegen diese unsterbliche Musik. Später, wenn es vorbei ist, wird er sich mit einer anderen trösten.

In Mozarts Gefolge gibt es genug lauernde Damen, die vergeblich auf ein Lächeln des Maestros warten. Er traut sich ja nicht einmal, zurück zu lächeln. Sonst hängt sein Haussegen mit Constanze schief. Dabei soll er doch zu seiner Gönnerin in die Vorstadt gezogen sein und Constanze im Hotel zurückgelassen haben. Angeblich, um sich zu konzentrieren

Später, ja. Casanova möchte die Augen schließen, eintauchen in die Musik, Doch jetzt hebt sich der Vorhang. Ist das Don Giovanni, der Sänger da unten auf der Bühne? Die Ähnlichkeit mit ihm selbst, findet Casanova, ist frappierend. Jede Sehne seines Körpers spannt sich… er lauscht.

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 19

Freitag, 21. November 2014

„Prag hat keine Realität.“ (Franz Werfel)

Liebster,

auf der Stirnseite der Altneusynagoge, zur Pariser Straße hin, kann man sehen, dass dieses Gebäude wirklich einen Dachboden besitzt. Weit oben unter dem Dachfirst gibt es eine Tür, zu der außen an der Fassade eiserne Stufen hinaufführen, die jedoch vom Boden aus nicht erreichbar sind. Es ist also in gewisser Weise eine unerreichbare Tür, die tatsächlich aussieht, als verberge sich hinter ihr ein Geheimnis.

Hinter dieser Tür auf dem Dachboden der Altneusynagoge soll der Legende nach Rabbi Löw die Reste des Golems unter alten Kleidern und Büchern, die dort aufbewahrt wurden, versteckt und seiner Gemeinde das künftige Betreten des Dachbodens verboten haben.

Wenn man vor dem altehrwürdigen Gebäude dieser ältesten erhaltenen Synagoge Europas steht und zu der Tür hinaufblickt, kann man das tatsächlich glauben.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Gustav Meyrinks berühmten Roman „Der Golem“, der mehrfach verfilmt wurde, kenne ich noch nicht, die Lektüre werde ich nachholen müssen. An den Andenkenständen in der Josevstadt, dem alten jüdischen Stadtteil, werden kleine Golems aus Ton angeboten. „This is Golem, for good luck.“ Ich habe einen der kleinen unförmigen Lehmmännchen gekauft, allerdings bei einem Künstler einige Straßen weiter, weil ich dort die Figur weit schöner ausgearbeitet fand. Aus rotgebranntem Ton steht er jetzt auf meinem Schreibtisch, den halslosen Kopf auf seinem massiven Körper, die schweren Arme auf einen breiten Gürtel gestützt. Ich mag ihn und er wird mich künftig auch zu Hause auf meinem Schreibtisch an Prag erinnern.

Dass Prag keine Realität hat, wie Franz Werfel meinte, kann ich nicht unterschreiben. Es hat, wie jede Stadt, viele Realitäten, nur sicherlich noch einige Realitätsschichten mehr als andere Städte. Diese Realitäten durchdringen ständig und bestehen nebeneinander fort.

Der alte jüdische Friedhof, wo in mehr als neun Schichten die Toten übereinander ruhen, da das Territorium, obwohl schon von größerem Ausmaß, nicht mehr erweiterbar war, erscheint wie ein mythisches Herzstück der Stadt. Nachdem ich noch ein zweites Mal darüber spaziert bin, muss nun doch auch Umberto Ecos Roman „Friedhof in Prag“ auf meine Leseliste.

Bei meiner öffentlichen Lesung gestern Abend stellte mir der Leiter des Prager Literaturhauses David Stecher eine Frage, die er allen Stipendiaten stellt. Was ist oder war bisher das Überraschendste für mich in Prag, im positiven oder auch im negativen Sinne. Etwas Negatives konnte ich nicht nennen. Die große Überraschung, das Erstaunlichste ist für mich die Unversehrtheit dieser Stadt, ihre Unzerstörtheit, das Nebeneinander an Baustilen und Bauwerken aus mehr als sieben Jahrhunderten. Dass die Stadt alle diese Jahrhunderte immer noch atmet und ausstrahlt, ist für mich ein großes Wunder und dieser Zustand erschafft die vielen Realitäten, die zuweilen eine Art von Unwirklichkeit bekommen. Man ist sich hier ständig der Zeitläufte bewusst. Dies, zusammen mit der wechselvollen und leidvollen politischen Geschichte dieser Stadt, gibt einem das Gefühl, am Grunde der Zeit und der Geschichte(n) zu forschen. Kafka sagte einmal einem Freund, mit dem gemeinsam er Spaziergänge durch seine Stadt unternahm, man fühle sich zuweilen wie in einer Taucherglocke, aus der heraus man die zerklüftete Unterwasserlandschaft der Stadt betrachten könne. Ja, da hat er mal wieder ein mehr als stimmiges Bild gefunden.

In der wunderschönen Halle des alten Sezessionsgebäudes am Hauptbahnhof, die heute neben dem hektischen Treiben in den mehrgeschossigen labyrinthischen Ladenstraßen um sie herum, den Rolltreppen, Metroeingängen, Hinweistafeln und den vielen an- und abreisenden Menschen, einen abseitigen Dornröschenschlaf fristet, steht noch immer zur Begrüßung und Verabschiedung der Reisenden: „Prag, Mutter aller Städte“ zu lesen.

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 18

Donnerstag, 20. November 2014

„…mein wirkliches Leben anzufangen, in welchem mein Gesicht endlich mit dem Fortschreiten meiner Arbeiten in natürlicher Weise wird altern können.“

(Franz Kafka, Tagebucheintrag vom 3.1.1912)

Liebster,

bei dem recht unbekannt gebliebenen Autor und Kafkaforscher Josef Mühlberger (1913-1978) las ich in einem Bändchen, das ich in der Bibliothek des Prager Literaturhauses fand, seine wirklich beeindruckenden autobiografischen Schilderungen zur Zeit der deutschen Besatzung Prags und seine eigene spätere Vertreibung aus dem Sudetenland. In diesen Aufzeichnungen schildert er eine Begegnung mit Max Brod in der Redaktion des Prager Tagblatts im Oktober 1938, kurz nach dem Einmarsch der Deutschen. Hier ein gekürzter Auszug seiner sehr eindringlichen Schilderung: „Die überfüllte Stadt erschien stumm, trotz der Unruhe der Menschen wie erstarrt, vor Beklommenheit und Angst, was nun kommen musste, gelähmt…. Die Stadt Franz Kafkas lag in einem Alptraum. Oder in Agonie? Ich ging in die früher oft betretene Herrengasse, ins Haus des Prager Tagblatts… Max Brod saß in seinem schmalen Redaktionszimmer, hockte hinter seinem mit Papieren und Büchern überladenen Schreibtisch, klein in dem Tohuwabohu, das so wüst wie immer war…

„Auch in Prag sind die Wände mit Hakenkreuzen bemalt – darin sind sich die Urfeinde, Tschechen und Deutsche, einig.“

„Gewiss. Hektik. Das wird sich legen. Man wird nichts übereilen müssen, man kann sich Zeit lassen.“ Nach kurzem Schweigen fuhr er fort: „Wenn es so weit kommen sollte – wie bring ich den Kafka heraus?“… Er schaute mich an, dann sagte er aus einer Traurigkeit, deren Schatten oft über sein Gesicht glitt: „Kafka hat es mit seinem Wunsch, seine Handschriften zu vernichten, ernst gemeint, wie er alles immer nur ernst gemeint hat. Wie oft fragt man mich: Warum hat er es nicht getan? Dumme Frage! Er hat gelebt, indem er schrieb… Hätte er, solange er lebte, vernichten sollen, wodurch er lebte? Das wäre einem Selbstmord gleichgekommen… Hatte ich ein Recht, das Werk, das sein Leben gewesen und zum Vermächtnis eines Toten geworden ist, zu vernichten? Ich bin kein Mörder.“ Nach kurzem Schweigen fuhr er fort: „Geht es nur um Kafka? Es geht auch um mich. Kafkas Werk ist wie sein Stück Leben ein Stück von mir geworden. Mehr noch als das! Dieses Werk vernichten, wäre für mich einem Selbstmord gleichgekommen.“

So unmittelbar von einem direkten Zeitzeugen berichtet, leuchtet mir diese Erklärung absolut ein und macht mich betroffen. Es handelt sich, wie man sich eigentlich denken kann, um weit mehr, als das Retten unschätzbarer Texte der Weltliteratur. Dahinter steht auch ein ganz persönliches Schicksal und Dilemma.

In einer Erzählung Mühlbergers, die er „Besuch bei Kafka“ nennt, schildert er außerdem eine fiktive Begegnung mit Kafka auf dem tschechischen Ehrenfriedhof Vysehrad. Sie inspirierte mich zu nachfolgendem Text, wie ich mir einen „Besuch bei Kafka“ vorstellen könnte.

Kafkatasse2Das wirkliche Leben

„Ach, kommen Sie doch herein, in meine Mönchsklause“, sagte Kafka und trat einen Schritt beiseite, beinahe unmerklich, um mich vorbeizulassen. Ich hatte Scheu, das kleine Häuschen zu betreten. Zu intim, zu nah schien mir diese Schreibhöhle, doch da er dabei war, gebot schon allein die Höflichkeit, seine Einladung anzunehmen. Dennoch kam ich mir wie ein Voyeur vor. Ich verschränkte die Hände auf dem Rücken und wagte den Schritt über die Schwelle, in einen winzigen Flur, links sah ich eine schmale niedrige Tür, die zum Abort führte – dort mochte er einen Eimer stehen haben, fließendes Wasser gab es hier im Alchimistengässchen doch wahrscheinlich nicht.

Mit nur wenigen Schritten stand ich bereits mitten in dem winzigen Zimmer und drehte mich, etwas beklommen und scheu nach meinem Gastgeber um. Er schloss die Tür und folgte mir. „Es gibt leider“, sagte er, „keinen zweiten Stuhl. Wissen Sie, niemand besucht mich hier und das ist normalerweise auch gut so. Nur meine Schwester kommt manchmal. Sie bringt das Essen…oder… holt das leere Geschirr wieder ab. Sie umsorgt mich.“

Ich stand etwas hilflos herum, die Hände noch immer hinter dem Rücken verschränkt und nickte. Es war schon dämmrig in dem kleinen Raum, deshalb hatte ich Angst, er könnte mein Nicken nicht bemerken und sagte schnell: „ Ja. Danke, dass ich es mir anschauen darf.“

„Nehmen Sie doch Platz“, sagte er und deutete mit dem ausgestreckten Arm auf den Holzstuhl, der vor dem kleinen Holztisch am Fenster stand. „Aber…“, setzte ich zögernd an, „das ist doch… Ihr Arbeitsplatz.“ Er lachte. „Nicht, wenn Sie hier sind!“ sagte er.

Es schien ihn außerordentlich zu amüsieren. „Sie werden sich ja nicht festsetzen! Oder gar einnisten! Denn in dem Falle wäre ich gezwungen…“. Er vollendete den Satz nicht, ließ ihn locker ins Schweigen versickern, aber das war nicht unangenehm. Die Stille hing einen Moment zwischen uns.

„Um Himmels Willen!“ rief ich aus, „ich bleibe nur ein paar Minuten. Ich komme mir sowieso schon wie ein Eindringling vor.“

„Eindringling?“ Seine großen, dunklen Augen ruhten auf mir. „Nein, nein. Das besorgen andere. Ich habe Sie ja eingeladen.“

„Es ist mir eine Ehre.“ Ich zog den Stuhl so unauffällig wie möglich ein klein wenig vom Tisch fort, er schabte über den Boden, und setzte mich vorsichtig. Er knarrte etwas, war hart und kalt. Ein wenig verlegen begann ich, mich umzusehen. Auf dem Tisch gab es eine Lampe, ich konnte in der Dämmerung nicht erkennen, ob es eine Petroleumlampe war oder ob es hier im Häuschen Storm gab. Er zündete sie nicht an. Er stand etwas rechts von mir in der Tiefe des kleinen Raums, eine schwarze schmale Gestalt im halben Licht. Durchs Fenster sah ich hohe Baumstämme, die sich in einen Abgrund verloren. Er schien meinem Blick zu folgen. „Der Hirschgraben“, sagte er. „Aber im Grunde sehe ich nichts davon. Ich komme immer nach Einbruch der Dunkelheit, dann ist es einfach schwarz vor dem Fenster, sehr schön und sehr still.“ In seiner Stimme klang etwas Sehnsüchtiges.

„Das ist wunderbar für Sie, dass Sie diesen Ort gefunden haben“, sagte ich. Ich wagte es, die Tischplatte zu berühren. Sie fühlte sich glatt und speckig an, beinahe wie Stein. Neben der Lampe lagen einige schmale Hefte, sämtlich mit schwarzem Einband, die Kanten sehr ordentlich aufeinandergelegt. Sie sahen wie die Schulhefte eines besonders akribischen Schülers aus. Meine Hand zuckte, doch ich beherrschte mich und berührte sie nicht.

„Das ist nichts“, sagte er, „ein paar Tagebuchaufzeichnungen. Nichts von Bedeutung. Und dort“, er deutete nach links, „das sind lauter Anfänge.“

„Anfänge?“

„Ja, ich sitze da unter anderem an etwas, ich nenne es Das Schloss. Nichts Großes. Auch noch kein guter Titel, oder? Was meinen Sie?“

Mein Herz klopfte spürbar, ich befand mich in einer Zwickmühle. Sollte ich ihm sagen, dass ich aus der Zukunft kam, dass ich bereits wusste…

„Es kommt darauf an“, erwiderte ich vorsichtig.

„Worauf?“ Plötzlich schien er hellwach.

„Nun, worum es sich dabei handelt.“

„Sie meinen, um was es geht? Das kann ich noch nicht sagen.“ Ich hörte, dass er log und er schien das zu bemerken und setzte unschlüssig hinzu: „Eine Variation des immergleichen Themas. Die Menschen. Ihre Macht. Ihre Machtlosigkeit.“

„Ein Roman?“ wagte ich mich vorzutasten.

„Vielleicht“, sagte er leichthin. „Ein Luftgebilde. Wie gesagt. Nichts Weltbewegendes.“

Ich hatte den Eindruck, er wollte gern das Thema wechseln. In der Tat sah ich weiter nichts in dem kleinen Zimmer, keinen Schrank, kein Regal mit Büchern. In seinem Rücken befand sich noch ein kleines Fenster. Dankbar folgte er meinem Blick. „Es geht auf die stille Gasse hinaus“, sagte er erleichtert, „Sie können mich gleich ein Stück hinunter begleiten, auf meinem nächtlichen Weg in die Stadt. Das wird Ihnen gefallen.“

„Bleiben Sie denn nicht hier, um zu arbeiten?“ Das Gefühl, ihm im Weg zu sein, war bei mir zurückgekehrt. Ich wollte seine kostbare Zeit nicht stehlen, die wenige Zeit, die er, wie ich wusste, zum Schreiben hatte. Doch er wusste nichts von meinem schlechten Gewissen.

„Ach nein. Sagen wir, heute ist ein Feiertag.“

„Oh, warum das?“

„Weil Sie da sind. Das ist etwas Außerordentliches, finden Sie nicht auch?“

„Sie meinen, weil Sie sonst niemals hier Besuch haben?“

„Richtig. Ich kann Ihnen deshalb auch gar nichts anbieten.“

„Oh, Gott bewahre, das müssen Sie nicht!“ Ich stand schnell auf, wir standen uns einen Augenblick gegenüber.

„Ich möchte Sie wirklich nicht stören. Das Beste wird sein, ich gehe und lasse Sie allein.“

„Allein bin ich immer und sowieso. Ich gehe gern ein Stück des Wegs mit Ihnen zurück.“

Etwas schien sich in der linken Ecke des Zimmers zu bewegen. Ich rührte mich nicht von der Stelle. Mit kaum drei Schritten hätte ich es erreicht. Konnte es ein Schatten sein? Doch ohne Licht war das kaum möglich. Ich sah hin. Da war nichts.

„Manchmal gibt es Käfer“, sagte er und lächelte. „Aber wer fürchtet sich schon vor einem kleinen Insekt.“

Auf einmal wurde mir kalt. Was hatte ich erwartet? Einblick in seine Hexenküche zu bekommen? In sein Geheimnis eingeweiht zu werden? Etwas wie ein Fluchtimpuls ergriff mich.

„Ich bin froh, dass Sie diesen Ort zum Schreiben gefunden haben“, wiederholte ich tapfer und zog mich langsam in Richtung Tür zurück.

„Ach, man könnte auch sagen, es ist das letzte Mauseloch, das sie mir gelassen haben“, sagte er auf einmal ernst und er klang ein wenig resigniert. „Wissen Sie, wenn es so mit der Welt bestellt ist, dass sich ein Mensch, nur weil er schreiben will, an einen solchen Ort begeben muss… Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin sehr froh, dieses Häuschen zu haben. Doch bei Licht besehen…“. Er machte eine Pause, die eine Spur zu lang war. „Das ist es eben, was es mit dem Schreiben auf sich hat. Hüten Sie sich am besten davor, wenn ich Ihnen ein Rat geben darf. Setzen Sie sich nicht in ein solches Mauseloch. Gehen Sie ins Licht, in die Wärme, unter die Menschen. Wenn ich das tue, wissen Sie, dann habe ich immer das Gefühl, das EIGENTLICHE zu versäumen. Uneinholbar. Das ist ein Fluch. Ich möchte einmal mein wirkliches Leben anfangen. Das einzige Leben dahinter, darunter, unter allem. Ach, was sage ich Ihnen. Nehmen Sie es als das unverständliche Feierabendgeschwätz eines überlasteten Beamten.“

„Ich denke, Sie sollten an sich glauben“, erwiderte ich und bemerkte, dass ich inzwischen wieder draußen auf der Straße stand. Ich atmete tief die kühle Luft ein. Zu meinem Erstaunen war es bereits vollständig dunkel geworden.

Er zog den Schlüssel aus seiner Hosentasche und sperrte die Tür zu.

„So ein ganzes Haus sein eigen zu nennen und es verschließen zu können vor der Welt. Das tut wirklich gut. Kommen Sie, da entlang.“

Er führte mich durch die Höfe der Prager Burg, vorbei am schwarz ruhenden Gebirge des Doms. Die Straßenlaternen warfen ein müdes, wattiges Licht auf das Pflaster. Wir gingen eine Weile schweigend.

„Ich glaube doch an mich“, sagte er auf einmal unvermittelt. „Ja, das ist das Einzige, woran ich wirklich glaube, wissen Sie. Oder eigentlich nicht an mich. An etwas, das in mir ist und das heraus will. Ich bin dafür da, ihm ans Licht zu verhelfen. Es wird mein Leben kosten. Aber andererseits…“. Er unterbrach sich, um zu lachen. Mir schien, er lachte gern. „Nur deshalb lebe ich ja! Dasselbe ist paradox, nicht wahr? Es ist wie eine Wurzel, die tief in den Boden reicht. Wie bei einem Baum. Er wird abgeschlagen werden oder der Sturm zerfetzt ihn am Ende. Aber die Wurzel…“.

Die Domglocken schlugen, so dass ich erschrak. Es klang, als sei schon Mitternacht. War denn die Zeit so schnell vergangen? Das konnte nicht sein.

„Die Wurzel“, sagte er, auf einmal wieder ernst. „Wissen Sie. Die bleibt ja im Boden.“

In Liebe,
Deine

PS.: Die gekürzte Zitatpassage von Josef Mühlberger ist dem Buch „Besuch bei Kafka, Schriften von Josef Mühlberger zu Franz Kafka“, Einhorn-Verlag+Druck GmbH, Schwäbisch Gmünd, 2005, entnommen.

