Meine Lesung in Weingarten

Am Montag, dem 09. Oktober las ich aus dem Roman „Zu blau der Himmel im Februar“ in den Räumlichkeiten des Studentenwerkes „Weiße Rose e.V.“ in Weingarten.

Hinter mir an der Wand die Porträts der Widerstandskämpfer Alexander Schmorell, dem Protagonisten meines Romans, und Hans Leipelt.

 

Wird kommen über Nacht

Zum Tode des Dirigenten und Komponisten Prof. Siegfried Köhler

Prof. Siegfried Köhler 30. Juli 1923 – 12. September 2017 – Foto: (c) Jutta Schubert

Wir haben uns immer gesiezt. Es war ein Zeichen unserer gegenseitigen Wertschätzung, unserer kollegialen Verbundenheit, auch unserer gemeinsamen Arbeit und unseres großen Altersunterschieds wegen. Ich war und bin eine sehr gute Freundin seines einzigen Sohnes Klaus-Dieter. Er hätte mein Vater sein können, mein Großvater, mein Mentor, mein Lehrer, mein Chef. Er war ein kleines Bisschen von alledem. Mehr als fünfunddreißig Jahre lang kannten wir uns, tauschten wir uns aus über Musik, das Theater, die Literatur, über Eindrücke von Inszenierungen, Reisen und Lektüre und unsere vielfältigen Erfahrungen mit alledem. Er wurde für mich ein Vorbild an Arbeitswut, Humor und Menschlichkeit, nicht nachlassender Neugierde an der Welt, der Kunst, den Menschen, stets kritisch und beinahe immer optimistisch. Ich wurde seine Biografin, blieb einerseits fremd, von außen, und andererseits vertraut, irgendwie gehörte ich zur Familie. Wir arbeiteten wohl an die zwanzig Jahre zusammen, an seiner Autobiografie – Alles Capriolen, ein Jahrhundert im Musiktheater – ein ganzes Jahrzehnt lang, danach an einigen Libretti zu seinen Kompositionen, unter anderem seiner großen und vielleicht überhaupt der letzten Operette – Old Germany – ein Lebenswerk, dessen Uraufführung er nicht mehr erleben wird.
Man muss für sich selbst die Werbetrommel rühren, das tut sonst niemand, sagte er oft und unermüdlich. Bis zuletzt war ihm der Umgang mit Menschen unerlässlich, sie beflügelten ihn, regten auch in seinem hohen Alter noch seinen Humor an, forderten seinen Widerspruch heraus. „Wird kommen über Nacht“ war ein memento mori, das ihm ein vor ihm gegangener enger Freund hinterließ. Er zitierte den Satz oft, mit nachdenklichem Respekt und wissendem Nicken um die Endlichkeit unseres Lebens. Am Ende war er allein auf dem Gipfel eines Berges, er benutzte dieses Bild, um seinen Zustand zu beschreiben. Er hatte alle treuen Weggefährten überlebt, auch seine Frau, obwohl bis ganz zuletzt seine Familie und viele Freunde um ihn waren. Noch vor wenigen Wochen haben wir seinen 94. Geburtstag bei Kaffee und Kuchen gefeiert. Heute starb er gegen Morgen, das memento mori hat sich erfüllt. „Auf zu neuen Thaten, theurer Helde“ gehörte zu den Wahlsprüchen seines reichhaltigen und geglückten Lebens. Möge die Musik, die er zuletzt nicht mehr hörte, ihn dort, wohin er ging, begleiten. Die Welt ist um einen Schelm ärmer geworden. Er wird mir fehlen.

Jetzt das Hörbuch

„Hier stand er also. Vor sich das Karwendelgebirge,
die österreichische Grenze. Hinter sich sein Leben.
In Nikolais Jacke, in Lilos Pullover, mit Nikolais
Pass. Ich nehme an, er fror. In jenem Februar 1943,
am fünften Tag seiner Flucht.“

Zu blau 24_klInzwischen ist mein Roman „Zu blau der Himmel im Februar“, der die letzten Tage der Widerstandsgruppe Die Weiße Rose erzählt, auch als Hörbuch erschienen. Eingesprochen hat es die Schauspielerin und Sprecherin Bettina Römer. Erschienen beim thono-audio-verlag kann man sich das Hörbuch auf allen Hörbuchplattformen herunterladen.

Vorankündigung zu „Casanovas Nacht“

Meine Komödie „Casanovas Nacht“ hat am kommenden Samstag, dem 14. März PREMIERE.

Hier gibt es eine ausführliche Vorankündigung in der „Mitteldeutschen Zeitung“ zu lesen:

casanovHolger Vandrich spielt Giacomo Casanova
Regie und Ausstattung: Jutta Schubert
Fechtchoreografie u. -training: Mona Syhre

weitere Vorstellungen: Freitag, 20. März; Samstag, 21. März; Samstag, 4. April; Sonntag, 5. April; Freitag, 15. Mai und Samstag, 23. Mai, jeweils um 19.30 Uhr

Kartentelefon: 03445-273480
Weitere Informationen unter: www.theater-naumburg.de

Briefe aus Prag – 27

Samstag, 29. November 2014

Postscriptum

Liebe Pragerinnen und Prager,

nun bin ich zurück am heimatlichen Schreibtisch und mein intensiver, fast vierwöchiger Aufenthalt in der Goldenen Stadt ist schon Vergangenheit.

Uhr2

(c) Foto: Jutta Schubert

Zwei Dinge möchte ich zum Abschluss dieser herrlichen, geschenkten Auszeit noch anmerken. Zum einen meine „Top 10“, beziehungsweise „Top 11“ – die Orte, die mich am meisten bewegt haben. Nicht in einer Rangfolge, sondern in der Reihenfolge, in der ich sie gesehen habe:

  • Das übergroße Konterfei von Vaclav Havel an der Fassade des Nationalmuseums und wie er mit seinem Lächeln den Wenzelsplatz überstrahlt, 25 Jahre nach der Samtenen Revolution
  • Die Altneusynagoge als ältester erhaltener und noch genutzter Synagogenraum Europas
  • Die Bibliothek des Prager Literaturhauses deutschsprachiger Autoren in dessen Räumlichkeiten in der Jecna-Straße
  • Das Café Slavia mit seiner für mich wunderbar anregenden und poetisch aufgeladenen Atmosphäre
  • Der Wladislav-Saal im alten Königspalast der Prager Burg, wo die Geschichte atmet
  • Der Ballsaal des Colloredo-Mansfeld Palais, in dem das achtzehnte Jahrhundert aufersteht
  • Der Balkon des Kuppelsaals in der Deutschen Botschaft zum Garten hinaus, von dem aus der ehemalige Außenminister Genscher den wartenden DDR-Bürgern ihre Ausreise verkündete
  • Der Zuschauerraum und die Bühne des ehemaligen Ständetheaters, Aufführungsort der Uraufführung von Mozarts Oper „Don Giovanni“
  • Beethovens Handschrift seiner 4. und 5. Sinfonie im Museum des Lobkowicz-Palais auf dem Hradschin
  • Die historischen Bibliothekssäle im Kloster Strahov
  • und „last but not least“: Kafkas Welt, real und fiktiv, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen wird.
Vom Brueckenturm2

(c) Foto: Jutta Schubert

Zum anderen möchte ich mich noch sehr herzlich bedanken. Beim Hessischen Literaturrat für das Autorenstipendium; bei dessen Vorsitzendem Herrn Hartmut Holzapfel für seinen rückhaltlosen Einsatz für die Literatur, sein persönliches Engagement für die Stipendiaten, das ich auch erfahren durfte sowie die anregenden Gespräche mit ihm und die vielen Tipps, die er mir gab; bei der gesamten Mann- (und Frau-) schaft des Prager Literaturhauses, insbesondere bei Programmleiterin Barbara Sramkova und bei Anna Koutska für ihre inhaltliche und organisatorische Begleitung, Beratung und Hilfe sowie bei Herrn Direktor David Stecher, auch für sein unbürokratisches Engagement in Bezug auf meine Unterkunft. Für die anregenden Begegnungen und Gespräche und das Interesse an meiner Arbeit bedanke ich mich außerdem sehr bei Herrn Dr. Füllenbach von der „Prager Zeitung“, beim deutschen Botschafter in Prag, Herrn Dr. von Loringhoven, bei Herrn Frantisek Cerny sowie bei Gerald Schubert von Radio Prag und dem Fotografen Björn Steinz. Mein Dank gilt außerdem meinem Mann, Peter H. Gogolin für seinen selbstlosen Einsatz, alle meine „Briefe aus Prag“ und die Fotos täglich auf meiner Webseite und im Internet zu veröffentlichen. Und ich danke allen interessierten Leserinnen und Lesern meines Blogs für ihre Neugierde und Aufmerksamkeit, ihre schönen Kommentare und ihre Empfehlung und Weiterverbreitung meiner „Briefe“ im Internet.

Auf Wiedersehen, Prag.
Hochachtungsvoll

Briefe aus Prag – 26

Freitag, 28. November 2014

Blick auf die Stadt oder Der Geist von Prag

Liebster,

heute, als die Nachmittagsdämmerung langsam über die Stadt hereinbrach, hat mich der Geist von Prag auf meinem Abschiedsspaziergang begleitet. Lenka Reinerovà beschreibt in ihrem Buch „Närrisches Prag“ den Geist als ein hauchdünnes und dennoch unübersehbares Wesen, das beispielsweise gleichzeitig an drei Tischen im Café sitzt, ihr manchmal einen Tipp oder ein Zeichen gibt, öfters auch etwas auf seine wesenhafte Art kommentiert, ein Luftikus, ein Scharlatan, ein Narr, ein Weiser, ein Kobold.

Eigentlich blitzte der Geist schon gestern einmal auf, als ich das Antonin Dvorak-Museum aufsuchte, das in einer wunderschönen Barockvilla in einer Seitenstraße unweit des Prager Literaturhauses untergebracht ist. Dvorak lebte hier nie, sondern in wechselnden Wohnungen in der Nähe. Obwohl diese feine Villa mit ihrem selbst zu dieser Jahreszeit noch anmutigem Garten voller Statuen dem Komponisten sicherlich gefallen hätte.

Dvoraks Witwe vermachte dem Museum nach seinem Tod seinen Bösendorfer Flügel und seinen Schreibtisch. Dieses Mobiliar bildete den Grundstock für die Ausstellung, die recht hübsch, doch irgendwie auch kurios ist. Vor allem erfährt man, dass Dvorak Eisenbahnen und Dampfloks liebte. Und dass er später, in Amerika, weil die Central Station in New York nur Reisenden vorbehalten war und er deshalb nicht mehr genügend Züge sehen konnte, außerdem begann, eine Leidenschaft für Schiffe zu entwickeln. Er soll immer zum New Yorker Hafen spaziert sein, oder zum Battery-Park an der Südspitze Manhattans, um die ankommenden und abfahrenden Ozeandampfer zu beobachten. Vielleicht gibt mir das eine Idee für eine kuriose Geschichte.

Jedenfalls stand der Geist von Prag neben mir in den Räumlichkeiten der Villa herum, turnte ein wenig auf Dvoraks Flügel, probierte seinen durchgesessenen Schreibtischstuhl aus, indem er vor und zurückkippelte wie ein Erstklässler, und schien eine diebische Freude daran zu haben, das Dvorak niemals hier gelebt, ja, dieses Haus zu seinen Lebzeiten nicht einmal betreten hatte, doch dass es einem heute so vorkommt, als sei er genau hier zu Hause gewesen. Im ersten Stock vollführte der Geist dann weitere Pirouetten. Die ältere Dame von der Aufsicht empfing mich händeringend und sichtlich betrübt mit vielfachen Entschuldigungen, denn gerade sei der Klavierstimmer eingetroffen, „sorry, we have a concert tonight. He will need about half an hour“.

Ich versicherte, dass mir das nichts ausmache, doch sie glaubte mir nicht und war irgendwie untröstlich. Ich könne jetzt wegen des Klavierstimmers die Musik nicht hören. Sie führte mich daher durch den Salon, in dem bereits Stuhlreihen für den Abend aufgestellt worden waren und wo sich in der Tat der Klavierstimmer mit nervtötenden Geräuschen am Konzertflügel zu schaffen machte. Er betrachtete mich erstaunt. Denn abgesehen vom Geist, den er nicht sehen konnte, obwohl dieser längst auf den schwarzen Tasten herumsprang, war ich natürlich die einzige Besucherin.

In dem kleinen Nebenraum, in den mich die Aufsicht betrübt geleitete, deutete sie auf zwei Kopfhörer und eine Zahlentastatur, wo ich mir verschiedene von Dvoraks Werken auswählen und anhören könnte. Ich machte den Versuch, das Largo aus der 9. Sinfonie zu hören, doch das war wegen des Geists, der entschieden anarchisch am Flügel auf und nieder hüpfte, absolut unmöglich.

