Meine Lesung in Weingarten

Am Montag, dem 09. Oktober las ich aus dem Roman „Zu blau der Himmel im Februar“ in den Räumlichkeiten des Studentenwerkes „Weiße Rose e.V.“ in Weingarten.

Hinter mir an der Wand die Porträts der Widerstandskämpfer Alexander Schmorell, dem Protagonisten meines Romans, und Hans Leipelt.

 

Jetzt das Hörbuch

„Hier stand er also. Vor sich das Karwendelgebirge,
die österreichische Grenze. Hinter sich sein Leben.
In Nikolais Jacke, in Lilos Pullover, mit Nikolais
Pass. Ich nehme an, er fror. In jenem Februar 1943,
am fünften Tag seiner Flucht.“

Zu blau 24_klInzwischen ist mein Roman „Zu blau der Himmel im Februar“, der die letzten Tage der Widerstandsgruppe Die Weiße Rose erzählt, auch als Hörbuch erschienen. Eingesprochen hat es die Schauspielerin und Sprecherin Bettina Römer. Erschienen beim thono-audio-verlag kann man sich das Hörbuch auf allen Hörbuchplattformen herunterladen.

Vorankündigung zu „Casanovas Nacht“

Meine Komödie „Casanovas Nacht“ hat am kommenden Samstag, dem 14. März PREMIERE.

Hier gibt es eine ausführliche Vorankündigung in der „Mitteldeutschen Zeitung“ zu lesen:

casanovHolger Vandrich spielt Giacomo Casanova
Regie und Ausstattung: Jutta Schubert
Fechtchoreografie u. -training: Mona Syhre

weitere Vorstellungen: Freitag, 20. März; Samstag, 21. März; Samstag, 4. April; Sonntag, 5. April; Freitag, 15. Mai und Samstag, 23. Mai, jeweils um 19.30 Uhr

Kartentelefon: 03445-273480
Weitere Informationen unter: www.theater-naumburg.de

Briefe aus Prag – 27

Samstag, 29. November 2014

Postscriptum

Liebe Pragerinnen und Prager,

nun bin ich zurück am heimatlichen Schreibtisch und mein intensiver, fast vierwöchiger Aufenthalt in der Goldenen Stadt ist schon Vergangenheit.

Uhr2

(c) Foto: Jutta Schubert

Zwei Dinge möchte ich zum Abschluss dieser herrlichen, geschenkten Auszeit noch anmerken. Zum einen meine „Top 10“, beziehungsweise „Top 11“ – die Orte, die mich am meisten bewegt haben. Nicht in einer Rangfolge, sondern in der Reihenfolge, in der ich sie gesehen habe:

  • Das übergroße Konterfei von Vaclav Havel an der Fassade des Nationalmuseums und wie er mit seinem Lächeln den Wenzelsplatz überstrahlt, 25 Jahre nach der Samtenen Revolution
  • Die Altneusynagoge als ältester erhaltener und noch genutzter Synagogenraum Europas
  • Die Bibliothek des Prager Literaturhauses deutschsprachiger Autoren in dessen Räumlichkeiten in der Jecna-Straße
  • Das Café Slavia mit seiner für mich wunderbar anregenden und poetisch aufgeladenen Atmosphäre
  • Der Wladislav-Saal im alten Königspalast der Prager Burg, wo die Geschichte atmet
  • Der Ballsaal des Colloredo-Mansfeld Palais, in dem das achtzehnte Jahrhundert aufersteht
  • Der Balkon des Kuppelsaals in der Deutschen Botschaft zum Garten hinaus, von dem aus der ehemalige Außenminister Genscher den wartenden DDR-Bürgern ihre Ausreise verkündete
  • Der Zuschauerraum und die Bühne des ehemaligen Ständetheaters, Aufführungsort der Uraufführung von Mozarts Oper „Don Giovanni“
  • Beethovens Handschrift seiner 4. und 5. Sinfonie im Museum des Lobkowicz-Palais auf dem Hradschin
  • Die historischen Bibliothekssäle im Kloster Strahov
  • und „last but not least“: Kafkas Welt, real und fiktiv, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen wird.
Vom Brueckenturm2

(c) Foto: Jutta Schubert

Zum anderen möchte ich mich noch sehr herzlich bedanken. Beim Hessischen Literaturrat für das Autorenstipendium; bei dessen Vorsitzendem Herrn Hartmut Holzapfel für seinen rückhaltlosen Einsatz für die Literatur, sein persönliches Engagement für die Stipendiaten, das ich auch erfahren durfte sowie die anregenden Gespräche mit ihm und die vielen Tipps, die er mir gab; bei der gesamten Mann- (und Frau-) schaft des Prager Literaturhauses, insbesondere bei Programmleiterin Barbara Sramkova und bei Anna Koutska für ihre inhaltliche und organisatorische Begleitung, Beratung und Hilfe sowie bei Herrn Direktor David Stecher, auch für sein unbürokratisches Engagement in Bezug auf meine Unterkunft. Für die anregenden Begegnungen und Gespräche und das Interesse an meiner Arbeit bedanke ich mich außerdem sehr bei Herrn Dr. Füllenbach von der „Prager Zeitung“, beim deutschen Botschafter in Prag, Herrn Dr. von Loringhoven, bei Herrn Frantisek Cerny sowie bei Gerald Schubert von Radio Prag und dem Fotografen Björn Steinz. Mein Dank gilt außerdem meinem Mann, Peter H. Gogolin für seinen selbstlosen Einsatz, alle meine „Briefe aus Prag“ und die Fotos täglich auf meiner Webseite und im Internet zu veröffentlichen. Und ich danke allen interessierten Leserinnen und Lesern meines Blogs für ihre Neugierde und Aufmerksamkeit, ihre schönen Kommentare und ihre Empfehlung und Weiterverbreitung meiner „Briefe“ im Internet.

Auf Wiedersehen, Prag.
Hochachtungsvoll

Briefe aus Prag – 24

Mittwoch, 26. November 2014

Natürlich, eine alte Handschrift (2)

Liebster,

von Tag zu Tag wird es spürbar kälter in Prag. Mittlerweile ist das Thermometer an der Nullgradgrenze und mein Iphone vermeldet, dass es ab Montag schneien soll! Es sieht fast so aus, als hielte der Winter nach meiner Abreise Einzug in die Stadt. Wie schön für mich, dass er noch wartet.

Prag ist in dieser Woche schlagartig leer von Touristen geworden. In den Kirchen und Museen bin ich nahezu die Einzige. Heute stand ich vollkommen allein auf dem Altstädter Brückenturm. Der junge Mann, der in luftiger Höhe die Tickets kontrolliert, hatte dicht neben dem Radiator seinen Laptop aufgestellt. „I am completly alone, I can’t believe it“, sagte ich zu ihm, nachdem ich die fantastische Aussicht von oben auf die Karlsbrücke und die Kleinseite ausgiebig genossen hatte, ohne dass auch nur ein weiterer Mensch auf den Turm hinauf gekommen wäre. „Oh, that’s fine“, sagte der Mann, blickte kurz von seinem Laptop auf und sah mich unter seiner Wollmütze, die er tief ins Gesicht gezogen hatte, an, „so I can relax.“

Im ehemaligen Gebäude des Wasserwerks, direkt an der Moldau neben der Karlsbrücke, hat man ein Museum für Smetana eingerichtet, dessen sinfonisches Werk „Die Moldau“ als eine Art von heimlicher Nationalhymne für die Tschechen gilt. Auch in diesen Ausstellungsräumen mit Bilderbuchblick auf den Fluss, die Brücke und die Kleinseite, gab es keine Besucher außer mir. Die junge Frau, die dort die Aufsicht führt, sah die ganze Zeit aus dem Fenster auf das Wasser der Moldau, das sich an dieser Stelle reißend über Stromschnellen ergießt.