Briefe aus Prag – 17

Mittwoch, 19. November 2014

„Kein Traumcafé, sondern ein Literaturhaus“ (Lenka Reinerová)

Liebe Lenka Reinerovà,

ich gestehe, bevor ich nach Prag kam, kannte ich Sie nicht, weder Ihren Namen, noch Ihre Texte. Daher wusste ich auch nicht, dass Sie die letzte noch in deutscher Sprache schreibende Autorin in Prag waren. 1916 in Prag geboren, hatten Sie, ebenso wie Ihre Stadt, schwere Zeiten zu durchleben, in diesem Zwanzigsten Jahrhundert voller Umbrüche und wechselnder Ideologien in Europa, mit zwei Weltkriegen. Sie waren Augenzeugin dieses wechselvollen Jahrhunderts und Ihr Leben ist ein Ausdruck davon. 1936 arbeiteten Sie als Journalistin für die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung in Prag. 1938 flohen sie nach Frankreich, wo Sie, wie viele Emigranten, interniert wurden. Über Marokko konnten Sie nach Mexiko fliehen. Nach Kriegsende kehrten Sie nach Europa zurück und lebten ab 1948 wieder in Prag. Doch die Weltpolitik ließ Sie nicht zur Ruhe kommen. Anfang der fünfziger Jahre kamen sie wiederum für mehr als ein Jahr ins Gefängnis, da Sie ein Opfer der stalinistischen „Säuberungen“ wurden. Man schob Sie in die Provinz ab und Sie wurden erst 1964 rehabilitiert. Nach dem Ende des Prager Frühlings erhielten Sie Schreibverbot und verloren Ihre Arbeit in einem Verlag. Auch für Sie kam die Samtene Revolution gerade noch rechtzeitig, um Ihnen das Ende Ihres Lebens in Freiheit zu ermöglichen. Seither sind Sie hoch geachtet und bekamen zahlreiche Auszeichnungen. Präsident Havel verlieh Ihnen im Jahr 2001 die Verdienstmedaille I. Stufe und 2006 erhielten Sie das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

Für mich und jeden, der das liest und Sie nicht kannte, bleiben das zunächst nur die Fakten eines schicksalhaften Lebens. Man sagt, Sie seien ein bewunderungswürdiger, mitfühlender Mensch gewesen. In Ihren Büchern pflegten Sie den klaren Stil der literarischen Reportagen. Sie geben in Ihren Texten ein authentisches Bild vom Zustand Ihrer Stadt und der Menschen wieder. Und Sie halten damit die Erinnerung an Ihre vielen, bereits gestorbenen oder im Exil gebliebenen Weggefährten aufrecht. In den zwanziger und dreißiger Jahren waren Sie in Prag mit Ernst Bloch, Egon Erwin Kisch und vielen anderen befreundet. Ihnen haben Sie in vielen Texten ein unsterbliches Denkmal gesetzt. „Mir fehlt der Ehrgeiz, etwas zu erfinden“, ist von Ihnen überliefert. Und doch, Sie haben beispielsweise etwas ganz Wunderbares erfunden: Ein Traumcafé über den Wolken, in dem Sie alle großen Geister der Kunst und Literatur aus Prag versammelt haben, von denen Sie sich gelegentlich zu Ihren Lebzeiten Rat und Unterstützung holen konnten. Da viele der großen Kaffeehäuser Prags, die Sie noch kannten, zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts verschwunden waren, hielten Sie das für sich selbst für notwendig. Und nun sitzen Sie selbst mit in diesem herrlichen Himmelscafé an einem der vielen Tischchen und diskutieren unermüdlich weiter mit Max Brod, Jaroslav Hasek und all den anderen. Ich denke, dass Sie dort glücklich sind. Sich zu Lebzeiten einen Ort erfinden, an dem man im Tod ein Zuhause hat, ist ein wundervoller Gedanke.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Doch Sie haben noch mehr getan: In den letzten Jahren Ihres Lebens haben Sie die Idee für das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren gehabt und Sie haben alles daran gesetzt, diesen Plan zu verwirklichen. Gemeinsam mit Frantisek Cerny und Kurt Krolop gründeten Sie im Jahr 2004 das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren, unterstützt von der tschechischen und deutschen Politik und einer Vielzahl von Sponsoren. „Kein Traumcafé, sondern ein Literaturhaus als realer Standort für Interessenten und Gönner des einst so berühmten Prager Kreises deutschsprachiger Autoren, sowie als Treffpunkt für Freunde der zeitgenössischen Literatur“, so wünschten Sie sich diesen Ort.

Heute feierten wir in den Räumen der Deutschen Botschaft im Lobkovicz-Palais das zehnjährige Bestehen des Literaturhauses. Sie sahen von oben, aus Ihrem Café über den Wolken, sicherlich hocherfreut darüber zu. Ohne Sie gäbe es dieses Projekt nicht, das mittlerweile nicht nur eine große Präsenzbibliothek zur deutschsprachigen Literatur in Prag vorweist, sondern wirklich völkerverbindend ist und in dem die Literatur ihren außerordentlichen Stellenwert hat, sowohl der lebenden als auch in der Erinnerung an die vielen toten Autoren. Sie verließen Prag im Alter von 92 Jahren im Jahr 2008 und leben seither in Ihrem Traumcafé.

Das Literaturhaus in Prag lebt! Ich danke Ihnen sehr dafür, denn deshalb darf auch ich gerade in Prag sein. Und es ist mehr als ein Literaturhaus. Da es den Stipendiaten ermöglicht, einen oder mehrere Monate in Prag leben und schreiben zu dürfen, die Stadt zu sehen, Gedanken und Eindrücke zu sammeln, ist es eben doch auch ein Traumcafé. Denn das Stipendium erlaubt den Autoren, das irdische Prag als ein Traumcafé zu erleben. Vielen Dank dafür.

Mit herzlichen Grüßen an alle Ihre Freunde im Café, besonders Egon Erwin Kisch, Max Brod, Franz Kafka, Franz Werfel, Jasoslav Hasek, Rainer Maria Rilke etc. etc. Und Vaclav Havel schaut sicher auch gelegentlich vorbei.

Ihre

Briefe aus Prag – 16

Dienstag, 18. November 2014

Blau ist die Vergangenheit, Gelb die Gegenwart, Orange die strahlende Zukunft
A. Mucha

Liebster,

heute war ein Regentag, der erste seit meiner Ankunft vor nun schon bald zweieinhalb Wochen, dafür aber ein besonders heftiger Regentag, ganztags ohne Pause. In den Straßen standen überall Pfützen, manche so groß wie der ganze Gehsteig. Die Feuchtigkeit kroch der Flaneurin unter die Jacke und ließ die Sehnsucht nach beheizten Innenräumen aufkommen. Vielleicht in die Jerusalem Synagoge, die jüngste der Prager Synagogen, das wäre ein Anfang. Doch als ich davor stand, musste ich feststellen, dass sie geschlossen ist. Bis März 2015.

Am Wenzelsplatz vor Wenzels Reiterdenkmal stehen Hunderte von Kerzen und Teelichtern, die gestern, am Gedenktag aufgestellt worden sind. Einige der Kerzen brennen noch oder wieder, trotz des Regens. Ein Dank an den Nationalheiligen Wenzel, an Vaclav Havel, der zu meiner Beruhigung von immer von der Fassade des Nationalmuseums herunter grüßt, und im Gedenken an Jan Palach, den tschechoslowakischen Studenten, der sich am 16. Januar 1969 aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings auf der Treppe des Nationalmuseums selbst anzündete und brennend auf den Wenzelsplatz rannte. Er wollte damit knapp fünf Monate nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei ein Zeichen gegen die daraufhin einsetzende Lethargie und Hoffnungslosigkeit der tschechoslowakischen Öffentlichkeit setzen und gegen die Rücknahme der Reformen der Regierung Alexander Dubceks protestieren.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Später, im Café Louvre, wo ich unter vielen tschechischen Zeitungen die deutsche FAZ finde, lese ich von den gestrigen Protesten vor dem Regierungssitz auf dem Hradschin gegen den amtierenden Präsidenten Milos Zeman, dem die Bevölkerung vorwirft, die Ziele der Samtenen Revolution zu verraten und sich nicht genug von der aktuellen russischen Politik abzugrenzen. Das hatte ich gestern miterlebt, die Menschenmenge, die auf dem Hradschinplatz stand und ihrem Präsidenten die rote Karte zeigte, indem sie rote Pappen schwenkte. Er soll auch mit Gegenständen beworfen worden sein, las ich. Da war ich dann schon weg. Bundespräsent Gauck, der zu den Staatsfeierlichkeiten da war, soll eines der Eier abbekommen haben, die für Zeman bestimmt waren. Ich muss an einen Satz von Günter Eich denken, den er in den 1950er Jahren schrieb: „Bleibt wach! Schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind.“

Das Regenwetter trieb mich ins Museum Mucha. Ich hatte sowieso vorgehabt, es dieser Tage zu besichtigen. Wer Prag besucht, wird an jeder Straßenecke mit der Kunst von Alfons Mucha konfrontiert. Seine dekorativen Entwürfe von allegorischen Frauenfiguren sind zum Inbegriff des Jugendstils geworden. Romantisch bis zum Kitsch, möchte man meinen, Frauen, die die Künste darstellen, Blumen, Jahres- und Tageszeiten. Doch darin erschöpft sich sein Werk nicht. Er hat eine ganz eigene Bildsprache geschaffen, war ein begnadeter Zeichner, wie ich feststellen konnte, und seine weltberühmten Plakate für die Schauspielerin Sarah Bernhardt zum Ende des 19. Jahrhunderts in Paris faszinierten mich. Vor allem Sarah Bernhardt als Medea, den blutigen Dolch auf die toten Kinder zu ihren Füßen gerichtet, mit angstgeweitetem Blick. Oder als Hamlet – die Schauspielerin spielte die Titelrolle – unter ihm die Wasserleiche Ophelias, hinter ihm der Geist seines Vaters. Hier ist Muchas Werk auf einmal gar nicht mehr verschnörkelt, sondern sehr genau gesehen und dramatisch. Seine Plakate verhalfen Sarah Bernhardt mit zu dem Weltruhm, den sie genoss.

Muchas vielseitige Werke werden in der kleinen, schönen und informativen Ausstellung durch einen sehr guten Film über seine Arbeit und sein Leben ergänzt. Was für ein anderer Eindruck als im Kafka-Museum!

Sehr überrascht und bereichert trat ich wieder hinaus in den Regen. Eigentlich stammte mein Interesse für Mucha gar nicht von den verträumt-romantischen Frauenallegorien in den Schaufenstern der Andenkenläden. Die schönen, wie hin gegossenen Frauen auf Tassen, Postkarten, Schalen, Postern, Gläsern und allem Möglichen hatten mich eher abgeschreckt, mich mit diesem Künstler zu beschäftigen. Zu ihm hingeführt hat mich eine simple schwarz-weiß Postkarte, die ich vor einigen Tagen zufällig fand. Sie zeigt die Fotografie von einem von Muchas Modellen, eine Studie für ein Gemälde von 1913. Die Frau sitzt nackt mit dem Rücken zum Betrachter und dreht ihm ihr Gesicht über die rechte Schulter zu, die rechte Hand stützt ihr Kinn. Ihr dunkles Haar hat sie hochgesteckt und unter ihrer unordentlichen Ponyfrisur blickt sie mit einem unglaublich müden, fragenden, zögernden Blick in die Kamera, vielleicht sogar mit einer Spur Geringschätzung oder gelangweilt. Unter ihren Augen sind schwarze Ringe zu sehen. Dieser Blick verleitete mich dazu, die Postkarte zu kaufen und er erzählt mir eine Geschichte, von der ich noch nichts weiß. Ich wollte zu Muchas Museum, um zu sehen, wie er aus einer solchen müden anonymen Alltagsfrau, die keinem Schönheitsideal entspricht, seine idealisierten Jugendstil-Nymphen geschaffen hat. Der Widerspruch interessierte mich.

Nun bin ich unverhofft auf einen großen Künstler gestoßen. Doch die Geschichte seines unbekannten Modells werde ich auf jeden Fall noch erzählen, sobald sie zu mir spricht.

Zurück im Dauerregen machte ich noch bei der Akademia-Buchhandlung am Wenzelsplatz Halt, denn dort hatte ich ein recht preiswertes deutsches Buch über Mucha gesehen. Heute jedoch wurde mir das Buch leider nicht in das schöne Papier eingewickelt. Es wurde mir einfach so auf dem Ladentisch entgegen geschoben, nachdem ich bezahlt hatte. Ich wartete noch, nichts passierte mehr. Erst auf meine Bitte nach einer Tüte, wegen des Regens, bekam ich eine schnöde Plastiktüte gereicht, mit dem Hinweis, sie koste zwei Kronen. Mit stoischem Gesicht nahm die Dame an der Kasse die zwei Kronen von mir entgegen. Tja. Es gibt solche Momente und solche. Die Freundlichkeit, die ich am ersten Tag genau in dieser Buchhandlung erlebt hatte, hängt, wie immer und überall, von den jeweiligen Menschen ab.

Aber viele der Kerzen rund um das Wenzelsdenkmal brannten immer noch, trotz des Regens, als ich wieder daran vorbeikam.

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 15

Montag, 17. November 2014

Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie (1989)

Lieber Vaclav Havel,

ich fasse mich kurz, denn falls Sie im Himmel ein Postfach haben, wird es heute ohnehin übervoll sein. Denn heute ist es genau 25 Jahre her, dass Sie gemeinsam mit dem tschechischen Volk den Kampf für Freiheit und Demokratie gewonnen haben. Ich beglückwünsche Sie noch immer dazu. Und wie ich bereits in anderen Briefen aus Prag geschrieben habe, kann man überall in dieser Stadt sehen, wie viel Sie erreicht und was Sie daraus gemacht haben.

Sie haben als Präsident dieses Landes glaubwürdig umgesetzt, was Sie nicht nur selbst eingefordert haben, sondern was die Welt nötig hatte und auch heute ebenso bitter nötig hätte: „Lehren wir uns und andere, dass Politik nicht nur die Kunst des Möglichen sein muss, besonders wenn man darunter die Kunst der Spekulation, des Kalküls, der Intrigen, geheimer Verträge und pragmatischen Manövrierens versteht, sondern dass sie auch die Kunst des Unmöglichen sein kann, nämlich die Kunst, sich selbst und die Welt besser zu machen.“

Eine Lichtgestalt, wie Sie es für Ihr Land waren, fehlt heute allenthalben und falls Sie vom Himmel aus die Tagespresse verfolgen und die Weltpolitik, werden Sie mir mehr als nur Recht geben. Allerdings hoffe ich für Sie, dass Sie sich nicht mehr mit Politik beschäftigen, sondern irgendeine stille Wolke gefunden haben, auf der Sie nun sitzen und wieder schreiben können, vielleicht in der Nachbarschaft Franz Kafkas, der eine solche stille Wolke auch bereits zu Lebzeiten gesucht und im Himmel, oder dem, was wir dafür halten, hoffentlich gefunden hat.

Was mich mit Ihnen verbindet und auch die vertrauliche Briefanrede „Lieber“ wählen lässt, ist, dass Sie Autor waren, Theatermann und als solcher ein Kollege von mir. Es gab einmal eine Umfrage einer großen deutschen Zeitschrift, in der man gefragt wurde, wen man denn wählen würde, wenn man die Möglichkeit hätte, eine Person aus der Weltgeschichte zu treffen. Seit ich nach Prag gekommen bin, würde ich Sie wählen und mir wünschen, im wieder eröffneten Café Montmartre, um die Ecke beim „Theater am Geländer“, mit Ihnen einen Kaffee trinken zu dürfen.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Heute stand ich vor dem Gebäude der Deutschen Botschaft, dem Palais Lobkowicz auf der Kleinseite, und dachte an die Ereignisse im Sommer und Herbst 1989, als Tausende von DDR-Bürgern, die in den Westen ausreisen wollten, auf dem Gelände der Botschaft Zuflucht gesucht hatten. Das Haus und der große dazugehörige Garten waren bald überfüllt und am 30. September 1989 erschien der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der Botschaft in der ersten Etage und verkündete den Satz, der im Jubel der Menge unterging: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“. Auch ich habe diesen denkwürdigen Moment im Fernsehen gesehen, er hat niemanden damals unberührt gelassen und eine unaufhaltsame Lawine losgetreten, an deren Ende für Deutschland der Fall der Berliner Mauer stand und damit das Ende des DDR-Regimes. Im gleichen Herbst stellten Sie sich an die Spitze der Bewegung, die das kommunistische Regime in Ihrem Land ebenfalls hinwegfegte. Ein langer Kampf, auch Ihr eigener, war damit zu Ende. Und wenig später fanden Sie sich, wohl auch zu Ihrem eigenen Erstaunen, als Staatspräsident auf dem Hradschin, dem Prager Regierungssitz, wieder. Ein Dramatiker als Hausherr auf der Prager Burg. Sehr bewegend finde ich nach wie vor die Schilderung Ihres Amtsantritts. „Überall lungerten Geheimpolizisten herum. Ich sah Mauern und Gitter, Sperren, Kameras, Drähte, Mikrofone. Das alles haben wir rausgeworfen. Die Innenhöfe und Gärten durch Spazierwege miteinander verbunden… Die Kommunisten hatten ja immer nur die Fassaden schön angepinselt. Dahinter zerfiel alles. Die Burg sollte kein kafkaesk verwunschenes Schloss bleiben. Wir mussten Repräsentation mit Staatlichkeit, aber auch mit prallem Menschenleben verbinden.“

Von dieser Weltoffenheit lebt und profitiert die Stadt heute, und wer das Damals nicht erlebt hat, dem kommt das Heute nur allzu selbstverständlich vor. So selbstverständlich, wie es in einem freien Land sein sollte. Dabei sind 25 Jahre nur eine kurze Zeit.

Ihr beispielloser Aufstieg vom Taxifahrer, der keine weiterführende Schule in seinem Land besuchen und auch nicht studieren durfte, über den Bühnentechniker und renommierten Autor, Ihre Zeit als Dissident nach der Niederschlagung des Prager Frühlings mit jahrelanger Gefängnishaft bis hin zum führenden Vertreter der Samtenen Revolution, den das Volk dann zum Staatspräsidenten wählte, hat Sie vor gewaltige Aufgaben gestellt, um dieses Land in die tatsächliche Freiheit zu führen, die es sich erkämpft hatte. In Ihren großartigen Präsidentenreden aus dem Jahr 1990 sagten Sie einmal: „Die Menschen in den Ländern Mittel- und Osteuropas haben sich die ersehnte Freiheit erkämpft. Doch in dem Augenblick, in dem sie sie gewonnen haben, sind sie auf einmal völlig überrascht. Sie waren ihr in einem Maße entwöhnt, dass sie plötzlich nicht mehr wissen, was sie mit ihr anfangen sollen. Sie fürchten sich.“

Auch Sie haben sich zunächst gefürchtet, diese riesige Verantwortung zu übernehmen: den Staat zu erhalten und umzubauen und dabei das freie Denken aufrechtzuerhalten, sich als Gegner von Fanatismus, Fundamentalismus und Dogmatismus zu beweisen. Wie wunderbar und mit, von außen betrachtet scheinbar leichter Hand, ist Ihnen das gelungen.

Sie fehlen. Nicht nur Ihrem Land. Vor allem fehlen Sie und solche wie Sie in der Welt.

Ich grüße Sie an Ihrem endgültigen Fluchtort, Ihrem Arbeitszimmer über den Wolken, in tiefer Hochachtung,

Ihre

Briefe aus Prag – 14

Sonntag, 16. November 2014

„Das einzige, was ich wirklich schreiben kann, sind Liebesbriefe, und letzten Endes sind alle meine Artikel nichts anderes.“ Milena Jesenská

Liebe Milena,

verzeihen Sie, dass ich Sie einfach bei Ihrem Vornamen nenne, liebe Milena Jesenská, aber das ist zurückzuführen auf den Umstand, dass Sie mit Ihrem Vornamen eine weltbekannte Persönlichkeit geworden sind. Davon wissen Sie vielleicht nichts – oder aber ich bin so naiv, mir einzubilden, dass die Toten nicht wissen, wie es nach ihrem Ableben weitergegangen ist, mit der Erinnerung an sie und mit der Welt.

Seit Ihr ehemaliger guter Freund aus der Café Arco-Zeit in Prag, Willy Haas, dem Sie die Briefe, die Franz Kafka Ihnen geschrieben hat, zur Aufbewahrung aushändigten, erinnern Sie sich? – seit also Willy Haas diese Briefe im Jahre 1952 herausgab, kennt die Welt Ihren Namen – zumindest die literarisch interessierte Welt.

Willy Haas hatte sich erst auf umständlichen Wegen wieder in den Besitz der Briefe bringen müssen, die bei seiner Schwester in Prag geblieben waren, als er die Stadt verließ. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945, das Sie leider nicht mehr erleben durften, begann Willy Haas, ebenso wie Ihr erster Ehemann Ernst Polak, von England aus, Anstrengungen zu unternehmen, an die Briefe Kafkas heranzukommen. Denn, was Sie vielleicht nicht sehr überraschen wird, der Name Franz Kafka war als Autor inzwischen sehr bekannt. Man bewunderte seine Texte und er wurde weltweit gelesen. Da gehörten seine Briefe an Sie, Milena, schon zum Kulturgut, das allgemeine Bedeutung hatte und womit man selbstverständlich auch Geld verdienen konnte. Kafkas „Briefe an Milena“, wie Ihr Freund Haas die Ausgabe nannte, waren bei ihrem Erscheinen eine literarische Sensation und sind seither in sehr vielen Sprachen auf dem Buchmarkt erhältlich. Und wie Sie ja sehen, schreiben wir inzwischen das Jahr 2014.

Sie als Person, als Frau, als Journalistin, als selbstständig Denkende und Handelnde, als Liebende, gingen durch diese Briefe als Figur in die Weltliteratur ein, als habe Kafka sie nicht besser erfinden können. So habe auch ich vor vielen Jahren zum ersten Mal von Ihnen gehört.

Augenblicklich halte ich mich in Prag auf, Ihrer Heimatstadt, und das, für Sie sicherlich unglaublich, zum ersten Mal in meinem Leben. Prag ist heute die Hauptstadt des demokratischen Tschechien mit Tschechisch als Landessprache. Das dürfte Ihnen beides gefallen. In Prag ansässige deutschsprachige Autoren gibt es nicht mehr, die letzte war Lenka Reinerova und sie starb im Jahr 2008 im Alter von 92 Jahren.

