Briefe aus Prag – 23

Dienstag, 25. November 2014

„Natürlich, eine alte Handschrift“ (Umberto Eco)

Liebster,

bis heute geht eine seltsame Faszination von Bibliotheken aus. Nicht nur für mich, wie ich immer wieder feststellen kann, sondern wohl für jeden, der eines solchen Anblicks gewahr wird. Eine alte Bibliothek zu sehen, mit Bänden, die Jahrhunderte überstanden haben, ist wie aufs Meer hinaus zu blicken. Ein Gefühl von Endlosigkeit stellt sich ein, als erfahre man plötzlich etwas über die Zeit und ihren für immer unbegreiflichen Pulsschlag. Klein und unbedeutend kommt man sich vor und erahnt eine gewaltige Fülle hinter einem unbekannten Horizont. Die Erhabenheit gesammelten Wissens ist etwas, das größer ist als wir selbst. Es flößt uns etwas wie Hochachtung ein, wir möchten uns verneigen vor dieser Macht.

Nicht von ungefähr umgibt alte Bibliotheken daher die Aura des Mythischen. Unschätzbare Werte gehen und gingen zu allen Zeiten bei der Zerstörung von abendländischen Bibliotheken verloren, durch Plünderungen und Kriege, Vandalismus und Brände.

Klöster sind von jeher ein Ort des Bewahrens. Und da, wer das Wissen hat, auch die Macht besitzt, wurden zu allen Zeiten gerade eben auch bestimmte Bücher für gefährlich gehalten. Die Klöster mit ihren Reichtümern an Bücherschätzen, oftmals meisterlichen Handschriften, Buchillustrationen und Buchbindearbeiten, waren gleichermaßen auch die Hüter von Geheimnissen, die nach Meinung des Klerus nicht an die Öffentlichkeit dringen sollten. In „Giftschränken“ und geheimen Zimmern, zu denen der Abt den Schlüssel am Gürtel trug, bewahrten sie auch das Wissen auf, das ihrer Ansicht nach nicht unters Volk kommen sollte. Der Vatikan hat bis heute seinen Index.

Umberto Eco hat einen Roman zu diesem Thema geschrieben. Seine groß angelegte Historiengeschichte „Der Name der Rose“, in der am Ende eine fiktive, ungeheuerlich wertvolle Klosterbibliothek aufgrund des Fanatismus eines Geistlichen, der Werke unter Verschluss halten wollte, in Flammen aufgeht, wurde weltberühmt und selbst eine Art Mythos. Eco stellt seinem Roman, so wahr wie augenzwinkernd, das Motto voran: „Natürlich, eine alte Handschrift“.

Daran musste ich heute denken, als ich vor den Räumen der Bibliothek des Klosters Strahov hinter dem Hradschin stand. 250 000 Werke umfasst der Bestand, darunter 3000 Handschriften, die bis ins Jahr 860 zurückreichen. Zwei ungeheuerliche historische Bibliothekssäle darf der Besucher sehen, gottlob aber nicht betreten. Der ältere, niedrige Saal, die theologische Bibliothek, stammt aus dem 17. Jahrhundert. Ausgeschmückt mit einer Freskendecke vom Beginn des 18. Jahrhunderts stehen hier etwa 20 000 in Leinen und Schweinsleder gebundene Bände zur Theologie, dazu astronomische und geographische Globen aus der Zeit. Eine Schatzkammer.

Verbunden durch einen Gang gelangt man zum jüngeren und größeren Bibliothekssaal aus dem 18. Jahrhundert. Der damalige Abt ließ den Saal erbauen, da er mehr Platz für die Klosterbibliothek brauchte. Er kaufte Bücherschränke aus einem anderen Kloster auf und ließ den Saal nach den Möbeln erbauen. Ein ungeheurer Anblick, fast 50 000 Bände entlang der Wände und auf der umlaufenden Galerie, in mit reichen Schnitzereien verzierten Bücherschränken. Dieser philosophische Saal umfasst die verschiedensten Wissensgebiete, Naturwissenschaften, Philosophie und Philologie, überstrahlt von einem Deckengemälde zur geistigen Entwicklung der Menschheit. Man gewinnt bei diesem Anblick den Eindruck, dass die Bibliothek von Babel lebt und auch die große Bibliothek von Alexandria vielleicht doch nicht ganz abgebrannt ist.