Auch in diesem Raum zeigten die Dokumente in den Vitrinen, dass Dvorak Eisenbahnen und Schiffe liebte. Ich sah mir das etwas ungläubig an, während sich die Aufsicht gemeinsam mit einer anderen Dame an der Elektrik im Raum zu schaffen machte, indem sie beide hinter der Tür am Boden knieten, was ich mir ebenfalls mit der bevorstehenden Abendveranstaltung erklärte. Mehrfach schalteten sie mir dabei versehentlich das Licht aus und sie entschuldigten sich wieder. Ich beschloss, dem Geist lange genug seinen Schabernack zugestanden zu haben und wandte mich zum Gehen. Die Aufsicht verabschiedete mich mit unglücklichem Gesicht und weiteren Entschuldigungen. „Come tomorrow“, sagte sie.

„No problem“, meinte ich über den Geist hinweg, der gerade seine Freude daran hatte, auf den besonders hohen Tönen herumzuhüpfen. „A few days ago I wanted to see the Mozart-Museum, Villa Bertramka.“ Die Aufsicht nickte wissend. „It’s closed“, sagte sie einfach. Jetzt nickte ich. „But here the house is full of live. No problem. Thank you!“

Lachend ging ich fort, der Geist tanzte hinter mir her und war sehr zufrieden mit mir.

Bibliothek2

(c) Foto: Jutta Schubert

Heute nun begleitete er mich zum Abschluss am späten Nachmittag auf der geführten Tour durch die Räume des ehemaligen Jesuitenklosters Klementinum, einem Gebäudekomplex mitten in der Altstadt, in dem jetzt die Nationalbibliothek mit Lesesälen und Büros untergebracht ist. Mozart spielte bereits auf der Orgel in der Spiegelkapelle, doch der Geist gab mir hier keine Kostprobe. Er bewahrte sich seinen Coup für den barocken Bibliothekssaal auf. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, noch eine weitere beeindruckende Bibliothek in Prag sehen zu dürfen. Doch als der Führer den Schalter anknipste und der dunkel ruhende, verschwiegene Saal langsam und vorsichtig illuminiert wurde, traute ich in der Tat meinen Augen nicht. Die Regale der Bibliothek waren leergefegt! Und dabei hatte ich doch eindeutig in der Tickethalle ein Poster gesehen, auf dem der Saal voller Bücher abgebildet war.

„Falls Sie sich wundern sollten“, erklärte der Führer auf englisch, französisch und portugiesisch – denn außer mir bestand die kleine Gruppe nur aus einem älteren portugiesischen Ehepaar und zwei Herren aus Frankreich – „warum hier so gut wie keine Bücher sind: Bis vor drei Monaten waren die Regale noch voll. Die Bücher wurden abtransportiert nach Deutschland (!), wo sie alle in mühevoller Arbeit eingescannt und archiviert werden. Danach kommen sie wieder zu uns zurück. In zehn Jahren.“

„In zehn Jahren?“ Ich musste nachfragen, ich konnte das nicht glauben. Ja, sagte er, in zehn Jahren wären die Bücher dann wieder da.

Der Geist neben mir kicherte. Er kletterte über die hölzerne Balustrade und turnte auf einem der Sternengloben herum. 20 000 Bücher wären eigentlich hier, erfuhr ich auf Nachfrage. Vielleicht tausend seien noch da. Warum die denn da geblieben wären, fragte einer der Franzosen. Sie würden noch nachgeschickt, versicherte der Führer. Der Geist hangelte sich inzwischen wie ein Affe an den leeren Regalen hinauf. Ich hatte gute Lust, ihn zurück zu pfeifen.

Eine leere Bibliothek ist eine merkwürdige Sache. Eigentümlich mulmig fühlt sich das an, gespenstisch. Vielleicht sollte ich eine Geschichte schreiben, die in diesem leeren Bibliothekssaal spielt, der sich nach seinen Büchern sehnt? Der Touristenführer lieferte dafür noch eine Anregung. Als die Jesuitenmönche ihr Kloster verlassen mussten, sollen sie angeblich Schätze irgendwo in den Wänden eingemauert haben, da sie damit rechneten, irgendwann zurückzukommen. Sie benötigten einen Helfer bei dieser Arbeit und blendeten ihn, damit er das Geheimnis des Verstecks nicht preisgeben konnte. Doch er hörte die Kirchenglocken und wusste, wo im Gebäude er sich befand. Deshalb töteten sie ihn und beerdigten ihn zusammen mit dem Schatz. Der Schatz, sofern er existiert, wurde bis heute nicht gefunden. Das Skelett ebenso wenig. Der Geist grinste. Er zupfte der Portugiesin im Haar herum.

Altstadt2

(c) Foto: Jutta Schubert

Über den Meridiansaal im Turm des Klosters, wo Mönche und Astronomen die Sterne mit Hilfe von Fernrohren und Quadranten studierten – auch Johannes Kepler betrieb hier seine Himmelsforschungen – wurden wir viele alte Holztreppen hinauf zum Aussichtspunkt auf dem Turm geführt. Der Führer öffnete die schweren Holztüren und es bot sich uns ein atemberaubender Anblick. Einmal rundum gegangen, sieht man buchstäblich die gesamte Stadt, auf einer Seite die Türme der Altstadt mit dem Altstädter Ring, wo gerade der große Weihnachtsbaum aufgestellt wurde, auf der anderen Seite der Hradschin, das Strahov-Kloster, der Hausberg Petrin, die Kleinseite. Links am Moldauufer das beleuchtete Nationaltheater. Rechts das ebenfalls beleuchtete Rudolfinum, die Philharmonie. „Siehst du“, sagte der Geist dicht neben mir, „zu deinem Abschied lege ich dir die ganze Stadt zu Füßen.“

Kleinseite2

(c) Foto: Jutta Schubert

Dann schwang er sich auch hier über die Brüstung und flog mir voraus zu meinem Abschiedsrundgang. Der vom Aufbau des Weihnachtsmarktes eingenommene Altstädter Ring, die Lichter im Kafka-Buchladen kurz vor Ladenschluss, das untere Ende des Wenzelsplatzes ebenfalls schon weihnachtlich geschmückt. Ich grüßte mit einer leichten Handbewegung zu Vaclav Havel an der Fassade des Nationaltheaters hinauf. Dann traf ich den Geist auf ein letztes Glas im Café Slavia. Er saß an mindestens drei Tischen.

Mein Pianist, noch ganz von seiner Schiffsreise über den Atlantik beseelt, spielte „Bridge over troubled water“ und „As time goes by“. Mit glänzenden Augen prostete der Geist mir zu, der schon wieder auf dem Flügel saß.

Morgen, Liebster, komme ich nach Hause.

„I habe seen a nice part of the world here“, so wurde ein Brief von Dvorak übersetzt, den er im Herbst 1893 von New York aus in die Heimat schrieb, „but the nicest will be when I see you again in that world of ours.“

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 25

Donnerstag, 27. November 2014

Kafkas Körper

Liebster,

Kafkas Körper erwies sich zunächst als sehr widerstandsfähig. Es ist überliefert, dass er ein unermüdlicher Spaziergänger war, der viele Stunden lang, ohne die kleinste Anstrengung zu verspüren, durch die Straßen der Stadt, ihre Parks und Gärten, ihre Hügel hinauf und das Moldauufer entlang gehen konnte, in Gesellschaft, doch sehr häufig wohl auch allein. Das schien ihn zu konzentrieren, ihm den Kopf frei zu machen.

Er war zudem ein leidenschaftlicher Schwimmer und Ruderer. Er schlief wenig, da er nachts schrieb oder wach lag, um an das Schreiben zu denken. Er arbeitete viel, sowohl in der Versicherungsanstalt als auch nachts an seinem eigenen privaten Schreibtisch zu Hause. Daher bekam er zu wenig Schlaf, zumal er früh aufstehen musste, um rechtzeitig an seinem Arbeitsplatz im Büro zu erscheinen. Er schlief daher gern, wenn möglich, nachmittags nach dem Büro noch einige Stunden, um für den Abend und das eventuelle Schreiben, wieder frisch zu sein. Zu wenig Schlaf laugt einen Körper aus.

Ohnehin schien er seinem Körper trotz aller Ertüchtigung nicht zu trauen. Möglicherweise empfand er ihn auch als fremd. Die Phantasie zu haben, morgens als Käfer im eigenen Bett zu erwachen – ein Bild, das heute weltweit mit seiner Literatur verbunden wird, beinahe, als wäre das ein Zustand, der sich traumatisch im kollektiven Gedächtnis der Menschen verankert hat, ähnlich den weichen Uhren in Salvador Dalìs Malerei, nur eben sehr viel drastischer – also diese Phantasie zu haben, lässt auf Erfahrungen mit dem eigenen Körper schließen, bei denen ein Gefühl grundsätzlicher Fremdheit oder Andersartigkeit kaum von der Hand zu weisen ist.

Kafka am Zaun2

Als er schließlich von seiner Todeskrankheit, der Tuberkulose, heimgesucht wurde, wunderte er sich darüber nicht. Es war, als wenn er auf eine Krankheit gewartet hätte, die ihm unumgänglich schien, bei all der Anstrengung, die er unternommen hatte, sein Schreiben und sein Leben zu meistern.

Das Schreiben ist ein körperlicher Vorgang. Wer es sich als rein geistige Tätigkeit vorstellt, unterliegt einem schweren Irrtum. Der Körper schreibt ebenso mit wie das, was wir Seele oder Geist nennen. Der Körper reagiert seismographisch und er ist immer der Stärkere. Man kommt nicht gegen ihn an. Mit gewaltigen geistigen Anstrengungen lässt er sich zeitweise überlisten, hinhalten, ausblenden oder vertrösten, doch unweigerlich fordert er irgendwann sein Recht und dann ist man ihm ausgeliefert. Darin ist er von Natur aus dem Tod ähnlich.

Kafka muss das sehr genau gewusst haben. Vermutlich wusste er auch, dass er nicht sehr viel Lebenszeit hatte, um die Dinge, die er schreiben wollte, tatsächlich zu Papier zu bringen und zu vollenden. Soviel Verhinderung an allen Ecken und Enden. Soviel verlorene, fürs Schreiben vertane Zeit. Das wird ihn zeitweilig hilflos gemacht haben, sprachlos oder wütend. Doch er hat niemals aufgegeben, er war ein Kämpfer. Bis sein Körper ihn endgültig in die Knie zwang.

Er war geräuschempfindlich, hasste Lärm. Und davon gab es auch zu seiner Zeit schon mehr als genug. Man mag sich das Hufgetrappel und Rädergerappel der Pferdefuhrwerke auf dem Kopfsteinpflaster, das Geratter der elektrischen Straßenbahnen, von denen zudem das ganze Haus erzittert, wenn sie vorbeifahren, das Geschrei und Gerede der Menschen und ihre unendlichen Verrichtungen, die kaum jemals geräuschlos sind, am liebsten gar nicht vorstellen. Dazu kommt – davon gab Kafkas jüngster Biograf Reiner Stach vor einigen Wochen während einer Veranstaltung im Goethe-Institut zum Erscheinen seiner vollendeten Kafka-Biografie ein sehr genaues und anschauliches Bild – dass die Stadt, in der Kafka lebte, zu seiner Zeit eine einzige Großbaustelle war. Die alte Judenstadt wurde abgerissen, komplett assaniert, wie man hier sagt. An ihre Stelle traten die vielgeschossigen Wohnhäuser der Jahrhundertwende, die noch heute größtenteils stehen. Es wurden neue Brücken über die Moldau gebaut. Dauernd wurden neue Straßenzüge durch die Stadt gepflügt. Kafka konnte dabei keine Ruhe finden, nie und nirgends, abgesehen von den späten Abend- oder Nachtstunden in dem gemieteten kleinen Häuschen in der Alchimistengasse auf dem Hradschin. Das war keine romantische Stadt mit einsamen Gassen und schauerlichen Schatten werfenden Gaslaternen.

Dazu die Enge. Kafka muss sich ungeheuer beengt gefühlt haben. Der Radius, in dem sein Leben verlief, war nicht groß. Er lässt sich noch heute von einem Ende zum anderen in weniger als einer halben Stunde abschreiten. Die Deutsch sprechenden Juden waren in ihrer Lebensweise isoliert. Sie blieben unter sich. Insofern musste Kafka fast alle Menschen, die ihm täglich auf seinen Wegen durch die Stadt begegneten, gekannt haben. Rainer Stach beschrieb auch das sehr anschaulich: Kafka musste wohl alle paar Meter seinen Hut lüften, um jemanden zu grüßen.

Wie sehr wir heute auch oft unter der Anonymität der Großstadt leiden, Kafka machte die gegenteilige Erfahrung. Er traf in seinem Prager Umfeld vermutlich fast niemals auf einen Fremden. Diese Enge, das kann man sich vorstellen, wirkt sich in der Regel auf den geistigen Horizont aus, der ebenfalls begrenzt bleibt. Doch das war bei Kafka nicht der Fall. Bei seinem Umfeld wohl aber schon.