Smetanas erste Frau gebar in den fünf Jahren nach der Eheschließung vier Töchter. Danach reiste ihr Mann nach Göteborg ab, wo er sich mehr Chancen für seine Musik ausrechnete. Dort, im hohen Norden, hatte er bald eine Schülerin und „enge Freundin“. Seine Frau, die zu Hause geblieben war, starb indes. Seit ich – wohl aufgrund meines Kafka-Frauenprojekts – den Lebensläufen von Frauen „großer Männer“ mehr Aufmerksamkeit widme, finde ich „nebenbei“ im Verborgenen haarsträubende Schicksale.

Von den vielen Musiken, die in Prag komponiert und aufgeführt wurden und werden – von den heutigen beliebten und sehr guten Jazzkneipen hier gar nicht zu reden – gibt es einige, die es ohne diese Stadt, ihre Inspiration und nicht zuletzt ihre Gönner, gar nicht geben würde. Vielleicht hätte Mozart „Don Giovanni“ in Wien niemals geschrieben. Vermutlich hätten wir Smetanas „Moldau“ auch nicht. Was Antonin Dvoraks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ betrifft, so scheiden sich noch immer die Geister, ob er mit dem Titel wirklich seinen Amerikaaufenthalt meinte, oder aber eine kleine Straße auf der Kleinseite hinter dem Hradschin, die „Novi svet“ heißt.

Einige der größten Kompositionen von Ludwig van Beethoven gäbe es zudem mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht, darunter seine berühmte vierte und die fünfte Sinfonie, sowie die „Eroica“.

Die sehr reiche und jahrhundertealte Adelsfamilie Lobkowicz besaß unter anderem zwei spektakuläre Palais in Prag, wovon in einem heute, wie ich an anderer Stelle bereits erwähnt habe, die Deutsche Botschaft residiert. Das Gebäude wurde in der jüngeren Geschichte vor allem auch dadurch bedeutsam, weil der ehemalige bundesrepublikanische Außenminister Genscher hier vor fünfundzwanzig Jahren auf den Balkon des Kuppelsaals zum Garten hinaus trat und Tausenden von wartenden DDR-Bürgern ihre Ausreise in den Westen zusicherte.

Es ist ein sonderbar anrührender Moment, auf diesem Balkon zu stehen und in den heute stillen, friedlichen Garten hinabzuschauen, wie es mir nach einer Veranstaltung in der Botschaft vergönnt war. Ich erkannte den Ort tatsächlich noch aus meiner Erinnerung an die Fernsehaufnahmen von damals wieder, als das ganze Gelände überfüllt von Menschen war. Heute befindet sich eine große Erinnerungstafel an der Stelle, wo Genscher stand, auf der sein berühmter Satz zu lesen steht. Hier spürt man tatsächlich etwas, das man den „Atem der Geschichte“ nennen könnte.

Lobkowiczpalais2

(c) Foto: Jutta Schubert

Die noch lebenden Mitglieder der Familie Lobkowicz sahen diesen historischen Augenblick ebenfalls im Fernsehen, von ihrem Exil im Ausland aus. Sie waren davon ebenfalls bewegt und auch von der Tatsache, dass dies in einem ihrer ehemaligen Anwesen geschah. Man hatte die Familie Lobkovicz zweimal ihres gesamten Besitzes beraubt, und auf wundersame Weise haben sie ihn zweimal zurück erhalten. Das erste Mal wurden sie durch die Nationalsozialisten nach deren Einmarsch in Prag enteignet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bekam die Adelsfamilie ihre Besitzungen zurück, doch einige Jahre später wurden sie ihnen von den Kommunisten wiederum genommen und es gelang ihnen gerade noch, das Land zu verlassen, um ins Exil zu gehen. Nach der Samtenen Revolution kehrten sie zurück – wie sie hoffen, für immer. Heute Abend, während einer Veranstaltung zum Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und einen fast vergessenen deutschsprachigen Prager Autor aus dem Prager Kreis der zwanziger und dreißiger Jahre, Ludwig Winder, leitete der Historiker Prof. Ivan Schedivy seinen Vortrag mit dem denkwürdigen Satz ein: „Die Geschichte lehrt uns, dass wir nichts planen können.“ Der Satz hallt noch in mir nach und er betrifft auch das Schicksal der Familie Lobkowicz.

Das zweite Palais Lobkowicz in Prag am unteren Ende des Hradschin-Geländes, vor der alten Schlossstiege, ist heute ein Museum, in dem Teile der Familienschätze auf zwei Stockwerken der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden sind. Durch die Sammlung führen die lebenden Familienmitglieder höchstpersönlich per Audioguide.

Ich schlenderte durch beide Stockwerke mit ihren wertvollen Porträt- Waffen- Porzellan- Bilder- und Musikinstrumentensammlungen und lauschte den Stimmen der Familie, die ihre Geschichte erzählen. Niemand war außer mir dort, nur eine Aufsicht nahm mich in Empfang. Es war, als gehöre der Palast kurzzeitig mir. Die fantastische Aussicht auf die Stadt durch die Fenster der Salons war zudem mehr als grandios. Doch was hat das alles mit Beethoven zu tun?

Josef Frantisek Maximilian, der 7. Prinz von Lobkowicz war nicht nur ein Musikfreund und Kenner, sondern der maßgebliche Förderer Beethovens. Diese großzügige Unterstützung ermöglichte es Beethoven tatsächlich, einige Werke zu schaffen, die er, jenseits von Auftragsarbeiten, frei nach seinem eigenem Willen komponieren durfte. So entstand eine Anzahl seiner wichtigsten Werke, unter anderem die „Eroica“ und die vierte und fünfte Sinfonie.

Ich hatte zwar gelesen, dass im Lobkowicz-Palais Handschriften von Beethoven und auch von Mozart zu sehen wären, doch als ich leibhaftig vor den Autographen der Sinfonien stand, war ich ergriffen. Zwei einfache Manuskriptstapel, jeder etwa zehn Zentimeter hoch, versehen mit Beethovens Anmerkungen und Korrekturen.

Leider wurde ich gerade hier misstrauisch von der einzigen Aufsichtsperson beäugt, vermutlich, damit ich auch ja kein Foto machte. Anfassen konnte man die Blätter selbstverständlich sowieso nicht, sie ruhen erhaben in ihrer Glasvitrine. Doch wäre die Aufsicht nicht gewesen, ich hätte wahrscheinlich einen lauten Seufzer ausgestoßen. Vor Erstaunen. Oder besser aus dem Gefühl heraus, plötzlich etwas ganz Unglaublichem gegenüber zu stehen.