Das Bibliotheksgebäude steht allein auf dem Gelände des Klosters, abgetrennt von den Wohn- Ess- und Schlafräumen der damaligen Mönche, in Korrespondenz zur Klosterkirche, jedoch eine sehr eigenständige, stolze Trutzburg des Wissens.

Im Gang zwischen den beiden Bibliotheksräumen ist in einem Intarsienschrank die sogenannte dendrologische Bibliothek untergebracht, in der in 68 Bänden zu Beginn des 19. Jahrhunderts sämtliche Baumsorten der in Böhmen wachsenden Hölzer dokumentiert sind. Jeder Band ist einer Baumart gewidmet, der Buchrücken ist von der jeweiligen Baumrinde bedeckt, im Innern der Bücher wird das Wissen über die Baumart aufbewahrt mit Blättern, Blüten, Früchten, Astschnitten und sogar Schädlingen. Eine Bibliothek für Elfen. Tolkien hätte seine helle Freude daran haben müssen. Gerne hätte ich ein solches Buch in die Hand genommen.

Heute lebt wieder eine kleine Mönchsgemeinschaft im Kloster Strahov. Auf einem Foto sehe ich einen Mönch im heutigen Skriptorium sitzen – vor einem Computerbildschirm.

Sehr beeindruckt gehe ich fort, in einen trüben, leicht nebeligen, kalten Prager Nachmittag. Auf dem Hradschinplatz nur eine Handvoll Menschen, ein verhangener Blick auf die Stadt hinunter, sie ruht wie mit einem Weichzeichner hinter Dunstschleiern. Es dringen kaum Geräusche herauf, ein einheitliches helles Grau ist die beherrschende Farbe.

Bevor, wie täglich, beinahe alle Museen und Institutionen um 16 Uhr schließen, bekomme ich noch Zugang zum Loreto-Heiligtum, zwischen Hradschinplatz und Strahov-Kloster gelegen. Ein Wallfahrtsort mit dem ranghöchsten Heiligtum Tschechiens, einer sehr anmutigen schwarzen Madonna mit großer Ausstrahlung, getreue Nachbildung einer Marienstatue aus dem italienischen Loreto von 1626. In der Mitte des Kreuzgangs des Kapuzinerklosters mit Kirche hat man eine Art steinernen Schrein für diese Madonna geschaffen, wo die Wallfahrenden vor ihrem Anblick beten können. Angeblich gibt es immer lange Wartezeiten. Doch heute bin ich vollkommen allein da, nur die Madonna und ich, sogar ohne Wachpersonal.

Das Wachpersonal tut mir übrigens leid. Überall müssen sie stehen und sitzen. In der Gemäldegalerie des Klosters Strahov allein drei von ihnen, jeder auf einem Stuhl in einer Ecke, mit Überblick über einen weiteren Gang. Sie putzen sich die Nasen, sie starren vor sich hin auf den Boden, sie blicken stumm auf das Display ihres Mobiltelefons, sie stehen kurz auf und gehen zu einem der Bilder hin, als ob sie es noch niemals gesehen hätten, dann zurück, und sie setzen sich wieder. Oder in der Kirche des Loreto-Klosters, ganz hinten rechts stehend in der Ecke, geräusch- und bewegungslos, eingepackt in eine Winterjacke mit Kapuze. Ich begrüße alle diese Wachleute und verabschiede mich wieder, wenn ich gehe, was jeweils mit einem erstauntem Kopfnicken, manchmal mit einem Lächeln quittiert wird. Sie sind wohl angewiesen, auszustrahlen: Ich bin eigentlich gar nicht da, kümmern Sie sich nicht um mich! Was für ein Job! Dass sie nicht vor Langeweile anfrieren oder einschlafen, ist mehr als verwunderlich. Und was machen sie mit ihren Gehirnen während ihrer Dienstzeiten? Lesen ist ihnen wahrscheinlich verboten. Sie müssen ja aufpassen…

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(c) Foto: Jutta Schubert

Man sollte meinen, dass es in Prag keine neuen Kunstschätze mehr zu entdecken gibt. Doch weit gefehlt. Vor einigen Jahren erst hat man in der Loreto-Kirche eine Krypta mit spektakulären schwarz-weiß Fresken gefunden, die von der Vergänglichkeit allen Lebens erzählen. Der Engel mit dem Flammenschwert etwa oder der allgegenwärtige Tod mit seiner Sense, Darstellungen aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Die Krypta selbst ist nicht zugänglich, es gibt aber einen Nachbau auf der Galerie des Kreuzgangs.