Kafkas Horizont war weit, tief, und scheint, von heute aus betrachtet, nahezu unbegrenzt in seinen Möglichkeiten. Es ist wohl davon auszugehen, dass er sich nur selten seinem Horizont und seinen geistigen Bedürfnissen entsprechend unterhalten konnte. Die Gesprächspartner fehlten schlicht. Man nehme seine eigene Familie zum Beispiel. Der Vater ein Knöpfezähler. Die Schwestern gradlinig in ihren konventionellen Lebensbahnen.

Die Kollegen im Büro – Gott bewahre. Vielleicht manchmal der eine oder andere Vorgesetzte, wie Kafka ab und an lobend in seinen Tagebüchern und Briefen erwähnt. Und sicher: die Caféhaus- und Literatenfreunde, von denen jedoch auch ein jeder seine ganz persönlichen Meinungen und Vorlieben vertrat und in deren Gesellschaft Kafka häufig schweigsam gewesen sein soll. Selbst Max Brod, sein engster Freund, konnte ihm hier wohl auch nicht alles bieten. Ohnehin kann dies ja kein einzelner Mensch für einen anderen leisten.

Man stelle sich also Kafkas Körper in allen diesen Zusammenhängen vor. Man begreift, dass er sich nach den Metropolen gesehnt hat, nach Paris, nach Berlin…

Die Einsamkeit fürchtete er keinesfalls, er war ja sowieso allein. Allein sein bedeutet vor allem Unverstandensein. Aus dem Gefühl des Unverstandenseins in der Welt erwächst nicht zuletzt Literatur. Und dieses Gefühl beginnt früh, meist schon in der frühen Kindheit. Und ist später durch nichts mehr wettzumachen.

Neben der geistigen Ernährung des Körpers bleibt dann noch die ungeistige. Kafka ernährte sich vegetarisch. Diese Tatsache trug ihm auch nicht gerade Bewunderung ein. Seine Sexualität bleibt ein Rätsel. Sicher, in gewisser Weise bleibt sie das bei jedem Menschen. Sein eigentümliches Verhältnis zu Frauen wurde, wie alles, was Kafka betrifft, bereits hinlänglich „untersucht“. Untersucht ist ein gutes, ein körperliches Wort. Ärzte untersuchen ihre Patienten. Fühlt jemand sich körperlich unwohl, steht ihm eine Untersuchung bevor.

Im Falle Kafkas meint man herausgefunden zu haben, dass sein Verhältnis zu Frauen vielfältig gestört oder zumindest verstörend für beide Seiten war. Vor engen Bindungen schreckte er zurück, auch wenn er sich wohl danach sehnte. Vielleicht, weil er sie idealisierte, oder einfach, weil er sie als gesellschaftlich schicklich empfand. Er kannte ja in seinem Umfeld so gut wie nichts anderes als Ehen, Familien. Daraus bestand die Welt und das schien ihr Sinn zu sein. Eine Ehe ging er niemals ein, löste Verlobungen. Häufig auch mit der Hintertür, sich für das Schreiben bewahren zu wollen, zu müssen. Sexuelle Erfahrungen? Er soll Bordelle besucht haben. Den Frauen, mit denen er engere Bindungen versuchte, pflegte er meistens einfach zu schreiben. Die Liebe. Ist sie eine geistige oder ein körperliche Sache? Beides? Trennbar? Untrennbar? Rätselhaft.

Zum Körper gehört naturgemäß auch der Tod. Kafkas Körper machte ihm recht früh einen Strich durch sämtliche Rechnungen, die er vielleicht noch zu begleichen hoffte. Das war 1924, in seinem 41. Lebensjahr. Wäre er nicht gestorben, so hätten seinen Körper möglicherweise noch ganz andere Katastrophen heimgesucht. Solche, von denen er nichts wissen konnte und die er doch, wenn man seine Texte liest, teilweise vorauszuahnen schien. Er hätte, so darf man spekulieren, Jahre später von den Nationalsozialisten in ein Konzentrationslager verschleppt und dort ermordet werden oder sowieso sterben können. Seine drei Schwestern erlitten dieses Schicksal und ebenso seine tschechische Übersetzerin und zeitweilige Freundin Milena Jesenska. Vielleicht ist ihm das erspart geblieben. Doch das gehört bereits weit ins Reich der Spekulation.Zeichnungen2Ob Kafka seinen Körper liebte? Darüber lässt sich nichts sagen, nur, dass überliefert ist, dass er mit seinem Äußeren oft sehr unzufrieden war, nicht wusste, wie er sich kleiden sollte, um möglicherweise vorteilhafter auszusehen, als es ihm selbst schien. Vielleicht empfand er sich als schwach. Doch das war er nicht. Er bewies Mut und Stärke, sich dem Leben, das er führte, zu stellen. Er stand zu sich. Um noch einmal Rainer Stach zu zitieren, der auch das wunderbar auf den Punkt brachte: Kafka wurde aus der Schwäche heraus stark. Er hat getan, was er absolut tun wollte, unter den für ihn schwierigen Bedingungen. Das ist und bleibt bewunderungswürdig.

Die Kenntnis der inneren Topographie seiner Stadt Prag ermöglicht einen etwas leichteren, konkreteren Zugang zu Kafkas Werk. So offensichtlich hatte ich mir das nicht vorgestellt, doch so erlebe ich es hier. Die Stadt Prag war notgedrungen auch ein Teil seines Körpers. Heute ist der Körper dieser Stadt, rund um sein ehemaliges Lebensgebiet am Altstädter Ring, ein Teil Kafkas. Er fand für diese Stadt, die ihn nicht losließ, das Bild: „Dieses Mütterchen hat Krallen.“ Krallen sind von Natur aus etwas, das dazu benutzt wird, in einen fremden Körper geschlagen zu werden.

Ich bin sehr froh über diese Prag-Erfahrung.

In Liebe,
Deine

 

PS.: Die beiden Fotos stammen aus der sehr schönen, kleinen Ausstellung rechts im Gang neben der Eingangshalle des Century Old Town-Hotels (ehemalige Versicherungsanstalt). Diese liebevolle Ausstellung, ganz unscheinbar und scheinbar unaufwendig, ist die beste, die ich über Kafka in Prag gesehen habe.

Briefe aus Prag – 24

Mittwoch, 26. November 2014

Natürlich, eine alte Handschrift (2)

Liebster,

von Tag zu Tag wird es spürbar kälter in Prag. Mittlerweile ist das Thermometer an der Nullgradgrenze und mein Iphone vermeldet, dass es ab Montag schneien soll! Es sieht fast so aus, als hielte der Winter nach meiner Abreise Einzug in die Stadt. Wie schön für mich, dass er noch wartet.

Prag ist in dieser Woche schlagartig leer von Touristen geworden. In den Kirchen und Museen bin ich nahezu die Einzige. Heute stand ich vollkommen allein auf dem Altstädter Brückenturm. Der junge Mann, der in luftiger Höhe die Tickets kontrolliert, hatte dicht neben dem Radiator seinen Laptop aufgestellt. „I am completly alone, I can’t believe it“, sagte ich zu ihm, nachdem ich die fantastische Aussicht von oben auf die Karlsbrücke und die Kleinseite ausgiebig genossen hatte, ohne dass auch nur ein weiterer Mensch auf den Turm hinauf gekommen wäre. „Oh, that’s fine“, sagte der Mann, blickte kurz von seinem Laptop auf und sah mich unter seiner Wollmütze, die er tief ins Gesicht gezogen hatte, an, „so I can relax.“

Im ehemaligen Gebäude des Wasserwerks, direkt an der Moldau neben der Karlsbrücke, hat man ein Museum für Smetana eingerichtet, dessen sinfonisches Werk „Die Moldau“ als eine Art von heimlicher Nationalhymne für die Tschechen gilt. Auch in diesen Ausstellungsräumen mit Bilderbuchblick auf den Fluss, die Brücke und die Kleinseite, gab es keine Besucher außer mir. Die junge Frau, die dort die Aufsicht führt, sah die ganze Zeit aus dem Fenster auf das Wasser der Moldau, das sich an dieser Stelle reißend über Stromschnellen ergießt.

Smetanas erste Frau gebar in den fünf Jahren nach der Eheschließung vier Töchter. Danach reiste ihr Mann nach Göteborg ab, wo er sich mehr Chancen für seine Musik ausrechnete. Dort, im hohen Norden, hatte er bald eine Schülerin und „enge Freundin“. Seine Frau, die zu Hause geblieben war, starb indes. Seit ich – wohl aufgrund meines Kafka-Frauenprojekts – den Lebensläufen von Frauen „großer Männer“ mehr Aufmerksamkeit widme, finde ich „nebenbei“ im Verborgenen haarsträubende Schicksale.

Von den vielen Musiken, die in Prag komponiert und aufgeführt wurden und werden – von den heutigen beliebten und sehr guten Jazzkneipen hier gar nicht zu reden – gibt es einige, die es ohne diese Stadt, ihre Inspiration und nicht zuletzt ihre Gönner, gar nicht geben würde. Vielleicht hätte Mozart „Don Giovanni“ in Wien niemals geschrieben. Vermutlich hätten wir Smetanas „Moldau“ auch nicht. Was Antonin Dvoraks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ betrifft, so scheiden sich noch immer die Geister, ob er mit dem Titel wirklich seinen Amerikaaufenthalt meinte, oder aber eine kleine Straße auf der Kleinseite hinter dem Hradschin, die „Novi svet“ heißt.

Einige der größten Kompositionen von Ludwig van Beethoven gäbe es zudem mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht, darunter seine berühmte vierte und die fünfte Sinfonie, sowie die „Eroica“.

Die sehr reiche und jahrhundertealte Adelsfamilie Lobkowicz besaß unter anderem zwei spektakuläre Palais in Prag, wovon in einem heute, wie ich an anderer Stelle bereits erwähnt habe, die Deutsche Botschaft residiert. Das Gebäude wurde in der jüngeren Geschichte vor allem auch dadurch bedeutsam, weil der ehemalige bundesrepublikanische Außenminister Genscher hier vor fünfundzwanzig Jahren auf den Balkon des Kuppelsaals zum Garten hinaus trat und Tausenden von wartenden DDR-Bürgern ihre Ausreise in den Westen zusicherte.

Es ist ein sonderbar anrührender Moment, auf diesem Balkon zu stehen und in den heute stillen, friedlichen Garten hinabzuschauen, wie es mir nach einer Veranstaltung in der Botschaft vergönnt war. Ich erkannte den Ort tatsächlich noch aus meiner Erinnerung an die Fernsehaufnahmen von damals wieder, als das ganze Gelände überfüllt von Menschen war. Heute befindet sich eine große Erinnerungstafel an der Stelle, wo Genscher stand, auf der sein berühmter Satz zu lesen steht. Hier spürt man tatsächlich etwas, das man den „Atem der Geschichte“ nennen könnte.

Lobkowiczpalais2

(c) Foto: Jutta Schubert

Die noch lebenden Mitglieder der Familie Lobkowicz sahen diesen historischen Augenblick ebenfalls im Fernsehen, von ihrem Exil im Ausland aus. Sie waren davon ebenfalls bewegt und auch von der Tatsache, dass dies in einem ihrer ehemaligen Anwesen geschah. Man hatte die Familie Lobkovicz zweimal ihres gesamten Besitzes beraubt, und auf wundersame Weise haben sie ihn zweimal zurück erhalten. Das erste Mal wurden sie durch die Nationalsozialisten nach deren Einmarsch in Prag enteignet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bekam die Adelsfamilie ihre Besitzungen zurück, doch einige Jahre später wurden sie ihnen von den Kommunisten wiederum genommen und es gelang ihnen gerade noch, das Land zu verlassen, um ins Exil zu gehen. Nach der Samtenen Revolution kehrten sie zurück – wie sie hoffen, für immer. Heute Abend, während einer Veranstaltung zum Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und einen fast vergessenen deutschsprachigen Prager Autor aus dem Prager Kreis der zwanziger und dreißiger Jahre, Ludwig Winder, leitete der Historiker Prof. Ivan Schedivy seinen Vortrag mit dem denkwürdigen Satz ein: „Die Geschichte lehrt uns, dass wir nichts planen können.“ Der Satz hallt noch in mir nach und er betrifft auch das Schicksal der Familie Lobkowicz.

Das zweite Palais Lobkowicz in Prag am unteren Ende des Hradschin-Geländes, vor der alten Schlossstiege, ist heute ein Museum, in dem Teile der Familienschätze auf zwei Stockwerken der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden sind. Durch die Sammlung führen die lebenden Familienmitglieder höchstpersönlich per Audioguide.

Ich schlenderte durch beide Stockwerke mit ihren wertvollen Porträt- Waffen- Porzellan- Bilder- und Musikinstrumentensammlungen und lauschte den Stimmen der Familie, die ihre Geschichte erzählen. Niemand war außer mir dort, nur eine Aufsicht nahm mich in Empfang. Es war, als gehöre der Palast kurzzeitig mir. Die fantastische Aussicht auf die Stadt durch die Fenster der Salons war zudem mehr als grandios. Doch was hat das alles mit Beethoven zu tun?