Franz Kafka ist zum Inbegriff des deutschen jüdischen Prager Autors geworden, doch man kennt, zumindest in kulturinteressierten Kreisen auch noch alle anderen, Max Brod, Egon Erwin Kisch, Gustav Meyrink und wie sie alle heißen.

Dass Sie zu Zeiten eine bekannte und beliebte Journalistin in Prag waren, wüsste niemand mehr, gäbe es Kafkas Briefe an Sie nicht. Doch so hat man nach und nach begonnen, sich auch mit Ihrem Leben und Ihren Texten zu beschäftigen und heute gibt es wissenschaftliche Arbeiten und einige Biografien über Sie, unter anderem von Ihrer Tochter Jana, Ihrer Freundin Margarete aus dem KZ Ravensbrück und der Wissenschaftlerin Alena Wagnerova. Mit Frau Wagnerovas sehr gut recherchierter Biografie bin ich auf Ihren Spuren durch Prag gewandert.

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(c) Foto Jutta Schubert, unter Verwendung des Titelbildes der Biografie von Alena Wagnerová, Fischer Taschenbuch Verlag, Ffm

Das Haus, in dem Sie aufgewachsen sind und in dem Ihr Vater seine Zahnarztpraxis hatte, gibt es noch und es sieht repräsentativ aus wie damals, auch wenn sich heute eine Reihe von Geschäften darin befinden und ich gar nicht weiß, ob in dem Haus an dieser sehr belebten Stelle, am unteren Ende des Wenzelsplatzes, überhaupt noch jemand wohnt. Er könnte dort unruhige Nächte haben, denn bis spät flanieren Pragbesucher dort vorbei, aber auch Prager, die vom Kino oder vom Abendessen oder von der Arbeit kommen. Sie würden sich wundern, was da los ist. Aber ich denke, es würde Ihnen gefallen, dieses prall daherkommende, glanzvoll wirkende und unbeschwert scheinende Leben. So hätten Sie es sich vermutlich gewünscht, wenn Sie es sich hätten aussuchen können. Doch Sie waren leider verurteilt, in verstörenden Jahrzehnten, einer von großem ideologischem und wirtschaftlichem Durcheinander geprägten Epoche und später lebensgefährlichen und katastrophalen Zeiten zu leben. Und Ihr unruhiges privates Leben stand dem wohl in Nichts nach. Soweit ich Sie durch die Literatur kennenlernen konnte, sind Sie eine große Liebende gewesen. Und eine treue Freundin. Sie haben das Leben geliebt und es in dem, was es für Sie bereit hielt, zu erleben versucht. Zwei Stunden Leben, haben Sie Kafka wohl einmal gesagt, seien Ihnen wichtiger als zwei Seiten Text. Bei ihm war es umgekehrt. Sie waren immer neugierig, konnten sich auf Neues einlassen und sind nicht stehengeblieben. Sie konnten sehr stark für andere da sein. Und Sie waren eine intelligente und wache Zeitzeugin, kritisch, menschlich, mitfühlend.

Es tut mir leid, dass Ihr Leben so erschüttert von vielerlei Katastrophen war. Dass Sie Ihre Mutter früh durch schwere Krankheit verloren haben. Dass Sie zeitlebens starke Probleme mit Ihrem sehr autoritären Vater hatten. Dass Ihre Beziehungen zu den Männern, die Sie geliebt haben, niemals von längerer Dauer waren und unter keinem guten Stern standen. Dass Sie krank wurden, weil Ihr zweiter Ehemann Sie mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt hatte. Und natürlich bedauere ich auch sehr die Umstände Ihres Todes im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück 1943, weit weg von Prag, krank und aufgebraucht. Sie waren ja keine Jüdin. Sie haben gegen die nationalsozialistischen Besatzer Prags an der Verbreitung von illegalen Zeitungen und Zeitschriften mitgearbeitet, haben auch für diese Blätter geschrieben. Sie waren als Fluchthelferin aktiv, haben vielen Menschen geholfen, außer Landes und in Sicherheit zu kommen. Sie hatten Mut, standen engagiert für die Menschlichkeit ein. Sie empfanden zeitweise den Kommunismus als eine Lösung, erkannten dann aber, dass dies ein Irrtum war. Ihr Leben nötigt mir Bewunderung ab und hinterlässt auch eine große Traurigkeit. Dass so vieles schief gegangen ist. Dass Sie so viele Niederlagen einstecken, Misserfolge verbuchen mussten, trotz aller Kraftanstrengungen. Dass Sie sich fremd fühlten unter den Menschen und nur von sehr wenigen verstanden. Einer, von dem Sie sich verstanden fühlten und bei dem Sie nicht fremd waren, war Franz Kafka. Sie hatten ihm geschrieben – zu der Zeit lebten Sie mit Ihrem ersten Ehemann in Wien – weil Sie Kafkas Texte ins Tschechische übersetzen wollten. Sie gehörten zu den ersten, die Kafkas literarische Qualität erkannten. Daraus entspann sich der Briefwechsel, der in einigen wenigen persönlichen Begegnungen gipfelte, die wohl für Sie beide sehr glücklich und schön waren. Wurde aus dieser Beziehung eine tiefe Freundschaft? Eine Liebe? Wie sah diese Liebe aus? Zu leben war sie jedenfalls nicht, sie schreckten anscheinend beide davor zurück. Doch Sie blieben Kafka trotzdem verbunden bis zu seinem frühen Tod. Sie haben ihn vermutlich kurz bevor er starb noch einmal besucht. Sie standen ihm nahe und verloren in ihm einen wichtigen Menschen.

Es gäbe so vieles, was ich Sie gerne fragen würde. Zum Beispiel, ob Sie sich vorstellen können, dass Franz Kafka Ihre Briefe an ihn – die es ja leider nicht mehr gibt – selbst vernichtet hat? Nachdem die Beziehung zu Ihnen, die ihm eine Zeitlang Hoffnung gab, gescheitert war? Hat er dann in seinem Zimmer ein kleines Feuer in einem großen Topf gemacht und Ihre Briefe hineingeworfen? Oder hat er sie in sein Bureau mitgenommen und sie zusammen mit Akten, die nicht mehr gebraucht wurden, vernichtet? War das dann eine Erleichterung für ihn? Hatte er das Gefühl, Sie damit losgeworden zu sein? Oder können Sie sich das nicht vorstellen? Wo aber wären Ihre Briefe dann? Hätte er sie aufbewahrt, so wie Sie die seinen, wir könnten sie möglicherweise heute als die fehlenden Gegenstücke lesen.

Diese und viele andere Fragen werden Sie mir leider nicht beantworten können. Da das nicht möglich ist, werde ich mir wohl selbst Antworten erfinden müssen, die mir plausibel erscheinen, wenn ich versuche, mich in Sie und ihn hineinzuversetzen. Das ist ein langer Weg.

Das Café Arco übrigens, in dem Sie zu Ihrer Prager Zeit gemeinsam mit den Literaten der Stadt ein- und aus gegangen sind, gibt es nicht mehr. Ich hatte versucht, Ihre Spur dort zu finden, doch vergeblich. Überhaupt ist das heutige, moderne, weltoffene, westeuropäische Prag wohl nicht mehr vergleichbar mit der Stadt, die Sie gekannt haben. Dennoch, ich bleibe dabei, Sie würden es mögen. Sie würden Ihren Platz hier finden. Für Ihren Freund Franz Kafka, der damals vielleicht kurzzeitig Ihre Ehe gefährdete, sieht das wahrscheinlich anders aus. Aber ich, als Nachgeborene, kann selbstverständlich gar nichts wissen. Ich hoffe, dass Sie, wo es ging, glücklich waren. Wenn ich auch befürchten muss, dass das Leid, die Enttäuschung und die Niederlagen in Ihrem Leben überwogen. Sie haben niemals aufgegeben. Noch im Lager Ravensbrück waren Sie für alle, die Sie dort gekannt haben, ein menschlicher Lichtblick. So sind Sie durch Kafka zu Recht unvergessen. Auch wenn letztlich fast niemand weiß, wer Sie wirklich waren.

Mit herzlichem Gruß,
Ihre

Briefe aus Prag – 13

Samstag, 15. November 2014

Kulissen

Liebster,

in der wunderbaren Jugendstil-Passage des Lucerna-Kinos unweit des Wenzelsplatzes – seit dem Jahr 1909 das älteste durchgehend geöffnete Kino Europas, hier trafen sich schon Kafka und Max Brod, um gemeinsam Filme anzuschauen – sind Schautafeln zur samtenen Revolution ausgestellt, die sich übermorgen zum 25. Mal jährt. Es gibt auch einen Buchstand, voll mit Büchern über Vaclav Havel. Die schwarz-weißen Schautafeln zeigen grandiose Momentaufnahmen von 1989 und den nachfolgenden Jahren. Eine beeindruckende Performance des Bread and Puppet theatres, eine Veranstaltung unter den Fundamenten des gestürzten Stalindenkmals oder das Bild eines Deutsch sprechenden Eremiten, der sich 1995 in einer der Höhlen am Petrin einquartierte, weil er sich mit dem Präsidenten Havel treffen wollte, um mit ihm über das Regieren zu plaudern. Es kam nicht dazu – irgendwann verschwand er spurlos. Sicherlich gibt es hunderte, tausende von Geschichten, die im Zusammenhang mit der samtenen Revolution erzählt werden. Vaclav Havel, der Dissident, der zum Präsidenten wurde, wird bis heute zu Recht verehrt. Und Vaclav heißt ja Wenzel. Somit hat wieder ein Wenzel die Prager und mit ihnen alle Tschechen von der Dunkelheit ins Licht geführt. In der kommenden Woche zeigt das Lucerna exklusiv einen Dokumentarfilm über ihn.

Vor dem Kinoeingang zum Lucerna hängt die Statue des Heiligen Wenzel von der Decke herab, der rittlings auf einem kopfüber hängenden Pferd sitzt – der Bildhauer David Cerny hat an markanten Punkten in der Stadt seine provozierenden Kunstwerke hinterlassen – hier trifft man sich unterm umgedrehten Wenzel-Denkmal, sozusagen „unterm Pferd“.

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(c) Schubert

Ein Stück weiter in der Passage gelangt man zu dem kleinen Buchcafé „Gregor Samsa“ – ein wunderbares Ambiente für eine Rast zwischendurch und praktisch touristenfrei. Das Café befindet sich im Besitz der Havel-Familie.

Durch die Seitenstraßen in der Altstadt mache ich mich auf den Weg zu Havels ehemaligem Theaterschaffensort, dem „Theater am Geländer“, nahe dem Moldauufer. Auch hier hat David Cerny gewirkt: Blickt man an der Fassade nach oben, traut man seinen Augen nicht, denn an der Regenrinne schlägt ein überdimensionales Herz. Oder ist es eher eine Niere, in der das Blut, markiert durch ein blinkendes rotes Lämpchen, gespenstisch pulsiert?

Ich betrete das Foyer des Theaters, in dem reges Treiben herrscht. Leider verstehe ich vom Novemberspielplan praktisch kein Wort. Die tschechische Sprache – identitätsstiftend für zehn Millionen Tschechen – ist mir als Deutschmuttersprachlerin sehr fremd. Es sind nicht nur die vielen Konsonanten, die vielen Deklinationen, die vielen Akzentzeichen, die kreuz und quer die Zeilen bevölkern – ich kann mir gar nichts erschließen, keine Rückschlüsse und Querverbindungen ziehen. Lediglich die Namen einiger Theaterautoren kann ich mir zusammenreimen. Anton Tschechow. Ja, aber an dem Abend kann ich nicht. Da bin ich zur Zehnjahrfeier des Prager Literaturhauses in der Deutschen Botschaft.

In dem Stadtviertel zwischen dem Theater am Geländer und der Bethlehemkapelle, wo der Religionsreformer Jan Hus lange vor Martin Luther seine Kritik an der katholischen Kirche predigte, was er mit dem Leben bezahlte, wird seit Tagen ein Film gedreht. Die Cateringteams stehen mit ihren Wagen in den engen Straßen, ganze Straßenzüge sind verkabelt und gerade werden riesige Scheinwerfer auf eine mit weißen Tüchern abgedeckte Hauswand ausgerichtet, die Straße ist in ein grellkaltes Eislicht getaucht.

Prag ist selbstverständlich DIE Kulisse für Spielfilme aus allen Zeiten Europas. Man findet die passende Architektur im Original vom Mittelalter bis ins zwanzigste Jahrhundert und dazu heute hoch moderne Filmstudios, die auch Hollywoodschauspieler und Regisseure anlocken. Dieses hoch moderne Equipment hatte Milos Forman noch nicht zur Verfügung, als er hier zu Kommunismus-Zeiten seinen Oscar-prämierten Mozartfilm „Amadeus“ drehte. Forman war übrigens, wie ich las, ein Schulkamerad von Vaclav Havel.

Seitdem die beiden die Schulbank drückten, hat die Stadt sich verändert und rasend ist ihre Entwicklung in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren, seit jenem Herbst 1989, in dem das Volk das kommunistische Regime abgeschüttelt hat. Die Freiheit ist keine Kulisse.

An dem eisernen Geländer, das den Kreuzherrenplatz gegen die Moldau abgrenzt, wo die Massen auf die Karlsbrücke hinaufströmen, bringt gerade ein junges Pärchen eines der vielen Schlösser an, mit dem sie ihre Liebe verankern wollen. Sie drücken das Schloss zu, jeder nimmt einen der beiden Schlüssel und beide werfen sie gleichzeitig in hohem Bogen ins Wasser hinunter. Am Grunde der Moldau wandern die Schlüssel… Dann bitten sie eine Vorbeigehende, sie zu fotografieren. „With the castle please“, sagen sie und meinen den Hradschin. Ein Schloss ist ein Schloss ist ein Schloss…

Ob sie wohl eines Tages wiederkommen werden, um nach ihrem Schloss zu sehen? In einigen Jahren wird das eiserne Geländer über und über voll davon sein. Vielleicht werden sie ihr Schloss dann nicht mehr finden. Möglicherweise vergessen sie es auch einfach, so wie wir immer alles vergessen, selbst unser eigenes Leben.

Das andere Ufer beherrscht die angestrahlte Burg, „the castle“, und der imposante Dom.

„Lange stand K. auf der Brücke und blickte in die scheinbare Leere empor.“ Ja, dieses kleine Dorf, das ich mir beim Lesen seines Romans „Das Schloss“ immer vorgestellt hatte, mit der kleinen Dorfbrücke dazu – dieser Blick wurde nun für immer zurechtgerückt.

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 12

Freitag, 14. November 2014

Casanova tanzt

Liebster,

beim Fürsten von Mansfeld-Fondi in seinem wunderbaren Barock-Palais an der Karlsbrücke ist Giacomo Casanova, Chevalier de Saingalt, immer gern zu Gast. Wenn er gleich den Ballsaal im Piano nobile betritt, wird ihn wieder dieses leichte Zittern innerer Vorfreude befallen: Wer wird heute dort sein?

Mit zehn Schritten ist er über den Hof. So praktisch hat der Fürst es eingerichtet, dass man direkt von der Brücke kommend, mit der Kutsche in den Hof hineinfahren kann. Und gleich sind jede Menge Stallburschen zur Stelle, die sich im Fackelschein um die Pferde kümmern.

Er trägt die venezianische Bauta-Maske, Umhang und Capa, das klassische venezianische Domino-Kostüm. Nur der Fürst weiß, wer sich darunter verbirgt, da er ihm am Mittag, nach seiner Ankunft bereits seine Aufwartung gemacht und mit ihm zusammen gespeist hatte. Ach, diese böhmische schwere Küche ist nichts für seinen feinen italienischen Magen. Obwohl er den Hof so scheinbar leichtfüßig durchqueren konnte, fühlt er sich heute Abend schwerfällig, um Jahre gealtert. Bald wird er einen Stock brauchen, um sich beim Gehen darauf zu stützen, was der Himmel verhüten möge!

Jetzt die schmucklose, steinerne, etwas plumpe Treppe hinauf, man kann langsam gehen, das sieht würdevoll aus in dem Kostüm, es verbreitet ein zusätzliches Geheimnis. Gemessenen Schrittes durch die Bildergalerie, die Damen heben neugierig ihre Fächer, nicken ihm zu, verschanzen sich. Auf den ersten Blick nichts Aufregendes dabei, warum muss man die Pragerinnen unter ihrer Verkleidung alle erkennen, das verdirbt den Appetit.

Die Türen zum Ballsaal schwingen auf, die Geigen, das Cembalo, alle tanzen. Casanova liebt diesen Saal, es ist jedes Mal eine Erleichterung, ihn wiederzusehen. In den beiden einander gegenüberliegenden Kaminen prasseln anheimelnde Feuer, die Spiegel darüber brechen das Licht der tausend Kerzen, der schwere Lüster in der Mitte glänzt wie aus purem Gold, ein schöner Gegensatz zu dem etwas müden altrosa und violett marmoriert schimmernden Marmor, ach und das Deckenfresco mit den Göttermotiven aus dem Olymp, festgehalten vom Stuck.

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(c) Schubert

Er gleitet unauffällig hinter den Tanzenden vorbei an der Fensterfront entlang, blickt in den Innenhof hinunter, wo sein Kutscher mit den Pferdeknechten plaudert. Dann sieht er die Schöne in dem hellblauen Kleid, sie scheint durch den Raum auf ihn zu zu schweben, die Pfauenfedern an ihrer Maske wippen. Für einen Moment könnte er sich beinahe einbilden, zurück in Venedig zu sein, und dieser Gedanke, der sonst einen quälenden Stich in seinem Herzen hinterlässt, weicht hier einem warmen, vertrauten Gefühl des Nachhausekommens. Wer ist diese Dame in Blau? Eine Unbekannte! Gegenüber auf der linken Seite die Spiegeltür, sie führt in das kleine Separée, das er so gut kennt – wenn nur sein Magen heute nicht so rebellisch wäre, ach, warum der Mensch auch auf seinen unzulänglichen Körper angewiesen ist. Andererseits, hätte man ihn nicht… Der Fürst macht ihm ein Zeichen. Was bedeutet das? Er soll ihm folgen, hinauf, ihn oben auf der Galerie treffen, auf dem kleinen Balkon knapp unter dem Deckengewölbe. Warum das denn? Hat das nicht Zeit bis morgen? Immer verwickelt er ihn in die Politik, sein elendes Tagesgeschäft. Er schnaubt widerwillig unter der Maske, greift im Vorbeigehen von einem der Silbertabletts einen Kristallkelch mit Wein und folgt seinem Gastgeber die Treppe hinauf….

So, oder ähnlich könnte es gewesen sein. Das achtzehnte Jahrhundert steht im wunderbaren Ballsaal des Colloredo-Mansfeld Palais lebendig vor mir. Zumal es keine Möbel gibt, und schon gar keine störenden Besucher. Ich bin die Einzige, die durch diese Räumlichkeiten schlendert, hie und da Stücke freigelegter Fresken sieht, blutrote Stofftapeten, halbblinde Spiegel zwischen den Fenstern und dann – den Ballsaal.

Als ich wieder auf die Karlova hinaustrete, stehe ich noch ganz unter dem Eindruck, einem Maskenball der Geister beigewohnt zu haben. Unmittelbar vor mir brodelt das nachmittägliche Treiben der Touristengruppen, angeführt von den Schirmträgern, hinauf auf die Karlsbrücke. Rechts und links von diesem Trampelpfad ist es wunderbar still, so still, dass man der Zeit selbst begegnen kann.

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 11

Donnerstag, 13. November 2014

Der Absinthtrinker

Liebster,

dem Absinthtrinker an der Rückwand des Café Slavia erscheint eine junge, schöne, nackte, durchsichtige, grüne Frau. Er meint, zu träumen. Er ist fassungslos.

Sie sitzt mit ihrem schönen Hintern auf der Tischkante, hat eine Hand auf die Tischplatte gestützt. Ein Kellner eilt herbei, doch der scheint sie nicht zu sehen.

Ein Glas hat ausgereicht und der Trinker will kein zweites. Das Schlimmste, findet er, ist, wenn Wünsche sich erfüllen. Ein Fluch, vor dem der Himmel einen bewahren möge.

Komm, wir gehn nach Haus, sagt die Grüne.

Der Trinker schüttelt den Kopf.

Er denkt an zu Haus, die niedrige Decke, den ewigen Geruch nach Zwiebeln und Kohl im Hausflur, und dass Emma ihn verlassen hat.

Nein, das ist kein guter Tag.

Komm, sagt die Grüne, Schöne. Doch sie reicht ihm nicht die Hand. Lässig liegt die Hand in ihrem Schoß.

Absinthtrinker2

(c) Schubert

Ich wollte nicht hier sein, denkt er. Ich wollte die Zeitung lesen, die Moldau fließt, wohin? Und Emma hat mich verlassen. Emma mit ihrem scharfen Lachen, das spitz durch die Küche hallte. Immer schämte er sich dafür, dass sie so laut, zu laut gelacht hat.

Komm, sagt die Grüne.

Wohin?

Wohin du willst.

Aber ich will nirgendwohin.

Du lügst. Jeder will irgendwohin.

Ich nicht.