Leider hatte der kleine Museumsshop bereits geschlossen. Ich habe mir daher erlaubt, einen Schnappschuss von dem ausgestellten Poster der alles beherrschenden Todesfigur zu machen.

Danach, leicht durchgefroren und hungrig, zum Café Slavia. Mein Pianist ist aus Amerika zurück und spielt wunderschön „As time goes by“. Ja, meine Zeit hier läuft auch langsam ab. Es beschleicht mich ein leichtes Gefühl von Abschied, das sich wie ein seidenes Tuch über die Stadt legt und gut zum grauen Nebel passt. Hie und da ist mir, als sähe ich blaue, länger werdende Schatten.

Schnell zahlen und in die Straßenbahn, bevor er wieder anfängt zu spielen. Gegen Sentimentalität hilft ungemein, eine Dreiviertelstunde in den oftmals überfüllten Straßenbahnen und Metrozügen hinaus in die Vorstadt zu fahren, um in meine warme Wohnung und an den Schreibtisch zu kommen.

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 21

Sonntag, 23. November 2014

Havel na Hrad

Liebster,

heute war Kinotag. Zuerst habe ich in der wunderbaren Jugendstil-Ausstellung im Gemeindehaus nicht nur meinen Eindruck der Art Nouveau-Epoche, nach dem Besuch im Mucha-Museum vor einigen Tagen, vervollständigen und erweitern können: Großartig beispielsweise die ausgestellten Kleider aus der Zeit. Die „femme fatale“, eine Erfindung des Jugendstils sozusagen, musste eine reichhaltige Garderobe vorweisen, um gesellschaftlich bestehen zu können. Dazu war einerseits Geld notwendig und andererseits viel Zeit. Sie musste sich mindestens fünf Mal am Tag umziehen, um vom Frühstück über das Mittagessen, den nachmittäglichen Teeempfang und den Parkspaziergang bis hin zum abendlichen Theaterbesuch oder dem Ballsaal jeweils à la mode gekleidet zu sein. Ich dachte dabei die ganze Zeit an Wedekinds „Lulu“ und hätte ihr gerne alle diese Kleider angezogen. Am aussagekräftigsten in ihrem Fall natürlich die Unterwäsche, die Mieder mit Strumpfhaltern und die Korsagen!

Ach, wie gut, dass ich in meiner bequemen Jeans hier entlang schlendern kann, ohne dass jemand mir eine Kleiderordnung abverlangt, einfach mit Pulli und Jacke und gutem Schuhwerk für die kopfsteingepflasterten Prager Straßen.

Doch ein Herzstück der Ausstellung war für mich der kleine Schwarzweiß-Dokumentarfilm über das Prag von 1908 – somit auch das Prag, das Kafka gesehen hat. Eine wackelige Kamerafahrt in der offenen Straßenbahn und viele authentische Stadtbilder. Das meiste, was damals dem Kameramann vor die Linse kam, gibt es ja wunderbarerweise noch, nur manches nicht mehr, wie die Ausgehroben der Damen oder die Kettenbrücke über die Moldau, wo Kafka so gerne spazieren ging. Hätte ich diesen Film in meinen ersten Tagen hier gesehen, wäre es mir nicht möglich gewesen, mich zu orientieren. Doch jetzt erkenne ich alle Ecken, Plätze und Straßenzüge auf Anhieb. Der Wenzelsplatz, das Nationaltheater, das obere Ende der Nerudova, wo es rechts zum Hradschinplatz hinaufgeht, die alte Schlossstiege, der Kleinseitener Brückenkopf der Karlsbrücke. Denkt man sich die Garderobe der Passanten anders und sehr viel mehr Geschäfte und Schaufenster dazu, so könnten es Aufnahmen von heute sein, nur in schwarzweiß.

Am späten Nachmittag gehe ich ins Lucerna-Kino. Im kleinen Saal, ganz oben unter dem Dach, wo jeder Kinositz mit dem Konterfei eines Leinwandstars ausgestattet ist, sehe ich den brandneuen Dokumentarfilm über Vàclav Havel.

„Oh, James Bond!“ sagt die Dame in der Reihe vor mir. Sie meint das Bild auf dem Sessel, auf den sie sich setzt. Ich habe Marilyn Monroe nur knapp verfehlt.