Josef Frantisek Maximilian, der 7. Prinz von Lobkowicz war nicht nur ein Musikfreund und Kenner, sondern der maßgebliche Förderer Beethovens. Diese großzügige Unterstützung ermöglichte es Beethoven tatsächlich, einige Werke zu schaffen, die er, jenseits von Auftragsarbeiten, frei nach seinem eigenem Willen komponieren durfte. So entstand eine Anzahl seiner wichtigsten Werke, unter anderem die „Eroica“ und die vierte und fünfte Sinfonie.

Ich hatte zwar gelesen, dass im Lobkowicz-Palais Handschriften von Beethoven und auch von Mozart zu sehen wären, doch als ich leibhaftig vor den Autographen der Sinfonien stand, war ich ergriffen. Zwei einfache Manuskriptstapel, jeder etwa zehn Zentimeter hoch, versehen mit Beethovens Anmerkungen und Korrekturen.

Leider wurde ich gerade hier misstrauisch von der einzigen Aufsichtsperson beäugt, vermutlich, damit ich auch ja kein Foto machte. Anfassen konnte man die Blätter selbstverständlich sowieso nicht, sie ruhen erhaben in ihrer Glasvitrine. Doch wäre die Aufsicht nicht gewesen, ich hätte wahrscheinlich einen lauten Seufzer ausgestoßen. Vor Erstaunen. Oder besser aus dem Gefühl heraus, plötzlich etwas ganz Unglaublichem gegenüber zu stehen.

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 23

Dienstag, 25. November 2014

„Natürlich, eine alte Handschrift“ (Umberto Eco)

Liebster,

bis heute geht eine seltsame Faszination von Bibliotheken aus. Nicht nur für mich, wie ich immer wieder feststellen kann, sondern wohl für jeden, der eines solchen Anblicks gewahr wird. Eine alte Bibliothek zu sehen, mit Bänden, die Jahrhunderte überstanden haben, ist wie aufs Meer hinaus zu blicken. Ein Gefühl von Endlosigkeit stellt sich ein, als erfahre man plötzlich etwas über die Zeit und ihren für immer unbegreiflichen Pulsschlag. Klein und unbedeutend kommt man sich vor und erahnt eine gewaltige Fülle hinter einem unbekannten Horizont. Die Erhabenheit gesammelten Wissens ist etwas, das größer ist als wir selbst. Es flößt uns etwas wie Hochachtung ein, wir möchten uns verneigen vor dieser Macht.

Nicht von ungefähr umgibt alte Bibliotheken daher die Aura des Mythischen. Unschätzbare Werte gehen und gingen zu allen Zeiten bei der Zerstörung von abendländischen Bibliotheken verloren, durch Plünderungen und Kriege, Vandalismus und Brände.

Klöster sind von jeher ein Ort des Bewahrens. Und da, wer das Wissen hat, auch die Macht besitzt, wurden zu allen Zeiten gerade eben auch bestimmte Bücher für gefährlich gehalten. Die Klöster mit ihren Reichtümern an Bücherschätzen, oftmals meisterlichen Handschriften, Buchillustrationen und Buchbindearbeiten, waren gleichermaßen auch die Hüter von Geheimnissen, die nach Meinung des Klerus nicht an die Öffentlichkeit dringen sollten. In „Giftschränken“ und geheimen Zimmern, zu denen der Abt den Schlüssel am Gürtel trug, bewahrten sie auch das Wissen auf, das ihrer Ansicht nach nicht unters Volk kommen sollte. Der Vatikan hat bis heute seinen Index.

Umberto Eco hat einen Roman zu diesem Thema geschrieben. Seine groß angelegte Historiengeschichte „Der Name der Rose“, in der am Ende eine fiktive, ungeheuerlich wertvolle Klosterbibliothek aufgrund des Fanatismus eines Geistlichen, der Werke unter Verschluss halten wollte, in Flammen aufgeht, wurde weltberühmt und selbst eine Art Mythos. Eco stellt seinem Roman, so wahr wie augenzwinkernd, das Motto voran: „Natürlich, eine alte Handschrift“.

Daran musste ich heute denken, als ich vor den Räumen der Bibliothek des Klosters Strahov hinter dem Hradschin stand. 250 000 Werke umfasst der Bestand, darunter 3000 Handschriften, die bis ins Jahr 860 zurückreichen. Zwei ungeheuerliche historische Bibliothekssäle darf der Besucher sehen, gottlob aber nicht betreten. Der ältere, niedrige Saal, die theologische Bibliothek, stammt aus dem 17. Jahrhundert. Ausgeschmückt mit einer Freskendecke vom Beginn des 18. Jahrhunderts stehen hier etwa 20 000 in Leinen und Schweinsleder gebundene Bände zur Theologie, dazu astronomische und geographische Globen aus der Zeit. Eine Schatzkammer.

Verbunden durch einen Gang gelangt man zum jüngeren und größeren Bibliothekssaal aus dem 18. Jahrhundert. Der damalige Abt ließ den Saal erbauen, da er mehr Platz für die Klosterbibliothek brauchte. Er kaufte Bücherschränke aus einem anderen Kloster auf und ließ den Saal nach den Möbeln erbauen. Ein ungeheurer Anblick, fast 50 000 Bände entlang der Wände und auf der umlaufenden Galerie, in mit reichen Schnitzereien verzierten Bücherschränken. Dieser philosophische Saal umfasst die verschiedensten Wissensgebiete, Naturwissenschaften, Philosophie und Philologie, überstrahlt von einem Deckengemälde zur geistigen Entwicklung der Menschheit. Man gewinnt bei diesem Anblick den Eindruck, dass die Bibliothek von Babel lebt und auch die große Bibliothek von Alexandria vielleicht doch nicht ganz abgebrannt ist.

Das Bibliotheksgebäude steht allein auf dem Gelände des Klosters, abgetrennt von den Wohn- Ess- und Schlafräumen der damaligen Mönche, in Korrespondenz zur Klosterkirche, jedoch eine sehr eigenständige, stolze Trutzburg des Wissens.

Im Gang zwischen den beiden Bibliotheksräumen ist in einem Intarsienschrank die sogenannte dendrologische Bibliothek untergebracht, in der in 68 Bänden zu Beginn des 19. Jahrhunderts sämtliche Baumsorten der in Böhmen wachsenden Hölzer dokumentiert sind. Jeder Band ist einer Baumart gewidmet, der Buchrücken ist von der jeweiligen Baumrinde bedeckt, im Innern der Bücher wird das Wissen über die Baumart aufbewahrt mit Blättern, Blüten, Früchten, Astschnitten und sogar Schädlingen. Eine Bibliothek für Elfen. Tolkien hätte seine helle Freude daran haben müssen. Gerne hätte ich ein solches Buch in die Hand genommen.

Heute lebt wieder eine kleine Mönchsgemeinschaft im Kloster Strahov. Auf einem Foto sehe ich einen Mönch im heutigen Skriptorium sitzen – vor einem Computerbildschirm.

Sehr beeindruckt gehe ich fort, in einen trüben, leicht nebeligen, kalten Prager Nachmittag. Auf dem Hradschinplatz nur eine Handvoll Menschen, ein verhangener Blick auf die Stadt hinunter, sie ruht wie mit einem Weichzeichner hinter Dunstschleiern. Es dringen kaum Geräusche herauf, ein einheitliches helles Grau ist die beherrschende Farbe.

Bevor, wie täglich, beinahe alle Museen und Institutionen um 16 Uhr schließen, bekomme ich noch Zugang zum Loreto-Heiligtum, zwischen Hradschinplatz und Strahov-Kloster gelegen. Ein Wallfahrtsort mit dem ranghöchsten Heiligtum Tschechiens, einer sehr anmutigen schwarzen Madonna mit großer Ausstrahlung, getreue Nachbildung einer Marienstatue aus dem italienischen Loreto von 1626. In der Mitte des Kreuzgangs des Kapuzinerklosters mit Kirche hat man eine Art steinernen Schrein für diese Madonna geschaffen, wo die Wallfahrenden vor ihrem Anblick beten können. Angeblich gibt es immer lange Wartezeiten. Doch heute bin ich vollkommen allein da, nur die Madonna und ich, sogar ohne Wachpersonal.

Das Wachpersonal tut mir übrigens leid. Überall müssen sie stehen und sitzen. In der Gemäldegalerie des Klosters Strahov allein drei von ihnen, jeder auf einem Stuhl in einer Ecke, mit Überblick über einen weiteren Gang. Sie putzen sich die Nasen, sie starren vor sich hin auf den Boden, sie blicken stumm auf das Display ihres Mobiltelefons, sie stehen kurz auf und gehen zu einem der Bilder hin, als ob sie es noch niemals gesehen hätten, dann zurück, und sie setzen sich wieder. Oder in der Kirche des Loreto-Klosters, ganz hinten rechts stehend in der Ecke, geräusch- und bewegungslos, eingepackt in eine Winterjacke mit Kapuze. Ich begrüße alle diese Wachleute und verabschiede mich wieder, wenn ich gehe, was jeweils mit einem erstauntem Kopfnicken, manchmal mit einem Lächeln quittiert wird. Sie sind wohl angewiesen, auszustrahlen: Ich bin eigentlich gar nicht da, kümmern Sie sich nicht um mich! Was für ein Job! Dass sie nicht vor Langeweile anfrieren oder einschlafen, ist mehr als verwunderlich. Und was machen sie mit ihren Gehirnen während ihrer Dienstzeiten? Lesen ist ihnen wahrscheinlich verboten. Sie müssen ja aufpassen…

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(c) Foto: Jutta Schubert

Man sollte meinen, dass es in Prag keine neuen Kunstschätze mehr zu entdecken gibt. Doch weit gefehlt. Vor einigen Jahren erst hat man in der Loreto-Kirche eine Krypta mit spektakulären schwarz-weiß Fresken gefunden, die von der Vergänglichkeit allen Lebens erzählen. Der Engel mit dem Flammenschwert etwa oder der allgegenwärtige Tod mit seiner Sense, Darstellungen aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Die Krypta selbst ist nicht zugänglich, es gibt aber einen Nachbau auf der Galerie des Kreuzgangs.

Leider hatte der kleine Museumsshop bereits geschlossen. Ich habe mir daher erlaubt, einen Schnappschuss von dem ausgestellten Poster der alles beherrschenden Todesfigur zu machen.

Danach, leicht durchgefroren und hungrig, zum Café Slavia. Mein Pianist ist aus Amerika zurück und spielt wunderschön „As time goes by“. Ja, meine Zeit hier läuft auch langsam ab. Es beschleicht mich ein leichtes Gefühl von Abschied, das sich wie ein seidenes Tuch über die Stadt legt und gut zum grauen Nebel passt. Hie und da ist mir, als sähe ich blaue, länger werdende Schatten.

Schnell zahlen und in die Straßenbahn, bevor er wieder anfängt zu spielen. Gegen Sentimentalität hilft ungemein, eine Dreiviertelstunde in den oftmals überfüllten Straßenbahnen und Metrozügen hinaus in die Vorstadt zu fahren, um in meine warme Wohnung und an den Schreibtisch zu kommen.

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 22

Montag, 24. November 2014

Der Geist von Mozarts Katze

Liebster,

eine Enttäuschung hielt Prag allerdings nun doch für mich bereit und dabei eine gänzlich unerwartete. Heute machte ich mich endlich auf in den Ortsteil Smichov auf der anderen Moldauseite, um die Villa Bertramka zu sehen. In diesem Haus, das ehedem dem Ehepaar Dusek gehörte, wohnte Mozart während seiner Besuche in Prag 1787 zur Uraufführung seines „Don Giovanni“ und 1791 zu „La clemenza di Tito“. Josepha Dusek war eine Bewunderin und Gönnerin des Komponisten und stellte ihm das weitläufige Anwesen der Villa Bertramka mit großem, parkartigem Garten als Rückzugsort zur Verfügung, damit er seine Oper „Don Giovanni“ zu Ende komponieren konnte, was ihm in der Hektik der Stadt zwischen dem Hotel und den bereits laufenden Proben wohl nur schwer möglich war.

Mozart nahm das Angebot von Josepha Dusek an und verbrachte fernab des lärmenden Stadt- und Theaterbetriebs eine Zeit auf dem ehemaligen Weingut, das damals wirklich weit außerhalb lag.

Um die Villa Bertramka ranken sich seither einige hartnäckige Legenden, deren Wahrheitsgehalt nicht mehr zu überprüfen ist. Mozart soll dort gut gearbeitet und in der Nacht vor der Premiere des „Don Giovanni“ schnell noch die Ouvertüre komponiert haben. Man sagt ihm eine Liebschaft mit seiner Gönnerin nach, ebenso, dass sich Giacomo Casanova einige Male zu Besuch in der Villa aufgehalten habe, da er zeitgleich in Prag war, und dass Casanova und Mozart sich in der Bertramka begegnet seien.