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 21

Sonntag, 23. November 2014

Havel na Hrad

Liebster,

heute war Kinotag. Zuerst habe ich in der wunderbaren Jugendstil-Ausstellung im Gemeindehaus nicht nur meinen Eindruck der Art Nouveau-Epoche, nach dem Besuch im Mucha-Museum vor einigen Tagen, vervollständigen und erweitern können: Großartig beispielsweise die ausgestellten Kleider aus der Zeit. Die „femme fatale“, eine Erfindung des Jugendstils sozusagen, musste eine reichhaltige Garderobe vorweisen, um gesellschaftlich bestehen zu können. Dazu war einerseits Geld notwendig und andererseits viel Zeit. Sie musste sich mindestens fünf Mal am Tag umziehen, um vom Frühstück über das Mittagessen, den nachmittäglichen Teeempfang und den Parkspaziergang bis hin zum abendlichen Theaterbesuch oder dem Ballsaal jeweils à la mode gekleidet zu sein. Ich dachte dabei die ganze Zeit an Wedekinds „Lulu“ und hätte ihr gerne alle diese Kleider angezogen. Am aussagekräftigsten in ihrem Fall natürlich die Unterwäsche, die Mieder mit Strumpfhaltern und die Korsagen!

Ach, wie gut, dass ich in meiner bequemen Jeans hier entlang schlendern kann, ohne dass jemand mir eine Kleiderordnung abverlangt, einfach mit Pulli und Jacke und gutem Schuhwerk für die kopfsteingepflasterten Prager Straßen.

Doch ein Herzstück der Ausstellung war für mich der kleine Schwarzweiß-Dokumentarfilm über das Prag von 1908 – somit auch das Prag, das Kafka gesehen hat. Eine wackelige Kamerafahrt in der offenen Straßenbahn und viele authentische Stadtbilder. Das meiste, was damals dem Kameramann vor die Linse kam, gibt es ja wunderbarerweise noch, nur manches nicht mehr, wie die Ausgehroben der Damen oder die Kettenbrücke über die Moldau, wo Kafka so gerne spazieren ging. Hätte ich diesen Film in meinen ersten Tagen hier gesehen, wäre es mir nicht möglich gewesen, mich zu orientieren. Doch jetzt erkenne ich alle Ecken, Plätze und Straßenzüge auf Anhieb. Der Wenzelsplatz, das Nationaltheater, das obere Ende der Nerudova, wo es rechts zum Hradschinplatz hinaufgeht, die alte Schlossstiege, der Kleinseitener Brückenkopf der Karlsbrücke. Denkt man sich die Garderobe der Passanten anders und sehr viel mehr Geschäfte und Schaufenster dazu, so könnten es Aufnahmen von heute sein, nur in schwarzweiß.

Am späten Nachmittag gehe ich ins Lucerna-Kino. Im kleinen Saal, ganz oben unter dem Dach, wo jeder Kinositz mit dem Konterfei eines Leinwandstars ausgestattet ist, sehe ich den brandneuen Dokumentarfilm über Vàclav Havel.

„Oh, James Bond!“ sagt die Dame in der Reihe vor mir. Sie meint das Bild auf dem Sessel, auf den sie sich setzt. Ich habe Marilyn Monroe nur knapp verfehlt.

Hier gibt es noch einen hölzernen Garderobenständer, kein Popcorn, und die beschirmten Lämpchen rechts und links an den Wänden wirken beschaulich. Doch es ist keinesfalls muffig oder altbacken, es strahlt ruhige Konzentration und stolze Tradition aus. Viele der Kinobesucher sind sehr alt, sie kommen nur mit Mühe die vielen Treppen zum Kinosaal hinauf. Einen Aufzug gibt es wohl nicht. Mir wird bewusst, dass es sich dabei wohl um Zeitgenossen Havels handeln muss. Sie mögen ihn vielleicht sogar persönlich gekannt haben. Das rührt mich. Und es gibt mir einen ersten Hinweis auf das schnelle Vergehen der Zeit.

Der Film tut dann ein Übriges. Zwar verstehe ich fast kein Wort, abgesehen von den wenigen Sätzen, die Havel auf Englisch spricht, vor einem ausländischen Parlament etwa oder zu einem internationalen Reporter. Der Film wird nicht englisch untertitelt, man rechnet hier wohl nicht mit ausländischen Besuchern. Doch die Bilder sprechen für sich und nehmen mich gefangen. Der Wenzelsplatz, ein einziges wogendes Meer aus Menschen und Flaggen, als Havel ans Mikrophon tritt. – Die sowjetischen Panzer direkt hinter der Reiterstatue Wenzels, die eine Menschenmenge vor sich hertreiben. – Der junge Havel am Schlagzeug. – Der Präsident Havel am Kontrabass. – Ein flüchtig in die Kamera blickender Dissident Havel, der bei seiner Verhaftung kurz und schnell das Victory-Zeichen macht, bevor er in ein Fahrzeug geschubst wird. – Die Gesichter der Trauernden beim Begräbnis von Jan Palach.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Havels Leben in fünfundsiebzig Minuten in sprechenden Bildern, von der Geburt bis zum Staatsbegräbnis: Havel als junger Dichter mit Zigarette. Havel im Büro des Präsidenten, die Haare kürzer und ordentlicher jetzt und mit Krawatte, doch ebenfalls mit der unentbehrlichen Zigarette. Im Garten seines Landhauses, gegenüber einer Baracke, aus der heraus die Geheimpolizei jeden seiner Schritte überwacht. Eine gar nicht geheime Überwachung. Er nennt sie einem ausländischen Journalisten gegenüber „my new neighbours“.

Die Kinobesucher lachen oft, vermutlich äußert er sich zu vielen Sachverhalten mit Humor, das kann man oftmals auch an seinem schelmischen, leicht amüsierten Blick ablesen, selbst, wenn es um die wirklich ernsten Dinge geht.

Sein Leben in knapp fünfundsiebzig Minuten vorbeiziehen zu sehen, ist eine gewaltige Zeitreise. Ich möchte manchmal gerne verharren, dem, was ich sehe, nachhängen können. Doch unaufhörlich treiben die Bilder weiter bis zum Ende, die schwarze Flagge auf der Prager Burg. In der letzten Einstellung ist er wieder jung, geht mit seinem Hund durchs Gartentor hinaus in den Schnee, wirft einen Ast, den der Hund apportiert. Dann ist es aus und ich stehe wieder draußen auf dem Wenzelsplatz. Wie durch eine Folie sehe ich noch die Menschenmasse, die ihm zujubelte, auf dem überfüllten Platz und an allen Fenstern und Balkonen. Mühsam reiße ich mich in die Wirklichkeit des Novembers 2014 zurück. „Bohemian glass“, original tschechische Küche, Mc Donalds-Restaurants, Schuhgeschäfte, Bettler.

Wie kurz ein Menschenleben ist, das, obwohl so ereignisreich, in fünfundsiebzig dichten Minuten zusammengefasst werden kann. Gestern lief er hier entlang, heute ich, morgen… Was machen wir mit dieser kleinen Zeit, in der unser Leben vergeht. Bevor meine Gedanken mich allzu traurig und düster werden lassen, betrete ich schnell einen Buchladen, der gerade noch eine Viertelstunde geöffnet hat.

„Havel zählte in der Generation der Dissidenten zu den Wenigen, die den Übergang zur demokratischen Ära schafften, ohne ihren Idealismus oder ihre Bedeutung zu verlieren. Seine dreizehnjährige Präsidentschaft, zunächst der Tschechoslowakei, dann der Tschechischen Republik, gehört zum besseren Teil der Zeit nach 1989… Noch vor seinem Tod im Dezember 2011 bekundete Havel seine Abneigung gegen die Richtung, in die sich nach seiner Meinung die tschechische Gesellschaft entwickelte. Die Dinge waren nicht so gelaufen, wie von ihm erhofft; Cowboy-Kapitalismus, Korruption und Ellenbogenpolitik hatten seine Vision der Zukunft des Landes beschädigt. Wie in weiten Teilen des postkommunistischen Europas war die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft noch unsicher, während die demokratische Revolution erfolgreich war.“

Mit diesen Worten zitiert die „Prager Zeitung“, Prags deutsche Wochenzeitung, in ihrer Presseschau das Londoner Magazin „The Economist“.