Hier gibt es noch einen hölzernen Garderobenständer, kein Popcorn, und die beschirmten Lämpchen rechts und links an den Wänden wirken beschaulich. Doch es ist keinesfalls muffig oder altbacken, es strahlt ruhige Konzentration und stolze Tradition aus. Viele der Kinobesucher sind sehr alt, sie kommen nur mit Mühe die vielen Treppen zum Kinosaal hinauf. Einen Aufzug gibt es wohl nicht. Mir wird bewusst, dass es sich dabei wohl um Zeitgenossen Havels handeln muss. Sie mögen ihn vielleicht sogar persönlich gekannt haben. Das rührt mich. Und es gibt mir einen ersten Hinweis auf das schnelle Vergehen der Zeit.

Der Film tut dann ein Übriges. Zwar verstehe ich fast kein Wort, abgesehen von den wenigen Sätzen, die Havel auf Englisch spricht, vor einem ausländischen Parlament etwa oder zu einem internationalen Reporter. Der Film wird nicht englisch untertitelt, man rechnet hier wohl nicht mit ausländischen Besuchern. Doch die Bilder sprechen für sich und nehmen mich gefangen. Der Wenzelsplatz, ein einziges wogendes Meer aus Menschen und Flaggen, als Havel ans Mikrophon tritt. – Die sowjetischen Panzer direkt hinter der Reiterstatue Wenzels, die eine Menschenmenge vor sich hertreiben. – Der junge Havel am Schlagzeug. – Der Präsident Havel am Kontrabass. – Ein flüchtig in die Kamera blickender Dissident Havel, der bei seiner Verhaftung kurz und schnell das Victory-Zeichen macht, bevor er in ein Fahrzeug geschubst wird. – Die Gesichter der Trauernden beim Begräbnis von Jan Palach.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Havels Leben in fünfundsiebzig Minuten in sprechenden Bildern, von der Geburt bis zum Staatsbegräbnis: Havel als junger Dichter mit Zigarette. Havel im Büro des Präsidenten, die Haare kürzer und ordentlicher jetzt und mit Krawatte, doch ebenfalls mit der unentbehrlichen Zigarette. Im Garten seines Landhauses, gegenüber einer Baracke, aus der heraus die Geheimpolizei jeden seiner Schritte überwacht. Eine gar nicht geheime Überwachung. Er nennt sie einem ausländischen Journalisten gegenüber „my new neighbours“.

Die Kinobesucher lachen oft, vermutlich äußert er sich zu vielen Sachverhalten mit Humor, das kann man oftmals auch an seinem schelmischen, leicht amüsierten Blick ablesen, selbst, wenn es um die wirklich ernsten Dinge geht.

Sein Leben in knapp fünfundsiebzig Minuten vorbeiziehen zu sehen, ist eine gewaltige Zeitreise. Ich möchte manchmal gerne verharren, dem, was ich sehe, nachhängen können. Doch unaufhörlich treiben die Bilder weiter bis zum Ende, die schwarze Flagge auf der Prager Burg. In der letzten Einstellung ist er wieder jung, geht mit seinem Hund durchs Gartentor hinaus in den Schnee, wirft einen Ast, den der Hund apportiert. Dann ist es aus und ich stehe wieder draußen auf dem Wenzelsplatz. Wie durch eine Folie sehe ich noch die Menschenmasse, die ihm zujubelte, auf dem überfüllten Platz und an allen Fenstern und Balkonen. Mühsam reiße ich mich in die Wirklichkeit des Novembers 2014 zurück. „Bohemian glass“, original tschechische Küche, Mc Donalds-Restaurants, Schuhgeschäfte, Bettler.

Wie kurz ein Menschenleben ist, das, obwohl so ereignisreich, in fünfundsiebzig dichten Minuten zusammengefasst werden kann. Gestern lief er hier entlang, heute ich, morgen… Was machen wir mit dieser kleinen Zeit, in der unser Leben vergeht. Bevor meine Gedanken mich allzu traurig und düster werden lassen, betrete ich schnell einen Buchladen, der gerade noch eine Viertelstunde geöffnet hat.