Der deutsche Autor Hanns-Josef Ortheil hat über diese Zusammenhänge einen Roman geschrieben, „Die Nacht des Don Juan“. Er war auf die Idee dazu gekommen, nachdem er die Räume und die Ausstellung in der Villa Bertramka besucht hatte. Denn heute befindet sich dort selbstredend ein Mozart-Museum. Die damals genutzten Wohnräume sind museal zugänglich, auch Mozarts Arbeitszimmer mit dem Cembalo, an dem er komponiert haben soll. Ja, das wollte ich natürlich unbedingt sehen und es sollte für mich im Stillen einer der Höhepunkte meiner Prager Besichtigungstouren werden.

Mein Reiseführer warnte zwar vor dem etwas miefigen „Dornröschenschlaf“, in den der liebliche Ort gefallen sei, seit die Prager Mozart-Gemeinde das Anwesen übernommen habe. Doch dieser Führer hat inzwischen etwa gleichviel Recht und Unrecht behalten, und da er außerdem die tägliche Öffnungszeit des Museums zwischen 10 und 17 Uhr vermerkt, machte ich mich ganz sorglos und voller Vorfreude auf den Weg.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Harald Salfellner schreibt in seinem schön detailreichen, gut recherchierten und reichlich bebilderten Buch „Mozart und Prag“ zwar, dass die Landschaft in der Umgebung der Villa sich im Laufe des 19. Jahrhunderts grundlegend wandelte und die Vorstadt Smichov sich zu einem rasch aufstrebenden Industrieviertel entwickelte, das bald schon einen Kranz von Fabriken und Schloten rund um den Landsitz legte, „der wie eine Insel der Ruhe aus dem Lärm des Gewerbegebiets ragte. Heute sind diese Fabriken, so sie noch bestehen, längst selbst zu Anachronismen geworden, die im Vergleich zur gesichtslosen Industriearchitektur der Gegenwart oder dem aufdringlichen Glaspalast einer Hotelkette in unmittelbarer Nähe der Bertramka fast anmutig wirken.“

Soweit Harald Salfellner, dessen eindeutige Warnung, die man aus diesen Worten herauslesen konnte, ich ebenfalls in den Wind schlug. Ich bin halt ein Kind vom romantischen Mittelrheintal und in den letzten Jahren habe ich zudem so viele inspirierende Dichter- und Musikerstätten im Osten Deutschlands, auf dem Gebiet der ehemaligen DDR besucht, die alle nach der Wende wunderbar restauriert wurden und sehr gepflegt werden, so dass ich dachte, ein Ort, wo Mozart seinen „Don Giovanni“ beendet hat, könnte all das mit Leichtigkeit überflügeln.

Die Metro spuckte mich an der Station Andel in eine turbulente Geschäftsstraße und zudem mitten hinein in einen verfrühten Weihnachtsmarkt vor der Station. Smichov ist heute ein Viertel irgendeiner modernen, gesichtslosen Großstadt und ich sehnte mich sofort in die Prager Altstadt zurück. Hier in Smichov war ich plötzlich atmosphärisch irgendwo zwischen Köln und Stuttgart gelandet. Doch links in der Ferne machte ich einen grünen Hügel aus, vielleicht sogar einen Weinberg. Also ließ ich die vielfältigen Gerüche der Glühwein- , Kerzen- und Seifenstände hinter mir und machte mich auf den Weg.

Buchstäblich auf Schritt und Tritt wurde es schlimmer. Autobahnzubringer kreuzten die Hauptverkehrsstraße, bald wusste ich gar nicht mehr, wo man denn als Fußgänger entlanglaufen sollte. Zwischen abbruchreifen ehemaligen Fabrikgebäuden, stark befahrenen Verkehrsadern, Dönerläden, Baustellen und abbruchreichen Häusern mit leeren Fensterhöhlen gelangte ich endlich die kopfsteingepflasterte Auffahrt zur Bertramka hinauf. Schon von weitem sah ich, dass das große Eingangstor des Anwesens geschlossen war. Doch es gab eine kleine Tür daneben. Zu. Ich rüttelte am Tor. Ich klopfte. Ich las das schmuddelige Schild an der Mauer, das auf das Museum hinwies. Immerhin, ich war also richtig. Die darauf gedruckten Öffnungszeiten waren mit einem Zettel überklebt worden, darauf stand: Täglich 10-16 Uhr. Ich schaute ungläubig auf meine Armbanduhr. 13.30 Uhr. Dann stieg ich den Treppenweg links neben dem Tor hinauf, an der Außenmauer des Anwesens entlang, in der Hoffnung, eventuell von hinten irgendwo Einlass zu finden. Die mit Graffiti besprühte hohe Wand ließ keinen Blick in den Park dahinter zu. Im Haus hinter der Mauer war, soviel ich erkennen konnte, alles dunkel, es rührte sich nichts. Eine kleine, seitlich in die Mauer eingelassene Tür nahe des Hauses war von Spinnweben überzogen und sicherlich seit Jahren nicht mehr geöffnet worden sein. Kurz darauf konnte ich ein Schild hinter der Mauer erkennen: „Souvenirs“. Aha, da hatte es also mal was gegeben. Lange vorbei, wie mir schien.

Der Weg bergauf erwies sich als ergebnislos. Man gelangte in eine dahinter liegende Siedlung, die Geräusche eines belebten Schulhofs waren zu hören. Die Mauer knickte ab hier und zog sich rechts herum weiter. Die Größe des dazugehörigen Parks war daher jedenfalls ungefähr zu ermessen. Irgendwo in diesem Park soll eine Mozart-Büste stehen, habe ich gelesen.

Ich ging zurück, hinunter zum Tor. Wie ich jetzt erst sah, war das Anwesen auf der rechten Seite nur von einem sehr morschen, teils abgebrochenen Jägerzaun auf einer kleinen Betonmauer begrenzt, so dass man mir wenigstens einen Blick auf das Gelände erlaubte. Das große Tor, an dem ich gerüttelt hatte, war von hinten mit einem Holzstock gesichert. Der Weg zum Haus lag voll mit Laub und machte einen recht verwahrlosten Eindruck. Oberhalb konnte ich die Villa liegen sehen. Auf dem Weg hinauf saß eine schwarzbraune Katze und putzte sich ausgiebig. Sie schien das einzige lebende Wesen hier zu sein. Der Geist von Mozarts Katze, musste ich automatisch denken. Ich schoss einige Fotos über den Jägerzaun hinweg, vom Haus und vom Garten. Die Katze blieb unbeeindruckt. Dann machte ich mich auf den Rückweg zur Metrostation.

An einer roten Ampel mitten im Verkehrsgewirr, stand ich länger, bis ein Passant mich auf Tschechisch ansprach. Er drückte auf den Knopf für die Ampelanlage, den ich vorher gar nicht bemerkt hatte. Die Ampel sprang auf grün. „Ah“, murrte ich schlecht gelaunt. „English?“ fragte er. „Yes.“ „You must do that, otherwise the light will do nothing.“ Ich nickte. „Where do you come from?“ „Germany.“ „Hamburg?“ „No. Frankfurt.“ Er konnte meine Antwort nicht verstehen, der Autolärm war zu laut. „Aha“, sagte er deshalb. Wir gingen gemeinsam bis zur nächsten Kreuzung. Eigentlich bestand die Straße, soweit man sehen konnte, nur aus Kreuzungen. „I wanted to see the Mozart-Museum“, sagte ich. „But it’s closed.“ Er lachte und nickte. „Yes, there are not many tourists in Prag at the moment.“ Ich gab ein Knurren von mir. Dann hatten wir die nächste Kreuzung erreicht. Er bog nach links ab, ich ging nach rechts.

„Nur hinter der Mauer des ehemaligen Weingutes kommt noch eine Ahnung von der Stille und Poesie auf, die Wolfgang Amadeus Mozart hier gefunden haben mochte“, schreibt Salfellner. Möglich. Ich kann Mozart nur wünschen, dass er für sich und seine Musik hier ein Refugium gefunden hatte. Eine Inspiration, wie sie Hanns-Josef Ortheil vor Jahren an diesem Ort zuteil wurde, war mir heute jedenfalls nicht annähernd vergönnt. Ob nun gerade viel oder wenig Touristen in der Stadt sind, Mozart bleibt doch immerhin Mozart. Hat die Bertramka vielleicht nur montags geschlossen? Oder nur sonntags geöffnet? Oder zwischen November und März gar nicht? Ich werde es nicht erfahren. Bleibt nur, mir vorzustellen, wie es vielleicht einmal gewesen ist. Doch das war ohne den realen Anblick dieses traurigen Anwesens ehrlich gesagt leichter. Es gibt Momente, in denen beflügelt die Wirklichkeit die Phantasie überhaupt nicht. Vielleicht ist etwas von der Kraft dieses Ortes tatsächlich noch hinter den Mauern zu spüren. Vor den Mauern ist jedenfalls alles ausgelaugt, so leer und hässlich wie das, was Menschen aus Orten und Landschaften eben machen, wenn man sie gedankenlos immer weiter wurschteln lässt.

Heute findet man Mozart in Prag nur noch als Silhouette eines Schattenrisses. Einbeinig dirigierend, wie ein Eiskunstläufer, fliegt er über T-Shirts, Tassen und Postkarten hinweg, maßgeblich in Pink. Zu seinen Lebzeiten haben die Prager Mozart jedenfalls geliebt. Bei allem, was er in Salzburg und Wien erleben musste, war Prag für ihn ein Segen. Das ist doch ein Trost. Und neben den beiden Opern für Prag hat er uns außerdem noch die „Prager Sinfonie“ hinterlassen. Von alledem weiß die Katze im Vorgarten der Bertramka nichts. Oder am Ende doch?

Der Weihnachtsmarkt vor der Metrostation hatte mich wieder. Nun war der Moment gekommen, endlich die süße böhmische Spezialität zu probieren, die in Prag an fast jeder Straßenecke angeboten wird. Trdelnik. Diese für mich unaussprechliche Süßigkeit sehe ich seit Wochen überall, ein rundes Gebäck aus Hefeteig mit gemahlenen Mandeln und Vanille, getaucht in Zimt und Zucker. Es wird an langen Spießen auf dem offenen Holzfeuer gebacken. Der oder das Trdelnik schmeckte warm, süß, hefig und ein bisschen zu trocken. Adieu Smichov.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Als ich wieder am Wenzelsplatz stand, war der Nachmittag schon weit fortgeschritten und es hatte zu nieseln begonnen. Ich ging ziellos und fand dabei Dinge, die ich bislang übersehen hatte. Das Geburtshaus von Egon Erwin Kisch beispielsweise oder das Glockenspiel der astronomischen Uhr, bei dem der Tod das Glöckchen läutet und seine Sanduhr dreht, während über ihm in zwei kleinen Fensteröffnungen zu jeder vollen Stunde die zwölf Apostel vorbei defilieren, jeweils mit einem kurzen Blick hinunter zu ihrem staunenden Publikum, das heute nur aus wenigen Touristen bestand. Was für ein Segen. Schnell sind alle Apostel durch, die Fenster schließen sich, durch die Menge geht ein enttäuschtes „oh“.

„And now we will change money“, hörte ich prompt jemanden mit großer Befriedigung neben mir sagen und erinnerte mich an den jungen Mann, den ich vor Tagen im Vorbeigehen zu seiner Partnerin sagen hörte: „Jetzt haken wir erst mal die Karlsbrücke ab und dann gehen wir was essen.“

Bei meinem neugierigen, etwas gedankenlosen Umherschweifen habe ich heute auch begriffen, wie viele verschiedene Sorten von Absinth es gibt und dass man die dazu angebotenen löchrigen Silberlöffel dazu benutzt, absinthgetränkte Zuckerwürfel zu erhitzen, bis sie karamellisiert sind, um sie dann mit einer Mischung aus kaltem Wasser und Absinth zusammen aufzurühren. Eine Art Ritual, das ein Japaner, den ich beim Einkauf beobachtete, gut zu kennen schien. Er suchte sehr wählerisch eine ganz bestimmte Sorte farblosen Absinths aus und bestellte dazu: „And the sugar please.“ Nach dem zweiten oder spätestens dritten Gläschen kommt, wie ich mir sagen ließ, unweigerlich und sofort der Black Out, verbunden mit einem Filmriss. Darauf steuert der Absinthtrinker in meiner Geschichte aus dem Café Slavia zielstrebig zu.

Um noch mehr Englisch zu hören, suchte ich das amerikanische Literaturcafé „Globe“ in einer der Seitenstraßen hinter der Nationalstraße auf. Dort hängen sehr schöne Autorenfotos an den Wänden, in einer seltsamerweise völlig unbeleuchteten Fotogalerie. Ich sah sie mir trotzdem an und erkannte unter anderem Susan Sontag, Umberto Eco und Gore Vidal, eine Originalaufnahme aus dem Café. Der dazugehörige amerikanische Buchladen ist mit nahezu der gesamten einschlägigen englischsprachigen Weltliteratur bestückt, eine Freude für mich, das zu sehen. Hier blieb ich dementsprechend länger, um zu stöbern, den Regen abzuwarten und einen echten, amerikanischen Cheeseburger zu essen. Bei so viel Englisch um mich herum fühlte ich mich nahezu heimisch. Denn ausnahmsweise konnte ich zum ersten Mal seit Wochen alles lesen!