Aus den Augenwinkeln sieht er den Kellner auf sich zueilen. Emma, ach ja, sie ist tot. Ein Messer durchfährt ihn, so scharf wie ihr Lachen.

Tot gewesen ist sie eines Sonntagmorgens im achtundzwanzigsten Jahr ihres gemeinsamen Lebens. Es ist nicht angenehm, neben einem Leichnam zu erwachen. Den kann man nicht mehr lieben, nur die Erinnerung.

Die Welt, die Welt, was ist sie über diese Tischkante, dieses Glas, diese geöffnete Zeitung hinaus?

Ich muss gehen, denkt er, hat es wohl laut gesagt.

Dann gehen wir, sagt die Grüne.

Nein. Nein, ruft er aus. Er will aufspringen, sie verscheuchen, aber er schafft es nicht aus dem Stuhl. Sein Körper ist zu schwer. Er zieht ihn in die Tiefe.

Du nicht. Nur ich. Ich allein, in meine Einsamkeit.

Komm, sagt die Grüne. Das Einsamsein ist nicht so schlimm. Du lebst. Darum beneide ich dich.

Du tust – was?

Er versucht, ihr ins Gesicht zu sehen. Ihr Körper beginnt zu verschwimmen, schlierenartig scheint er sich aufzulösen, sie schwebt von der Tischkante hinauf. Zur Decke?

Er sieht sie nicht mehr, nur den Nebel. Einen weichen Dunst über allem. Um ihn die Kaffeehausgeräusche, sie branden an sein Ohr wie die See an eine ferne Küste.

Emma! ruft er. Emma, bist du das? Emma? Bist du da? Komm zurück.

Der Kellner läuft schneller und erreicht seinen Tisch.

Sie wünschen? fragt er.

Haben Sie das gesehen?

Was meinen Sie, mein Herr?

Das – die Grüne. Das Gespenst. Diese – ach, nichts, ich…

Möchten Sie noch ein Glas?

Er denkt an seine leere Wohnung, das Treppenhaus, Zwiebeln und Kohl.

Er nickt. Der Kellner entfernt sich.

Ja. Ja, sagt er schnell.

 

In Liebe,
Deine

 

PS. Heute war selbstverständlich ein anderer Pianist da.

Briefe aus Prag – 10

Mittwoch, 12. November 2014

Flaneurin auf der Kleinseite

Liebster,
wann ist man eigentlich in einer Stadt wirklich angekommen? Wenn man nicht mehr von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit stürmt? Wenn man das Gefühl hat, sich ein wenig auszukennen, und hie und da auch schon „Schleichwege“ gefunden hat, also nicht andauernd stehen bleiben muss, um den Stadtplan zu studieren? Oder wenn man mit Gelassenheit spazieren gehen kann, nicht mehr von der Ungeduld getrieben, etwas Interessantes unterwegs zu versäumen? Oder erst dann, wenn man in einer Stadt schon so lange lebt, dass man nicht mehr nach rechts und links schaut? In diesem Fall verkehrt sich das Angekommensein häufig ins Gegenteil und man besucht möglicherweise jahrzehntelang keine einzige der Sehenswürdigkeiten, für die so viele Touristen in die Stadt kommen.

Ich jedenfalls befinde mich in einem ersten Zwischenstadium. Die nervige Anspannung der Tagestouristen und derjenigen, die für wenige Tage nach Prag kommen, habe ich hinter mir gelassen. Selten bieten Reisebüros längere Aufenthalte als etwa zwei bis vier Tage in den maßgeblichen Städten Europas an. Als wenn es undenkbar wäre, dass man dann noch nicht wirklich alles gesehen hat! Auch für private Reisende scheint eine Planung von einer Woche in einer fremden Stadt schon viel.

Nun bin ich zwar keine Touristen, doch da ich noch nie vorher in Prag war, kann man meinen Blick der ersten Tage auf diese Stadt unbedingt damit vergleichen. Jetzt bin ich, wie gesagt, schon einen kleinen Schritt weiter. Ich habe das Glück, bestimmte Straßenzüge, Gebäude und Winkel ein zweites, ein drittes, ein viertes Mal anschauen zu dürfen, mit dem Blick des Wiedererkennens und der Chance, mehr zu sehen als beim ersten Mal.

Heute bin ich recht ziellos durch die Kleinseite spaziert, um ein wenig genauer hinzuschauen. Gibt es eigentlich die weibliche Form von Flaneur? Ein milder Tag mit leicht milchigem Licht, das den Statuen auf der Karlsbrücke eine Spur Weichheit verleiht. Es scheint, als würden die Touristenströme momentan täglich weniger werden. Sie werden wohl erst wieder in Scharen einfallen, wenn im Dezember der Weihnachtsmarkt eröffnet wird.

Ich habe mittlerweile gelernt, mich beim Straßenbahnfahren einigermaßen zu orientieren. Heute sah ich im Vorbeifahren tatsächlich über einem Geschäft die alte Aufschrift „Galanteriewaren“. Das waren die Dinge, die Kafkas Vater Zeit seines Lebens verkauft hat: Schirme, Schals, Zwirn, Schleifen, modisches Beiwerk etc., alles, was man zur Vervollständigung der Garderobe so brauchte.

Wenn ich bisher die Atmosphäre von Prag mit einer Mischung aus Paris und Wien verglichen habe, so ist die Kleinseite eindeutig Salzburg zuzuordnen. Es ist lange her, dass ich in Salzburg war, doch hier schreit es mir an jeder Ecke förmlich entgegen. Die barocken Fassaden, die eng stehenden Häuschen, die kleinen, verwinkelten Gassen, den Berg hinauf, teilweise verstopft vom Autoverkehr. Mittendrin die große Kuppel der St. Niklaskirche. Geht man hinein, wird man von der schwirrenden Pracht der Barockengel schier erschlagen – eine enorme Reizüberflutung. Natürlich wurde sie von den Jesuiten in Auftrag gegeben, als Ausdruck ihrer Macht, und angelehnt an kein geringeres Vorbild als den Petersdom in Rom.

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(c) Schubert

Es fehlen nur die Mozartkugeln. Doch einige Geschäfte halten auch sie bereit, denn Mozart war ja hier. Drei Mal ist er in Prag gewesen, insgesamt etwa ein halbes Jahr seines kurzen Lebens, und diese Aufenthalte gehören wohl zu seinen glücklichsten und erfolgreichsten Zeiten. Beim ersten Mal wohnte er im Hause seines Mäzens, des Grafen Thun – heute befindet sich in dem etwas abseits gelegenen Palast am Ende einer Sackgasse die britische Botschaft. Doch die Ausstrahlung des Hauses hält für mich seltsamerweise noch im Bereich des Möglichen, dass Mozart einmal hier war. Und die ganze Stadt trällerte damals seine Melodien aus dem „Figaro“. Unglaublich. Ach, ich hätte gerne eine Zeitmaschine, um nur für eine halbe Stunde hier zu stehen, während Mozart hinter den offenen Fenstern dieses Hauses Cembalo spielt, livrierte Diener die Kerzenleuchter entzünden und etwas Brodelndes in der Luft liegt, so wie ich mir das überall vorstelle, wo er war.

Angesichts der Adelspaläste auf der Kleinseite gewinnt man wirklich den Eindruck, Casanova könnte einem aus einer der Nebenstraßen entgegenkommen. Folgerichtig gibt es ein italienisches Restaurant gleichen Namens nahe des Aufgangs zur Karlsbrücke. Viele der Adelshäuser sind heute ausländische Botschaften oder Staatsbehörden – wie etwa der ungeheuerliche Wallenstein-Palast. Doch steigt man die Kopfsteinpflastersträßchen in Richtung Hradschin hinauf, stehen auch viele Häuser leer. Hinter blinden, teils zerbrochenen Scheiben lauert schwärzlicher Zerfall. Das romantisch-malerische Bild steht auf der Kippe.

Aus dem Absinth-Geschäft an der Nerudova erklingt Pink-Floyd-Musik, sehr psychodelisch. Da ist wohl jemand mit einer anderen Zeitmaschine angekommen. Dieser Absinth muss ein ungeheuerliches Getränk sein. Er schimmert grünlich, bläulich in den kleinen Fläschchen in der Auslage, hat zwischen 70 und mehr als 80 % Alkohol, teilweise wird er in gläsernen Totenköpfen verkauft, das ist reizvoll und faszinierend anzusehen. Dieses Getränk war lange vergessen und ist nun irgendwie zurückgekehrt. In dem Absinth-Laden gibt es auch giftgrüne Absinth-Lutscher, grünliche Eiskugeln und Cannabis-Absinth.

Die Pink-Floyd-Musik führt mich zu einer „Wall“ auf der romantischen Kampa-Insel, der John-Lennon-Mauer. Die Beatles durften niemals in Prag auftreten. Doch nach dem Attentat auf John Lennon im Jahr 1980 sprühten trauernde Fans und protestierende Studenten seine Songtexte an die Klosterwand des Malteserordens, ein versteckter, von hohen Bäumen bestandener Platz, an dem bis heute John Lennon verehrt wird.

Das geht mir nah, denn ich fühle mich auf meine Art mit John Lennon verbunden, sind wir doch am gleichen Tag geboren, wenn auch nicht im selben Jahr! Und unvergesslich ist mir das Mahnmal „Imagine“, das ich vor einigen Jahren mit dir im New Yorker Central Park sah. Seine Witwe Yoko Ono ließ es unweit der Stelle errichten, wo man Lennon vor seinem Wohnhaus erschossen hatte.

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(c) Schubert

Hier, an der Prager John-Lennon-Wall, habe ich die Zeitmaschine der sechziger Jahre bestiegen. Ab und an passiert das noch, auf Flohmärkten manchmal, bei alternativen Stadtfesten oder wenn man einen der selten gewordenen Läden betritt, in denen es nach Patschuli-Räucherstäbchen riecht und wo noch Palästinensertücher hängen.

Hier in Prag vor der John-Lennon-Wall in der einsetzenden Dämmerung, die, wie schon gesagt, täglich früher beginnt, sind die sechziger Jahre auf erstaunliche Weise aktiv. Die bunte Wand selbst mit vielen Herzen und Lennon-Konterfeis ist an sich schon sehenswert. Doch die jungen Leute, Liebespaare, Freundespaare, die sich vor der Wand fotografieren, sind heute jung und kommen trotzdem her. Wer oder was mag John Lennon für sie bedeuten? Ein Musiker packt gerade seine Gitarre aus. Er hat tatsächlich in seinem offenen Gitarrenkasten, in dem er ein paar Münzen einzunehmen hofft, ein Schild aufgestellt. Er benötige das Geld, um sich eine Zeitmaschine in die sechziger Jahre zu kaufen, steht da. Na also.

Ich finde um die Ecke unverhofft ein österreichisches Restaurant und beschließe, hier zu essen. Selbstverständlich bestelle ich in Erinnerung an Salzburg eine Frittatensuppe voraus, speziell für Thomas Bernhard, und danach Kässpätzle. Die Prager Kleinseite ist also nicht nur wegen Mozart und den Fassaden des 18. Jahrhunderts „salzburgerisch“!

So gestärkt besuche ich am Abend eine Veranstaltung im nahen Goethe-Institut in der Reihe „Prager Begegnungen“ mit der tschechischen Autorin Anna Zonovà und der deutschen Ricarda Junge, einer Wiesbadenerin, wie ich. Ricarda Junge meint beim Abschied, sie beneide mich ein wenig um meinen Aufenthalt hier in Prag. Recht hat sie.

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 9

Dienstag, 11. November 2014

Ein Nichts, ein Traum, ein Schweben

Sehr geehrter Herr Dr. Kafka,

Sie haben in Ihrem Leben viele Briefe bekommen und sicherlich mindestens ebenso viele oder noch mehr geschrieben, sowohl beruflich, als auch privat, die Sie abgesandt oder nicht abgesandt haben. Deshalb scheint es mir angemessen, Ihnen in dieser Form zu begegnen. Zwar weiß ich nicht, ob jemand, der im Jahr 1924 verstarb, einen Brief aus dem Jahr 2014 lesen kann, doch sollte das der Fall sein, werden Sie sich vermutlich darüber wundern oder sogar freuen, denn Zeit Ihres Lebens haben Sie, wie ich meinte, in Erfahrung bringen zu können, gerne Briefe erhalten und häufig auf welche gewartet. Nun kommt dieser für Sie unverhofft.

Heute habe ich Ihr Grab auf dem Neuen Jüdischen Friedhof von Prag besucht. Wenn man die Untergrundbahn, die es zu Ihrer Zeit noch nicht gegeben hat, an der Station Zelivského verlässt, sieht man sich der Hässlichkeit und Anonymität eines Platzes in der Vorstadt gegenüber. Fitnesscenter, ein Busbahnhof, die nichtssagende Fassade eines Dorinthotels – das sagt Ihnen alles nichts. Doch gegenüber, neben einem Blumenkiosk, befindet sich der Eingang zum Friedhof, mit Blick auf die gewaltige Einsegnungshalle mit ihrer Kuppel. Und wenn man durch das Tor tritt, trifft man gleich dahinter auf ein Schild, darauf steht schwarz auf weiß: Dr. FRANZ KAFKA, 250 m, darunter ist ein Pfeil, der den Weg entlang nach rechts weist, an der Friedhofsmauer entlang.

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(c) Schubert

Könnten Sie dieses Schild sehen, so würden Sie wohl annehmen, sich in einem Ihrer Alpträume zu befinden. Aber nein, es ist wahr. 150 Meter weiter findet sich sogar ein zweites Schild, obwohl man einfach nur geradeaus weitergehen muss, bis zu Ihrem Grab. Man kann es sowieso nicht verfehlen. Es ist mit Abstand das bunteste, voll mit trockenen Blumen und Sträußen, Münzen, abgebrannten Tee- und Grablichtern, Zetteln mit Botschaften unter Steinen, Spielzeug, Bildern… das zeugt von den vielen Menschen, die hierher kommen, um Ihnen die letzte Ehre zu erweisen, noch heute, neunzig Jahre nach Ihrem Tod. Ihre Eltern Hermann und Julie Kafka, die hier auch beerdigt liegen, würden diesen Rummel wohl gar nicht verstehen können. Auch im Tod, so muss man leider konstatieren, sind Sie Ihren Vater nicht los geworden.

Viele Menschen möchten sich bedanken, soweit ich die Zettel und Botschaften interpretiere – auf Tschechisch, Englisch, Deutsch – für Ihre Werke, Ihre Bücher. Denn tatsächlich hat Ihr Freund Max Brod, dem man Ihrem Grab gegenüber eine Gedenkplatte in der Friedhofsmauer gewidmet hat, Ihre Schriften ja sämtlich nicht vernichtet, wie das angeblich Ihr Wunsch war. Er hat sie herausgegeben und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und seither sind Sie weltweit einer der berühmtesten und hochgeschätzten Autoren des 20. Jahrhunderts.

Ich weiß nicht, ob Sie es wirklich für möglich gehalten haben, dass Ihr Freund Max Ihre Texte verbrennen würde. Vielleicht haben Sie Ihre Schriften ja gerade ihm überantwortet, weil Sie wussten oder zumindest ahnten, dass er es nicht tun würde. Wie dem auch sei, darüber können wir Lebenden nichts wissen.

Der Tag ist für einen Friedhofsbesuch gut gewählt. Grau, aber trocken und mild, die Wege voller Laub, das leise und unaufhaltsam von den hohen Bäumen des Friedhofs weiter heruntersegelt, einige der Blätter haben faszinierend blutrote Kanten.

Ich habe Ihnen keine Blumen gebracht. Auch keinen Stein, wie auf jüdischen Friedhöfen üblich. Stattdessen habe ich etwas mitgebracht, das Sie – falls Sie im Jenseits schreiben wollen, wovon ich ausgehe – unbedingt benötigen, und das in der Tat unter den anderen Grabbeigaben nicht zu finden ist. Einen Bleistift. Ich habe einen besonderen für Sie ausgesucht, einen kleinen braunen einfachen Holzbleistift, wie sie im Café Louvre, das Sie noch kennen und zu Ihren Lebzeiten häufig besucht haben, auf den Tischen parat liegen, damit die Besucher sich etwas notieren können. Ich dachte, das würde Sie vielleicht freuen und sie auch an die alten Zeiten in den Caféhäusern erinnern. Auf dem Bleistift ist der Schriftzug „Café Louvre“ zu lesen, daneben die Zeichnung einer schreibenden Hand. Ich hoffe, Ihnen damit einen Gefallen erwiesen, ja vielleicht sogar, Ihnen eine Freude gemacht zu haben.

Ich schlenderte dann durch die Allee entlang der Friedhofsmauer zurück und beschloss, die Strecke Ihres Lebens sozusagen rückwärts zu gehen. Ich unternahm einen ausführlichen Spaziergang durch das alte Judenviertel, die Josefstadt. Die Jahrhundertwendehäuser nach der Assanierung des Ghettos stehen mehrheitlich noch genauso dort, wie sie zu Ihren Lebzeiten gebaut wurden. Ich spazierte an den Synagogen vorbei, warf einen Blick vom Brückenkopf der Cechuvbrücke, Ihnen noch als Niklasbrücke bekannt, auf die andere Moldauseite: Die Aussicht, die Sie von Ihrem Zimmer in der Familienwohnung im Haus „Zum Schiff“ hatten – auf das Schloss Belvedere und den Hradschin. Man meint, herausgefunden zu haben, dass Sie im Haus „Zum Schiff“ einige Ihrer maßgeblichen Texte geschrieben hätten, „Das Urteil“, „Die Verwandlung“ und große Teile Ihres ersten Romans „Der Verschollene“. Falls das stimmt und Sie sich darüber verwundern, woher man das weiß, dann muss ich Ihnen sagen, dass die Forschungsliteratur über Sie und Ihre Texte mittlerweile selbst Bibliotheken füllt. Ich bitte Sie, davor nicht zu erschrecken.

Das Mietshaus „Zum Schiff“, das Sie damals mit der Familie bewohnten, steht nicht mehr, dort befindet sich ein Hotelkomplex. Ich wanderte weiter durch die heutige Maiselova bis zu der Stelle, an der Ihr Geburtshaus stand, das der Assanierung des Ghettos zum Opfer fiel. Hier steht jetzt ein Haus, in dessen Erdgeschoss ein Restaurant betrieben wird, das „Café Kafka“ heißt. Ich habe dort gegessen.

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(c) Schubert

Das Essen war recht teuer, die Restaurantbetreiber lassen sich den Standort bezahlen. Aber das war es mir wert. Ich wollte gerne einmal in dem Haus sitzen, weil Sie an dieser Stelle geboren sind und ich heute an Ihrem Grab war. Übrigens kann man in dem Lokal auch koscheres Essen bekommen. Die Wände sind mit Ihren Fotografien tapeziert. Und – Sie werden es nicht glauben – der Platz davor heißt heute Franz-Kafka-Platz.

Sehr verehrter Herr Dr. Kafka, ich möchte Ihre Zeit nicht über Gebühr in Anspruch nehmen und hoffe, Sie mit meinem Schreiben nicht verunsichert oder verwirrt zu haben. Was ich Ihnen geschrieben habe, werden Sie vermutlich ohnehin längst wissen. Dennoch haben Sie dort, wo Sie nun sind, die Ruhe, nach der Sie sich wohl immer gesehnt haben. Ich hoffe auch, dass mein Brief Ihnen nicht zu persönlich ist. Es ist nicht meine Absicht, Ihnen zu nahe zu treten. Falls Sie das so empfinden sollten, so entschuldigt mich ein besonderer Umstand. Wenn es mir auch fern liegt, mich mit Ihrer Meisterschaft zu vergleichen, so darf ich Ihnen dennoch mitteilen, dass ich ebenfalls schreibe und daher verstehe, wovon Sie sprechen, wenn Sie vom Schreiben sprechen und wovon Sie diesbezüglich in Ihrem Leben geträumt haben.

Ich möchte Ihnen sagen, Sie sind ein sehr großer Autor und zu Recht unvergessen. Generationen von Lesenden und Schreibenden haben sich an Ihren Werken geschult. So möchte auch ich Ihnen danken, dafür, dass Sie nicht aufgegeben haben, solange Ihnen das möglich war. Ihr Freund Max Brod hat möglicherweise einen Verrat begangen – aber er war wohl wirklich ein Freund. Sie können darauf stolz sein.

Nun hoffe ich, dass Sie an dem Ort, wo Sie sind, Ihren Humor nicht verloren haben. Und was es auch immer mit dem Schreiben auf sich haben mag, das Leben ist die große Schule, an der wir ausgebildet werden. Sie wussten das. Sonst würde es nicht unter den vielen wunderbaren Sätzen, die Sie geschrieben haben und die weltweit zitiert werden, eben diese geben: „Ich prüfte die Wünsche, die ich für das Leben hatte. Als wichtigster oder als reizvollster ergab sich der Wunsch, eine Ansicht des Lebens zu gewinnen (und – das war allerdings notwendig verbunden – schriftlich die anderen von ihr überzeugen zu können), in der das Leben zwar sein natürliches schweres Fallen und Steigen bewahre, aber gleichzeitig mit nicht minderer Deutlichkeit als ein Nichts, als ein Traum, als ein Schweben erkannt werde.“

Vielleicht erinnern Sie sich von dort, wo Sie nun sind, an das Leben und vermissen genau dieses Nichts, diesen Traum, dieses Schweben. Ich habe es heute auf Ihren Spuren entdecken können. Herzlichen Dank dafür.