„Havel zählte in der Generation der Dissidenten zu den Wenigen, die den Übergang zur demokratischen Ära schafften, ohne ihren Idealismus oder ihre Bedeutung zu verlieren. Seine dreizehnjährige Präsidentschaft, zunächst der Tschechoslowakei, dann der Tschechischen Republik, gehört zum besseren Teil der Zeit nach 1989… Noch vor seinem Tod im Dezember 2011 bekundete Havel seine Abneigung gegen die Richtung, in die sich nach seiner Meinung die tschechische Gesellschaft entwickelte. Die Dinge waren nicht so gelaufen, wie von ihm erhofft; Cowboy-Kapitalismus, Korruption und Ellenbogenpolitik hatten seine Vision der Zukunft des Landes beschädigt. Wie in weiten Teilen des postkommunistischen Europas war die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft noch unsicher, während die demokratische Revolution erfolgreich war.“

Mit diesen Worten zitiert die „Prager Zeitung“, Prags deutsche Wochenzeitung, in ihrer Presseschau das Londoner Magazin „The Economist“.

Die Tschechen haben Probleme mit ihrem Staatsoberhaupt Milos Zeman. Am Staatsfeiertag zum 25. Jubiläum der Samtenen Revolution war ich auf dem Hradschinplatz dabei, als ihm Demonstranten die rote Karte für sein Verhalten und seine Politik zeigten. Es scheint, Václav Havel hatte mit seinen Bedenken leider Recht. Zeman verharmlost Russlands Ukraine-Politik und leistet sich wohl immer wieder unglaubliche öffentliche Fauxpas, die den Eindruck erwecken, er habe die Kontrolle über sich verloren. Immer mehr drängt sich der Vergleich mit Boris Jelzin auf, der ebenfalls oftmals und gerne über die Stränge schlug. Quer durch die Parteienlandschaft wendet sich das Volk von seinem Präsidenten ab.

Die „Prager Zeitung“ zitiert auch die FAZ: „In der Tschechischen Republik ist die Erinnerung an die Wende aufs Engste mit Václav Havel verbunden. Als der im Dezember 2011 starb, ahnte keiner, wie rasch eine neue Führungsgarnitur in der Tschechischen Republik sein politisches Erbe verspielen würde.“ Die wahre Gefahr gehe nicht mehr vom Kommunismus aus, sondern von denen, die auf autoritäre Methoden setzten und die Demokratie missbrauchten, um sich Wirtschaft, Medien und politische Macht unterzuordnen.

Mit heute sehr nachdenklichen Grüßen,
Deine

Briefe aus Prag – 13

Samstag, 15. November 2014

Kulissen

Liebster,

in der wunderbaren Jugendstil-Passage des Lucerna-Kinos unweit des Wenzelsplatzes – seit dem Jahr 1909 das älteste durchgehend geöffnete Kino Europas, hier trafen sich schon Kafka und Max Brod, um gemeinsam Filme anzuschauen – sind Schautafeln zur samtenen Revolution ausgestellt, die sich übermorgen zum 25. Mal jährt. Es gibt auch einen Buchstand, voll mit Büchern über Vaclav Havel. Die schwarz-weißen Schautafeln zeigen grandiose Momentaufnahmen von 1989 und den nachfolgenden Jahren. Eine beeindruckende Performance des Bread and Puppet theatres, eine Veranstaltung unter den Fundamenten des gestürzten Stalindenkmals oder das Bild eines Deutsch sprechenden Eremiten, der sich 1995 in einer der Höhlen am Petrin einquartierte, weil er sich mit dem Präsidenten Havel treffen wollte, um mit ihm über das Regieren zu plaudern. Es kam nicht dazu – irgendwann verschwand er spurlos. Sicherlich gibt es hunderte, tausende von Geschichten, die im Zusammenhang mit der samtenen Revolution erzählt werden. Vaclav Havel, der Dissident, der zum Präsidenten wurde, wird bis heute zu Recht verehrt. Und Vaclav heißt ja Wenzel. Somit hat wieder ein Wenzel die Prager und mit ihnen alle Tschechen von der Dunkelheit ins Licht geführt. In der kommenden Woche zeigt das Lucerna exklusiv einen Dokumentarfilm über ihn.

Vor dem Kinoeingang zum Lucerna hängt die Statue des Heiligen Wenzel von der Decke herab, der rittlings auf einem kopfüber hängenden Pferd sitzt – der Bildhauer David Cerny hat an markanten Punkten in der Stadt seine provozierenden Kunstwerke hinterlassen – hier trifft man sich unterm umgedrehten Wenzel-Denkmal, sozusagen „unterm Pferd“.

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(c) Schubert

Ein Stück weiter in der Passage gelangt man zu dem kleinen Buchcafé „Gregor Samsa“ – ein wunderbares Ambiente für eine Rast zwischendurch und praktisch touristenfrei. Das Café befindet sich im Besitz der Havel-Familie.