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 21

Sonntag, 23. November 2014

Havel na Hrad

Liebster,

heute war Kinotag. Zuerst habe ich in der wunderbaren Jugendstil-Ausstellung im Gemeindehaus nicht nur meinen Eindruck der Art Nouveau-Epoche, nach dem Besuch im Mucha-Museum vor einigen Tagen, vervollständigen und erweitern können: Großartig beispielsweise die ausgestellten Kleider aus der Zeit. Die „femme fatale“, eine Erfindung des Jugendstils sozusagen, musste eine reichhaltige Garderobe vorweisen, um gesellschaftlich bestehen zu können. Dazu war einerseits Geld notwendig und andererseits viel Zeit. Sie musste sich mindestens fünf Mal am Tag umziehen, um vom Frühstück über das Mittagessen, den nachmittäglichen Teeempfang und den Parkspaziergang bis hin zum abendlichen Theaterbesuch oder dem Ballsaal jeweils à la mode gekleidet zu sein. Ich dachte dabei die ganze Zeit an Wedekinds „Lulu“ und hätte ihr gerne alle diese Kleider angezogen. Am aussagekräftigsten in ihrem Fall natürlich die Unterwäsche, die Mieder mit Strumpfhaltern und die Korsagen!

Ach, wie gut, dass ich in meiner bequemen Jeans hier entlang schlendern kann, ohne dass jemand mir eine Kleiderordnung abverlangt, einfach mit Pulli und Jacke und gutem Schuhwerk für die kopfsteingepflasterten Prager Straßen.

Doch ein Herzstück der Ausstellung war für mich der kleine Schwarzweiß-Dokumentarfilm über das Prag von 1908 – somit auch das Prag, das Kafka gesehen hat. Eine wackelige Kamerafahrt in der offenen Straßenbahn und viele authentische Stadtbilder. Das meiste, was damals dem Kameramann vor die Linse kam, gibt es ja wunderbarerweise noch, nur manches nicht mehr, wie die Ausgehroben der Damen oder die Kettenbrücke über die Moldau, wo Kafka so gerne spazieren ging. Hätte ich diesen Film in meinen ersten Tagen hier gesehen, wäre es mir nicht möglich gewesen, mich zu orientieren. Doch jetzt erkenne ich alle Ecken, Plätze und Straßenzüge auf Anhieb. Der Wenzelsplatz, das Nationaltheater, das obere Ende der Nerudova, wo es rechts zum Hradschinplatz hinaufgeht, die alte Schlossstiege, der Kleinseitener Brückenkopf der Karlsbrücke. Denkt man sich die Garderobe der Passanten anders und sehr viel mehr Geschäfte und Schaufenster dazu, so könnten es Aufnahmen von heute sein, nur in schwarzweiß.

Am späten Nachmittag gehe ich ins Lucerna-Kino. Im kleinen Saal, ganz oben unter dem Dach, wo jeder Kinositz mit dem Konterfei eines Leinwandstars ausgestattet ist, sehe ich den brandneuen Dokumentarfilm über Vàclav Havel.

„Oh, James Bond!“ sagt die Dame in der Reihe vor mir. Sie meint das Bild auf dem Sessel, auf den sie sich setzt. Ich habe Marilyn Monroe nur knapp verfehlt.

Hier gibt es noch einen hölzernen Garderobenständer, kein Popcorn, und die beschirmten Lämpchen rechts und links an den Wänden wirken beschaulich. Doch es ist keinesfalls muffig oder altbacken, es strahlt ruhige Konzentration und stolze Tradition aus. Viele der Kinobesucher sind sehr alt, sie kommen nur mit Mühe die vielen Treppen zum Kinosaal hinauf. Einen Aufzug gibt es wohl nicht. Mir wird bewusst, dass es sich dabei wohl um Zeitgenossen Havels handeln muss. Sie mögen ihn vielleicht sogar persönlich gekannt haben. Das rührt mich. Und es gibt mir einen ersten Hinweis auf das schnelle Vergehen der Zeit.

Der Film tut dann ein Übriges. Zwar verstehe ich fast kein Wort, abgesehen von den wenigen Sätzen, die Havel auf Englisch spricht, vor einem ausländischen Parlament etwa oder zu einem internationalen Reporter. Der Film wird nicht englisch untertitelt, man rechnet hier wohl nicht mit ausländischen Besuchern. Doch die Bilder sprechen für sich und nehmen mich gefangen. Der Wenzelsplatz, ein einziges wogendes Meer aus Menschen und Flaggen, als Havel ans Mikrophon tritt. – Die sowjetischen Panzer direkt hinter der Reiterstatue Wenzels, die eine Menschenmenge vor sich hertreiben. – Der junge Havel am Schlagzeug. – Der Präsident Havel am Kontrabass. – Ein flüchtig in die Kamera blickender Dissident Havel, der bei seiner Verhaftung kurz und schnell das Victory-Zeichen macht, bevor er in ein Fahrzeug geschubst wird. – Die Gesichter der Trauernden beim Begräbnis von Jan Palach.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Havels Leben in fünfundsiebzig Minuten in sprechenden Bildern, von der Geburt bis zum Staatsbegräbnis: Havel als junger Dichter mit Zigarette. Havel im Büro des Präsidenten, die Haare kürzer und ordentlicher jetzt und mit Krawatte, doch ebenfalls mit der unentbehrlichen Zigarette. Im Garten seines Landhauses, gegenüber einer Baracke, aus der heraus die Geheimpolizei jeden seiner Schritte überwacht. Eine gar nicht geheime Überwachung. Er nennt sie einem ausländischen Journalisten gegenüber „my new neighbours“.

Die Kinobesucher lachen oft, vermutlich äußert er sich zu vielen Sachverhalten mit Humor, das kann man oftmals auch an seinem schelmischen, leicht amüsierten Blick ablesen, selbst, wenn es um die wirklich ernsten Dinge geht.

Sein Leben in knapp fünfundsiebzig Minuten vorbeiziehen zu sehen, ist eine gewaltige Zeitreise. Ich möchte manchmal gerne verharren, dem, was ich sehe, nachhängen können. Doch unaufhörlich treiben die Bilder weiter bis zum Ende, die schwarze Flagge auf der Prager Burg. In der letzten Einstellung ist er wieder jung, geht mit seinem Hund durchs Gartentor hinaus in den Schnee, wirft einen Ast, den der Hund apportiert. Dann ist es aus und ich stehe wieder draußen auf dem Wenzelsplatz. Wie durch eine Folie sehe ich noch die Menschenmasse, die ihm zujubelte, auf dem überfüllten Platz und an allen Fenstern und Balkonen. Mühsam reiße ich mich in die Wirklichkeit des Novembers 2014 zurück. „Bohemian glass“, original tschechische Küche, Mc Donalds-Restaurants, Schuhgeschäfte, Bettler.

Wie kurz ein Menschenleben ist, das, obwohl so ereignisreich, in fünfundsiebzig dichten Minuten zusammengefasst werden kann. Gestern lief er hier entlang, heute ich, morgen… Was machen wir mit dieser kleinen Zeit, in der unser Leben vergeht. Bevor meine Gedanken mich allzu traurig und düster werden lassen, betrete ich schnell einen Buchladen, der gerade noch eine Viertelstunde geöffnet hat.

„Havel zählte in der Generation der Dissidenten zu den Wenigen, die den Übergang zur demokratischen Ära schafften, ohne ihren Idealismus oder ihre Bedeutung zu verlieren. Seine dreizehnjährige Präsidentschaft, zunächst der Tschechoslowakei, dann der Tschechischen Republik, gehört zum besseren Teil der Zeit nach 1989… Noch vor seinem Tod im Dezember 2011 bekundete Havel seine Abneigung gegen die Richtung, in die sich nach seiner Meinung die tschechische Gesellschaft entwickelte. Die Dinge waren nicht so gelaufen, wie von ihm erhofft; Cowboy-Kapitalismus, Korruption und Ellenbogenpolitik hatten seine Vision der Zukunft des Landes beschädigt. Wie in weiten Teilen des postkommunistischen Europas war die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft noch unsicher, während die demokratische Revolution erfolgreich war.“

Mit diesen Worten zitiert die „Prager Zeitung“, Prags deutsche Wochenzeitung, in ihrer Presseschau das Londoner Magazin „The Economist“.

Die Tschechen haben Probleme mit ihrem Staatsoberhaupt Milos Zeman. Am Staatsfeiertag zum 25. Jubiläum der Samtenen Revolution war ich auf dem Hradschinplatz dabei, als ihm Demonstranten die rote Karte für sein Verhalten und seine Politik zeigten. Es scheint, Václav Havel hatte mit seinen Bedenken leider Recht. Zeman verharmlost Russlands Ukraine-Politik und leistet sich wohl immer wieder unglaubliche öffentliche Fauxpas, die den Eindruck erwecken, er habe die Kontrolle über sich verloren. Immer mehr drängt sich der Vergleich mit Boris Jelzin auf, der ebenfalls oftmals und gerne über die Stränge schlug. Quer durch die Parteienlandschaft wendet sich das Volk von seinem Präsidenten ab.

Die „Prager Zeitung“ zitiert auch die FAZ: „In der Tschechischen Republik ist die Erinnerung an die Wende aufs Engste mit Václav Havel verbunden. Als der im Dezember 2011 starb, ahnte keiner, wie rasch eine neue Führungsgarnitur in der Tschechischen Republik sein politisches Erbe verspielen würde.“ Die wahre Gefahr gehe nicht mehr vom Kommunismus aus, sondern von denen, die auf autoritäre Methoden setzten und die Demokratie missbrauchten, um sich Wirtschaft, Medien und politische Macht unterzuordnen.

Mit heute sehr nachdenklichen Grüßen,
Deine

Briefe aus Prag – 20

Samstag, 22. November 2014

Casanova tanzt (2)

Liebster,

Erster Balkon, Loge 18, dort hat Giacomo Casanova sich mit der schönen Dame im blauen Kleid verabredet. Endlich, er kann es kaum erwarten, anzukommen, die Pferde scheinen ihm heute so langsam, die Straßen sind voller hastender Menschen und im allgemeinen Trubel steckengebliebener Fuhrwerke, alle scheinen dem Theater zuzustreben. Kein Wunder, Mozart aus Wien feiert seine Premiere, jeder, der eine Karte ergattern konnte, ist dahin unterwegs. Seit Tagen ist er Stadtgespräch, der kleine Wiener, ach was, seit Wochen schon, hier und da pfeifen sie immer noch die Melodien seines „Figaro“ und nun erwarten sie die neue, große Oper des Wunderkomponisten, „Don Giovanni“. Casanova weiß nicht recht, was er davon halten soll. Gelassenheit, Neugier und kleine Anflüge von Panik, die ihm den Schweiß aus den Poren treiben, wechseln sich in ihm ab. Er sitzt in die Polster seiner Kutsche gedrückt und fächelt sich mit einem Taschentuch Luft zu. Man ist immer geneigt, zu glauben, dass man selbst gemeint ist, in der Literatur, dabei sind es doch nur Hirngespinste, die gar nichts mit einem zu tun haben. Parallelen, sicher, die mag es geben, aber das kann auch Zufall sein, woher sollte schließlich dieser etwas theoretische und ungelenke Librettist Lorenzo da Ponte Kenntnis irgendwelcher Interna haben. Andererseits, er ist Venezianer, ein Landsmann, und Venedig ist klein und voller Gerüchte, da sollte man schon ein wenig auf der Hut sein.

Casanova seufzt. Er ist schon so lange aus seiner Heimatstadt vertrieben, selbst eine Stadt wie Prag reicht nicht an Venedig heran. Sie kann sich in vielem messen, sicherlich, und es lebt sich gut hier, vor allem in den Palais auf der Kleinseite, wo die Adeligen sich in weitläufigen Gärten ergehen und ihre Töchter zur Schau stellen, oder gelangweilt Karten spielen und sich immerzu Tee servieren lassen. Dagegen mischt ein Mann wie Mozart alles auf, setzt sich an jedes verfügbare Cembalo, macht sogar die Orgeln in den diversen Kirchen unsicher, dieser Mann scheint Musik im Blut zu haben, dass es einem schon fast zuviel wird. Und wie in aller Welt ist er auf „Don Giovanni“ gekommen? Oder war es am Ende doch eher da Ponte, der darauf kam? Als er im vergangenen Jahr in Dresden mit ihm zusammentraf, bei jenem ausgesprochen herrlichen Fasan. Zugegeben, Sie hatten beide ein wenig zu viel getrunken, als sie über die Elbterrassen zu ihrem Hotel wankten. Es war eben ein Wein aus dem Veneto. Hat er ihm dabei möglicherweise einen Anlass geboten, die Idee zu gebären, sein Leben für einen Opernstoff zu verwenden? Gott bewahre. Doch Casanova erinnert sich leider nicht mehr an Details aus jener denkwürdigen Nacht.