Hochachtungsvoll

Briefe aus Prag – 8

Montag, 10. November 2014

Im Ballsaal

Liebster,

der Pianist im Café Slavia spielt, während sich die Kaffeehausbesucher unterhalten, die Mobiltelefone klingeln, die Kellner mit klappernden Tellern vorbeihasten, während vor den großen Fenstern die Nacht hereinbricht und die Fassade des Nationaltheaters gegenüber, eben noch schwärzlich grau, jetzt in leuchtendem Ocker erstrahlt.

Da er dazu verurteilt ist, in einer Stadt zu leben, deren Zentrum ein immerwährender Ballsaal ist, in dem die Lichter nicht ausgehen, die Touristen kaufen, die Straßenbands spielen, die Fotoapparate klicken und das Leben ein nicht enden wollendes Fest zu sein scheint, setzt er ein verschlossen freundliches Gesicht auf und versteckt alles, was ihn bewegt hinter der Fassade seines schwarzen Anzugs, dem weißen Hemdkragen, den hübschen Lackschuhen. Er ist nicht mehr jung. Er wartet schon lange nicht mehr auf Applaus. Ein gedrungener Mann, der hinter dem schwarzen Flügel nahezu verschwindet. Er hat noch volles, weißes Haar und buschige graue Augenbrauen, unter denen zwei tief liegende traurige Augen hervorschauen. Ohne bestimmte Aufmerksamkeit folgen sie dem Geschehen um ihn herum.

Niemand scheint ihn zu bemerken. Hektische junge Mütter ziehen ihre Kleinkinder vom Treppenabsatz neben seinem Flügel hoch, die Kinder greinen. Suchende Touristinnen übersehen ihn auf dem Weg zur Toilette. Hört ihm jemand zu? Hört ihn überhaupt jemand? „As time goes by“ spielt er, dann Chopin, Beethoven. Eine junge Frau lugt vorsichtig hinter dem Wandvorsprung hervor, vor dem er sitzt. Ist er echt?

„Where do I begin to tell the story….“ spielt er, so geschmeidig, wie die zwischen den Apfelstrudelscheiben langsam und genüsslich zerlaufende Sahne.

Das Slavia ist ein leuchtendes Traumschiff, es legt ab und fährt die Moldau hinunter bis zur Elbe und weiter, es wird größer, je näher es dem Meer kommt, strahlend hebt sich Deck um Deck aus dem Wasser, sehr aufrecht, stolz. Er träumt. „Weißt du wohin mein Herz auf Reisen geht?“ spielt er, und die blauen Schatten um seine Augen wachsen.

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(c) Schubert

Das Schiff wird Hamburg erreichen und sich von dort aufmachen über den Atlantik, ein zerbrechliches Juwel auf der weithin dunklen See, die der Rundung der Erde folgt, und er wird spielen, nächtelang, bis zur Hafeneinfahrt von New York. Wie groß und reich viele Teile der Welt sein können und welche scheinbar unerschöpflichen Möglichkeiten sie bieten, wenn man nur das Glück hat, auf der „richtigen“ Seite der Halbkugel zu sein.

Verirrte Touristen tanzen im Ballsaal. „Wo geht es denn jetzt zur Karlsbrücke?“ Dort, wohin sie gehen, jedenfalls nicht. Wie ortskundig ich auf einmal schon bin. Doch ich schweige und sehe ihnen nach. Ein Paar kommt mir auf einem engen Bürgersteig entgegen. Ich weiche nicht aus. „Hier muss es doch irgendwo einen Taxistand geben“, sagt er und springt vom Bordstein. Sie quetscht sich an mir vorbei. „Du mit deinem Taxistand!“

Unten an der Moldau eine kleine Gruppe. „Do müsse mer nunter, die näxschte!“ Ja sicher, dort laufen ohnehin alle. In den Seitenstraßen ist es still.

Alle scheinen überall sehr beschäftigt. Nur mir ist heute ein wenig flau. Ich bin erschöpft, brauche Zeit, das Gesehene zu verarbeiten, den Körper, den ich seit einer Woche übers Kopfsteinpflaster schleppe, auszuruhen.

Still ist es geworden im Café. Als ich von meinen Notizen aufblicke, ist der Klavierspieler fort. Der Pianist lässt sich entschuldigen. Er ist zu Schiff nach…

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 7

Sonntag, 9. November 2014

„Am Grunde der Moldau wandern die Steine,
es liegen drei Kaiser begraben in Prag…“

Liebster,

heute ist Sonntag. Deshalb hat Herr Dr. Kafka frei und somit hat er auch frei von mir und mein Begleiter Klaus Wagenbach kann sich ebenfalls zwischen seinen Buchdeckeln auf dem Schreibtisch ausruhen und braucht das Haus nicht zu verlassen. Ich stattdessen habe noch eine Eintrittskarte für den Hradschin, die zwei Tage gültig ist, und deshalb steht heute der St. Veits-Dom und der alte Königspalast auf meinem Programm, zwei Lokalitäten auf meinem Ticket, die der elektronische Kartenleser gestern nicht gesehen hat, weil ich zu Kafka unterwegs war.

Ausgerechnet an diesem Wochenende fährt die Metro A wegen Reparaturarbeiten nicht zur Kleinseite hinüber und nach der einstündigen Umsteige-Odyssee von gestern, beschloss ich heute, schlauer zu sein, und gleich bei der ersten Möglichkeit in die Straßenbahn umzusteigen. Die besondere Linie 22, die ohnehin von meinem kleinen Reiseführer empfohlen wird. Man solle damit einmal von Endstation zu Endstation fahren, damit habe man ganz Prag gesehen, das ersetze jede Stadtrundfahrt. Keine Erwähnung findet dabei, dass die Linie meistens sehr voll ist und man damit beschäftigt ist, mühsam festen Halt zu suchen, anstatt mit Muße aus dem Fenster zu sehen und die Stadt an sich vorbeiziehen zu lassen.

Ohnehin haben die heutigen Reiseführer so ihre Tücken. Klein und handlich kann man sie zwar unaufwändig überallhin mitnehmen, und der ausklappbare Verkehrslinienplan ist ebenso hilfreich wie die Stadtteilpläne, die aktuellen Adressen und Eintrittspreise. Doch von einem Kulturführer sind diese hippen, schicken Büchlein weit entfernt – da müsste man schon einen dicken Wälzer herumschleppen – und je mehr ich die Stadt kennen lerne, desto mehr fehlt mir genau das. Ich brauche gar nicht zu wissen, wo es die teuersten Taschen und die besten Cocktails in der Stadt gibt. Aber ich würde beispielsweise gerne etwas über die Geschichte der Prager Burg lesen.

Franz Kafka sind in meinem Reiseführerchen immerhin ein paar Seiten gewidmet, da kommt man wohl in Prag nicht drum herum. Aber nehmen wir mal Jan Neruda zum Beispiel. Die steile Nerudova-Straße zum Hradschin hinauf ist nach dem Prager Autor benannt, der 1891 starb und im Haus Nerudova Nr. 47 gewohnt hat. In der Fassade erinnert ein Relief mit einer Inschrift an ihn. Das weiß mein Reiseführer zwar und sogar, dass Neruda mit Erzählungen über die kleinen Leute der Kleinseite berühmt wurde. Doch ansonsten muss er mir unbedingt berichten, dass Neruda Trinker war und sich passend dazu in seinem Wohnhaus ein Bierausschank befand. Heute ist dort im Übrigen kein Bierausschank mehr sondern einer der vielen Andenkenläden dieser Straße. Ob Neruda nun Trinker war oder nicht ist mir einigermaßen egal, jedenfalls hat einer der von mir sehr verehrten großen Lyriker Lateinamerikas, der Chilene Pablo Neruda, diesen Prager Dichter so bewundert, dass er seinen Namen angenommen und ihn weltberühmt gemacht hat.

Der unermüdliche Strom der Touristen steigt zum Hradschin hinauf und ich schließe mich an. Es ist nicht ganz so viel los wie gestern. Aber der Mann mit Ritterhelm und Kettenhemd steht auch heute eisern am Aufgang zum Hradschinplatz und versucht, einige Kronen mit seinem Äußeren zu verdienen. Gestern stand er an der gleichen Stelle, als ich kam, und er stand noch immer dort, als ich nach Stunden wieder ging. Auch eine Geschäftsidee, die nichts für mich wäre.

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(c) Schubert

Tritt man aus dem Durchgang zum dritten Burghof des Hradschin, steht man unmittelbar vor der Frontseite des Doms, so nah, dass man meint, den Atem anhalten zu müssen. Nachdem ich gestern das steinerne Gebirge der Kathedrale bereits umrundet und im weichen Sonnenlicht ausgiebig bewundert und fotografiert habe, trete ich nun ein. Den gotischen Kathedralen und ihren Baumeistern habe ich immer schon größte Bewunderung gezollt. Ich habe den sehnlichen Wunsch, während meiner Lebenszeit wenigstens einmal alle großen europäischen Kathedralen zu sehen. Da schließt diese Begegnung mit dem Prager St. Veits-Dom ein maßgebliche Lücke. Im unwahrscheinlichen Nachmittagslicht, das durch die erstaunlichen Fenster fällt, sehe ich die liegenden Grabfiguren des Habsburger Mausoleums in der Mitte der gotischen Halle und blitzartig kommt mir ein Lied in den Sinn, an das ich schon lange nicht mehr gedacht habe. Unwillkürlich beginne ich, vor mich hin zu singen: „Am Grunde der Moldau wandern die Steine, es liegen drei Kaiser begraben in Prag. Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine, die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.“

Heute, am 9. November 2014, wo in Berlin die Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag des Mauerfalls begangen werden, mit der Grenze aus Licht in der ehemals geteilten Stadt, bekommt Brechts Lied einen denkwürdig aktuellen Sinn.

Ich sehe die Wenzelskapelle, ich kaufe einem alten Mann ein Teelicht ab und entzünde es am Ausgang. Dann verlasse ich die hohe Halle, Gott zu ehren, fürs Erste wieder. Genug tote Kaiser und Gekreuzigte für einen Tag. Ich habe noch Zeit in dieser Stadt und werde sicher wiederkommen.

Im bereits trüben, späten Licht gehe ich hinüber zum alten Königspalast. Auch drinnen ist es duster, das diensthabende Personal wartet schon auf seinen Feierabend, doch die Räume rühren mich an. Sie haben trotz der vielen Touristenströme, die durch sie hindurchmarschieren und zu dieser Stunde schon sehr nachgelassen haben, etwas von der Atmosphäre der vergangenen Jahrhunderte bewahrt. Man spürt, dass alles echt ist und nicht Disneyland. Der Wladislaw-Saal aus dem 16. Jahrhundert war damals der größte Saal Europas, wo neben den Hofzeremonien auch Reitturniere stattfanden. Über eine Rampe konnte man mit Pferden in den Saal reiten. Ich stehe fasziniert vor dieser räumlichen Erhabenheit. In einer der Amtsstuben darüber mit herrlich spätgotischem Rippengewölbe fand der Prager Fenstersturz statt, der den Beginn des Dreißigjährigen Krieges markiert. Davon spricht mein Reiseführer nicht. Ich stehe am berühmten Fenster und blicke hinaus in das von leichten Nebelschlieren wie mit einem Weichzeichner überzogene Stadtbild.

In der alten Landrechtsstube steht der Thron der Könige. Es könnte auch das Bühnenbild zu einem von Shakespeares Königsdramen sein, gleich mag Richard dem Dritte um die Ecke biegen, mit verhangenem Blick, im Winter seines Missvergnügens. Seitlich, in einer Glasvitrine, stehe ich unerwartet vor den maßgeblichen Insignien des Reiches: Zepter, Reichsapfel und Krone. Sie glänzen wie aus einem Märchen von den guten und bösen Königen, ihren Schätzen, ihren Wohl- und Gräueltaten und ihrem hungernden Volk. Sie hatten es warm hier, große Kachelöfen in allen Räumen, von hier aus beherrschten sie die ganze, ihnen bekannte Welt.

Die Bediensteten klappern mit den Schlüsseln und wollen endlich in ihren Feierabend. Demonstrativ legen sie dicke, schwere Seile vor die Treppenaufgänge und Räumlichkeiten und machen die Ausgangstür weit auf: Exit. Zaghaft steige ich die Rampe hinunter, über die in den Saal geritten wurde. Sehe mich noch einmal um. Höre das Gewieher der Pferde, die Fanfaren. Vergangen…

„Am Grunde der Moldau wandern die Steine…“. Schon als Kind habe ich dieses Lied als etwas Besonderes empfunden, ohne seinen Sinn zu verstehen. Es löste eine Art trauriger Hoffnung in mir aus oder hoffender Trauer. „Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.“ Berlin, 9. November 1989. Prag, 17. November 1989. Daher soll Bertolt Brecht heute das letzte Wort haben:

„Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne
der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.
Und gehen sie einher auch wie blutige Hähne,
es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.“

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 6

Samstag, 8. November 2014

„…der schöne Weg hinauf, die Stille dort…“

Liebster,

gestern habe ich vom Verschwinden der Kaffeehauskultur geschrieben. Und vor einigen Tagen sagte ich: Kafka lebt nicht mehr hier. So wie immer bei einer Recherche ist nichts mehr vorzufinden und gleichzeitig ist alles noch da. Es kommt auf den Blickwinkel an. Wer sich auf Recherche befindet, ist ein Suchender und nimmt den Blick des Liebenden ein. Wie ein Liebender will man das Objekt der Begierde finden, verstehen, festhalten.

Das Gegenteil des Verschwindens ist das Bewahren und das ist wohl ein Sinn der Literatur. Sie bewahrt die Geschichten auf, die Gefühle. Damit sie wieder und wieder erzählt und nachempfunden werden können.

Viele Häuser, in denen Kafka, Max Brod, Milena gelebt haben, stehen noch im unzerstörten Prag, andere eben nicht mehr. Zwischen dem Balkon mit dem goldenen Hecht, an dessen Brüstung Kafka noch immer lehnen könnte, bis hinüber zum hässlichen Intercontinental-Hotelgebäude an der Stelle des Hauses, in dem Kafka vermutlich einige seiner Texte schrieb, gibt es verschlossene Türen in vielerlei Gestalt.

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(c) Schubert

Neben dem verrammelten ehemaligen Café Arco, vor dem ich gestern stand, hat auch das Haus in der Skorepka 1, Max Brods Wohnung, in der Kafka Felice begegnete, für mich eine solche verschlossene Tür. Ich schlich nun schon mehrfach daran vorbei, in der Hoffnung, einen Blick ins Treppenhaus zu erhaschen, oder dass vielleicht gerade jemand hineinginge, herausträte, etwas hinauftragen müsste – doch kein Blick ins Innere scheint mir hier vergönnt.

Oder das „Grand Hotel Europa“ am Wenzelsplatz. Hinter der wunderbaren Jugendstilfassade las Kafka am 4. Dezember 1912 seine Erzählung „Das Urteil“ öffentlich vor. Damals hieß das Hotel noch „Erzherzog Stefan“ und Kafka las im Spiegelsaal in der oberen Etage des zweigeschossigen Cafés. Dort sind nun ebenfalls alle Lichter aus. Ich bin schon einige Male daran vorbeigekommen, am traurigsten wirkt es nach Anbruch der Dunkelheit, wenn die Lichter am Wenzelsplatz allenthalben erstrahlen, doch hinter den Fenstern des Hotel Europa bleibt es dunkel wie in einem Grab. Dort gehen wohl nur mehr noch die blinden Gespenster der Vergangenheit um.

Auf Straßenhöhe ist das Hotelgebäude von einem Bretterbauzaun eingeschlossen, der einen schmalen Durchgang hat, vor dem zwei Türsteher Wache schieben. Es scheint sich dabei um das Büro einer Immobilienfirma zu handeln, die momentan provisorisch dahinter ihre Klienten empfängt, falls ich die Werbetafeln richtig interpretiert habe. Dass man nicht hineinkommt, hat Kafka mit seiner Parabel vom Türsteher bereits hinlänglich zu Literatur gemacht. Es ist also ein gewohnter Zustand in seinem Werk, nur ich mag mich nicht recht damit abfinden.

Heute allerdings durfte ich einmal in ein Kafka Allerheiligstes hinein und wenn der Raum auch schnell zu überblicken war, so erfüllte mich das doch mit einiger Befriedigung. Ich hatte mich zum Hradschin aufgemacht, um das kleine Haus in der ehemaligen Alchimistengasse, heute Goldenes Gässchen, zu sehen, das Kafka gemeinsam mit seiner Schwester im Winter 1916/17 kurzzeitig gemietet hatte und in dem er, der lauten Straßenecke beim goldenen Hecht entflohen, endlich in Ruhe schreiben konnte und einige seiner wichtigsten Texte verfasste, darunter den „Bericht für eine Akademie“.

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(c) Schubert

Ich hatte eigentlich das Schlimmste befürchtet. Ein Samstag, ideal für Tagesausflügler, dazu strahlendes Sonnenwetter – die Leute saßen vor den Restaurants im Freien, als sei August! Und die ehemals so stille Gasse ist längst nicht mehr still, sondern eine der ganz großen Touristenattraktionen unter den vielen Highlights, die der Hradschin zu bieten hat. Um in das Gässchen zu kommen, muss man mittlerweile Eintritt bezahlen und sich an die Öffnungszeiten halten. In der Winterjahreshälfte wird die Gasse um 16 Uhr geschlossen. Ein verträumtes nächtliches Schlendern im Licht der Straßenlampen, sich dabei ausmalen, dass einem gleich ein schlanker Mann in Anzug und Hut entgegen käme, der mit leichter Nervosität sein Häuschen aufschließt und darin verschwindet, um endlich seine eigentliche Arbeit tun zu können, das geht hier nicht mehr. Es gibt Andenkenläden und liebevoll anschauliche historische Museumsräume im Goldenen Gässchen zu besichtigen und wenn man etwas noch ein zweites Mal anschauen will, muss man gegen den Strom der Besucher an, denn es ist eine Einbahnstraße – auf einer Seite mit dem Ticket rein, auf der anderen Seite über eine schmale Treppe hinunter wieder raus: Exit.

Aber was solls, ich war gewappnet und sehr positiv überrascht. Kaum betritt man das abgelegene Sträßchen im hintern Bereich des Hradschin-Komplexes, sieht man schon das Häuschen. Heute blau angestrichen, die Nummer 22, ein kleiner Buchladen. Klein ist hier wirklich klein. Diese mittelalterliche Häuserzeile diente einst den Palastwachen als Quartier. Es waren aber zu Zeiten auch Goldschmiede und Alchimisten hier, die für Rudolf II Gold zu machen versuchten. Später waren die Häuschen privat bewohnt und ab und zu an Künstler vermietet. Auch Jaroslav Seifert, der tschechische Dichter und Nobelpreisträger, arbeitete eine Zeitlang in dieser Gasse.

Kafkas ehemaliges Schreibhäuschen darf man also betreten, weil es heute ein Buchladen ist. Kaum drei Schritte breit, nicht mal zehn Schritte lang. Ein Fenster nach hinten hinaus, zu sehen sind nichts als sehr hohe Bäume, alles buntes Laub, sehr schön. Zumal Kafka das Häuschen im November gemietet hatte, also musste er in etwa diesen Blick gehabt haben. Andererseits, er kam nachts, also blickte er wohl in die Schwärze.

Ein Fenster zur Gasse und noch ein Kleines links neben der Eingangstür. Ein Zimmer für ihn allein. Diese Forderung Virginia Woolfs für die schreibenden Frauen ihrer Generation ging hier für Franz Kafka wunderbar auf.

Ich werde misstrauisch von der Verkäuferin beäugt, weil ich weniger ihre Auslagen als vielmehr die vermeintliche Aussicht betrachte. Über einem der schönen alten Holzregale, in denen die Bücher aufgestellt sind, klebt ein kleines Schild: „This book wrote Kafka in this house“. Ich möchte das Schild fotografieren, aber ich werde sofort zurückgepfiffen. Das sei ein Laden zum Verkaufen, nicht zum Fotografieren! Ja, sie kann nicht wissen, was ich hier eigentlich suche. Dennoch, was für ein Unterschied im Ton zu dem herzlichen Willkommen gestern in der Kafka-Buchhandlung im Kinsky-Palais am Altstädter Ring, als ich mit dem Fotografen kam. Der meinte auch ganz erstaunt zu mir, diese Freundlichkeit sei nicht unbedingt überall die Regel. Hier wäre unser Fototermin wohl nicht möglich gewesen. Egal, ich sehe das Haus! Ich bin drin! Und es ist wunderschön. Trotz Touristenströmen kann ich mir die Ruhe, die Abgeschiedenheit von Kafkas Klausur noch vorstellen. Ja, hier hatte er einen wunderbaren Ort. Eine Art Hobbithöhle. Mehr braucht es nicht zum Schreiben, wenn man von der Welt in Ruhe gelassen wird.