Die Tschechen haben Probleme mit ihrem Staatsoberhaupt Milos Zeman. Am Staatsfeiertag zum 25. Jubiläum der Samtenen Revolution war ich auf dem Hradschinplatz dabei, als ihm Demonstranten die rote Karte für sein Verhalten und seine Politik zeigten. Es scheint, Václav Havel hatte mit seinen Bedenken leider Recht. Zeman verharmlost Russlands Ukraine-Politik und leistet sich wohl immer wieder unglaubliche öffentliche Fauxpas, die den Eindruck erwecken, er habe die Kontrolle über sich verloren. Immer mehr drängt sich der Vergleich mit Boris Jelzin auf, der ebenfalls oftmals und gerne über die Stränge schlug. Quer durch die Parteienlandschaft wendet sich das Volk von seinem Präsidenten ab.

Die „Prager Zeitung“ zitiert auch die FAZ: „In der Tschechischen Republik ist die Erinnerung an die Wende aufs Engste mit Václav Havel verbunden. Als der im Dezember 2011 starb, ahnte keiner, wie rasch eine neue Führungsgarnitur in der Tschechischen Republik sein politisches Erbe verspielen würde.“ Die wahre Gefahr gehe nicht mehr vom Kommunismus aus, sondern von denen, die auf autoritäre Methoden setzten und die Demokratie missbrauchten, um sich Wirtschaft, Medien und politische Macht unterzuordnen.

Mit heute sehr nachdenklichen Grüßen,
Deine

Briefe aus Prag – 20

Samstag, 22. November 2014

Casanova tanzt (2)

Liebster,

Erster Balkon, Loge 18, dort hat Giacomo Casanova sich mit der schönen Dame im blauen Kleid verabredet. Endlich, er kann es kaum erwarten, anzukommen, die Pferde scheinen ihm heute so langsam, die Straßen sind voller hastender Menschen und im allgemeinen Trubel steckengebliebener Fuhrwerke, alle scheinen dem Theater zuzustreben. Kein Wunder, Mozart aus Wien feiert seine Premiere, jeder, der eine Karte ergattern konnte, ist dahin unterwegs. Seit Tagen ist er Stadtgespräch, der kleine Wiener, ach was, seit Wochen schon, hier und da pfeifen sie immer noch die Melodien seines „Figaro“ und nun erwarten sie die neue, große Oper des Wunderkomponisten, „Don Giovanni“. Casanova weiß nicht recht, was er davon halten soll. Gelassenheit, Neugier und kleine Anflüge von Panik, die ihm den Schweiß aus den Poren treiben, wechseln sich in ihm ab. Er sitzt in die Polster seiner Kutsche gedrückt und fächelt sich mit einem Taschentuch Luft zu. Man ist immer geneigt, zu glauben, dass man selbst gemeint ist, in der Literatur, dabei sind es doch nur Hirngespinste, die gar nichts mit einem zu tun haben. Parallelen, sicher, die mag es geben, aber das kann auch Zufall sein, woher sollte schließlich dieser etwas theoretische und ungelenke Librettist Lorenzo da Ponte Kenntnis irgendwelcher Interna haben. Andererseits, er ist Venezianer, ein Landsmann, und Venedig ist klein und voller Gerüchte, da sollte man schon ein wenig auf der Hut sein.

Casanova seufzt. Er ist schon so lange aus seiner Heimatstadt vertrieben, selbst eine Stadt wie Prag reicht nicht an Venedig heran. Sie kann sich in vielem messen, sicherlich, und es lebt sich gut hier, vor allem in den Palais auf der Kleinseite, wo die Adeligen sich in weitläufigen Gärten ergehen und ihre Töchter zur Schau stellen, oder gelangweilt Karten spielen und sich immerzu Tee servieren lassen. Dagegen mischt ein Mann wie Mozart alles auf, setzt sich an jedes verfügbare Cembalo, macht sogar die Orgeln in den diversen Kirchen unsicher, dieser Mann scheint Musik im Blut zu haben, dass es einem schon fast zuviel wird. Und wie in aller Welt ist er auf „Don Giovanni“ gekommen? Oder war es am Ende doch eher da Ponte, der darauf kam? Als er im vergangenen Jahr in Dresden mit ihm zusammentraf, bei jenem ausgesprochen herrlichen Fasan. Zugegeben, Sie hatten beide ein wenig zu viel getrunken, als sie über die Elbterrassen zu ihrem Hotel wankten. Es war eben ein Wein aus dem Veneto. Hat er ihm dabei möglicherweise einen Anlass geboten, die Idee zu gebären, sein Leben für einen Opernstoff zu verwenden? Gott bewahre. Doch Casanova erinnert sich leider nicht mehr an Details aus jener denkwürdigen Nacht.

Endlich ist er vor dem Theater angekommen, er quält sich aus der Kutsche, jemand grüßt ihn, er sieht nicht hin, macht nur einige müde Handbewegungen nach rechts und links, winkt mit dem Taschentuch. Ach, wäre man in Venedig und könnte jederzeit, auch auf der Straße, eine Maske tragen! Nichts wie hinein in den Musentempel und sofort die Treppe hinauf. Jemand scheint ihm seinen Namen hinterher zu rufen, er täuscht einen Hustenanfall vor und macht, dass er wegkommt, drängt sich die Treppe hoch, zwischen den Kleidern der Frauen, den Ellenbogen der Herren hindurch. Sie murren und lassen ihn doch vorbei. Diese Gerüche im Theater! Da drüben muss die Loge sein, 10, 11, ah, dort entlang, 15, 16 – da ist sie ja! Die 18 auf der Tür ist wie eine Verheißung, sie soll ihm heute Nacht Glück bringen, die acht steht für Unendlichkeit. Er lässt sich vom Logenschließer die Tür öffnen, schlüpft hinein, atmet auf, allein zu sein.

Die Schöne ist noch nicht da, er hatte die Einladung mit dem Billett ins Mansfeld-Palais bringen lassen, schon vorgestern, und keine Antwort erhalten. Aber das will nichts besagen, im Gegenteil, es ist ein gutes Zeichen, sie hat nicht abgesagt! Also wird sie kommen und wenn sie sich davonstehlen muss. Sie wird heimlich das Haus verlassen und erst in letzter Minute eintreffen. Selbstverständlich will sie nicht gesehen werden, vor allem nicht mit ihm. Er wird warten, geduldig, das Spektakel fängt noch nicht an, im Augenblick strömt das Volk durch die Türen ins Parkett und in den Logen rücken die Damen ihre feinen Hintern zurecht.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Der in Kerzen erstrahlende Theatersaal, fünf Ränge hoch, das geheimnisvolle Rascheln der Kleider, erwartungsvolles Flüstern und Wispern, es ist, als knistere es vor Spannung in der Luft. Der taubenblau geraffte schwere Vorhang, die kleinen Logen über drei Ränge hinauf, jede ein intimes Séparée. Das Paradies könnte nicht verheißungsvoller sein. Dieser Mozart hat Glück, einfach unverschämtes Glück. Sie lieben ihn hier, in Wien bekommt er keinen Fuß auf den Boden, aber hier in Prag liegt man ihm zu Füßen und die Atmosphäre produziert ihm schon von ganz allein den Erfolg. Dazu der Stoff – vielleicht ist doch ein klein wenig von seinem, Casanovas Mythos, in die Oper eingeflossen? Er hat eine Probe gesehen, die vielversprechend war, Don Giovanni verführt eine junge Unschuldige in einer Gartenlaube… und dieser verrückte Mozart schien auf der Probe mit Händen und Füßen zugleich zu reden. Ein engagierter Mann, ohne Zweifel. Ein wenig hässlich, aber seine Frau nicht minder, wo mag sie sitzen, die kleine Constanze, ganz vorne in einer der Proszeniumslogen oder unten im Parkett? Sie lässt ihn ja kaum aus den Augen, ihren Wolferl.