Endlich ist er vor dem Theater angekommen, er quält sich aus der Kutsche, jemand grüßt ihn, er sieht nicht hin, macht nur einige müde Handbewegungen nach rechts und links, winkt mit dem Taschentuch. Ach, wäre man in Venedig und könnte jederzeit, auch auf der Straße, eine Maske tragen! Nichts wie hinein in den Musentempel und sofort die Treppe hinauf. Jemand scheint ihm seinen Namen hinterher zu rufen, er täuscht einen Hustenanfall vor und macht, dass er wegkommt, drängt sich die Treppe hoch, zwischen den Kleidern der Frauen, den Ellenbogen der Herren hindurch. Sie murren und lassen ihn doch vorbei. Diese Gerüche im Theater! Da drüben muss die Loge sein, 10, 11, ah, dort entlang, 15, 16 – da ist sie ja! Die 18 auf der Tür ist wie eine Verheißung, sie soll ihm heute Nacht Glück bringen, die acht steht für Unendlichkeit. Er lässt sich vom Logenschließer die Tür öffnen, schlüpft hinein, atmet auf, allein zu sein.

Die Schöne ist noch nicht da, er hatte die Einladung mit dem Billett ins Mansfeld-Palais bringen lassen, schon vorgestern, und keine Antwort erhalten. Aber das will nichts besagen, im Gegenteil, es ist ein gutes Zeichen, sie hat nicht abgesagt! Also wird sie kommen und wenn sie sich davonstehlen muss. Sie wird heimlich das Haus verlassen und erst in letzter Minute eintreffen. Selbstverständlich will sie nicht gesehen werden, vor allem nicht mit ihm. Er wird warten, geduldig, das Spektakel fängt noch nicht an, im Augenblick strömt das Volk durch die Türen ins Parkett und in den Logen rücken die Damen ihre feinen Hintern zurecht.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Der in Kerzen erstrahlende Theatersaal, fünf Ränge hoch, das geheimnisvolle Rascheln der Kleider, erwartungsvolles Flüstern und Wispern, es ist, als knistere es vor Spannung in der Luft. Der taubenblau geraffte schwere Vorhang, die kleinen Logen über drei Ränge hinauf, jede ein intimes Séparée. Das Paradies könnte nicht verheißungsvoller sein. Dieser Mozart hat Glück, einfach unverschämtes Glück. Sie lieben ihn hier, in Wien bekommt er keinen Fuß auf den Boden, aber hier in Prag liegt man ihm zu Füßen und die Atmosphäre produziert ihm schon von ganz allein den Erfolg. Dazu der Stoff – vielleicht ist doch ein klein wenig von seinem, Casanovas Mythos, in die Oper eingeflossen? Er hat eine Probe gesehen, die vielversprechend war, Don Giovanni verführt eine junge Unschuldige in einer Gartenlaube… und dieser verrückte Mozart schien auf der Probe mit Händen und Füßen zugleich zu reden. Ein engagierter Mann, ohne Zweifel. Ein wenig hässlich, aber seine Frau nicht minder, wo mag sie sitzen, die kleine Constanze, ganz vorne in einer der Proszeniumslogen oder unten im Parkett? Sie lässt ihn ja kaum aus den Augen, ihren Wolferl.

Casanova kann sie nirgends entdecken, will sich jedoch nicht zu weit über die Brüstung lehnen, um nicht aufzufallen oder gar erkannt zu werden. Das wäre zu unangenehm, wenn man wüsste, der berühmte Casanova befindet sich in Loge 18! Mal sehen, wie er auf die Oper reagiert. Vielleicht gibt es Anspielungen, vielleicht produziert er einen Skandal! Und wer zum Teufel ist die Schöne neben ihm?

Wo sie auch bleibt. Nein, auf einen Skandal seinerseits darf man hier heute Abend getrost vergeblich warten. Er ist gekommen, um sich zu amüsieren und, nun ja, zugegeben, ein wenig neugierig ist er schon. Wo sitzt dieser da Ponte? Vorsichtig späht Casanova hinunter ins Parkett, seine Augen tasten die Logen gegenüber ab. Er hat den Mantel ausgezogen und hängt ihn zur Feier des Tages selbst an den Haken neben der Tür. Er hat seinem Diener heute frei gegeben, er wollte keinen Diener dabei haben, das fehlte noch, ein Augenzeuge bei diesem verschwiegenen Tete-à-tete in aller Öffentlichkeit. Ein genialer Einfall, sich allein unter den Augen der Masse zu treffen. Doch wo bleibt sie nur?

Die Musiker haben Platz genommen und jetzt geht ein Raunen durch den Saal. Der Maestro erscheint, mit einem etwas hüpfenden Gang, wirklich ungeschickt, kein bisschen elegant. Wie kann ein solcher Tölpel diese grandiose Musik machen? Ja, richtig, er dirigiert ja heute selbst. Das hat er sich nicht nehmen lassen, sagt man. Er verteilt Notenblätter im Orchester, man kann nur staunen. Nun fällt es Casanova wieder ein, die Ouvertüre soll gestern noch nicht fertig gewesen sein. Der hat wirklich Nerven, dieser Salzburger Junge. Er stellt sich ans Pult, die Kerzen flackern, er dreht sich zum Zuschauerraum und verbeugt sich leicht. Applaus brandet auf, er dreht sich zurück zu den Musikern, hebt die Arme, als wollte er das Orchester umarmen, seine Perücke ist jetzt bereits verrutscht, da, der erste Ton. Es hat begonnen.

Das Gemurmel versiegt augenblicklich, ist einem gebannten Schweigen gewichen. Casanova blickt verstohlen zur Tür. Seine Schöne, sie ist nicht gekommen.

Während die ersten Takte erklingen – sie nehmen einen gefangen, das muss man sagen, wann hat er das komponiert, doch nicht etwa letzte Nacht? – blickt Casanova in den Spiegel, der rechts an der Logenwand hängt. Einen alten, schlaffen, in sich zusammengesunkenen Körper sieht er da, er erscheint ihm fremd, ganz unbekannt. Diese müden Augen unter einer verschwitzten Stirn schauen im flackernden Halbdunkel zurück. Ist das wirklich er?

Die Musik bringt etwas in ihm zum Vibrieren, als müsse er sich seiner selbst erinnern. Damals, als er…

Ach, was ist eine einzige Frau, die eine Verabredung mit ihm in den Wind schlägt, gegen diese unsterbliche Musik. Später, wenn es vorbei ist, wird er sich mit einer anderen trösten.

In Mozarts Gefolge gibt es genug lauernde Damen, die vergeblich auf ein Lächeln des Maestros warten. Er traut sich ja nicht einmal, zurück zu lächeln. Sonst hängt sein Haussegen mit Constanze schief. Dabei soll er doch zu seiner Gönnerin in die Vorstadt gezogen sein und Constanze im Hotel zurückgelassen haben. Angeblich, um sich zu konzentrieren

Später, ja. Casanova möchte die Augen schließen, eintauchen in die Musik, Doch jetzt hebt sich der Vorhang. Ist das Don Giovanni, der Sänger da unten auf der Bühne? Die Ähnlichkeit mit ihm selbst, findet Casanova, ist frappierend. Jede Sehne seines Körpers spannt sich… er lauscht.

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 19

Freitag, 21. November 2014

„Prag hat keine Realität.“ (Franz Werfel)

Liebster,

auf der Stirnseite der Altneusynagoge, zur Pariser Straße hin, kann man sehen, dass dieses Gebäude wirklich einen Dachboden besitzt. Weit oben unter dem Dachfirst gibt es eine Tür, zu der außen an der Fassade eiserne Stufen hinaufführen, die jedoch vom Boden aus nicht erreichbar sind. Es ist also in gewisser Weise eine unerreichbare Tür, die tatsächlich aussieht, als verberge sich hinter ihr ein Geheimnis.

Hinter dieser Tür auf dem Dachboden der Altneusynagoge soll der Legende nach Rabbi Löw die Reste des Golems unter alten Kleidern und Büchern, die dort aufbewahrt wurden, versteckt und seiner Gemeinde das künftige Betreten des Dachbodens verboten haben.

Wenn man vor dem altehrwürdigen Gebäude dieser ältesten erhaltenen Synagoge Europas steht und zu der Tür hinaufblickt, kann man das tatsächlich glauben.

Golemtuer2

(c) Foto: Jutta Schubert

Gustav Meyrinks berühmten Roman „Der Golem“, der mehrfach verfilmt wurde, kenne ich noch nicht, die Lektüre werde ich nachholen müssen. An den Andenkenständen in der Josevstadt, dem alten jüdischen Stadtteil, werden kleine Golems aus Ton angeboten. „This is Golem, for good luck.“ Ich habe einen der kleinen unförmigen Lehmmännchen gekauft, allerdings bei einem Künstler einige Straßen weiter, weil ich dort die Figur weit schöner ausgearbeitet fand. Aus rotgebranntem Ton steht er jetzt auf meinem Schreibtisch, den halslosen Kopf auf seinem massiven Körper, die schweren Arme auf einen breiten Gürtel gestützt. Ich mag ihn und er wird mich künftig auch zu Hause auf meinem Schreibtisch an Prag erinnern.

Dass Prag keine Realität hat, wie Franz Werfel meinte, kann ich nicht unterschreiben. Es hat, wie jede Stadt, viele Realitäten, nur sicherlich noch einige Realitätsschichten mehr als andere Städte. Diese Realitäten durchdringen ständig und bestehen nebeneinander fort.

Der alte jüdische Friedhof, wo in mehr als neun Schichten die Toten übereinander ruhen, da das Territorium, obwohl schon von größerem Ausmaß, nicht mehr erweiterbar war, erscheint wie ein mythisches Herzstück der Stadt. Nachdem ich noch ein zweites Mal darüber spaziert bin, muss nun doch auch Umberto Ecos Roman „Friedhof in Prag“ auf meine Leseliste.

Bei meiner öffentlichen Lesung gestern Abend stellte mir der Leiter des Prager Literaturhauses David Stecher eine Frage, die er allen Stipendiaten stellt. Was ist oder war bisher das Überraschendste für mich in Prag, im positiven oder auch im negativen Sinne. Etwas Negatives konnte ich nicht nennen. Die große Überraschung, das Erstaunlichste ist für mich die Unversehrtheit dieser Stadt, ihre Unzerstörtheit, das Nebeneinander an Baustilen und Bauwerken aus mehr als sieben Jahrhunderten. Dass die Stadt alle diese Jahrhunderte immer noch atmet und ausstrahlt, ist für mich ein großes Wunder und dieser Zustand erschafft die vielen Realitäten, die zuweilen eine Art von Unwirklichkeit bekommen. Man ist sich hier ständig der Zeitläufte bewusst. Dies, zusammen mit der wechselvollen und leidvollen politischen Geschichte dieser Stadt, gibt einem das Gefühl, am Grunde der Zeit und der Geschichte(n) zu forschen. Kafka sagte einmal einem Freund, mit dem gemeinsam er Spaziergänge durch seine Stadt unternahm, man fühle sich zuweilen wie in einer Taucherglocke, aus der heraus man die zerklüftete Unterwasserlandschaft der Stadt betrachten könne. Ja, da hat er mal wieder ein mehr als stimmiges Bild gefunden.

In der wunderschönen Halle des alten Sezessionsgebäudes am Hauptbahnhof, die heute neben dem hektischen Treiben in den mehrgeschossigen labyrinthischen Ladenstraßen um sie herum, den Rolltreppen, Metroeingängen, Hinweistafeln und den vielen an- und abreisenden Menschen, einen abseitigen Dornröschenschlaf fristet, steht noch immer zur Begrüßung und Verabschiedung der Reisenden: „Prag, Mutter aller Städte“ zu lesen.