Er blieb wohl immer bis gegen Mitternacht, weiß mein unermüdlicher Begleiter Klaus Wagenbach zu berichten, dann machte er sich auf den Rückweg in die Stadt hinunter. Vom Haus Zum goldenen Hecht zog er bald um auf die Kleinseite und bewohnte drei Zimmer im zweiten Stock des Schönborn-Palais in der Marktgasse (Trziste). Heute befindet sich in dem repräsentativen Palais mit ausladendem Gartengrundstück die US-amerikanische Botschaft. Da darf man selbstverständlich nicht hinein und eigentlich ist auch das Fotografieren verboten. Aber man rügt mich nicht, als ich meine Schnappschüsse mache.

Wagenbach empfiehlt, Kafkas nächtlichen Weg von der Alchimistengasse zum Schönborn-Palais nachzuvollziehen: Durch den gesamten Burgkomplex zurück, die neue Schlossstiege hinunter, die Nerudagasse abwärts und beim Haus Nr. 13 durch das Tor – dieser Weg führe direkt zum Palais. Ich war geneigt, Wagenbach nicht zu vertrauen, trat aber dennoch durch das Tor, in der Erwartung, gleich auf einem Privatgrundstück zu stehen. Doch siehe da: Hinter dem Innenhof führt tatsächlich ein schmales Kopfsteinpflastersträßchen abwärts, links vom altem Mauerwerk begrenzt, dahinter ein verwilderter Garten, rechts gedrungene Häuser, Laternen an den Hauswänden. Zwar war es noch nicht dunkel, doch ich konnte es mir sehr gut vorstellen. Wie Herr Dr. Kafka sehr befriedigt nach getaner Schreibarbeit nach Hause spazierte, bergab übers Kopfsteinpflaster, im Schein der Laternen. Nur mit seinem Schatten als stillem Begleiter. Möglicherweise waren das seine glücklichsten Abende. Kurz, wie vielleicht jedes stille, geheime Glück. Denn wenig später wurde er krank, seine Tuberkulose kündigte sich mit ersten Blutstürzen an. Dann konnte er diesen Weg, den er so lange gesucht und endlich gefunden hatte, bald nicht mehr gehen. Sieben Jahre später starb er.

Ich spaziere über die romantische Halbinsel Kampa mit ihrer belebten Grünanlage am Moldauufer zurück. Mir tun die Füße weh, der Hradschin und das Kopfsteinpflaster haben mich geschafft. Aber ich habe Herrn K. ein klein wenig über die Schulter schauen können.

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 5

Freitag, 7. November 2014

Auf der Suche nach dem geschlossenen Café

Liebster,

der Tag begann mit der Suche nach einer neuen Glühbirne für meine Schreibtischlampe. Auf einem Sonderpostentisch beim Norma-Markt um die Ecke wurde ich nach einiger Zeit fündig. Es werde also wieder Licht.

Heute war Fototermin für die Stipendiatin des Prager Literaturhauses. Ich traf mich mit dem deutschen Fotografen Björn Steinz vor dem Hotel Century Old Town – in meiner Lesart die alte Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt, Kafkas Arbeitsplatz. Herr Steinz kannte zwar das Hotel und er wusste auch, dass Kafka dereinst in der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt seinen Dienst tat, doch dass es sich dabei um dieses Gebäude handelte, war ihm neu. So konnte ich einem seit zwanzig Jahren in Prag Lebenden unverhofft noch etwas Neues erzählen. Das hat mich sehr gefreut, zumal er ein hessischer Landsmann ist, ganz in meiner Nähe im Rhein-Main-Gebiet aufgewachsen.

Das Treppenhaus, das ich für den Fototermin vorgeschlagen hatte, begeisterte ihn. Ich hatte eigentlich nichts anderes erwartet. Danach spazierten wir zur Kafka-Buchhandlung am Altstädter Ring, wo Kafkas Vater sein Geschäft geführt hatte. Auch das wusste Herr Steinz noch nicht. Ich hatte extra für den Anlass mein neu erworbenes Kafka-T-Shirt angezogen. Er meinte, dieses T-Shirt sei bei einem Fototermin noch nicht vorgekommen, seit er die Stipendiaten fotografiert.

Beim Kafka-Denkmal an der Spanischen Synagoge endete unser Fotospaziergang. Herr Steinz kam hier auf die Idee, man könnte eine Sammlung von Schnappschüssen der Touristen machen, die sich vor der Kafka-Statue in den unterschiedlichsten Posen fotografieren. Ein Reiseleiter erklärte einer recht befremdlich dreinblickenden Gruppe junger Leute: „His name is Franz Kafka.“ Aha. Vielleicht würde hier ein Besuch des Kafka-Museums Abhilfe schaffen….

Denkmal2

(c) Schubert

Der Fotograf und ich trennten uns vor Kafkas Denkmal nach einer inspirierten Fototour mitten am trüben Nachmittag. Er hastete zu seinem nächsten Termin und ich spazierte los, ins Blaue. Ach, wie wunderbar kann das Leben doch sein. Gestern sagte ein Besucher der Ausstellung im Literaturhaus den denkwürdigen Satz: „Das berühmte Carpe diem kann manchmal einfach darin bestehen, einen Tag lustvoll zu vertrödeln.“ Das hatte ich im Prinzip mit diesem Nachmittag vor. Nichts Neues sehen, die bisherigen Eindrücke auf mich wirken lassen – das war doch einiges in den vergangenen Tagen! Doch ich blieb auf Kafkas und Milenas Spuren. Zunächst stand ich noch einmal vor dem Eckhaus „Zum goldenen Hecht“ und sah endlich das Hauswappen, den goldenen Fisch an der Fassade. Er ziert noch immer Kafkas ehemaligen Balkon, wie Klaus Wagenbach mich in seinem Büchlein belehrt hat. Fassungslos sehe ich nach oben. Ja, an dieser lauten Kreuzung ist das Schreiben sicherlich undenkbar – damals wie heute. Immer noch nicht verwunderlich für mich, dass in dieser Wohnung wohl so gut wie kein Werk entstanden ist. Und von dem Balkon konnte Kafka, wie Wagenbach erläutert, auch in die Fenster der Wohnung schräg gegenüber sehen, die er seinerzeit für die Ehe mit Felice vorgesehen hatte…. Da kamen ihm wohl mindestens doppelte Fluchtgedanken!

Ich mache mich auf zum Café Arco, das damals bekannte Literatencafé in der Hyberner Gasse. In den Kaffeehäusern spielte sich ja, wie man weiß, zum Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum 1. Weltkrieg ein Großteil des gesellschaftlichen Lebens ab und einen besonderen Stellenwert hatten die Künstler- und Literaturcafés, die zu Treffpunkten der Autoren, Journalisten, Musiker und Schauspieler der Stadt wurden. Das Prager Café Arco war ein solcher Ort, der sozusagen in die Kulturgeschichte Europas einging. Oftmals, wie in diesem Fall, schloss sich ein Billardsaal an.

Beim Café Louvre, einem der wenigen noch in Betrieb befindlichen Jahrhundertwende-Kaffeehäuser der Stadt ist das bis heute so. Wagenbach schreibt, dass das Café Arco samt Billardsaal erhalten ist. Das freute mich ungemein, zumal die allermeisten Cafés aus der Zeit nicht mehr existieren und so beschloss ich, dort zu essen. Es liegt etwas abgelegen, abseits von Graben und Wenzelsplatz, wie auch die Milena-Biografin Alena Wagnerová schreibt, denn Milena Jesenskà ging ebenfalls im Arco ein und aus. Sie traf hier auch auf ihren Geliebten Ernst Polak. Ja, dieser Ort würde mich inspirieren.

Etwas abgelegen ist er tatsächlich, man läuft bis zum Ende des Grabens, die Na prikope ganz hinunter, von Schaufenster zu Schaufenster, H&M bis Mc Donalds, eine einzige Einheitsmontur auf Gesichtshöhe. Nur, wenn man höher hinaufschaut, sieht man die herrlichen Fassaden der alten Häuser aufblitzen. Doch dazu war es schon beinahe zu dunkel geworden. Hinter dem mittelalterlichen Pulverturm geht es noch ein ganzes Stück die heutige Hybernská hinauf und ich sehe schon von weitem, dass dort auf der rechten Seite, wo ich die Nummer 16 vermute, kein Licht brennt. Ruhetag? Unwahrscheinlich.

Nein! Die Fenster sind verschlossen, das Licht ist ausgegangen. Es sieht aus wie für immer. Ein für mich trauriger Anblick. Es bleibt mir nichts übrig, als an der sehr belebten Kreuzung zu stehen, zwischen Auto- Straßenbahn- und Fußgängerverkehr und ein paar ungläubige Fotos von den dunklen Fenstern und dem Schriftzug Kaverna Arco an der Hauswand zu machen. Damit falle ich ein wenig auf, denn das Gebäude, an dem praktisch ständig die Straßenbahnen entlangrumpeln, macht alles andere als einen fotogenen Eindruck. Die Arkaden sind voller Graffiti und die ganze Straßenecke wirkt schäbig. Hier gibt es gar nichts zu sehen, könnte man meinen. So ist es nun mal mit der historischen Recherche – immer ist man auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Und wieder hatte Herr Wagenbach leider inzwischen Unrecht. Wie verhält es sich also mit der Kaffeehauskultur?

Gestern in der Bibliothek des Literaturhauses war mir ein Buch von Lenka Reinerovà aufgefallen, mit dem schönen Titel: „Das Traumcafé einer Pragerin“. Die Titelgeschichte bezog sich auf das Verschwinden der alten Kaffeehäuser und sie erfand sich im Traum und in ihrer Literatur deshalb ein Café und bevölkerte es nach ihren Wünschen. Ja, der tiefere Sinn dessen wird mir nun klar, liebe Frau Reinerová und ich bedauere zweierlei. Zum einen, dass ich mir das Buch nicht ausgeliehen habe, um die ganze Geschichte zu lesen und zum anderen, dass Sie diese Idee schon hatten! Andernfalls hätte ich sie gerne gehabt und hier gerade auch gut gebrauchen können.

Ich trat in der hereinbrechenden Dämmerung, die mir sehr spürbar jeden Tag ein wenig früher kommt, den langen Rückweg bis in die Národni an, um mich demütig ins Café Louvre zu begeben. Mag es dort auch sehr laut und voll sein, ich musste hin und freies WIFI gibt es dort außerdem. Auf dem Weg kam ich am Wohnhaus der Familie Jesenská in der 28. Rijna Nr. 13 vorbei. Die repräsentative Jugendstilfassade wirkt pompös und ungeheuer reich. Es sieht noch heute aus, als wäre es Milena dort gut gegangen. Im ersten Stock, wo ihr Vater seine Zahnarztpraxis hatte, leuchten sehr hell die Auslagen eines Bekleidungsgeschäfts. Und die Indianer mit ihren Panflöten sind auch wieder da, heute noch bereichert von einem übergroßen tanzenden Pandabären. Deshalb schnell ins Louvre und dann zurück, um an den Schreibtisch zu gehen.

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 4

Donnerstag, 6. November 2014

„…horchend ins Geschrei der Dohlen…“

Liebster,
jetzt ist die Birne meiner Schreibtischlampe kaputt gegangen und ich sitze im Halbfinsteren, um meinen Brief zu schreiben.

Gestern Nacht hat es geregnet, der Asphalt war nass glänzend, als ich am Vormittag bei bedecktem Himmel aus dem Haus ging. Übrigens sind die Prager freundlich. Sie kommen mir gelassen vor, selbst in vollen Metrozügen und überfüllten Straßenbahnen während der Rush-Hour. Jüngere stehen in öffentlichen Verkehrsmitteln wortlos auf, wenn Ältere einsteigen. Niemand hetzt die Fußgängerzone entlang. Ich blicke nicht sehr häufig in leere, abwesende Gesichter. Die Autofahrer halten tatsächlich am Zebrastreifen, wenn man als Fußgänger hinüber will. Sie bremsen auch aus voller Fahrt. Das bin ich aus dem hektischen Deutschland nicht mehr gewöhnt.

Gestern ist vielerorts hier die Weihnachtsbeleuchtung aufgehängt worden. In der Innenstadt ist es mir aufgefallen und an der Metrostation, die in der Nähe meiner Wohnung liegt, sind alle Bäume mit Lichterketten behängt und die Außenfassaden des großen Einkaufszentrums blinken mit Tausenden von Lämpchen, als täuschten sie Schnee vor. Gestern stand auch tatsächlich schon ein erster Weihnachtsmann neben einem der Pferdefuhrwerke für die Touristen. Das geht mir alles ein bisschen zu schnell. Soweit sind wir noch wirklich noch nicht.

Mein Tag heute war drei geteilt. Das erste Drittel verbrachte ich im Prager Literaturhaus. Dort habe ich mir die wunderbare, liebevolle und sehr informative Ausstellung zur deutschsprachigen Literatur in Prag angesehen – Schautafeln, Fotoreproduktionen und eine schöne Bestandsbibliothek. Neben der Geschichte der deutschsprachigen Autoren in Prag, die hier eingehend dokumentiert ist, habe ich ein paar kleine Entdeckungen für mich gemacht. Zum Beispiel die Bücher von Lenka Reinerovà, eine der letzten deutschsprachigen Autorinnen Prags und Mitbegründerin des Prager Literaturhauses. In ihren Erinnerungen und Erzählungen über ihr Leben in dieser Stadt bezeichnet sie Prag als eine „intime Großstadt“. Das trifft es meines Erachtens genau. Leider lebt sie nicht mehr. Das Literaturhaus, das in diesem Monat zehn Jahre alt wird, ist neben ihren Büchern ihr Vermächtnis.

Den zweiten Teil des Tages verbrachte ich mit einem ausgedehnten Fußmarsch über den Karlsplatz bis zur Moldau und dann am Moldauufer hinauf bis zur Karlsbrücke. Die berühmten Bilder des repräsentativen Prags alle auf einmal. Das „tanzende Haus“ des Architekten Frank Gehry, vor dem eine junge Japanerin von mir fotografiert werden wollte. Die Prachtfassaden entlang des Flusses, das imponierende Gebäude des Goetheinstituts, das Nationaltheater, das Café Slavia. So verlockend es war, dort auf einen Kaffee einzukehren, mich trieb es weiter, das Tageslicht auszunutzen. Das Café Slavia kann ich bei anderer Gelegenheit besuchen.

Smetana2

(c) Schubert

Smetanas Denkmal am Moldauufer – immer hört er das Rauschen des Wehrs. Möwen sitzen träge auf den Holzbalken im Fluss. Der Postkartenblick auf die Karlsbrücke und die Kleinseite mit Hradschin und St. Veits-Dom. Die romantisch anmutenden Moldauinseln im Herbstlaub, mit träumerisch schaukelnden Booten. Ausflugsschiffe und Raddampfer. Dann über die Karlsbrücke – weniger los als beim letzten Mal, der bedeckte Himmel hält Touristen und Andenkenverkäufer fern. Die unermüdliche Bridge Band spielt aber.

So gelangte ich zum dritten Teil des Tages. Ich hatte mir spontan noch das Kafka-Museum am Moldauufer auf der Kleinseite vorgenommen. Man hatte mich davor gewarnt. Das sei so eine Kette von Museumsbetreibern, die in großen Städten den jeweiligen kulturellen Persönlichkeiten entsprechend ein Angebot aufzögen. Nun, warum nicht. Und wenn man auf der Recherche ist, gibt es nichts, das einem nicht einen neuen Aspekt erzählen könnte. Ich war schon etwas müde gelaufen, als ich endlich bei dem niedrigen lang gezogenen Bau ankam und es begann zu dämmern. Ein Brunnen vor dem Eingang, in den zwei nackte Männerskulpturen pissen, erregte wohl bei der Eröffnung des Museums Aufsehen. Mehr als das frage ich mich, was es wohl mit Kafka zu tun haben mag? Man muss zuerst in den Shop – Merchandising wird groß geschrieben. Doch ich finde fast nichts, das mich interessiert. So viele Kafka-Zitate auf Englisch wirken befremdlich. Einzig ein kleiner Grundriss von Prag aus dem Jahr 1825 gefällt mir.

Bei meinem Eintreten in das Museum, begreife ich sofort und erinnere mich an die ausgesprochene Warnung, die ich vor Monaten in Wiesbaden erhalten hatte. Kafka als Multimedia-Show. Vor schwarzen Designerwänden Reproduktionen von Fotos und Briefen in Vitrinen, Bilder vom alten jüdischen Ghetto vor der Asanierung. Dagegen wäre im Prinzip nichts zu sagen. Wenn nur der Soundteppich nicht wäre. Ich fühle mich wie unter Wasser, ein tiefes undefinierbares Rauschen, dazu immer wiederkehrende Versatzstücke aus Smetanas Moldau untermalen sich verzerrende Filmausschnitte aus dem alten Prag, ein fahler Mond zwischen den Bäumen verwandelt sich in Kafkas Auge…. Über allem die Schreie der Dohlen – dem Wappentier der Kafka-Familie, nach ihrem Namen. Ich lese ein Zitat aus Kafkas Tagebuch, auf Deutsch, so dass ich mich beinahe erschrecke. Ach, ja, richtig, Kafka schrieb ja auf Deutsch! Das vergisst man hier schnell. „Horchend ins Geschrei der Dohlen, von ihrem Schatten überflogen….“. Ob die Museumsdesigner das vielleicht zu wörtlich genommen haben? Ich frage mich lieber nicht mehr, wie Kafka das finden würde. Allerdings: An der Seite, sehr real und deshalb völlig fehl am Platz, durchaus kafkaesk, stehen zwei kaputte Klappstühle aus Holz. Ein Stück weiter folgen die „wichtigsten“ Frauen: Julie, Felice, Milena und Dora – jede hat einen eigenen Glaskasten, der mit Ketten von der Decke herabhängt. Ich gehe schnell weiter. Ich muss ins Freie, brauche Licht und Luft. Nein, dieses Museum ist nichts für mich. Es sind nur wenige Besucher da. Durchweg junge Leute, stelle ich fest, sie stehen interessiert vor den Vitrinen, lesen aufmerksam. Ich staune. Vielleicht erreicht diese Performance tatsächlich eher junge Menschen? Na, wenn sie ihnen Kafka nahe bringt, mir soll es recht sein. Nichts wie weg, da ist die Treppe nach unten – rot beleuchtet, als führe sie in einen Nachtclub. Oh nein, was ist das? Ich höre Schritte, Telefonklingeln, Schreibmaschinengeklapper – das ewige Büro! Zwischen Wänden aus schwarz glänzenden Karteikästen, die ein kleines Labyrinth bilden, befinde ich mich nun endgültig in der Kafka-Geisterbahn. Nur durchkommen hier, irgendwo muss doch der Ausgang sein. Ja, da schimmert es weiß, nein, keine Tür, eine Leinwand, ich lese: „The castle“. Hier sitzt ein junges Besucher-Liebespaar und schaut die wolkenflimmernde Leinwand an, auf der sich langsam ein Schloss aus dem Himmel erhebt – weiter, ja, da ist die Tür! Ich habe es geschafft. Der Aufsicht im Eingangsbereich sage ich nicht „Auf Wiedersehen“. Zurück in Richtung Karlsbrücke, da habe ich doch vorhin irgendwo eine Pizzeria gesehen – und auf dem Weg dorthin war der englische Shakespeare bookshop. Der könnte mich jetzt retten. Ich stöbere noch eine Weile erleichtert auf den beiden etwas chaotisch und dennoch sortiert wirkenden vertrauenserweckenden Geschossen des Antiquariats herum, lasse mich in der Ecke mit den deutschen Büchern in einen alten Sessel fallen und blättere in Jan Nerudas Prager Geschichten. Meine Wirklichkeit hat mich wieder. Also, das Kafka-Museum habe ich dann auch gesehen. Das kann ich dann mal von der Liste streichen. Wie gut, dass ich mir keinen ganzen Tag dafür reserviert hatte.

Für heute in Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 3

Mittwoch, 5. November 2014

Im Schatten der jüdischen Stadt

Liebster,
um den Mitlesenden zu erklären, warum es sich um Briefe handelt, die öffentlich werden, sei Folgendes gesagt: Kafka war ein großer Briefschreiber. Neben seinen Erzählungen, Tagebucheinträgen und Romanen, hat er sehr viele Briefe hinterlassen. Durch seine Briefe an Felice und an Milena wurden diese beiden Frauen weltberühmt und werden bis heute mit ihm in einem Atemzug genannt. Daneben gibt es seine Briefe an die Familie, die Schwestern – und den berüchtigten Brief an den Vater, der Eingang in die Weltliteratur gefunden hat. Auch Milena Jesenská, die tschechische Journalistin, deren Leben und Werk Teil meiner Recherche ist, war eine große Briefschreiberin.Die erste Seite von Kafkas berühmten 'Brief an den Vater'.Die erste Seite von Kafkas berühmten ‚Brief an den Vater‘.