Durch die Seitenstraßen in der Altstadt mache ich mich auf den Weg zu Havels ehemaligem Theaterschaffensort, dem „Theater am Geländer“, nahe dem Moldauufer. Auch hier hat David Cerny gewirkt: Blickt man an der Fassade nach oben, traut man seinen Augen nicht, denn an der Regenrinne schlägt ein überdimensionales Herz. Oder ist es eher eine Niere, in der das Blut, markiert durch ein blinkendes rotes Lämpchen, gespenstisch pulsiert?

Ich betrete das Foyer des Theaters, in dem reges Treiben herrscht. Leider verstehe ich vom Novemberspielplan praktisch kein Wort. Die tschechische Sprache – identitätsstiftend für zehn Millionen Tschechen – ist mir als Deutschmuttersprachlerin sehr fremd. Es sind nicht nur die vielen Konsonanten, die vielen Deklinationen, die vielen Akzentzeichen, die kreuz und quer die Zeilen bevölkern – ich kann mir gar nichts erschließen, keine Rückschlüsse und Querverbindungen ziehen. Lediglich die Namen einiger Theaterautoren kann ich mir zusammenreimen. Anton Tschechow. Ja, aber an dem Abend kann ich nicht. Da bin ich zur Zehnjahrfeier des Prager Literaturhauses in der Deutschen Botschaft.

In dem Stadtviertel zwischen dem Theater am Geländer und der Bethlehemkapelle, wo der Religionsreformer Jan Hus lange vor Martin Luther seine Kritik an der katholischen Kirche predigte, was er mit dem Leben bezahlte, wird seit Tagen ein Film gedreht. Die Cateringteams stehen mit ihren Wagen in den engen Straßen, ganze Straßenzüge sind verkabelt und gerade werden riesige Scheinwerfer auf eine mit weißen Tüchern abgedeckte Hauswand ausgerichtet, die Straße ist in ein grellkaltes Eislicht getaucht.

Prag ist selbstverständlich DIE Kulisse für Spielfilme aus allen Zeiten Europas. Man findet die passende Architektur im Original vom Mittelalter bis ins zwanzigste Jahrhundert und dazu heute hoch moderne Filmstudios, die auch Hollywoodschauspieler und Regisseure anlocken. Dieses hoch moderne Equipment hatte Milos Forman noch nicht zur Verfügung, als er hier zu Kommunismus-Zeiten seinen Oscar-prämierten Mozartfilm „Amadeus“ drehte. Forman war übrigens, wie ich las, ein Schulkamerad von Vaclav Havel.

Seitdem die beiden die Schulbank drückten, hat die Stadt sich verändert und rasend ist ihre Entwicklung in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren, seit jenem Herbst 1989, in dem das Volk das kommunistische Regime abgeschüttelt hat. Die Freiheit ist keine Kulisse.

An dem eisernen Geländer, das den Kreuzherrenplatz gegen die Moldau abgrenzt, wo die Massen auf die Karlsbrücke hinaufströmen, bringt gerade ein junges Pärchen eines der vielen Schlösser an, mit dem sie ihre Liebe verankern wollen. Sie drücken das Schloss zu, jeder nimmt einen der beiden Schlüssel und beide werfen sie gleichzeitig in hohem Bogen ins Wasser hinunter. Am Grunde der Moldau wandern die Schlüssel… Dann bitten sie eine Vorbeigehende, sie zu fotografieren. „With the castle please“, sagen sie und meinen den Hradschin. Ein Schloss ist ein Schloss ist ein Schloss…

Ob sie wohl eines Tages wiederkommen werden, um nach ihrem Schloss zu sehen? In einigen Jahren wird das eiserne Geländer über und über voll davon sein. Vielleicht werden sie ihr Schloss dann nicht mehr finden. Möglicherweise vergessen sie es auch einfach, so wie wir immer alles vergessen, selbst unser eigenes Leben.

Das andere Ufer beherrscht die angestrahlte Burg, „the castle“, und der imposante Dom.

„Lange stand K. auf der Brücke und blickte in die scheinbare Leere empor.“ Ja, dieses kleine Dorf, das ich mir beim Lesen seines Romans „Das Schloss“ immer vorgestellt hatte, mit der kleinen Dorfbrücke dazu – dieser Blick wurde nun für immer zurechtgerückt.

In Liebe,
Deine