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 18

Donnerstag, 20. November 2014

„…mein wirkliches Leben anzufangen, in welchem mein Gesicht endlich mit dem Fortschreiten meiner Arbeiten in natürlicher Weise wird altern können.“

(Franz Kafka, Tagebucheintrag vom 3.1.1912)

Liebster,

bei dem recht unbekannt gebliebenen Autor und Kafkaforscher Josef Mühlberger (1913-1978) las ich in einem Bändchen, das ich in der Bibliothek des Prager Literaturhauses fand, seine wirklich beeindruckenden autobiografischen Schilderungen zur Zeit der deutschen Besatzung Prags und seine eigene spätere Vertreibung aus dem Sudetenland. In diesen Aufzeichnungen schildert er eine Begegnung mit Max Brod in der Redaktion des Prager Tagblatts im Oktober 1938, kurz nach dem Einmarsch der Deutschen. Hier ein gekürzter Auszug seiner sehr eindringlichen Schilderung: „Die überfüllte Stadt erschien stumm, trotz der Unruhe der Menschen wie erstarrt, vor Beklommenheit und Angst, was nun kommen musste, gelähmt…. Die Stadt Franz Kafkas lag in einem Alptraum. Oder in Agonie? Ich ging in die früher oft betretene Herrengasse, ins Haus des Prager Tagblatts… Max Brod saß in seinem schmalen Redaktionszimmer, hockte hinter seinem mit Papieren und Büchern überladenen Schreibtisch, klein in dem Tohuwabohu, das so wüst wie immer war…

„Auch in Prag sind die Wände mit Hakenkreuzen bemalt – darin sind sich die Urfeinde, Tschechen und Deutsche, einig.“

„Gewiss. Hektik. Das wird sich legen. Man wird nichts übereilen müssen, man kann sich Zeit lassen.“ Nach kurzem Schweigen fuhr er fort: „Wenn es so weit kommen sollte – wie bring ich den Kafka heraus?“… Er schaute mich an, dann sagte er aus einer Traurigkeit, deren Schatten oft über sein Gesicht glitt: „Kafka hat es mit seinem Wunsch, seine Handschriften zu vernichten, ernst gemeint, wie er alles immer nur ernst gemeint hat. Wie oft fragt man mich: Warum hat er es nicht getan? Dumme Frage! Er hat gelebt, indem er schrieb… Hätte er, solange er lebte, vernichten sollen, wodurch er lebte? Das wäre einem Selbstmord gleichgekommen… Hatte ich ein Recht, das Werk, das sein Leben gewesen und zum Vermächtnis eines Toten geworden ist, zu vernichten? Ich bin kein Mörder.“ Nach kurzem Schweigen fuhr er fort: „Geht es nur um Kafka? Es geht auch um mich. Kafkas Werk ist wie sein Stück Leben ein Stück von mir geworden. Mehr noch als das! Dieses Werk vernichten, wäre für mich einem Selbstmord gleichgekommen.“

So unmittelbar von einem direkten Zeitzeugen berichtet, leuchtet mir diese Erklärung absolut ein und macht mich betroffen. Es handelt sich, wie man sich eigentlich denken kann, um weit mehr, als das Retten unschätzbarer Texte der Weltliteratur. Dahinter steht auch ein ganz persönliches Schicksal und Dilemma.

In einer Erzählung Mühlbergers, die er „Besuch bei Kafka“ nennt, schildert er außerdem eine fiktive Begegnung mit Kafka auf dem tschechischen Ehrenfriedhof Vysehrad. Sie inspirierte mich zu nachfolgendem Text, wie ich mir einen „Besuch bei Kafka“ vorstellen könnte.

Kafkatasse2Das wirkliche Leben

„Ach, kommen Sie doch herein, in meine Mönchsklause“, sagte Kafka und trat einen Schritt beiseite, beinahe unmerklich, um mich vorbeizulassen. Ich hatte Scheu, das kleine Häuschen zu betreten. Zu intim, zu nah schien mir diese Schreibhöhle, doch da er dabei war, gebot schon allein die Höflichkeit, seine Einladung anzunehmen. Dennoch kam ich mir wie ein Voyeur vor. Ich verschränkte die Hände auf dem Rücken und wagte den Schritt über die Schwelle, in einen winzigen Flur, links sah ich eine schmale niedrige Tür, die zum Abort führte – dort mochte er einen Eimer stehen haben, fließendes Wasser gab es hier im Alchimistengässchen doch wahrscheinlich nicht.

Mit nur wenigen Schritten stand ich bereits mitten in dem winzigen Zimmer und drehte mich, etwas beklommen und scheu nach meinem Gastgeber um. Er schloss die Tür und folgte mir. „Es gibt leider“, sagte er, „keinen zweiten Stuhl. Wissen Sie, niemand besucht mich hier und das ist normalerweise auch gut so. Nur meine Schwester kommt manchmal. Sie bringt das Essen…oder… holt das leere Geschirr wieder ab. Sie umsorgt mich.“

Ich stand etwas hilflos herum, die Hände noch immer hinter dem Rücken verschränkt und nickte. Es war schon dämmrig in dem kleinen Raum, deshalb hatte ich Angst, er könnte mein Nicken nicht bemerken und sagte schnell: „ Ja. Danke, dass ich es mir anschauen darf.“

„Nehmen Sie doch Platz“, sagte er und deutete mit dem ausgestreckten Arm auf den Holzstuhl, der vor dem kleinen Holztisch am Fenster stand. „Aber…“, setzte ich zögernd an, „das ist doch… Ihr Arbeitsplatz.“ Er lachte. „Nicht, wenn Sie hier sind!“ sagte er.

Es schien ihn außerordentlich zu amüsieren. „Sie werden sich ja nicht festsetzen! Oder gar einnisten! Denn in dem Falle wäre ich gezwungen…“. Er vollendete den Satz nicht, ließ ihn locker ins Schweigen versickern, aber das war nicht unangenehm. Die Stille hing einen Moment zwischen uns.

„Um Himmels Willen!“ rief ich aus, „ich bleibe nur ein paar Minuten. Ich komme mir sowieso schon wie ein Eindringling vor.“

„Eindringling?“ Seine großen, dunklen Augen ruhten auf mir. „Nein, nein. Das besorgen andere. Ich habe Sie ja eingeladen.“

„Es ist mir eine Ehre.“ Ich zog den Stuhl so unauffällig wie möglich ein klein wenig vom Tisch fort, er schabte über den Boden, und setzte mich vorsichtig. Er knarrte etwas, war hart und kalt. Ein wenig verlegen begann ich, mich umzusehen. Auf dem Tisch gab es eine Lampe, ich konnte in der Dämmerung nicht erkennen, ob es eine Petroleumlampe war oder ob es hier im Häuschen Storm gab. Er zündete sie nicht an. Er stand etwas rechts von mir in der Tiefe des kleinen Raums, eine schwarze schmale Gestalt im halben Licht. Durchs Fenster sah ich hohe Baumstämme, die sich in einen Abgrund verloren. Er schien meinem Blick zu folgen. „Der Hirschgraben“, sagte er. „Aber im Grunde sehe ich nichts davon. Ich komme immer nach Einbruch der Dunkelheit, dann ist es einfach schwarz vor dem Fenster, sehr schön und sehr still.“ In seiner Stimme klang etwas Sehnsüchtiges.

„Das ist wunderbar für Sie, dass Sie diesen Ort gefunden haben“, sagte ich. Ich wagte es, die Tischplatte zu berühren. Sie fühlte sich glatt und speckig an, beinahe wie Stein. Neben der Lampe lagen einige schmale Hefte, sämtlich mit schwarzem Einband, die Kanten sehr ordentlich aufeinandergelegt. Sie sahen wie die Schulhefte eines besonders akribischen Schülers aus. Meine Hand zuckte, doch ich beherrschte mich und berührte sie nicht.

„Das ist nichts“, sagte er, „ein paar Tagebuchaufzeichnungen. Nichts von Bedeutung. Und dort“, er deutete nach links, „das sind lauter Anfänge.“

„Anfänge?“

„Ja, ich sitze da unter anderem an etwas, ich nenne es Das Schloss. Nichts Großes. Auch noch kein guter Titel, oder? Was meinen Sie?“

Mein Herz klopfte spürbar, ich befand mich in einer Zwickmühle. Sollte ich ihm sagen, dass ich aus der Zukunft kam, dass ich bereits wusste…

„Es kommt darauf an“, erwiderte ich vorsichtig.

„Worauf?“ Plötzlich schien er hellwach.

„Nun, worum es sich dabei handelt.“

„Sie meinen, um was es geht? Das kann ich noch nicht sagen.“ Ich hörte, dass er log und er schien das zu bemerken und setzte unschlüssig hinzu: „Eine Variation des immergleichen Themas. Die Menschen. Ihre Macht. Ihre Machtlosigkeit.“

„Ein Roman?“ wagte ich mich vorzutasten.

„Vielleicht“, sagte er leichthin. „Ein Luftgebilde. Wie gesagt. Nichts Weltbewegendes.“

Ich hatte den Eindruck, er wollte gern das Thema wechseln. In der Tat sah ich weiter nichts in dem kleinen Zimmer, keinen Schrank, kein Regal mit Büchern. In seinem Rücken befand sich noch ein kleines Fenster. Dankbar folgte er meinem Blick. „Es geht auf die stille Gasse hinaus“, sagte er erleichtert, „Sie können mich gleich ein Stück hinunter begleiten, auf meinem nächtlichen Weg in die Stadt. Das wird Ihnen gefallen.“

„Bleiben Sie denn nicht hier, um zu arbeiten?“ Das Gefühl, ihm im Weg zu sein, war bei mir zurückgekehrt. Ich wollte seine kostbare Zeit nicht stehlen, die wenige Zeit, die er, wie ich wusste, zum Schreiben hatte. Doch er wusste nichts von meinem schlechten Gewissen.

„Ach nein. Sagen wir, heute ist ein Feiertag.“

„Oh, warum das?“

„Weil Sie da sind. Das ist etwas Außerordentliches, finden Sie nicht auch?“

„Sie meinen, weil Sie sonst niemals hier Besuch haben?“

„Richtig. Ich kann Ihnen deshalb auch gar nichts anbieten.“

„Oh, Gott bewahre, das müssen Sie nicht!“ Ich stand schnell auf, wir standen uns einen Augenblick gegenüber.

„Ich möchte Sie wirklich nicht stören. Das Beste wird sein, ich gehe und lasse Sie allein.“

„Allein bin ich immer und sowieso. Ich gehe gern ein Stück des Wegs mit Ihnen zurück.“

Etwas schien sich in der linken Ecke des Zimmers zu bewegen. Ich rührte mich nicht von der Stelle. Mit kaum drei Schritten hätte ich es erreicht. Konnte es ein Schatten sein? Doch ohne Licht war das kaum möglich. Ich sah hin. Da war nichts.

„Manchmal gibt es Käfer“, sagte er und lächelte. „Aber wer fürchtet sich schon vor einem kleinen Insekt.“

Auf einmal wurde mir kalt. Was hatte ich erwartet? Einblick in seine Hexenküche zu bekommen? In sein Geheimnis eingeweiht zu werden? Etwas wie ein Fluchtimpuls ergriff mich.

„Ich bin froh, dass Sie diesen Ort zum Schreiben gefunden haben“, wiederholte ich tapfer und zog mich langsam in Richtung Tür zurück.

„Ach, man könnte auch sagen, es ist das letzte Mauseloch, das sie mir gelassen haben“, sagte er auf einmal ernst und er klang ein wenig resigniert. „Wissen Sie, wenn es so mit der Welt bestellt ist, dass sich ein Mensch, nur weil er schreiben will, an einen solchen Ort begeben muss… Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin sehr froh, dieses Häuschen zu haben. Doch bei Licht besehen…“. Er machte eine Pause, die eine Spur zu lang war. „Das ist es eben, was es mit dem Schreiben auf sich hat. Hüten Sie sich am besten davor, wenn ich Ihnen ein Rat geben darf. Setzen Sie sich nicht in ein solches Mauseloch. Gehen Sie ins Licht, in die Wärme, unter die Menschen. Wenn ich das tue, wissen Sie, dann habe ich immer das Gefühl, das EIGENTLICHE zu versäumen. Uneinholbar. Das ist ein Fluch. Ich möchte einmal mein wirkliches Leben anfangen. Das einzige Leben dahinter, darunter, unter allem. Ach, was sage ich Ihnen. Nehmen Sie es als das unverständliche Feierabendgeschwätz eines überlasteten Beamten.“

„Ich denke, Sie sollten an sich glauben“, erwiderte ich und bemerkte, dass ich inzwischen wieder draußen auf der Straße stand. Ich atmete tief die kühle Luft ein. Zu meinem Erstaunen war es bereits vollständig dunkel geworden.

Er zog den Schlüssel aus seiner Hosentasche und sperrte die Tür zu.

„So ein ganzes Haus sein eigen zu nennen und es verschließen zu können vor der Welt. Das tut wirklich gut. Kommen Sie, da entlang.“

Er führte mich durch die Höfe der Prager Burg, vorbei am schwarz ruhenden Gebirge des Doms. Die Straßenlaternen warfen ein müdes, wattiges Licht auf das Pflaster. Wir gingen eine Weile schweigend.

„Ich glaube doch an mich“, sagte er auf einmal unvermittelt. „Ja, das ist das Einzige, woran ich wirklich glaube, wissen Sie. Oder eigentlich nicht an mich. An etwas, das in mir ist und das heraus will. Ich bin dafür da, ihm ans Licht zu verhelfen. Es wird mein Leben kosten. Aber andererseits…“. Er unterbrach sich, um zu lachen. Mir schien, er lachte gern. „Nur deshalb lebe ich ja! Dasselbe ist paradox, nicht wahr? Es ist wie eine Wurzel, die tief in den Boden reicht. Wie bei einem Baum. Er wird abgeschlagen werden oder der Sturm zerfetzt ihn am Ende. Aber die Wurzel…“.

Die Domglocken schlugen, so dass ich erschrak. Es klang, als sei schon Mitternacht. War denn die Zeit so schnell vergangen? Das konnte nicht sein.

„Die Wurzel“, sagte er, auf einmal wieder ernst. „Wissen Sie. Die bleibt ja im Boden.“

In Liebe,
Deine

PS.: Die gekürzte Zitatpassage von Josef Mühlberger ist dem Buch „Besuch bei Kafka, Schriften von Josef Mühlberger zu Franz Kafka“, Einhorn-Verlag+Druck GmbH, Schwäbisch Gmünd, 2005, entnommen.