Casanova kann sie nirgends entdecken, will sich jedoch nicht zu weit über die Brüstung lehnen, um nicht aufzufallen oder gar erkannt zu werden. Das wäre zu unangenehm, wenn man wüsste, der berühmte Casanova befindet sich in Loge 18! Mal sehen, wie er auf die Oper reagiert. Vielleicht gibt es Anspielungen, vielleicht produziert er einen Skandal! Und wer zum Teufel ist die Schöne neben ihm?

Wo sie auch bleibt. Nein, auf einen Skandal seinerseits darf man hier heute Abend getrost vergeblich warten. Er ist gekommen, um sich zu amüsieren und, nun ja, zugegeben, ein wenig neugierig ist er schon. Wo sitzt dieser da Ponte? Vorsichtig späht Casanova hinunter ins Parkett, seine Augen tasten die Logen gegenüber ab. Er hat den Mantel ausgezogen und hängt ihn zur Feier des Tages selbst an den Haken neben der Tür. Er hat seinem Diener heute frei gegeben, er wollte keinen Diener dabei haben, das fehlte noch, ein Augenzeuge bei diesem verschwiegenen Tete-à-tete in aller Öffentlichkeit. Ein genialer Einfall, sich allein unter den Augen der Masse zu treffen. Doch wo bleibt sie nur?

Die Musiker haben Platz genommen und jetzt geht ein Raunen durch den Saal. Der Maestro erscheint, mit einem etwas hüpfenden Gang, wirklich ungeschickt, kein bisschen elegant. Wie kann ein solcher Tölpel diese grandiose Musik machen? Ja, richtig, er dirigiert ja heute selbst. Das hat er sich nicht nehmen lassen, sagt man. Er verteilt Notenblätter im Orchester, man kann nur staunen. Nun fällt es Casanova wieder ein, die Ouvertüre soll gestern noch nicht fertig gewesen sein. Der hat wirklich Nerven, dieser Salzburger Junge. Er stellt sich ans Pult, die Kerzen flackern, er dreht sich zum Zuschauerraum und verbeugt sich leicht. Applaus brandet auf, er dreht sich zurück zu den Musikern, hebt die Arme, als wollte er das Orchester umarmen, seine Perücke ist jetzt bereits verrutscht, da, der erste Ton. Es hat begonnen.

Das Gemurmel versiegt augenblicklich, ist einem gebannten Schweigen gewichen. Casanova blickt verstohlen zur Tür. Seine Schöne, sie ist nicht gekommen.

Während die ersten Takte erklingen – sie nehmen einen gefangen, das muss man sagen, wann hat er das komponiert, doch nicht etwa letzte Nacht? – blickt Casanova in den Spiegel, der rechts an der Logenwand hängt. Einen alten, schlaffen, in sich zusammengesunkenen Körper sieht er da, er erscheint ihm fremd, ganz unbekannt. Diese müden Augen unter einer verschwitzten Stirn schauen im flackernden Halbdunkel zurück. Ist das wirklich er?

Die Musik bringt etwas in ihm zum Vibrieren, als müsse er sich seiner selbst erinnern. Damals, als er…

Ach, was ist eine einzige Frau, die eine Verabredung mit ihm in den Wind schlägt, gegen diese unsterbliche Musik. Später, wenn es vorbei ist, wird er sich mit einer anderen trösten.

In Mozarts Gefolge gibt es genug lauernde Damen, die vergeblich auf ein Lächeln des Maestros warten. Er traut sich ja nicht einmal, zurück zu lächeln. Sonst hängt sein Haussegen mit Constanze schief. Dabei soll er doch zu seiner Gönnerin in die Vorstadt gezogen sein und Constanze im Hotel zurückgelassen haben. Angeblich, um sich zu konzentrieren

Später, ja. Casanova möchte die Augen schließen, eintauchen in die Musik, Doch jetzt hebt sich der Vorhang. Ist das Don Giovanni, der Sänger da unten auf der Bühne? Die Ähnlichkeit mit ihm selbst, findet Casanova, ist frappierend. Jede Sehne seines Körpers spannt sich… er lauscht.

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 19

Freitag, 21. November 2014

„Prag hat keine Realität.“ (Franz Werfel)

Liebster,

auf der Stirnseite der Altneusynagoge, zur Pariser Straße hin, kann man sehen, dass dieses Gebäude wirklich einen Dachboden besitzt. Weit oben unter dem Dachfirst gibt es eine Tür, zu der außen an der Fassade eiserne Stufen hinaufführen, die jedoch vom Boden aus nicht erreichbar sind. Es ist also in gewisser Weise eine unerreichbare Tür, die tatsächlich aussieht, als verberge sich hinter ihr ein Geheimnis.

Hinter dieser Tür auf dem Dachboden der Altneusynagoge soll der Legende nach Rabbi Löw die Reste des Golems unter alten Kleidern und Büchern, die dort aufbewahrt wurden, versteckt und seiner Gemeinde das künftige Betreten des Dachbodens verboten haben.

Wenn man vor dem altehrwürdigen Gebäude dieser ältesten erhaltenen Synagoge Europas steht und zu der Tür hinaufblickt, kann man das tatsächlich glauben.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Gustav Meyrinks berühmten Roman „Der Golem“, der mehrfach verfilmt wurde, kenne ich noch nicht, die Lektüre werde ich nachholen müssen. An den Andenkenständen in der Josevstadt, dem alten jüdischen Stadtteil, werden kleine Golems aus Ton angeboten. „This is Golem, for good luck.“ Ich habe einen der kleinen unförmigen Lehmmännchen gekauft, allerdings bei einem Künstler einige Straßen weiter, weil ich dort die Figur weit schöner ausgearbeitet fand. Aus rotgebranntem Ton steht er jetzt auf meinem Schreibtisch, den halslosen Kopf auf seinem massiven Körper, die schweren Arme auf einen breiten Gürtel gestützt. Ich mag ihn und er wird mich künftig auch zu Hause auf meinem Schreibtisch an Prag erinnern.

Dass Prag keine Realität hat, wie Franz Werfel meinte, kann ich nicht unterschreiben. Es hat, wie jede Stadt, viele Realitäten, nur sicherlich noch einige Realitätsschichten mehr als andere Städte. Diese Realitäten durchdringen ständig und bestehen nebeneinander fort.