Ich habe mich daher für die Form von Briefen entschieden. Ohnehin ist ja jeder Text, den man schreibt, ein Brief an einen Leser, eine Leserin. In Zeiten des Internets ist das Briefeschreiben aus der „Mode“ gekommen, obwohl allgemein viel gemailt und gesimst wird. Kafkas berühmt gewordenes Zitat: „Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Weg ausgetrunken“, erhält überhaupt erst im Internetzeitalter einen tieferen, neuen Sinn. Durch welche Kabel und Vernetzungen diese geschriebenen Küsse erst hindurch müssen – von abgehörten und abgelauschten Küssen gar nicht zu reden. Nun ja, die Briefform ist also als Verneigung vor den großen Briefe schreibenden Kolleginnen und Kollegen der Vergangenheit gedacht.

Heute ein Tag mit leichter Bewölkung, hin und wieder brach die Sonne durch, meine dicke Regenjacke und mein Schal sind nach wie vor fehl am Platz. Ich machte mich auf in das jüdische Prag – die älteste jüdische Gemeinde auf europäischem Boden. Übrig geblieben ist davon hauptsächlich ein Museum, besucht von Touristen aus aller Welt: Der alte jüdische Friedhof und im Umkreis von wenigen hundert Metern fünf erhaltene Synagogen.

(c) Schubert

(c) Schubert

Aus der Metrostation Staromestskà hinaufgekommen und um zwei Häuserecken gebogen, stand ich unvermittelt schon vor dem Eingang zum Museum und hatte mich doch auf einen längeren Fußmarsch eingestellt. Nur wenige Tagesbesucher fanden heute Mittag den Weg dorthin – auch dies sicherlich wunderbarerweise dem Monat November zu verdanken, der weit weniger Touristen in die Stadt spült. Ich zahlte Eintritt für die große Tour: Alle Synagogen und der Friedhof.

Der Rundgang begann in der Pinkassynagoge, seit den 1960er Jahren Gedenkstätte für die böhmischen und mährischen Opfer der Shoah, ein Prager Jad Vashem. 80 000 Menschen von hier starben in den Vernichtungslagern.

Eingang zur Pinkas-Synagoge neben dem Zugang zum alten Jüdischen Friedhof

Eingang zur Pinkas-Synagoge neben dem Zugang zum alten Jüdischen Friedhof

Entlang der Wände der Synagoge stehen alle ihre Namen als Mahnmal. Und im ersten Stock ist eine Ausstellung mit Kinderbildern aus Theresienstadt in der Zeit zwischen 1942-44 zu sehen. Die Bilder warfen mich um. Ein mit Bleistift hingekritzelter Zug, der in ein graues Nichts aus Bleistiftstrichen fährt, andere, bunte Bilder von der Sehnsucht nach daheim, dazu drastisch naive Darstellungen des Lageralltags –Ein Bild bewegte mich vor allen anderen: Reise in die Dunkelheit – ein Schiff mit vollen Segeln fährt in der linken Bildhälfte unter einem Sternenhimmel ins Schwarze. Auf der rechten Seite des Bildes brennt isoliert, vor weißem Hintergrund eine Kerze. Ich hätte davor stehen bleiben mögen, musste mich losreißen.

Ich war froh, dass es später im Andenkenladen ein Büchlein über die Ausstellung zu kaufen gab, „I have not seen a butterfly around here“. Nicht auf Deutsch, das fand ich ganz richtig. Das Bild vom Schiff ist nicht darin abgebildet, aber ich werde es noch lange vor meinem inneren Auge sehen. Was für ein Auftakt zu diesem Tag!

Durch ein verschlossenes Gittertor sah ich wenig später bereits die Grabsteine des alten jüdischen Friedhofs neben der Pinkassynagoge. Zwischen den Gräbern hantierte Wumpf. Er war es – eindeutig! Wumpf ist der Totengräber aus George Taboris Stück „Jubiläum“, das auf einem jüdischen Friedhof spielt, in dem die Opfer der Verfolgung nachts als Untote die Schrecken ihrer Ermordung immer wieder durchleben müssen. Vor vielen Jahren habe ich das Stück in Stuttgart inszeniert. Der ältere, untersetzte Gärtner in Blaumann und leichter Jacke arbeitete still und ohne aufzusehen zwischen den Gräbern, schaufelte Erde mit einem Spaten in seine Schubkarre und fuhr diese dann umständlich zwischen den Grabsteinen hindurch irgendwohin. Er arbeitete einsam, konzentriert, unbeirrt von den Blicken der Besucher. Und flugs, kaum betrete ich den Friedhof durch das geöffnete Tor, befindet er sich mit seinem Schubkarren plötzlich im rechten Teil des Gräberfeldes. Wie kam er so schnell da hin? Er fährt mit dem vollen Karren Erde direkt an mir vorbei, ohne mich anzusehen, verschwindet hinter einer Wegbiegung und bleibt verschwunden. Also wenn das nicht Wumpf war! Es würde mich nicht wundern, wenn die übrigen Besucher ihn nicht gesehen hätten. So grüße ich George von hier, oder vielmehr, er grüßt mich.

Endlose Grabsteinfelder, eng zusammengedrängt, aneinandergelehnt, scheinbar mit den alten Bäumen verwachsen, schmale Wege hindurch, das fallende Laub, hier stimmt die Jahreszeit, ein stiller Ort mitten in der Stadt, trotz der Touristen wie unberührt – unberührbar. Umschlossen von einer hohen Mauer leben die Toten hier ihr ewiges Leben. Darunter Rabbi Löw, der berühmte angebliche Erschaffer des Golems. Auf seinem Grabstein, der einen aufrechten Löwen zeigt, brennen Teelichter.

Wenig später in der Altneusynagoge, der ältesten erhaltenen Synagoge Europas. Ich habe Glück. Nur wenige Menschen verirren sich an diesem Nachmittag hierher und eine geführte Gruppe tritt gerade hinaus, als ich eintrete. So sah eine Synagoge also ursprünglich aus! Entlang der Wände des zweischiffigen Baus sind die hölzernen Gebetsstühle erhalten, ebenso rund um das Podium in der Mitte, mit dem Pult zum Vorlesen der Thora, vom übrigen Raum durch ein gotisches Gitter getrennt. Ein sakraler, mittelalterlicher Raum aus dem 13. Jahrhundert. Dieser Ort hat alles überstanden und er ist noch immer da. Ich sitze ehrfürchtig und betrachte die Mauern, in denen Rabbi Löw wirkte – und wo er der Legende nach die Reste des Golem entweder unter dem Dach oder unter der Synagoge hinterlassen haben soll.

Prag: Die alt-neu Synagoge

Prag: Die alt-neu Synagoge

Als ich von meinem kleinen deutschsprachigen Führer durch das jüdische Prag aufblicke, bin ich wunderbarerweise ganz allein im Raum. Von draußen höre ich zwar Stimmen, aber niemand kommt herein, und bis ich mich zum Gehen wende, bleibt das so. Ich schicke einen kleinen Dank in den Äther.

Nach einem Blick auf das jüdische Rathaus mit seiner rückwärts gehenden hebräischen Uhr überquere ich die von schicken Modeläden gesäumte Parizskà, die Pariser Straße, ja, Paris lässt grüßen, ebenso New York und all die reichen Großstädte der westlichen Welt. Ich aber suche die Bilekgasse auf (Bílkova), in der Kafka sein erstes eigenes Zimmer bewohnte, allerdings nur für kurze Zeit. Das Haus steht noch. Doch an der Stelle der Familienwohnung „Zum Schiff“, nahe der Moldau, erhebt sich heute das Hotel Praha-Intercontinental, ein besonders hässliches Bauwerk. Mehr als schade ist das vor allem deshalb, weil Wagenbach schreibt, dass Kafka genau hier seine erste große Erzählung „Das Urteil“ schrieb, wenig später auch „Die Verwandlung“ und Teile seines „Amerika“-Romans. Während er in den Häusern, die es noch gibt, größtenteils gar nicht schreiben konnte, weder in der Bilekgasse, noch im Haus zum Goldenen Hecht in der heutigen Dlouhà, das ich auch noch anschaue. Überall war es ihm zu laut.

Auch heute herrscht reges Treiben allenthalben, ich kann ihn verstehen. Doch rund um das Haus „Zum Schiff“, das nicht mehr existiert und in dem er schreiben konnte, sollen seinerzeit eine Menge Baustellen gewesen sein – beispielsweise wurde gerade die Cechbrücke über die Moldau gebaut! Also nur am Lärm allein kann es auch nicht liegen. Entweder gelingt das Schreiben eben, oder es gelingt nicht und im zweiten Fall ist man geneigt, es auf alles Mögliche zu schieben. Doch wer weiß, wie dieses Mysterium entsteht oder eben nicht entsteht. Jeder Schreibende kann „ein Lied davon singen.“

Vom Restaurant des Intercontinental-Hotels im obersten Stockwerk soll man den Kafka-Blick aus seinem damaligen Zimmer noch haben, empfiehlt Wagenbach. Aber mindestens für den Augenblick schenke ich mir das.

Ich spaziere zur letzten Synagoge, der Spanischen, in der heute viele Konzerte stattfinden. Sie ist die jüngste der Synagogen und im maurischen Stil ausgestattet, sehr schön.

Prag: Spanische Synagoge

Prag: Spanische Synagoge

Doch nach Rabbi Löws Altneusynagoge kann es eigentlich für mich diesbezüglich gerade nichts Bewegenderes mehr geben. Als ich aus der Spanischen Synagoge hinaustrete, sehe ich neben dem Eingang das Kafka-Denkmal. Da sitzt ein schmaler Mann mit Hut und Anzug und erhobener rechter Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger (warum das?) rittlings auf einem überlebensgroßen kopflosen Anzugmann, dessen Füße im Boden versinken. Ein klassischer Alptraum? Kafkaesk? Ich fotografiere ihn schnell, bevor eine Gruppe Jugendlicher kommt, die sich fürs Foto aufwändig vor ihn hin postieren. Nichts wie weg, denke ich mir und suche die zweite Kafka-Buchhandlung der Stadt auf, in der Siroká, neben Louis Vuitton, wie mein Reiseführer verrät. Hier ist es still und ich finde ein kleines Poster, auf dem Kafkas Frauen sämtlich abgebildet sind. Wie schön! Das muss ich haben. Auf eine seltsame Art und Weise sehen sie sich alle ähnlich, finde ich.

Im Hintergrund der Buchhandlung ist eine Bibliothek eingerichtet. Hier hat auch die Kafka-Gesellschaft ihren Sitz. Doch bei der Kafka-Gesellschaft spricht man kein Deutsch, wurde mir gesagt. Na, wenn das nicht kafkaesk ist! Nichts wie weg. Ich brauche etwas zu essen.

Ich habe mir für heute einen Besuch im Grand Café Orient vorgenommen, an dem ich gestern schon vorbeigekommen bin. Im ersten Stock eines Hauses an der Celetnà, um die Ecke vom alten Obstmarkt, wo das Ständetheater steht. Das Grand Café Orient macht einen sehr guten Eindruck auf mich. Es ist längst nicht so voll wie das Louvre und daher auch nicht so laut. Am Nebentisch sitzt sogar eine junge Frau mit einem Laptop. Sieh an, hier könnte man arbeiten, die Tische sind auch groß genug und es ist gar nicht hektisch. Der Kellner, der meine „Süddeutsche Zeitung“ auf dem Tisch liegen sieht, die ich mir am Kiosk gekauft habe, begrüßt mich auf Deutsch. Das habe ich bisher nicht erlebt, außer beim Literaturhaus natürlich, dort ist man ja zuständig für deutschsprachige Autoren.

Nachher überquere ich wieder den Obstmarkt, wo gestern meine Tour begann. Irgendwie mag ich diesen kleinen Platz und sein deutscher Name hat sich mir eingeprägt. In Wagenbachs Büchlein ist der Stadtplan aus Kafkas Zeit abgedruckt und ich kann die deutschen Straßennamen mit den heutigen, tschechischen vergleichen. An der Stirnseite des Obstmarkts steht das Ständetheater. Die Tür steht offen, Techniker laden gerade etwas von einem Wagen ab und bringen es ins Theater hinein. Ich erhasche einen Blick – unglaublich! Man kann direkt bis auf die Bühne sehen, dahinter liegt der halbdunkle Zuschauerraum. Ich kann mich nur mühsam beherrschen, nicht hineinzugehen. Einer der Techniker schaut mich schon misstrauisch an. Ich lasse es sein, ich könnte es ja doch nicht erklären. Zumal ich des Tschechischen nicht mächtig bin. Aber dieses Theater zieht mich magisch an. Kurzzeitig, während ich weitergehen muss, keimt eine kribbelnde Sehnsucht in mir auf. Alle Theater sind gleich. Nur manche sind gleicher! Hoffentlich wird es mir während meines Aufenthalts hier gelingen, einmal hineinzukommen. Wegen Mozart? Ja sicher. Aber auch – ich weiß es nicht genau – wegen dieses Theaters eben, dieses speziellen. Das lässt sich nicht erklären.

Rechts in der Seitenstraße, der Zeleznà, hat Milena Jesenskà in dem Haus auf der rechten Straßenseite mit dem steinernen Adler über dem Tor, einige Jahre ihrer Kindheit verbracht. Das Haus mit dem schmutziggelben Anstrich scheint leer zu stehen. Die dunklen kahlen Fenster sehen traurig aus. Im Erdgeschoss einer der üblichen Souvenirläden, ein gelangweilter Verkäufer lehnt in der Tür.

Später zog Milenas Familie zum unteren Ende des Wenzelsplatz um, in ein fünfstöckiges Jugendstilhaus, wo ihr Vater auch seine Zahnarztpraxis hatte. Das Haus sehe ich später, auf dem Weg zur Metrostation, nur noch im Dunkeln. Am Fuß des Platzes singen und spielen drei festlich in Federn und Perlengewändern geschmückte Peruaner „El condor pasa“. Sie begleiten sich auf riesigen, tiefdunklen Panflöten, die im Bauch vibrieren. Eine neugierige Menschenmenge steht um sie. Alte Welt trifft auf neue Welt. Indianer werden in Europa immer noch bestaunt. Sie haben sich wirklich etwas einfallen lassen. Sie singen mit Mikroports und betätigen von Zeit zu Zeit sogar eine Nebelmaschine. Nein, Milena hätte hier heute auch keine ruhige Minute mehr. Ich muss gelegentlich bei Tag noch einmal herkommen, um das Haus genauer zu sehen.

Inspirierender, ja geradezu eine erste wirkliche Inspiration für mein Projekt, war der Anblick des Hauses Skorepka Nr.1, meine letzte angesteuerte Station auf der heutigen Tour. Ein wunderbares Eckhaus mit herrlicher Jugendstilfassade. Es war zwar schon dämmrig, doch noch hell genug für ein Foto. Im obersten Stockwerk dieses Hauses lebte seinerzeit Kafkas Freund Max Brod. Zu ihm stieg Kafka oft hinauf, um ihm seine Texte vorzulesen. Und dort traf er auch zum ersten Mal auf Felice Bauer. Man sieht eine Loggia oben, wie bei italienischen Renaissance -Palästen. Auf dem Rückweg zum Wenzelsplatz denke ich, dass ich gerne einmal in das Haus hinein gehen würde, das Treppenhaus hinaufsteigen, wie Kafka es tat, wenn er den Freund hier besuchte, seine Texte versteckt unter der Jacke. Oder in der Aktentasche, gleichviel. Und dann hält die Straße an ihrem anderen Ende noch eine Überraschung bereit. Mozart hat hier übernachtet. Das Haus, in dem er nächtigte, steht allerdings nicht mehr. Es ist einem gesichtslosen Gebäude gewichen, das immerhin sein Konterfei und eine Erinnerungstafel in der Fassade trägt. Skorepka, ich komme wieder!

Für heute in Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 2

Dienstag, 4. November 2014

Kafka lebt nicht mehr hier

Liebster,
heute war ein strahlender Sonnentag, blauer Himmel und ganz milde Luft – gegen jedes Klischee von einer nebelumwaberten Karlsbrücke, nassem Kopfsteinpflaster, Schwarz-weiß-Design und flüchtigen Schatten unter den Laternen. Ich war unterwegs im Kafka-Land. Begonnen habe ich meine Tour bei seiner wichtigsten und letzten Arbeitsstätte, dem Gebäude der ehemaligen Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt. Die Fassade steht genauso, wie er sie gesehen haben muss, nur sehr viel schöner, heller, freundlicher, wie praktisch alle Fassaden Prags. (Der Reiseführer meint, zu keiner Zeit hätte man Prag so strahlend schön sehen können, so frisch gewaschen, wie heute). Hinter der Fassade befindet sich ein Hotel, das Century Old Town. In der Hotelhalle findet sich der Hinweis auf Kafka, nebenan, im Durchgang zum Restaurant, das „Felice“ heißt, hängen in Schaukästen Fotoreproduktionen von ihm und es gibt eine Vitrine mit seinen Büchern. Das Treppenhaus der ehemaligen Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt ist original erhalten, das Herzstück des Hotels.

Treppenhaus2

(c) Schubert

Also steige ich die Stufen hinauf – Kafka soll ja immer zu spät gekommen und diese Treppe hinaufgehastet sein – das Treppenhaus mit seinen weiten Bögen und seinem eisernen Geländer, die grauen Steintreppenstufen – ja, das kann ich mir vorstellen, dass er hier ging, und ich lasse meine Hand auf dem schwarzen glatten Holz des Handlaufs hinauf gleiten. Das fühlt sich gut an, etwas in der Hand zu haben, das er auch in der Hand hatte, vielleicht noch das Einzige in der gesamten Stadt. Im zweiten Stock am Ende des Ganges, im heutigen Hotelzimmer 214, befand sich sein Büro. So steht es auf einer Hinweistafel geschrieben, die letzte Tür, verschlossen. Kein Türwächter. Dahinter soll ein ganz normales Hotelzimmer sein? Gerne würde ich dort einmal übernachten. Vielleicht erschiene er mir im Traum?

kafkaIn der Hotelhalle hängen bunte, surreal-naive Bilder, von Kafkas Motiven inspiriert. Was würde ihm hier heute wohl am wenigsten gefallen, falls er in einer Zeitmaschine zurückkommen könnte? Abgesehen von dem ungeheuerlichen Schock, der ihm in die Glieder führe, als hätte man ihn endgültig und für alle Zeiten ertappt, vermute ich, dass ihn am meisten erschrecken könnte, dass das Restaurant „Felice“ heißt.

Ich verlasse das Hotel durch den Haupteingang, so wie Kafka nach getaner Arbeit, und gehe in Richtung Altstädter Ring, auf der Suche nach den Fassaden der vielen Häuser, in denen die Familie Kafka dort und im nahen Umkreis gewohnt hat. Ausgestattet mit meinem etwas wirren Merian-Stadtführer und Klaus Wagenbachs wunderbarem roten Leinenbändchen „Kafkas Prag“. Mit beiden zusammen gelingt es mir, die Häuser zu finden. Wagenbach ist sehr viel genauer. Allerdings stimmt bei ihm oft die aktuelle Nutzung der Gebäude nicht mehr. Dafür habe ich dann den Merian und meine eigene Wahrnehmung.

In den Räumlichkeiten im Erdgeschoss des rechten Flügels des Kinsky-Palais am Altstädter Ring, wo Kafkas Vater sein Stoffgeschäft für eine Zeitlang betrieb, befindet sich eine kleine Kafka-Buchhandlung – sehr schön. Seine Werke in den verschiedensten Sprachen. Hier würde sich wohl sein Vater mindestens ebenso erschrecken wie er selbst. Der Buchhändler hinter seiner Kasse macht den Eindruck eines übrig gebliebenen 70er-Jahre Alternativen mit langem, dunklem Haar und spielt auch prompt Jethro Tulls legendäre Platte „Heavy Horses“. Wunderbar. Da kann ich mich zuhause fühlen. Und muss mir natürlich die Postkarten mit sämtlichen verfügbaren, bekannten Fotos von Kafka kaufen und ein Notizbuch mit der schwarz-gelben Grafik eines Mannes mit Hut, der eine leicht ansteigende Straße hinaufgeht, die rechts und links von Häusern gesäumt ist, der Himmel über ihm besteht aus wirren unkenntlichen Schriftzeichen und er wirft einen langen Schatten. Der Buchhändler bedankt sich sehr artig bei mir und schenkt mir ein Lesezeichen mit Kafkas Konterfei.

Hinter dem linken Torbogen des Kinsky-Palais ging Kafka ins Gymnasium. Ich schaue mir den schlichten Innenhof an. Heute gehen hier nur die Touristen zu einer öffentlichen Toilette und ein gelangweilter Wachmann sitzt seine Zeit ab. Doch Kafka hatte es jedenfalls nicht weit zur Schule. Er hatte es sowieso überhaupt nicht weit. Der Radius seines Prager Lebens war klein.

Das Haus in der Zeltnergasse (Celetná) 6, in dem die Familie einen ihrer zahllosen Wohnsitze hatte, steht leer. Hinter dem Gitter zum Treppenaufgang im Torbogen stapelt sich Gerümpel.