Der alte jüdische Friedhof, wo in mehr als neun Schichten die Toten übereinander ruhen, da das Territorium, obwohl schon von größerem Ausmaß, nicht mehr erweiterbar war, erscheint wie ein mythisches Herzstück der Stadt. Nachdem ich noch ein zweites Mal darüber spaziert bin, muss nun doch auch Umberto Ecos Roman „Friedhof in Prag“ auf meine Leseliste.

Bei meiner öffentlichen Lesung gestern Abend stellte mir der Leiter des Prager Literaturhauses David Stecher eine Frage, die er allen Stipendiaten stellt. Was ist oder war bisher das Überraschendste für mich in Prag, im positiven oder auch im negativen Sinne. Etwas Negatives konnte ich nicht nennen. Die große Überraschung, das Erstaunlichste ist für mich die Unversehrtheit dieser Stadt, ihre Unzerstörtheit, das Nebeneinander an Baustilen und Bauwerken aus mehr als sieben Jahrhunderten. Dass die Stadt alle diese Jahrhunderte immer noch atmet und ausstrahlt, ist für mich ein großes Wunder und dieser Zustand erschafft die vielen Realitäten, die zuweilen eine Art von Unwirklichkeit bekommen. Man ist sich hier ständig der Zeitläufte bewusst. Dies, zusammen mit der wechselvollen und leidvollen politischen Geschichte dieser Stadt, gibt einem das Gefühl, am Grunde der Zeit und der Geschichte(n) zu forschen. Kafka sagte einmal einem Freund, mit dem gemeinsam er Spaziergänge durch seine Stadt unternahm, man fühle sich zuweilen wie in einer Taucherglocke, aus der heraus man die zerklüftete Unterwasserlandschaft der Stadt betrachten könne. Ja, da hat er mal wieder ein mehr als stimmiges Bild gefunden.

In der wunderschönen Halle des alten Sezessionsgebäudes am Hauptbahnhof, die heute neben dem hektischen Treiben in den mehrgeschossigen labyrinthischen Ladenstraßen um sie herum, den Rolltreppen, Metroeingängen, Hinweistafeln und den vielen an- und abreisenden Menschen, einen abseitigen Dornröschenschlaf fristet, steht noch immer zur Begrüßung und Verabschiedung der Reisenden: „Prag, Mutter aller Städte“ zu lesen.

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 17

Mittwoch, 19. November 2014

„Kein Traumcafé, sondern ein Literaturhaus“ (Lenka Reinerová)

Liebe Lenka Reinerovà,

ich gestehe, bevor ich nach Prag kam, kannte ich Sie nicht, weder Ihren Namen, noch Ihre Texte. Daher wusste ich auch nicht, dass Sie die letzte noch in deutscher Sprache schreibende Autorin in Prag waren. 1916 in Prag geboren, hatten Sie, ebenso wie Ihre Stadt, schwere Zeiten zu durchleben, in diesem Zwanzigsten Jahrhundert voller Umbrüche und wechselnder Ideologien in Europa, mit zwei Weltkriegen. Sie waren Augenzeugin dieses wechselvollen Jahrhunderts und Ihr Leben ist ein Ausdruck davon. 1936 arbeiteten Sie als Journalistin für die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung in Prag. 1938 flohen sie nach Frankreich, wo Sie, wie viele Emigranten, interniert wurden. Über Marokko konnten Sie nach Mexiko fliehen. Nach Kriegsende kehrten Sie nach Europa zurück und lebten ab 1948 wieder in Prag. Doch die Weltpolitik ließ Sie nicht zur Ruhe kommen. Anfang der fünfziger Jahre kamen sie wiederum für mehr als ein Jahr ins Gefängnis, da Sie ein Opfer der stalinistischen „Säuberungen“ wurden. Man schob Sie in die Provinz ab und Sie wurden erst 1964 rehabilitiert. Nach dem Ende des Prager Frühlings erhielten Sie Schreibverbot und verloren Ihre Arbeit in einem Verlag. Auch für Sie kam die Samtene Revolution gerade noch rechtzeitig, um Ihnen das Ende Ihres Lebens in Freiheit zu ermöglichen. Seither sind Sie hoch geachtet und bekamen zahlreiche Auszeichnungen. Präsident Havel verlieh Ihnen im Jahr 2001 die Verdienstmedaille I. Stufe und 2006 erhielten Sie das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

Für mich und jeden, der das liest und Sie nicht kannte, bleiben das zunächst nur die Fakten eines schicksalhaften Lebens. Man sagt, Sie seien ein bewunderungswürdiger, mitfühlender Mensch gewesen. In Ihren Büchern pflegten Sie den klaren Stil der literarischen Reportagen. Sie geben in Ihren Texten ein authentisches Bild vom Zustand Ihrer Stadt und der Menschen wieder. Und Sie halten damit die Erinnerung an Ihre vielen, bereits gestorbenen oder im Exil gebliebenen Weggefährten aufrecht. In den zwanziger und dreißiger Jahren waren Sie in Prag mit Ernst Bloch, Egon Erwin Kisch und vielen anderen befreundet. Ihnen haben Sie in vielen Texten ein unsterbliches Denkmal gesetzt. „Mir fehlt der Ehrgeiz, etwas zu erfinden“, ist von Ihnen überliefert. Und doch, Sie haben beispielsweise etwas ganz Wunderbares erfunden: Ein Traumcafé über den Wolken, in dem Sie alle großen Geister der Kunst und Literatur aus Prag versammelt haben, von denen Sie sich gelegentlich zu Ihren Lebzeiten Rat und Unterstützung holen konnten. Da viele der großen Kaffeehäuser Prags, die Sie noch kannten, zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts verschwunden waren, hielten Sie das für sich selbst für notwendig. Und nun sitzen Sie selbst mit in diesem herrlichen Himmelscafé an einem der vielen Tischchen und diskutieren unermüdlich weiter mit Max Brod, Jaroslav Hasek und all den anderen. Ich denke, dass Sie dort glücklich sind. Sich zu Lebzeiten einen Ort erfinden, an dem man im Tod ein Zuhause hat, ist ein wundervoller Gedanke.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Doch Sie haben noch mehr getan: In den letzten Jahren Ihres Lebens haben Sie die Idee für das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren gehabt und Sie haben alles daran gesetzt, diesen Plan zu verwirklichen. Gemeinsam mit Frantisek Cerny und Kurt Krolop gründeten Sie im Jahr 2004 das Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren, unterstützt von der tschechischen und deutschen Politik und einer Vielzahl von Sponsoren. „Kein Traumcafé, sondern ein Literaturhaus als realer Standort für Interessenten und Gönner des einst so berühmten Prager Kreises deutschsprachiger Autoren, sowie als Treffpunkt für Freunde der zeitgenössischen Literatur“, so wünschten Sie sich diesen Ort.

Heute feierten wir in den Räumen der Deutschen Botschaft im Lobkovicz-Palais das zehnjährige Bestehen des Literaturhauses. Sie sahen von oben, aus Ihrem Café über den Wolken, sicherlich hocherfreut darüber zu. Ohne Sie gäbe es dieses Projekt nicht, das mittlerweile nicht nur eine große Präsenzbibliothek zur deutschsprachigen Literatur in Prag vorweist, sondern wirklich völkerverbindend ist und in dem die Literatur ihren außerordentlichen Stellenwert hat, sowohl der lebenden als auch in der Erinnerung an die vielen toten Autoren. Sie verließen Prag im Alter von 92 Jahren im Jahr 2008 und leben seither in Ihrem Traumcafé.

Das Literaturhaus in Prag lebt! Ich danke Ihnen sehr dafür, denn deshalb darf auch ich gerade in Prag sein. Und es ist mehr als ein Literaturhaus. Da es den Stipendiaten ermöglicht, einen oder mehrere Monate in Prag leben und schreiben zu dürfen, die Stadt zu sehen, Gedanken und Eindrücke zu sammeln, ist es eben doch auch ein Traumcafé. Denn das Stipendium erlaubt den Autoren, das irdische Prag als ein Traumcafé zu erleben. Vielen Dank dafür.

Mit herzlichen Grüßen an alle Ihre Freunde im Café, besonders Egon Erwin Kisch, Max Brod, Franz Kafka, Franz Werfel, Jasoslav Hasek, Rainer Maria Rilke etc. etc. Und Vaclav Havel schaut sicher auch gelegentlich vorbei.

Ihre

Briefe aus Prag – 16

Dienstag, 18. November 2014

Blau ist die Vergangenheit, Gelb die Gegenwart, Orange die strahlende Zukunft
A. Mucha

Liebster,

heute war ein Regentag, der erste seit meiner Ankunft vor nun schon bald zweieinhalb Wochen, dafür aber ein besonders heftiger Regentag, ganztags ohne Pause. In den Straßen standen überall Pfützen, manche so groß wie der ganze Gehsteig. Die Feuchtigkeit kroch der Flaneurin unter die Jacke und ließ die Sehnsucht nach beheizten Innenräumen aufkommen. Vielleicht in die Jerusalem Synagoge, die jüngste der Prager Synagogen, das wäre ein Anfang. Doch als ich davor stand, musste ich feststellen, dass sie geschlossen ist. Bis März 2015.

Am Wenzelsplatz vor Wenzels Reiterdenkmal stehen Hunderte von Kerzen und Teelichtern, die gestern, am Gedenktag aufgestellt worden sind. Einige der Kerzen brennen noch oder wieder, trotz des Regens. Ein Dank an den Nationalheiligen Wenzel, an Vaclav Havel, der zu meiner Beruhigung von immer von der Fassade des Nationalmuseums herunter grüßt, und im Gedenken an Jan Palach, den tschechoslowakischen Studenten, der sich am 16. Januar 1969 aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings auf der Treppe des Nationalmuseums selbst anzündete und brennend auf den Wenzelsplatz rannte. Er wollte damit knapp fünf Monate nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei ein Zeichen gegen die daraufhin einsetzende Lethargie und Hoffnungslosigkeit der tschechoslowakischen Öffentlichkeit setzen und gegen die Rücknahme der Reformen der Regierung Alexander Dubceks protestieren.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Später, im Café Louvre, wo ich unter vielen tschechischen Zeitungen die deutsche FAZ finde, lese ich von den gestrigen Protesten vor dem Regierungssitz auf dem Hradschin gegen den amtierenden Präsidenten Milos Zeman, dem die Bevölkerung vorwirft, die Ziele der Samtenen Revolution zu verraten und sich nicht genug von der aktuellen russischen Politik abzugrenzen. Das hatte ich gestern miterlebt, die Menschenmenge, die auf dem Hradschinplatz stand und ihrem Präsidenten die rote Karte zeigte, indem sie rote Pappen schwenkte. Er soll auch mit Gegenständen beworfen worden sein, las ich. Da war ich dann schon weg. Bundespräsent Gauck, der zu den Staatsfeierlichkeiten da war, soll eines der Eier abbekommen haben, die für Zeman bestimmt waren. Ich muss an einen Satz von Günter Eich denken, den er in den 1950er Jahren schrieb: „Bleibt wach! Schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind.“

Das Regenwetter trieb mich ins Museum Mucha. Ich hatte sowieso vorgehabt, es dieser Tage zu besichtigen. Wer Prag besucht, wird an jeder Straßenecke mit der Kunst von Alfons Mucha konfrontiert. Seine dekorativen Entwürfe von allegorischen Frauenfiguren sind zum Inbegriff des Jugendstils geworden. Romantisch bis zum Kitsch, möchte man meinen, Frauen, die die Künste darstellen, Blumen, Jahres- und Tageszeiten. Doch darin erschöpft sich sein Werk nicht. Er hat eine ganz eigene Bildsprache geschaffen, war ein begnadeter Zeichner, wie ich feststellen konnte, und seine weltberühmten Plakate für die Schauspielerin Sarah Bernhardt zum Ende des 19. Jahrhunderts in Paris faszinierten mich. Vor allem Sarah Bernhardt als Medea, den blutigen Dolch auf die toten Kinder zu ihren Füßen gerichtet, mit angstgeweitetem Blick. Oder als Hamlet – die Schauspielerin spielte die Titelrolle – unter ihm die Wasserleiche Ophelias, hinter ihm der Geist seines Vaters. Hier ist Muchas Werk auf einmal gar nicht mehr verschnörkelt, sondern sehr genau gesehen und dramatisch. Seine Plakate verhalfen Sarah Bernhardt mit zu dem Weltruhm, den sie genoss.

Muchas vielseitige Werke werden in der kleinen, schönen und informativen Ausstellung durch einen sehr guten Film über seine Arbeit und sein Leben ergänzt. Was für ein anderer Eindruck als im Kafka-Museum!

Sehr überrascht und bereichert trat ich wieder hinaus in den Regen. Eigentlich stammte mein Interesse für Mucha gar nicht von den verträumt-romantischen Frauenallegorien in den Schaufenstern der Andenkenläden. Die schönen, wie hin gegossenen Frauen auf Tassen, Postkarten, Schalen, Postern, Gläsern und allem Möglichen hatten mich eher abgeschreckt, mich mit diesem Künstler zu beschäftigen. Zu ihm hingeführt hat mich eine simple schwarz-weiß Postkarte, die ich vor einigen Tagen zufällig fand. Sie zeigt die Fotografie von einem von Muchas Modellen, eine Studie für ein Gemälde von 1913. Die Frau sitzt nackt mit dem Rücken zum Betrachter und dreht ihm ihr Gesicht über die rechte Schulter zu, die rechte Hand stützt ihr Kinn. Ihr dunkles Haar hat sie hochgesteckt und unter ihrer unordentlichen Ponyfrisur blickt sie mit einem unglaublich müden, fragenden, zögernden Blick in die Kamera, vielleicht sogar mit einer Spur Geringschätzung oder gelangweilt. Unter ihren Augen sind schwarze Ringe zu sehen. Dieser Blick verleitete mich dazu, die Postkarte zu kaufen und er erzählt mir eine Geschichte, von der ich noch nichts weiß. Ich wollte zu Muchas Museum, um zu sehen, wie er aus einer solchen müden anonymen Alltagsfrau, die keinem Schönheitsideal entspricht, seine idealisierten Jugendstil-Nymphen geschaffen hat. Der Widerspruch interessierte mich.

Nun bin ich unverhofft auf einen großen Künstler gestoßen. Doch die Geschichte seines unbekannten Modells werde ich auf jeden Fall noch erzählen, sobald sie zu mir spricht.