Sie sind ja wirklich unendlich viel umgezogen, die Kafkas, und immer im Umkreis von wenigen hundert Metern. Die vielen Wohnhäuser wirken für mich nun doch etwas verwirrend, mir schwirrt schon der Kopf davon. Wagenbach merkt ganz zu Recht an, wie ich finde, dass der Radius von Kafkas Vater mit den Umzügen seines Geschäfts und seiner Familie noch viel kleiner war als der des Sohns. Was für eine aberwitzig kleine Welt der Knöpfe und Zwirne und Garne. Es drängt sich einem der Gedanke auf, dieser Mann hätte tatsächlich nichts anderes in seinem Leben verfolgt. Je erfolgreicher er mit seinem Laden wurde, desto repräsentativer sollte der Standort sein. Dass Kafka das auf die Nerven ging, ist mir noch heute hier sofort verständlich.

Als letztes sehe ich den kleinen Platz hinter der St. Niklaskirche, wo Kafkas Geburtshaus stand. Es steht nicht mehr. An seiner Stelle findet sich an der Straßenecke eine Büste in die Hauswand eingelassen. Als ich sie fotografiere, bleibt eine ältere Frau stehen und schaut sie lange an. Sie sieht nicht aus wie eine Touristin und macht ein derartig erstauntes Gesicht, als habe sie das noch nie gesehen. Im Erdgeschoss des Hauses, das heute statt Kafkas Geburtshaus an dieser Stelle steht, befindet sich ein Restaurant. Selbstverständlich heißt es „Café Kafka“ und selbst die Blumenkübel, die seine kleine Terrasse davor gegen den Platz abgrenzen, sind mit Kafkas Bild dekoriert.

Ich wollte eigentlich noch weiter durch die jüdische Altstadt wandern. Doch das Wetter ist zu schön und von Kafkas Geburtsplatz erblicke ich am Ende der Straße plötzlich und unvermittelt den Hradschin. Er sieht so herrlich und verlockend aus, dass ich die jüdische Altstadt für heute hinter mir lasse und mich zum Moldauufer wende, wo die Menschen in der strahlenden Nachmittagssonne auf Restaurantschiffen und Bänken am Ufer sitzen, goldene Herbstblätter hängen über sie. Das Panorama beeindruckt mich selbstverständlich, so wie sicherlich jeden, vor allem, wenn man es zum ersten Mal sieht. Doch auch hier ist Kafka präsent. Groß und unübersehbar prangt die Schrift „Kafka Museum“ am anderen Ufer der Moldau. Ich vermute, von allen Dingen, die er über sich selbst sehen könnte in seiner alten Heimatstadt, wäre er wahrscheinlich vor diesem Anblick am Fuße des Hradschin am meisten erschrocken. Für jemanden, der nach seinem Tod seine Schriften verbrannt wissen wollte, müsste das hier die Hölle sein. Es steht wie eine Unterzeile zur weltberühmten Panoramasicht auf das gewaltige Bauensemble aus Burg, Veitsdom und Nebengebäuden. Spätestens hier wäre er zusammengebrochen.

Ich spaziere noch über die Karlsbrücke. Fröhliche Touristen und gar nicht mal so viele, dass man nichts von der Brücke sieht – der November zahlt sich aus. Porträtzeichner und Straßenmaler mit ihren Ständen, mehrere Bands, Jazz und mittelalterliche Musik, dazwischen ein Marionettenspieler. Es gibt viele Marionettenläden in der Stadt, die zerbrechlich wirkenden Puppen sind ein beliebtes Mitbringsel von hier.

Auf der Brücke die ehrwürdigen, geschwärzten Heiligenstatuen vor blauem Himmel. Doch sie können sich bemühen, so gruselig auszusehen, wie sie wollen. An einem solch strahlenden Tag hat ganz offensichtlich das Leben schon längst über sie gesiegt.

An den Brückentürmen der Kleinseite kehre ich um. Nein, mehr geht heute nicht. Ich schlendere zurück, um im Café Louvre, in dem selbstverständlich auch Kafka und Max Brod schon saßen, ebenso wie Franz Werfel und Albert Einstein, eine heiße Schokolade zu trinken. Mein Gott, ist das eine Schokolade! Dickflüssig, beinahe zähfließend und herrlich süß – sie könnte einen Diabetiker ins Jenseits befördern! Die Kaffeehauskultur, ja, da ist sie!

Nicht nur deshalb habe ich heute immer wieder an Wien gedacht. Gestern Abend, als ich über den Wenzelsplatz ging, kam mir der Vergleich mit Wien seltsamerweise gar nicht in den Sinn. Doch heute, bei Licht besehen, ist Prag für mich ein raues Wien mit einem saftigen Schuss von Paris.

Der Metro entstiegen, hatte ich am Mittag zuallererst das Ständetheater gesehen, in dem Mozarts „Don Giovanni“ seine Uraufführung erlebte. Leider hing kein aktueller Spielplan aus. An der Fassade sind umfassende Renovierungsarbeiten im Gange. Wie wunderbar, dass dieses Theater noch steht. Dass Mozart hier hineingegangen sein soll, mutet an wie ein Traum. Als wäre man schon in Venedig!

Auf Kafkas Spuren in Prag – das mag manchem richtig „retro“ erscheinen. Ist es nicht so etwas, wie Eulen nach Athen tragen? Für mich, eine Liebhaberin der Spurensuche, ist es das auf keinen Fall. Und außerdem – wer kennt noch Kafka? Ich hörte, wie eine Reiseführerin an der Karlsbrücke mit dem Hinweis auf den Schriftzug des Kafka-Museum gegenüber sagte: „Kafka was a german jewish writer.“ Aha. Das muss den Menschen also erklärt werden. Was für eine aussterbende Art von Dinosaurier muss ich demnach sein. Während ich das noch dachte, hatte sich die englischsprachige Reisegruppe samt ihrer Führerin längst abgewandt und spazierte in Richtung Altstadt davon. Dieser eine Satz als Erklärung musste genügen. Shakespeare könnte auch ein Fabrikant von Damenhandtaschen sein. Homer ein Computerprogramm. Und Rilke – der ja in Prag geboren wurde – ach du liebe Güte, nein. Das geht jetzt wirklich zu weit….

Für heute in Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 1

Montag, 3. November 2014

„Unsere Kunst ist ein von der Wahrheit Geblendetsein.“
(Franz Kafka)

Liebster,
die Buchhandlung ACADEMIA am Wenzelsplatz gibt den Käufern keine Plastiktüte mit, sondern schlägt die gekauften Bücher in sanft glänzendes Papier ein, auf dem die Fassade des Hauses abgebildet ist. Wenn man die Bücher auswickelt, sind sie wie Geschenke, die man sich selbst gemacht hat und wie bei schönem Geschenkpapier bemüht man sich, das Papier dabei nicht zu zerreißen. Das ist einer meiner ersten Eindrücke von dieser Stadt, die reich, sehr selbstbewusst und ungeheuer europäisch daherkommt, wenn man bei Wenzels berühmter Reiterstatue aus den Katakomben der Metro aufsteigt.

Dort empfing mich, überlebensgroß an der Fassade des Nationalmuseums, ein Bildnis von Vaclav Havel. Noch vor Kafka begrüßt er mich in seiner Stadt. Auch für Prag fiel ja vor 25 Jahren die Mauer und die Stadt hat ihren nicht unwesentlichen Anteil daran.

Havel2

(c) Schubert

In einem der Bücher, das ich ausgewickelt habe, ein schmales Bändchen mit Kafkas sämtlichen Zeichnungen, stieß ich auf seinen oben zitierten Satz. Er wurde für mich Wirklichkeit, als ich den Altstädter Ring betrat.

Hatte ich den Wenzelsplatz noch in der einfallenden Dämmerung gesehen, seine sanft abfallende Neigung, umsäumt von Tausenden von Lichtern, so umfasste den Altstädter Ring bereits die Dunkelheit. In den umliegenden Restaurants leuchteten die Wärmefeuer für Gäste, die auf den für sie improvisierten Terrassen ihr Abendessen einnahmen. Über den Platz flanierten Spaziergänger, es herrschte reges Treiben, dennoch ruhig, überschaubar, von beinahe südländischer Gelassenheit. Mitten auf dem Platz saß ein Mann, der ein Madonnenbild vor sich auf den Boden gestellt hatte und es stoisch von oben mit einer Taschenlampe anleuchtete. Um ihn herum aufgestellt viele bunt irrlichternde Grableuchten. Ich weiß nicht, ob es eine besondere Madonna war. Nun ja, jede Madonna ist besonders.

Ein Straßensänger begleitete sich selbst mit der Gitarre und sang Pink Floyds „Wish you were here“. Die schwere, kühle Mauer des Altstädter Rathauses im Rücken, hörte ich zu und sah auf den offenen Platz vor mir, von den beeindruckenden Türmen der Teynkirche gegenüber wie magisch angezogen. Einer dieser faszinierenden Plätze Europas mit der Atmosphäre eines Innenraums unter freiem Himmel, ein Ballsaal, ausgebreitet für das Fest des Lebens. Von Menschen für Menschen geschaffen und durch ihre jahrhundertelange Anwesenheit nicht abgenutzt sondern im Gegenteil. Aus der Zeit gewachsen, von stolzer Erhabenheit. Von der Wahrheit dieser Stadt geblendet sein. Von ihrer Architektur, ihrer Schönheit, ihrer Wirklichkeit.

ringSo bin ich angekommen. Im letzten Licht eines besonders milden Novembertags. Gestern Abend, als ich mein Quartier bezog, hing Nebel in der Allee, auf dem Weg von der Bushaltestelle zur Wohnung im südlicheren Teil der Stadt, wo die Häuser und Straßen genau so aussehen wie bei uns. Wohnfassaden, Supermärkte, kleine Geschäfte, die normale Gesichtslosigkeit einer Großstadt in Europa zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

„Lange stand K. auf der Brücke und starrte in die scheinbare Leere empor“, musste ich denken, wie ich so neben meiner Führerin einher stapfte mit meinem schweren Gepäck. Obwohl ich die Karlsbrücke und den Hradschin noch nicht gesehen habe, kam mir plötzlich gestern Nacht in der Allee der Gedanke in den Sinn: Natürlich ist Kafkas „Dorf“ in seinem Roman „Das Schloss“ nicht irgendein kleines Dorf im Irgendwo. Es ist Prag. Was soll es sonst sein.

Als ich dann heute Mittag bei der Metrostation Pavlova ins Freie trat, um im Prager Literaturhaus meinen Antrittsbesuch zu machen, stand ich unvermittelt zwischen den Fassaden und begriff: Ach so, ja, DAS ist Prag. Ich öffne meine Augen für diese Stadt. Die unzerstörte, die goldene. Was wird sie mir erzählen? Und ich? Was erzähle ich ihr?

In Liebe, Deine

An Tagen wie diesen

1954 – war ich noch nicht geboren. Meine Eltern kannten sich aber schon und heirateten ein Jahr nach dem „Wunder von Bern“.

1974 – war ich 14 und ergriffen von der Euphorie um Netzer, Breitner, Beckenbauer und Co. Ich war Gymnasiastin, eine gute Schülerin in Deutsch, miserabel in Mathe und hatte gerade meine erste (unglückliche) Verliebtheit hinter mir – in einen Jungen aus der Parallelklasse mit blondem Haar und schwarzer Lederjacke. Ob er Fußballfan war, habe ich nie erfahren. Aber die Welt stand offen …

1990 – hatte ich gerade mein Studium in Frankfurt erfolgreich mit dem Magister Artium abgeschlossen, als die WM in Italien begann. Ich fuhr in jenem heißen Sommer mit einem Freund nach Wien, um George Taboris Inszenierung von Shakespeares „Othello“ mit Gert Voss in der Titelrolle zu sehen. Andreas wollte mit mir weiter nach Italien zur WM, aber ich musste zurück, weil ich ein Autorenstipendium im Künstlerdorf Schöppingen im Münsterland antreten durfte. Dort lernte ich meinen Mann Peter kennen, der ebenfalls ein Stipendium hatte. Wir trafen uns regelmäßig abends im Aufenthaltsraum vor dem Fernseher zu den Fußballspielen und waren live dabei, als Kapitän Lothar Matthäus den Pokal in die Höhe reckte und Trainer Franz Beckenbauer während der Siegestrunkenheit seiner Mannschaft traumverloren allein einen Moment auf dem Rasen stand. Damals wusste ich noch nicht, dass der Mann an meiner Seite der Mann meines Lebens würde. Die Welt stand offen …

2014 – habe ich vier Wochen lang mit gefiebert, fast alle Spiele während der WM in Brasilien gesehen: das Ausscheiden der Chilenen und der Kolumbianer mit ihrem großartigen James Rodriguez, die Niederländer mit grandiosem Auftakt und dann immer schwächer im Turnier, die argentinischen „Stiere“ mit ihrem Superstar Messi, die Brasilianer voller Hoffnung, bis zur schweren Verletzung ihres Superstars Nejmar, Klinsmann und sein tapferes US-Team, Hitzfeld mit seinen starken Schweizern und immer wieder die Deutschen! Die Deutschen mit ihrem großartigen Mannschaftsgeist, ihrer spielerischen Überlegenheit, in Leichtigkeit, Schwierigkeit und Kampf bis zum traumhaft sensationellen 7:1 Sieg über Brasilien im Halbfinale und dem Titelgewinn im Finale gegen Argentinien im legendären Maracana-Stadion von Rio de Janeiro. 24 Jahre nach dem letzten Titel saßen Peter und ich wieder (immer noch) auf dem Sofa vor der Flimmerkiste. 24 Jahre gemeinsam durch die Stürme und die lauen Brisen des Lebens gesegelt, auf dem Weg zur nächsten gewonnenen Weltmeisterschaft.

Der Fußball hat ein Geheimnis. Über alles Heldentum und Kampfgeschrei, über jeden Lokal- und Nationalpatriotismus hinaus. Einzig dem Fußball gelingt, was sonst nur große Liebe erzeugen kann: Emotionen bis zum Anschlag, Herzrasen und das Gefühl, ins Leere zu stürzen, wenn es vorbei ist. Vielleicht habe ich das im Weltmeisterschaftsjahr 1966 mit auf den Weg bekommen, als sich in unserer damaligen Wohnung im Hinterhaus die ganze Hausgemeinschaft um den Schwarzweißfernseher meiner Eltern versammelte, um das berüchtigte Endspiel Deutschland – England zu sehen, das die Deutschen tragisch verloren. Ich weinte mit meinen sechs Jahren gemeinsam mit den Erwachsenen, als es vorbei war, auch wenn ich nicht recht begriff, worüber genau. Ich fühlte ich mich verloren. leer. Das Gefühl, dass ich irgendetwas Großes verpasst hatte, war überwältigend. Vielleicht lag es an dem fußballverrückten Nachbarjungen, der mich damals, wenn wir im Hof zusammen spielten, zwang, im Tor zu stehen, wo ich seine Bälle nicht halten konnte. Vielleicht steckt aber auch etwas ganz anderes dahinter. Eben das unergründliche Geheimnis des Fußballs.
WeltmeisterZurück ins Jahr 2014 – 13. Juli im Maracana. Das Spiel. Die Nacht von Rio. Dann der Rückflug der Mannschaft, der Empfang der Weltmeister in Berlin. Und dann: Vorbei. Die Spieler fliegen nach Hause, in den Urlaub, zu ihren Familien. In dieser Konstellation wird es die Mannschaft vermutlich nie wieder geben. Und wir? Kehren zurück in den Alltag. Da ist sie, die vertraute Leere. Aber Peter sagt, noch auf dem Sofa sitzend, als die Mannschaft zum letzten Mal den Bus besteigt: Dann bis in fünfundzwanzig Jahren, da sitzen wir wieder hier. Ich rechne kurz still für mich nach. In fünfundzwanzig Jahren, da wäre er 89. Nun, da ist es ja gut, dass alle VIER Jahre Weltmeisterschaft ist. Denn in vierundzwanzig Jahren ist er Gott sei Dank erst 88! Welcher gnädige Gott schenkt uns so viel Zeit bis dahin? Dann wären wir jetzt gerade mal in der Halbzeit! Na klar, es gibt einen, den man darum bitten könnte: den Fußballgott! Und die Welt? Steht immer noch offen …?

PS.: Einmal stand mir in diesen Tagen die Stimmung in der Küche meiner Eltern von 1966 wieder vor Augen, als Deutschland England im legendären Finale von Wembley unterlag. Das war, als sich im Autoradio auf dem Weg zum Einkaufen eine glückliche Neunjährige zu Wort meldete und sagte: „Ich bin ja zum ersten Mal Weltmeister geworden!“ – Sie ist zu beneiden. Auch darum, dass sie noch nicht weiß, dass sie vielleicht sehr lange warten muss, um dieses Gefühl wieder zu erleben.

PPS.: Hoch lebe diese deutsche Mannschaft, vor deren Können, Teamgeist, Fairness und Kampfgeist sich die ganze Welt zu recht verneigt. Danke Jungs!

Letzte Wegmarken

Gerade ist mal wieder so eine Phase, wo sich viele maßgebliche Kulturschaffende verabschieden und die Welt ärmer machen. Neben dem großartigen Schauspieler Gert Voss ging auch die südafrikanische Schriftstellerin Nadine Gordimer, lebenslange Kämpferin gegen die Apartheid, der wegweisende Jazzmusiker Charlie Haden, der geniale Dirigent Lorin Maazel… Es ist mal wieder ein kleines bisschen kälter geworden. Viele Menschen werden das vielleicht nicht spüren. Doch definitiv ist es so, dass große Kunst, auch wenn scheinbar niemand sie „braucht“, unser Denken und Fühlen erwärmt, bereichert, konkretisiert, aufwühlt, beruhigt und und und…

Nadine Gordimer (1923 - 2014)

Nadine Gordimer (1923 – 2014)

Bei allem, was momentan wieder geschieht: in Israel/Palästina, in Syrien, im Südsudan, in der Ukraine und und und, möchte ich allen Kunstschaffenden zurufen: Wir bleiben dran! Denn es stimmt eben NICHT, dass niemand die Kunst braucht. Musik, Literatur, Malerei, Theater und und und helfen beim Denken und Fühlen, ja oftmals erwecken sie es neu oder erst wirklich. Sie bringen Licht. Das tun Bomben, Gewalt, Extremismus, religiöser Fanatismus und und und keinesfalls. Sie bringen Dunkelheit. Und deshalb macht die Kunst unsere Welt eben doch ein Stückweit besser und die Erde zu einem bewohnbareren Ort. Gerade wenn Menschen uns verlassen, die auf künstlerischem Terrain so viel bewegten wie die oben genannten, wird uns das schmerzlich bewusst.

 

Zum Tod von Gert Voss

Heute, am Tag, da Deutschland jubeln darf, weil wir gestern Nacht in Brasilien Fußball-Weltmeister geworden sind, erreicht uns die traurige Nachricht, dass einer der ganz großen Theaterschauspieler des 20. Jahrhunderts gestorben ist: Gert Voss. So nah liegen Freude und Trauer beieinander. Das passt zu ihm, auf diesem schmalen Grat interpretierte er zahllose Rollen. Ein unersetzlicher Verlust, die Theaterwelt trauert. Mich trifft sein Tod nicht allein deshalb, weil ich seine Schauspielkunst sehr bewundert habe und sie mir unvergesslich bleiben wird. Sie hatte etwas Flirrendes, dabei so Waches, Intelligentes und Scharfes, setzte genaue Konturen, zeichnete starke Menschenbilder – sondern auch, weil ich ihn persönlich gekannt habe. Als Regieassistentin im Bochumer Schauspielhaus in den 1980er Jahren hatte ich das Glück, ihn in der Probenarbeit erleben zu dürfen.

VossAußerdem verlieren wir in ihm einen der maßgeblichen Protagonisten großer Tabori-Inszenierungen. Vor Jahren habe ich das Gedicht „Othello“ als Hommage an Gert Voss in einer Literaturzeitschrift veröffentlicht. Als ich vorhin die Nachricht von seinem Tod erhielt, habe ich es sofort herausgesucht, noch etwas bearbeitet und unter dem frischen Eindruck seines Todes noch ein zweites Gedicht für Gert Voss geschrieben. Leb wohl, Gert – oder, wie George Tabori treffender formuliert hätte: „Sterb wohl“ und danke für Deine herrliche Schauspielkunst! Ich hätte Dich gerne noch einmal auf der Bühne gesehen.

OTHELLO                                       für Gert Voss

Schwarz geschminkt
nicht echt
bloß Maskerade

und doch mit Haut und Haar
unter die Haut gekrochen
so schmiert er alle an

auf dass sie erfahren
was Schwarz sein bedeutet
er stellt sich einen Panther dabei vor

die Eifersucht des Raubtiers
von gefährlicher Eleganz
wer ihn sieht

begegnet dem Tier
erkennt sich
und vergisst es nicht wieder

© Jutta Schubert, 2004

LEAR GEHT

Wir werden ihn nie wieder sehen
wie er in seiner Blindheit wütet
verletzend verletzt
mit dieser klaren harten Stimme
wie eines Messers Schneide
in der Dunkelheit

Immer war er mehr
als nur ein Spieler
mehr als Hofnarr Komödiant und Herrscher
mehr als die Rolle
einer von uns
mit einem Stein im Schuh

Lear geht
in aller Zartheit
groß im Leid
komisch verzweifelt
wir bleiben auf der Heide
wüst und leer zurück

Er wird im Himmel seine Pirouetten drehen
damit die Götter sich in ihm entdecken

(c) Jutta Schubert, 14. Juli 2014