Zurück im Dauerregen machte ich noch bei der Akademia-Buchhandlung am Wenzelsplatz Halt, denn dort hatte ich ein recht preiswertes deutsches Buch über Mucha gesehen. Heute jedoch wurde mir das Buch leider nicht in das schöne Papier eingewickelt. Es wurde mir einfach so auf dem Ladentisch entgegen geschoben, nachdem ich bezahlt hatte. Ich wartete noch, nichts passierte mehr. Erst auf meine Bitte nach einer Tüte, wegen des Regens, bekam ich eine schnöde Plastiktüte gereicht, mit dem Hinweis, sie koste zwei Kronen. Mit stoischem Gesicht nahm die Dame an der Kasse die zwei Kronen von mir entgegen. Tja. Es gibt solche Momente und solche. Die Freundlichkeit, die ich am ersten Tag genau in dieser Buchhandlung erlebt hatte, hängt, wie immer und überall, von den jeweiligen Menschen ab.

Aber viele der Kerzen rund um das Wenzelsdenkmal brannten immer noch, trotz des Regens, als ich wieder daran vorbeikam.

In Liebe,
Deine

Briefe aus Prag – 15

Montag, 17. November 2014

Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie (1989)

Lieber Vaclav Havel,

ich fasse mich kurz, denn falls Sie im Himmel ein Postfach haben, wird es heute ohnehin übervoll sein. Denn heute ist es genau 25 Jahre her, dass Sie gemeinsam mit dem tschechischen Volk den Kampf für Freiheit und Demokratie gewonnen haben. Ich beglückwünsche Sie noch immer dazu. Und wie ich bereits in anderen Briefen aus Prag geschrieben habe, kann man überall in dieser Stadt sehen, wie viel Sie erreicht und was Sie daraus gemacht haben.

Sie haben als Präsident dieses Landes glaubwürdig umgesetzt, was Sie nicht nur selbst eingefordert haben, sondern was die Welt nötig hatte und auch heute ebenso bitter nötig hätte: „Lehren wir uns und andere, dass Politik nicht nur die Kunst des Möglichen sein muss, besonders wenn man darunter die Kunst der Spekulation, des Kalküls, der Intrigen, geheimer Verträge und pragmatischen Manövrierens versteht, sondern dass sie auch die Kunst des Unmöglichen sein kann, nämlich die Kunst, sich selbst und die Welt besser zu machen.“

Eine Lichtgestalt, wie Sie es für Ihr Land waren, fehlt heute allenthalben und falls Sie vom Himmel aus die Tagespresse verfolgen und die Weltpolitik, werden Sie mir mehr als nur Recht geben. Allerdings hoffe ich für Sie, dass Sie sich nicht mehr mit Politik beschäftigen, sondern irgendeine stille Wolke gefunden haben, auf der Sie nun sitzen und wieder schreiben können, vielleicht in der Nachbarschaft Franz Kafkas, der eine solche stille Wolke auch bereits zu Lebzeiten gesucht und im Himmel, oder dem, was wir dafür halten, hoffentlich gefunden hat.

Was mich mit Ihnen verbindet und auch die vertrauliche Briefanrede „Lieber“ wählen lässt, ist, dass Sie Autor waren, Theatermann und als solcher ein Kollege von mir. Es gab einmal eine Umfrage einer großen deutschen Zeitschrift, in der man gefragt wurde, wen man denn wählen würde, wenn man die Möglichkeit hätte, eine Person aus der Weltgeschichte zu treffen. Seit ich nach Prag gekommen bin, würde ich Sie wählen und mir wünschen, im wieder eröffneten Café Montmartre, um die Ecke beim „Theater am Geländer“, mit Ihnen einen Kaffee trinken zu dürfen.

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(c) Foto: Jutta Schubert

Heute stand ich vor dem Gebäude der Deutschen Botschaft, dem Palais Lobkowicz auf der Kleinseite, und dachte an die Ereignisse im Sommer und Herbst 1989, als Tausende von DDR-Bürgern, die in den Westen ausreisen wollten, auf dem Gelände der Botschaft Zuflucht gesucht hatten. Das Haus und der große dazugehörige Garten waren bald überfüllt und am 30. September 1989 erschien der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der Botschaft in der ersten Etage und verkündete den Satz, der im Jubel der Menge unterging: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“. Auch ich habe diesen denkwürdigen Moment im Fernsehen gesehen, er hat niemanden damals unberührt gelassen und eine unaufhaltsame Lawine losgetreten, an deren Ende für Deutschland der Fall der Berliner Mauer stand und damit das Ende des DDR-Regimes. Im gleichen Herbst stellten Sie sich an die Spitze der Bewegung, die das kommunistische Regime in Ihrem Land ebenfalls hinwegfegte. Ein langer Kampf, auch Ihr eigener, war damit zu Ende. Und wenig später fanden Sie sich, wohl auch zu Ihrem eigenen Erstaunen, als Staatspräsident auf dem Hradschin, dem Prager Regierungssitz, wieder. Ein Dramatiker als Hausherr auf der Prager Burg. Sehr bewegend finde ich nach wie vor die Schilderung Ihres Amtsantritts. „Überall lungerten Geheimpolizisten herum. Ich sah Mauern und Gitter, Sperren, Kameras, Drähte, Mikrofone. Das alles haben wir rausgeworfen. Die Innenhöfe und Gärten durch Spazierwege miteinander verbunden… Die Kommunisten hatten ja immer nur die Fassaden schön angepinselt. Dahinter zerfiel alles. Die Burg sollte kein kafkaesk verwunschenes Schloss bleiben. Wir mussten Repräsentation mit Staatlichkeit, aber auch mit prallem Menschenleben verbinden.“

Von dieser Weltoffenheit lebt und profitiert die Stadt heute, und wer das Damals nicht erlebt hat, dem kommt das Heute nur allzu selbstverständlich vor. So selbstverständlich, wie es in einem freien Land sein sollte. Dabei sind 25 Jahre nur eine kurze Zeit.

Ihr beispielloser Aufstieg vom Taxifahrer, der keine weiterführende Schule in seinem Land besuchen und auch nicht studieren durfte, über den Bühnentechniker und renommierten Autor, Ihre Zeit als Dissident nach der Niederschlagung des Prager Frühlings mit jahrelanger Gefängnishaft bis hin zum führenden Vertreter der Samtenen Revolution, den das Volk dann zum Staatspräsidenten wählte, hat Sie vor gewaltige Aufgaben gestellt, um dieses Land in die tatsächliche Freiheit zu führen, die es sich erkämpft hatte. In Ihren großartigen Präsidentenreden aus dem Jahr 1990 sagten Sie einmal: „Die Menschen in den Ländern Mittel- und Osteuropas haben sich die ersehnte Freiheit erkämpft. Doch in dem Augenblick, in dem sie sie gewonnen haben, sind sie auf einmal völlig überrascht. Sie waren ihr in einem Maße entwöhnt, dass sie plötzlich nicht mehr wissen, was sie mit ihr anfangen sollen. Sie fürchten sich.“

Auch Sie haben sich zunächst gefürchtet, diese riesige Verantwortung zu übernehmen: den Staat zu erhalten und umzubauen und dabei das freie Denken aufrechtzuerhalten, sich als Gegner von Fanatismus, Fundamentalismus und Dogmatismus zu beweisen. Wie wunderbar und mit, von außen betrachtet scheinbar leichter Hand, ist Ihnen das gelungen.

Sie fehlen. Nicht nur Ihrem Land. Vor allem fehlen Sie und solche wie Sie in der Welt.

Ich grüße Sie an Ihrem endgültigen Fluchtort, Ihrem Arbeitszimmer über den Wolken, in tiefer Hochachtung,

Ihre